Wie war nochmal der Masterplan?

Du steigst nun schon leicht beschwippst aus der Bahn aus. Die Blase drückt, damn it, also hechtest du noch flink zum Bahnhof um eine Hütte aufzusuchen. Du willst zwei Euros in den Schrankenautomaten werfen, aber die Eule dahinter, welche die Hütten bewacht, mault dich doof von der Seite an. „Da geht nur ein Euro rein, junge Dame!“ Das schnallst du nicht, also beschließt du so zu tun, als sprichst du ihre Sprache nicht. Deine Hand nimmt die zwei Euros zum Schlitz und die Alte springt beinahe im Dreieck. „Hallo!? Sie müssen wechseln!“ Das kapierst du erst recht nicht. Ja wie sollst du denn jetzt bitte wechseln und vorallem wo? Du funkelst zurück. „Ja aber, wo denn bitte?“ „Na am Automaten.“, keift sie dich voll. Fragend schaust du sie an. Mit ihrem wurstigen Finger zeigt sie auf den blauen Wechselautomaten der 2 Euro in 1 Euros wechseln soll. Wie sinnlos ist das denn bitte. Als du endlich erleichtert bist, gehst du durch die Schranke zurück nach draußen, bloß weg hier, und schaust dich zu der Krähe um.

„Die Klapse hat heut Wandertag!“ „TSCHÜSSIIIIE!“, sagst du ihr zuckersüß ins Gesicht.

