Du bist das Herz, es schreit! 8/11

Es kann sein, dass man in eine Situation kommt, die überfordert.
Man blickt ihr in die Augen. Angesicht, zu Angesicht.
Es kann sein, dass man dann einfach keinen Ausweg weiß.
Nicht jetzt. Jetzt nicht.
Man verharrt, versucht Zeit zu schinden.
Doch die Zeiger ticken trotzdem weiter. Im Zeitlupentempo.
Das TICK-TACK-TICK-TACK-TICK-TACK, welches sich in das Hirn reinfrisst.
Man wird konfrontiert mit etwas, dass einem den Atem nimmt.
Atemlos wirkt man deplatziert und fehl, dann liegt es an einem Selber.
Wieder liegt es an einem Selber. Wie das Blatt sich wendet.
Das Leben.
Wie reagiert man?
Was tut man?
Bleibt man weiterhin das Opfer?
Bleibt man weiterhin schwach?
Bleibt man weiterhin untröstlich?
Bleibt man weiterhin klein, arm, naiv und verletzlich?
Bleibt man weiterhin das Mädchen?
Bleibt man weiterhin im elendigen Selbstzerstörungsmodus stecken?
Bleibt man weiterhin so, wie man es eigentlich nie sein wollte?
Oder löst man sich letztendlich doch von der Opferrolle?

Die nächsten Tage schreibt er dir wieder über WhatsApp. So oft wie er schreibt, hättest du gern ein Funken Hoffnung in dir. Doch eigentlich weißt du es besser. Eigentlich weißt du dass er nur schreibt, weil er einsam ist. Dennoch hättest du gern, dass er dir schreibt, weil er es will. Dass er dir schreibt, weil er dir schreiben will, und nicht der Anderen. Die Andere ist ständig present. Ständig bei dir. Ständig in deinem Kopf. Sie ist einfach ständig. Und das ödet dich an. So richtig! Diesmal teilt er dir mit, dass sie telefoniert haben. Sie erzählt ihm, dass sie nach Amerika gehen wird. Für 4 Wochen. Konfetti! Du jubelst. Er ist traurig. Und weint sich darüber aus, bei dir. Noch immer macht er sich Hoffnungen, noch immer lässt er sich an der Nase herumführen. Aber wahrscheinlich ist das eben so, wenn man verliebt ist. Da macht man manchmal saublöde Sachen. Er weint eben dieser saudoofen Kuh hinterher. „Wir haben sogar gelacht!“, schreibt er dir und du siehst fast schon sein Lächeln vor dir. Wie er lacht wegen ihr, weil sie was tolles sagt. Etwas, was überhaupt nicht toll ist, weil es in ihm falsche Hoffnungen weckt. Hoffungen, die falsch sind. Nicht richtig! Gelogen! Dreckig! Schmutzig! Daneben und feige! Du könntest kotzen! Dir wird so schlecht bei seinen Worten und seiner naiven Hoffnung. Dir wird so schlecht, weil du mitbekommen musst wie grundsätzlich falsch und verlogen die Menschheit sein kann. Wie sie sich gegenseitig Schmerz zufügt, obwohl doch keiner gern Schmerz erleidet. Warum zur Hölle macht man es dann? Du verstehst diese Welt nicht, in die du reingeboren wurdest. Denn dich hat keiner gefragt, ob du das überhaupt möchtest! Du kapierst nicht weshalb du hier bist, wo du doch eigentlich nicht existieren solltest, denn das hat dir deine Mama selbst gesagt, weil ihr Sohn in der Toilette verschwand. Bruder kann man es nicht nennen. Denn du warst ja noch nicht einmal da. Du hoffst, dass die Andere, die Alte bleibt wo der Pfeffer wächst. Du wünschst ihr die schlimmsten Sachen an den Hals. Sie soll ihn einfach nur lassen. Bestätigung kann sie sich woanders holen. Ihren Trieb kann sie sich bei ihrem Neuen stillen. Dich beschäftigt das alles ungemein. Du grübelst über sie, über ihn, obwohl dich das alles nicht mal ansatzweise jucken sollte. Nachts kannst du nicht schlafen. Du liegst im Bett und schließt die Augen. Doch die Bilder siehst du trotzdem. Ihn, wie er lacht. Ihn, wie er traurig schaut. Ihn, wie er Witze macht und dir die langen Haare aus dem Gesicht streicht. Ihn, wie er Spaß hat mit der Anderen. Ihn, wie er leidet, wegen der Anderen. Ihn, wie er schlimme Gedanken gegen sich hat, denn die hat er, wegen ihr. Ihn wie er Sachen macht, alleine, weil er keine Hobbys hat, die ihn selbst begeistern. Ihn, den Fotografen. All die Bilder blitzen auf und lassen dich nicht los. Strömen auf dich ein. Das Gedankenkarussel rast in deinem Kopf, Wörter fügen sich zusammen. Satzgebilde. Sie schreien dich an. Erzählen dir was. Über ihn, den Fotografen. Seine Selbstzweifel, Seine Ängste, die nun auch plötzlich Deine sind. Dein Kopf, der zu zerbröseln droht, vor so viel unerwünschtem Input. Du zerbrichst dir seinen Kopf. Nur warum kannst du dir einfach nicht erklären. Wahrscheinlich weil. Weil, wahrscheinlich weil du ihn irgendwie ein klitzekleines bisschen magst. Du kannst dich in ihn reinfühlen. Etwas zu sehr. Etwas zu intensiv. Denn du leidest mit. Du hoffst, dass es dich nicht noch mehr runterziehen wird, und du schiebst die Gedanken gelungen beiseite.

