SchachMatt

Du stehst am Krankenbett und bist glücklich ihn zu sehen. Dein Dad schaut dich mit großen blauen Augen an, leuchtend wie Kristalle, glasklar. Du bist erleichtert ihn so wohlauf zu sehen, wo er doch die letzten Tage fast nur am Schlafen war, nichts mehr gegessen und getrunken hat und kaum noch was gesagt hat. Schon da war dir klar, dass irgendwas gesundheitliches sein muss, doch seine Freundin meinte er streikt. Dein Gefühl hat dich nicht getäuscht. Seine Freundin streichelt sanft seine Hand. Sie schaut aus wie du dich fühlst. Dann berichtet sie dir, wie es dazu kam, dass er nun wieder im Krankenhaus ist. Dass er kaum noch atmen konnte, sein Atmen einem Röcheln glich, Schleim den er nicht schafft abzuhusten. Du stellst es dir bildlich vor, wie er da liegt und die Pfleger nicht gehandelt hätten. Du bist froh, dass deine Stiefmutter da war. Bei ihm war. Die Bilder in deinem Kopf schmerzen und dir wird Anders. In deinen Ohren beginnt es zu Rauschen, ein Dröhnen und Pochen. Irgendwie hörst du grad nicht mehr wirklich was sie noch erzählt, es wird immer leiser, komisch, jetzt entfernt sich die Stimme von dir. Dir bricht der Schweiß aus und du schwitzt wie ein Schwein. Du versuchst dich auf den Boden zu legen, aber du wirst daran gehindert, schnell setzen und trinken. Wasser trinken, jetzt! Doch du kannst nicht, sackst zusammen in dem Stuhl am Tisch in Papas Krankenzimmer. Ein Wimmern entweicht dir und du willst dich einfach nur hinlegen. Am besten zu Papa. Du schwitzt eine heiße Brühe aus deinem Körper raus und schnappst nach Luft. Dein Brustkorb wird immer enger. Erstickst du hier gerade? Du weinst. Laut, verzweifelt. Du hast keine Ahnung was da gerade passiert. Atmen. Atme! Du schnappst ruckartig nach Luft wie ein Fisch, kurz vor dem Ertrinken. Immer, immer wieder. Doch es scheint nichts zu bewirken, denn du atmest keine Luft ein, sondern Panik. Du nimmst Panik in dir auf, die dir den Hals zuschnürt, wie von Geisterhand legt sich eine Kordel um deinen Hals, die sich mit jedem Atemzug fester zusammen zieht. Deine Stiefmama nimmt dich in die Arme, versucht dich zu beruhigen, und dich zum Trinken zu bewegen. Noch immer bist du zu gar nichts in der Lage. Deine Beine werden immer leichter, losgelöster, nicht mehr zugehörig zu dir und deinem Körper. Du lässt dich auf den Fußboden rutschen, runter vom Stuhl. Du bekommst nicht mit, wie sie auf die Notklingel drückt, denn dir ist gerade alles egal. Egal, egal. Flink ist sie wieder bei dir. Und hält dir die Beine hoch, während deine Augen flackern und schwer werden.. Entsetzlich schwer und müde. „Bleib hier..“, eine entfernte Stimme, während plötzlich die Tür aufgeht und eine Schwester mit Arzt im Schlepptau den Raum betreten. Beide beugen sie sich über dich und reden auf dich ein, doch du kannst nur nicken und Brummen. Der Arzt, das meinst du zumindest, greift deine rechte Hand und misst deinen Puls. Dann merkst du wie der glühende Schweiß, auf deinem Körper, sich in kalte Wasserperlen verwandelt. Eiseskalte Schweißtropfen stehen auf deiner Stirn. Du liegst da eine Weile auf dem kalten Fußboden rum und nach und nach funktionieren deine Ohren wieder und dein Verstand. Nun erst realisierst du den Arzt der dich anblickt: „Treffpunkt Familie? Sollen wir Ihnen ein Zimmer nebenan herrichten?“, sagt er schmunzelnd zu dir. Du lächelst dümmlich und gibst Töne von dir, die einem Grunzen gleichen. „Alles wieder gut?“ Du nickst. Zu dritt hieven sie dich hoch, als wögest du einen Zentner. Bleischwere Gliedmaßen die am Körper rumhängen. Und doch auch schwerelos. Sie zwängen dich wieder auf den doofen Stuhl und du findest deinen normalisierten Atem wieder. Der Arzt blickt dich an. „Alles okay?“ Dankbar lächelst du ihn an. Papa schaut mit großen Augen an seiner Freundin vorbei genau in dein Gesicht. Seine Augen taxieren die Deinen. „Hey Paps! Alles cool!“ Du fragst dich, ob er mitbekommen hat, dass hier eben ein ganz großes Kino lief. Erste Reihe. Du hoffst, dass er mal kurz einfach nur geschlafen hat.

„Wo ich nun einmal da bin..“, zwinkert der Arzt in deine Richtung und du bemerkst, dass er nicht von schlechten Eltern ist..“Ich wollte sowieso mit Ihnen sprechen. Ihr Vater hat eine einseitige Lungenentzündung, jedoch nichts, was wir nicht hinbekommen würden, was aber dennoch nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist.“ Er scheint das Glitzern der Tränen in deinen Augen zu bemerken. „Machen Sie sich keine Sorgen. Er bekommt ein Antibiotikum, da er alleine den Schleim nicht abhusten kann. Gegebenenfalls müssen wir die Lunge zusätzlich frei machen. Aber das wird wieder. Zwei Wochen bleibt er erstmal hier und wir schauen, wie es ihm in den nächsten Tagen gehen wird.“

Er lächelt euch zu und schließt die Tür hinter sich. Schade. Er hätte sich ruhig noch setzen können. Du hättest ihm auch den doofen Stuhl angeboten, den kannst du sowieso nicht leiden. Du warst schon immer ein FußbodenKind. 

Du atmest erleichtert auf. Papa wird wieder. Zumindest die Lunge. Denn ganz wird er wohl nicht wieder. Diese Hoffnung kannst du dir nicht wieder lebendig reden.

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