Die Uhr verrät dass du fünf Minuten drüber bist, über der Zeit, nun musst du ranklotzen. Du sputest dich und rast über die Straßen. Hoffentlich ist er schon da. Du hasst es, wenn du diejenige bist, die warten muss. Aber auch er ist noch nicht da. Er, der Fotograf. Also läufst du noch etwas die Straßen hoch und runter. Von weiten siehst du ihn dann schon auf dem Radl angefahren kommen. Seine Jacke schwarz. Er lächelt dich freundlich an. Und du bist plötzlich wieder aufgeregt wie doof. Der Sekt dreht Kreisel in deiner Birne, aber angenehme, nichts schlimmes. Er entschuldigt sich, dass er zu spät ist und nimmt dich in die Arme. Das ist gut, dann musst du nicht all deinen Mut zusammenkratzen. Du bemerkst dass er erkältet ist, als er spricht. „Ohr nee, bist du krank oder was? Na suuper. Jetzt kann ich dich nicht mal küssen. “ Du lachst und er stimmt in dein Lachen ein. Er hat vergessen dich darauf hinzuweisen. Ihr geht die Treppen hoch und steuert die Ecke an, an der ihr zu eurem ersten Treffen Platz genommen hattet. „Wieder der Platz vom letzten Mal?“, fragt er dich. „Gern!“ Dieser ist sogar noch frei. Obwohl es ansonsten recht voll ist. Er deutet auf deinen freien Platz und ihr setzt euch einander gegenüber. Schon bringt die Kellnerin die Karten und fragt nach dem Getränkewunsch. Er bestellt kein Hefe Weizen, aber ein großes Radler und du bestellst keinen Sekt aber einen Prossecco. Nun hast du endlich die Gelegenheit, ihn dir genauer zu betrachten, denn du hast ihn nun schon viel zu lange nicht sehen dürfen, so lange dass du dein Zeitgefühl komplett aus den Augen verloren hast. Er trägt eine dunkelbeige Stoffhose und ein grob kariertes Hemd, was ihm unglaublich gut kleidet. Auf der Nase seine Brille, die du sehr an ihm magst. Er schaut schon scheiße aus. Also kaputt. Knülle. Erledigt. Müde. Tot. Seine Krankheit hat sich an ihn drangeheftet und frisst ihn auf. Weiche von mir. KKKkkkkkkkkkkkssssssssch. Du erfährst dass er müde ist, obwohl er bis drei geschlafen hat. Das erklärt alles, und er hätte sich am liebsten geohrfeigt dafür. Hätte er mal. Na wenigstens freut er sich, dass ihr euch trefft, sonst wäre er wohl im Bett liegen geblieben. Ihr schaut ewig, ewig und ewig in der Karte rum und könnt euch einfach nicht entscheiden. Ihr beide nicht. Die Kellnerin schickt ihr immer wieder weg. Ihr fragt euch gegenseitig über die Speisen aus, seid hinterher aber doch nicht schlauer. Dann irgendwann bestellt ihr. Du sagst ihm was er das letzte Mal hatte, denn das weißt du noch wie heute, und er bestellt genau das. Eine Salamipizza. Und du, du hast keinen Hunger, das hast du auch vorausgesagt aber er möchte dass du isst, denn alleine essen ist halt einfach scheiße. Du willst nicht so sein und bestellst dir eine Kartoffelsuppe. Da stehst du drauf und mehr würdest du auch einfach nicht runter bekommen. Ihr stoßt an mit euren Getränken und dieses Mal, heute, blicken seine Augen genau in die Deinen. In deinem Bauch schlagen die Schmetterlinge mit ihren Flügeln gegen deine Rippen. Es kitzelt und fühlt sich ein bisschen so an wie ein Flugzeug. Ein Flugzeug am Himmel, wenn es auf guter Höhe in ein kleines Luftloch gerät. Ein harmloses, leichtes, aufregendes Luftloch, was deinen Adrenalinspiegel in die Höhe schlagen lässt. Du möchtest unbedingt wissen wie es ihm so geht, und ob er tatsächlich bald fort geht. Er berichtet dass er noch keinen Praktikumsplatz hat, und so schnell geht er auch nicht, also auf jeden Fall nicht gleich zum 1.12, auch wenn er bis dahin gekündigt hat. Du bittest ihn darum dir zu verraten wie die Kündigung verlaufen ist und wie sie reagiert haben, die Kollegen und die Chefin. Du erfährst so viel und es freut dich. Es freut dich wie super ihr euch versteht, es freut dich, dass ihr euch tatsächlich was zu sagen habt, es freut dich, dass du dich wieder so unglaublich wohl fühlst in seiner Nähe. Hast du etwas anderes erwartet? Die Andere erwähnst du mit keiner Silbe und du hoffst dass auch er ihren Namen nicht in den Mund nehmen wird. Denn die Stimmung ist gerade sehr locker und flockig. Ihr lacht viel. Blödelt rum, habt Spaß. Zusammen. Wenn er lacht erkennst du dass er wirklich lacht, sein Lachen ist echt, das erkennst du an seinen Augen, denn dieses Mal lachen sie mit. Seine Augen lachen mit. Du kannst dich nicht erinnern, jemals mit einem Menschen so viel Spaß gehabt zu haben. Das Essen kommt schon bald und ihr legt los. Während des Essens führt ihr nur seichte Konversation, damit ihr euch nicht gegenseitig Krümel und Tropfen ins Gesicht pustet. Ihr lasst euch Zeit mit dem Essen, ihr sitzt ewig daran. Er hat keinen großen Hunger und auch du hast zu kämpfen, doch daran sind nur die Schmetterlinge Schuld in deinem Magen, welche er nicht mal ansatzweise erahnen kann. Als ihr das Besteck