Ihr trefft euch bald schon. Wieder bei dir zu Hause. Aber es ist dir Recht. Denn da fühlst du dich wohl. Deine Umgebung. Dein Vertrauen und Dein Schutz. Die Aufregung verfestigt sich in deinen Knochen, Gliedern, Gedanken. Und das Gefühl, ist rießengroß. Noch immer ist es steigerbar. Immer noch merkst du, wie sehr dein Herz fast schon aus der Haut fährt, weil es ihm am liebsten noch sehr viel näher sein möchte. Weil es am liebsten seine Hände spüren würde, seine zarten langen Finger, welche das Herz umgreifen, berühren und liebkosen. Das Herz wäre so gern eins mit ihm, dem Fotografen. Doch es darf nicht, also hält es sich zurück in einem kleinen Spalt, wo es lauert und wartet, auf den Moment. Sein pulsierendes, rotes, von Adern und Venen umgebenes Gebilde. Du findest es faszinierend, dass nur dieses Wesen, dieses Geschöpf dich am Leben hält. Denn eigentlich ist es das Herz, was lebt, nicht du. Du bist ja nur die Hülle. Die ihn nicht interessiert. Ihn, den Fotografen. Ihr unterhaltet euch. Und wieder fällt ihr Name. Du fragst wann Sie denn endlich weg ist, also nach Amerika fliegt. Das Herz, was sich im Halbschatten versteckt, spürt einen Stich, es hält inne und rührt sich nicht mehr. Nur noch wenige Tage, bekommst du zu hören. Nachdem das Herz diese Information erfährt, setzt es wieder ein und es pocht ruhig weiter. Ihr redet und redet über sie und über ihn, seine Gedanken, seinen Schmerz, seine Zweifel und sein Leben, die Nichten die ihm als einzigstes noch Halt geben. Und du siehst diesen zerbrochenen Mann vor dir, den du am Liebsten umarmen möchtest. Du möchtest ihm sagen, dass du für ihn da bist. Du möchtest ihm sagen, dass ihr das schafft, zusammen. Du möchtest ihm deine Zeit schenken, denn Zeit ist ein Geschenk, so viel gibt es davon nicht. Das hast du gelernt in den Jahren, die an dir vorbeizogen als wären es Sekunden. Du möchtest ihn küssen und nie, nie, wieder loslassen, dieses Gefühl ist so groß, das hast du lange nicht gespürt. Du möchtest deine Leidenschaft zum Ausdruck bringen und dein Begehren.

