Pirouette im Hirn. 9/11

Manchmal baut man sich selber einen Abrund, aus Gedanken, die einen immer tiefer fallen lassen. Man befindet sich in einem Strudel, bestehend aus Selbstzweifeln und Ängsten. Hilfe nimmt man nicht an. Man kann nicht. Nicht weil man nicht kann, sondern weil man glaubt es nicht zu können. Also ändert sich nichts. Alles bleibt beim Alten. Das Schlimme daran ist nicht, dass man sich selber zerstört, nein, das Schlimme daran, das wirklich Schlimme ist, dass man die Menschen der Umgebung mit zerstört, und ruiniert. Die, die es eigentlich ehrlich mit einem meinen. Die, die einem nur das Beste wünschen.

Doch eines darf man nicht vergessen: Gefühle stecken an! Niemand verbringt seine Zeit gern mit traurigen Menschen.

Natürlich keine Nachricht von ihm, an dem Abend, also bist du es, die schreibt. Fragst ihn, ob er trotzdem gut angekommen ist. Er antwortet und ist genervt wegen des Rades. „Kleine Sünden bestraft der Liebe Herr sofort!“, schreibst du ihm und meinst es auch so. Er kapiert das nicht, und du verschweigst ihm die wahre Bedeutung, verschweigst ihm, was du ihm eigentlich damit sagen möchtest. Denn auf Vorwürfe hast du keine Lust. Also schiebst du die Schokobons vor die Lücke, die, die er an dem Abend alle verdrückt hat. Deine Schokobons, die er liebt. So wie du. Also bietet er dir neue Schokobons an, wenn die Tüte denn hält, nach dem Kauf. Ihr tut, als sei nichts gewesen, als sei nichts passiert. Ihr tut, als sei alles in Butter. Er schickt dir Fotos, von der Außenansicht deiner Arbeit. Er möchte deiner Chefin Hallo sagen, nicht dir. Denn auch sie hatte ein Shooting bei ihm. Business. Sie hat Schuld, dass du ihm begegnet bist. Beim Shooting hatten sie eine Menge Spaß. Logisch. Auch deine Chefin trägt eine Maske in ihrem Gesicht. Gleich und gleich gesellt sich nun einmal gern. Ihr schreibt sinnlose Sachen hin und her. Wieder einmal. Ohne den eigentlichen Kern zu entfernen. Der Kern, der die Bitterstoffe verteilt. Der Kern, der dich zum würgen bringt, weil er zu tief rutscht, in die falsche Röhre. Denn plötzlich hängt er dir in der Luftröhre, und du musst röcheln, weil er dir die Luft nimmt, zum Atmen.

Du weinst, aber dieses Mal nicht wegen deinem Papa. Dieses Mal nicht. Heiße Tränen laufen dir über die Wange, weil du verletzt bist. Denn eigentlich bist du das. Dein Herz aus Stein, welches irgendwie doch noch ein wenig Regung zeigt, welches irgendwie doch noch immer am Leben ist, aber nicht der Stein an sich, sondern sein Inneres, denn der Stein ist ja nur die Hülle.

Du verstehst nicht, was da eigentlich passiert ist. Und wieso. Deine Zunge leckt über die Lippen. Und du schmeckst Salz. Wahrscheinlich magst du das salzige Gewürz deswegen so gern. Du hast einmal zu viel an deinen Tränen probiert. Einmal zu viel deinen eigenen Schmerz gekostet. Mit der Zeit hast du dich an vieles gewöhnt, auch an diesen Geschmack.

Du kannst damit umgehen. Mit dem erneuten Verlust.

Du hast kein Problem damit, auch wenn es schmerzhaft ist, für den ersten Moment, immer wieder. Neu. Doch er kann es nicht, er hat es nie gelernt. Den Umgang mit seinen Verlusten. Wieder zerbrichst du dir den Kopf, über ihn, den Fotografen. Zerbrichst dir seinen Kopf. Über seine Zweifel und Ängste, und über sein Leben. Nicht dein Leben. Sondern das Seine.

Du verstehst nicht, weshalb er dich erst küsst, wenn er doch nur an einer angeblichen Freundschaft interessiert ist.

Du verstehst nicht, wie das alles sein kann. Und der Spruch danach, der macht es nicht besser, erst Recht nicht. Denn dieser Spruch, dieses: „Verlieb´ dich nicht in mich!“ ist nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Du kapierst einfach nicht wieso das Ganze, wieso er erst den scheiß Kontakt zu dir gesucht hat. Verstehst nicht, wieso, wieso, wieso. Obwohl du es versuchst, versuchst, ihn zu verstehen, dich in ihn reinzuversetzen, denn das kannst du doch so gut. Nur diesesmal will es dir einfach nicht gelingen. Es will dir nicht gelingen.

Doch am allerwenigsten verstehst du, weshalb er dich nicht einfach hat liegen lassen, auf dieser scheiß Straße, mit deinem scheiß Kopf und seinem scheiß Fahrrad. Denn dann, dann hättest du dich gar nicht erst in ihn verliebt. Dann wärst du ihm wahrscheinlich nicht so schrecklich nahe gekommen. Körperlich, und emotional.

Du bist dir einfach sicher, dass der Schmerz am Ende einfach nicht der Selbe gewesen wäre. Weil dir diese Seite in ihm verborgen geblieben wäre. Der Retter. Der Held. Der Beschützer. Jemand, dem Dein Wohl wichtiger ist als Seines.

Du hasst ihn dafür, dass du ihm je begegnet bist.

Du hasst ihn dafür, dass er dich jemals angeschrieben hat.

Und du hasst dich dafür, dass du ihn aber einfach nicht hassen kannst. Ihn, den Fotografen!

© Netti

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15 Gedanken zu “Pirouette im Hirn. 9/11

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