gelegentlich beiseite packt kommt die Kellnerin und macht von naher Entfernung Anstalten die Teller gern mitnehmen zu wollen. Aber hey,- du bist ja noch gar nicht fertig,-und löffelst fröhlich weiter. Ihr schaut euch an und prustet wieder los vor lachen. Hoffentlich hast du ihm nicht ins Gesicht gespuckt, etwas von der Suppe aus der Schale vor dir. Hängt dir jetzt etwa eine Kartoffel am Kinn? Irgendwann sitzt ihr vor leeren Tellern und so sitzt ihr ziemlich lange, doch an Unterhaltung fehlt es trotzdem nicht. Ihr bestellt noch eine Runde. Ihr redet und redet. Du bist glücklich, dass er so schnell nicht verschwinden wird, du hast was anderes erwartet. Er fragt dich, ob du mit ihm zu Kurt Krömer magst, doch du hast ja selber schon eine Karte, nur in einer anderen Stadt, was er bereits weiß. Doch wenn du nochmal für die Karte zahlen musst möchtest du das nicht. Denn billig ist der Krömi gewiss nicht. Es hat dich damals nicht überrascht, dass ihr den gleichen Comedian mögt, denn ihr lacht über die Selben Dinge. Dennoch freut es dich ungemein und du würdest dir nichts mehr wünschen, als mit ihm dorthin zu gehen. Er hat noch keine Begleitung und das soll auch so bleiben. Denn du bist es, den du an seiner Seite siehst. Du möchtest in sein Lachen einstimmen, du möchtest ihn glücklich sehen. Du möchtest einfach einen weiteren Tag mit ihn verbringen. Noch einen weiteren Tag, der dich glücklich macht, weil du bei ihm sein kannst. Du genießt jede Sekunde in seiner Nähe. Denkt er da genauso? Dein Getränk ist schon wieder alle. Also kommt Nachschub. Er fragt dich, ob er dich portraitieren darf und du glaubst dich verhört zu haben, beinahe verschluckst du dich an deinem Sprudelwasser. Was bitte? Er möchte gern eine Mappe anfertigen und Aufnahmen von dir haben, das heißt wenn du nicht noch immer beleidigt bist. Den letzten Satz überhörst du und du fragst nochmals nach, denn du bist dir einfach nicht sicher ob du ihn jetzt echt verstanden hast. Er setzt noch einen drauf und möchte die Fotos bei sich machen. Hä?  Er lädt dich zu sich nach Hause ein, da wo doch sonst nur die Andere war. Er möchte gern mit dir kochen, da du es nicht kannst kocht er halt, und dann, dann möchte er einen Film mit dir schauen. Scary Movie. Nicht nur einen Teil, am liebsten Alle. Auch wenn du Scary Movie nicht sehr magst, du magst nur den ersten Teil, bist du einfach platt. Du bist platt und kannst nicht anders als ernst zu nicken und ihm zuzustimmen. Es ist dir kackegal was für ein verdammter Film das ist, es ist egal was er so unbedingt mit dir schauen möchte. Du würdest alles mit ihm schauen. Auch wenn dir die Augen zufallen vor Müdigkeit, aber du würdest bleiben. Du würdest neben ihm sitzen bleiben, vielleicht auch liegen. Und es würde sich gut anfühlen. Und vielleicht sogar für ihn. Oh Gott, er mag dich echt bei sich haben. Die Kellnerin möchte euch schon mal abkassieren, das verstehst du ja gar nicht. Was ist denn das für eine Bedienung, und so unhöflich. Die versteht ja nicht mal seine Späße. Du würdest dich totlachen, vor Lachen, wenn du so einen Clown zu Gast hättest. Du würdest dich totlachen über seinen so herrlichen Humor, wenn du es wärst, die ihn bedienen würde. Aber du würdest ihm wahrscheinlich auch einfach nur um den Hals fallen, weil er klasse ist. Er lädt dich ein ohne irgendetwas vorauszusetzen und fragt dich nach deiner PIN, als er seine Karte in den Schlitz steckt. Ihr wiehert los. Als die Kellnerin mit dem Stock im Hintern wieder abdackelt zeigt er dir seine zwei Nichten aus seinem Portemonney. Und du bist gerührt. Du bist gerührt, dass er sich dir gegenüber so sehr öffnet. Du bist dir sicher, dass er ganz wunderbar zu seinen Mädels ist, mit Kindern ganz hervorragend umgehen kann. Plötzlich beschleicht dich ein ganz eigenartiges Gefühl, direkt aus deinem Herzen. Nein! Nein! Das kann darf nicht sein! Gänsehaut kriecht deinen Körper hoch. Er zückt sein Handy, denn nun möchte er dir noch mehr seiner Fotos zeigen. Noch mehr Fotos zeigen. Er zeigt dir so viel und du bist geplättet. Geplättet von so viel IHM. Von so viel Wissen über sein Leben, so vieles was du nun ableiten kannst, durch die Fotos, aber nicht nur das. Denn er erzählt. Er erzählt kleine Geschichten zu all den Fotos und du bist unglaublich gerührt. Du hörst ihm aufmerksam zu, möchtest alles speichern, und ja nichts vergessen, damit du weißt und auch behalten kannst was du all die Zeit so unbedingt über ihn erfahren wolltest, auch wenn das längst noch nicht alles ist. Du fragst nach, wenn du etwas näher erklärt haben möchtest, du hakst nach, wenn er etwas sagt, was du nicht auf Anhieb verstehst. Er ist ein guter Erzähler und sehr sehr geduldig. Ein wohliges Gefühl durchfährt deinen Körper. Er schaut dir intensiv in die Augen bis dir schwindelig davon wird.