Doch du traust dich einfach nicht. Du bist verwirrt und deine Wahrnehmung ist eingeschränkt. In diesem Moment.
Ist der Fernsehr an?
Läuft das Radio?
Ist Sommer oder Winter?
Tag oder Nacht?
Haben wir Regen oder Sonnenschein?
Ihr liegt auf dem Sofa und du nimmst seinen Duft in dir auf, der dich benebelt.
Du möchtest nicht vergessen, wie er gerochen hat, du möchtest nicht, dass er jemals von diesem Sofa aufsteht. Du drehst ihm leicht den Rücken zu, um den Moment, den Duft zu speichern und du schließt deine Augen.
Die Stimmung ist ruhig, knisternd und irgendwie magisch. Etwas hängt in der Luft. Du spürst seine Nähe neben dir. Hitze umstrahlt seinen Körper. Oder ist es deine Hitze, die an ihm kleben bleibt? Dein Körper pulsiert, du hältst die Luft an vor Spannung, denn du ahnst, irgendetwas passiert da gleich. Er dreht sich halb, und du wagst es nicht, dich zu bewegen. Seine Hände, die ganz sanft den Weg zu deinem Rücken finden. Alles in dir knistert, als seine Fingerspitze deine Haut berührt. Das Herz ist überfordert, denn es klopft viel zu schnell. Laut. Seine Hände wandern an deinem Körper entlang. Du hast keine Ahnung was er mit dir macht. Aber du möchtest, dass es bitte niemals endet. Du drehst dich halb zu ihm, ohne ihn anzusehen, denn das kannst du gerade nicht, er könnte zu vieles lesen, in deinen wasserblauen Augen, so glänzend wie ein Meer voller Tränen. Er nimmt dein Gesicht in seine Hände und nähert sich deinen, nach ihm lechzenden Lippen. Sein Mund berührt den Deinen. Kaum spürbar, zaghaft, schüchtern. Probehalber um zu schauen.. Aber du möchtest nicht schauen. Du möchtest ihn. Am liebsten mit Haut und Haar. Als du aus deiner Schockstarre erwachst, gewinnt dein Herz die Oberhand. Es entflammt in dir. Lodernd. Grell. Lichterloh. Es klopft in dir. Hart. Fast schon schmerzhaft. Du greifst an seine Wange, und erwiderst den Kuss. Zuerst noch zaghaft, besonnen und erlegen. Doch dann stürmisch und voller Gefühl. In dir tobt ein Sturm der Ohnmacht, weil du ihm so nah sein darfst. Weil du empfindest, was du eigentlich nicht darfst, weil dir schmeckt was du eigentlich nicht kosten solltest. Lustvoll beugt er sich über dich. Sehnsuchtsvoll blickst du ihn an. Der Augenkontakt, welcher keine Worte trägt. Du könntest eine Nadel fallen hören in diesem Moment. Er hält deine Hände über deinem Kopf umklammert. Bewegungsfreiheit gleich null. Dann leckt seine Zunge einmal quer über deine Nase. Schockiert guckst du ihn an, doch dann brüllt ihr beide los, vor Lachen. „Du Opfer.“, sagt er zu dir, wie immer halb im Spaß, obwohl er wahrscheinlich sich selber meint, damit. Wieder küsst er dich und kann nicht aufhören. Das Lachen bleibt im Halse stecken. Du schmeckst ihn und möchtest nichts lieber tun als das. Er reibt sich an dir, lässt seine Hand in dein Höschen gleiten. Noch immer seid ihr vollständig bekleidet. Rhytmisch beginnt er dich zu streicheln, übt Druck aus, ein Stöhnen entweicht dir. Du atmest schneller und schneller, dein Herz. Klopf, Klopf, Klopf. Es hat sich aus seiner dunklen Ecke herausgetraut und ist ganz aufgeregt, durcheinander und beglückt. Währenddessen küsst ihr euch. Immer weiter und weiter.
Lust in dir und mehr wollen, fallen lassen, frei sein. Doch das kannst du nicht, nicht in dem Moment. Du löst dich von ihm und setzt dich auf ihn drauf, und dann ist er da. Dieser Moment der peinlichen Berührtheit. Dieser Moment in dem Keiner etwas macht. Ihr seid gefangen im Augenblick, in dem Kontakt, der zwischen euren Augen herrscht. Stille um euch herum. Keiner der etwas sagt. Niemand ist in der Lage den Augenblick der Sehnsucht und Lust wiederherzustellen. Weil da etwas im Raum steht. Eine Dunstwolke der Wahrheit umgibt euch und du kannst ihr nicht entfliehen, als er plötzlich den Mund aufmacht, und ganz leise, kaum hörbar, beinahe unverständlich, die Worte seinem Mund entweichen: „Verlieb dich nicht in mich!“ Du verstehst ihn nicht, akkustisch nicht. Also fragst du was er gesagt hat. Er wiederholt es mindestens genauso leise, doch diesmal, diesmal hörst du, auch wenn du nicht verstehst was du hörst, aber du hast es zumindestens gehört. Es dauert eine Sekunde, oder zwei, oder drei, vier, gar fünf, bis das Gesagte bis nach ganz oben in dein Hirn dringt. In die Hirnhälfte des Verstehens. Des Begreifens. „Verlieb dich nicht in mich.“ Jetzt bricht es entzwei. Das Herz was bis eben noch himmelhochjauchzend auf und ab hüpfte. Hoffnung keimte. Klirrend und splitternd zerfällt dein Herz in tausend Stücke. Jedes Teilstück, alles was an Herz vorhanden ist. Innerlich krümmst du dich, windest dich vor Schmerz. Als bräche nicht nur dein Herz, sondern auch du, in 1000 Einzelteile. Du auch. Dein Gesicht entgleist dir. Als du deine Sprache wiederfindest, du sie endlich, endlich wiederfindest, fragst du was er denn damit bitte sagen will. Leise, wieder nur ganz leise antwortet er dir. Und du verstehst nur Bahnhof. Vielleicht weil du es nicht verstehen willst, vielleicht weil er stottert, oder vielleicht weil es dir einfach nur zu doof ist. Was bildet der sich eigentlich ein!? Denn zu doof ist dir das Gehabe tatsächlich. Dein Herz schreit . Ein langer, lauter und qualvoller Schrei dringt aus ihm hervor und kurz darauf verwandelt es sich vor seinen Augen zu Stein. Der langwierige Prozess des Selbstschutzes setzt ein. Traurig schaut er dich an, doch du weichst seinen Blicken aus. Er versucht dich an sich heranzuziehen, doch da hat er schlechte Karten. Noch immer sitzt du auf ihm drauf. Und du könntest so vieles, jetzt gerade, wenn du wölltest. Aber am liebsten möchtest du einfach nur weinen. Der Schmerz der sich dir an die Ferse heftet ist kaum auszuhalten. Du wendest dich von ihm ab, stehst auf von seinen Beinen, seinem Schoß. Benommen lässt du dich auf die Couch plumsen. Mit dem Rücken voran und dann liegst du da. Er bewegt sich, bewegt sich auf dich zu. Nimmt dein Gesicht in seine Hände und will dich küssen. Dein Kopf schwingt nach links, dann nach rechts. Du willst nicht, verdammt! Seine Augen so traurig, der Blick verstört. Zwischen euch ein Gefühl der Verständnislosigkeit. Plötzlich ist dein Geist im Jahre 2007 gefangen.