Scheiße. Dir wird grad irgendwie anders. Dein Kopf dreht grad, irgendwie ganz leicht. Obwohl dir schon die ganze Zeit sehr heiß ist, wird dir nun heiß und kalt, und das abwechselnd. Dir bricht leichter Schweiß aus, und dir wird schwummerig, im Kopf und nicht nur da. Deine Füße fühlen sich plötzlich so leicht an. Kackmist. Kipp jetzt hier bloß nicht um. Der Fotograf redet weiter und du nickst und nickst. Atme! Atme! Das du gern mal hyperventilierst weißt du seit deiner letzten Operation und das darf dir jetzt hier keinesfalls passieren. „Chill mal! Entspann dich! Sei locker! Alles gut. Alles easy. Alles cool!“, redest du dir innerlich Mut zu. Du atmest tief ein, die Luft hier ist aber auch zum Schneiden abartig.

Als du diese kurze Panikwelle überstanden hast bewirft er dich plötzlich mit Papierkügelchen, bestehend aus eurer Rechnung. Kugel Nummer eins  trifft in deinen Schoß. Nummer zwei landet in deinem Ausschnitt. ÄHM!? Ihr lacht lauthals. „Wie alt bist du man?“ Du klaubst die Kügelchen von deinen Körperstellen runter und schlägst ihn mit seinen eigenen Waffen. Welche ihn direkt an der Birne trifft. Es ist dir Schnitte, dass euch alle doof von der Seite anschauen, denn mit ihm kannst du sein wer du bist.

Du setzt seine Brille auf deine Nase, welche dir immer wieder hinunter rutscht.  Er schmunzelt und sagt, „Komm, gib mal dein Telefon, ich mach ein Foto, damit du siehst, wie´s ausschaut.“ Du bist verwundert über seine so freundliche Art. Was geht denn bei ihm? Du gibst und er schießt ein Foto. Und noch eins. Dann sagt er leise nur, du musst dich anstrengen damit du verstehst, aber du verstehst tatsächlich richtig, „Das ist süß.“ Süß? Die Schmetterlinge in deinem Bauch melden sich flügelschlagend zurück. Aufgeregt drehen sie ihre Runden. Versehentlich macht er ein Selfie mit deinem Handy. Ein Selfie von sich. Hä?

Irgendwann beschließt du, dass du los musst, denn du willst die Bahn nicht verpassen. Dieses Mal nicht. Du nimmst deinen orangenen Blazer. „Der ist schön! Ist er neu?“, fragend blickt er dich an. Also heute schießt er echt den Vogel ab. „Nö.“, sagst du ganz nebenbei.

Draußen weht euch ein kalter Wind um die Nase und Flocken wirbeln zu Boden. „OOOOHR Schnee!“ Der Fotograf guckt wie ein Kind. „Ähm!? Es hat heute schon mal geschneit.“ „Ah echt? Ja scheiße, da hab ich gepennt.“ Du stöhnst. So ein Idiot. „Ich kann dich noch zur Bahn bringen? Aber fahren lieber nicht. Nicht dass das Radl wieder kaputt geht.“ „Hah! Ähm nein, danke, geht schon. Diesmal bekomm ich das schon geschissen, das mit der Bahn. Zumindestens das.“ Er umarmt dich und fährt los. Ihr entfernt euch von einander. Er fährt in die eine Richtung, während dich deine Beine von ihm weg tragen, in die Richtung die zur Straßenbahn führt. Nun schneit es dicke Flocken. Schneeflocken bleiben an deinen Sachen hängen. Sie bleiben kleben an deiner Kleidung, verschmelzen mit der Hitze deines Haares. Du wirfst den Kopf nach oben und siehst, wie die Flocken auf dich niederfallen. Lautlos und hell. Fast blendend lassen sie sich auf deinem Gesicht nieder. Dich umgibt ein Glücksgefühl. Schnee! Schöner hättest du dir ein Ende gar nicht vorstellen können. Für ihn, den Fotografen.
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© Netti 

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