Ein Mann, der betrunken ist versucht dich zu küssen, und immer wieder Anspielungen macht, auf dich, auf euch. Du magst ihn sehr. Bis dir der Faden reißt:
„Was willst du von mir, verdammt!?“ Seine Antwort wie ein Pistolenschuss einmal durch das Herz.
„Einerseits mag ich dich, andererseits steh ich auch auf dich. Aber ich kann mir nur eine Affäre mit dir vorstellen.“
Du hebst deine Hand, bereit ihm eine zu scheuern. In seinen Augen blitzt Verblüffung und ein Hauch von Angst. Du besinnst dich eines besseren. Verachtend, verletzt und enttäuscht blickst du in seine Augen. Und sagst:
„Weißt du was!? Du bist einfach nur erbärmlich!“ Und dann lässt du ihn stehen.

Nun aber, zurück im Hier und Jetzt sind es ein paar strahlend grüne Augen, benetzt von einem dunkelgrauen Schleier der Sorge, welche dich fragend anblicken. Und du sagst das Einzige was dir in der Sekunde einfällt.
„Du hältst dich auch für unwiderstehlich, oder!?“ ,es klingt verachtender, als es klingen soll, aber du bist zutiefst verletzt und möchtest jetzt einfach nur allein sein. „Geh jetzt!“ Zu dumm, denn du musst ihn auch noch zur scheiß Haustür begleiten, mit seinem scheiß Fahrrad, was das alles schmerzhaft in die Länge zieht. „Wir haben da doch erst drüber gesprochen, als ich dir sagte, dass ich zu ihr „zurückgehen“ würde,..“ du unterbrichst ihn und winkst ab. Du hast ihm gerade nichts mehr zu sagen. Dein Kopf ist leer. Auf einmal bemerkt er den Platten an seinem Vorderrad und er wird wütend. Schreit: „Immer wenn ich bei dir bin ist irgendwas!!“ Und dann passiert es zum zweiten Mal, etwas gibt dir einen Stoß. Es ist das Herz aus Stein, welches sich mit einer einzigsten Macht in dein Innerstes drückt und festdreht. Du Scheißkerl! Betonungslos fragt er dich wann ihr euch wieder seht. Du ziehst gleichgültig die Schultern hoch. Im Moment ist dir alles egal. „Wir schreiben.“ Eigentlich kann er sich das schenken. Wieder fährt er los, lässt dich achtlos stehen, ohne sich zu entschuldigen. Kein nettes Wort. Keine Umarmung. Nichts. Wie zwei ganz weitläufige Bekannte, die sich gerade zum zweiten Mal spontan auf der Straße begegnet sind.

Die Hülle des Herzens aus Stein,

nur das Innere noch am Leben.
Doch gibt dir die Härte der Schale,

nicht das, was du willst erstreben.

© Netti

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6 Gedanken zu “Du bist das Herz, es schreit! 8/11

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