Die Erscheinung *

In einem reinen Kiefernwald steht ein Mädchen auf der Lichtung, mitten zwischen all den Kiefern. Vollmond kämpft sich durch die vereinzelte Wolkendecke. Der Wind pfeift durch die Baumwipfel, sodass daraus ein Rascheln und Rauschen entsteht. Sie steht einfach nur da, ihre Arme hängen rechts und links von ihr herab. An ihrem Körper ein schlohweißes Nachthemd. Windböen zerren an ihrem Kleidchen herum. Ein unheimliches Heulen durchschneidet die dunkle Nacht, doch noch immer zeigt das Mädchen keinerlei Regung. Sind es Wölfe? Die schwarzen Haare des Mädchens flattern im Wind. Sie summt eine Melodie, leise und monoton. Nicht einmal das Krächzen der Krähen, welche fluchtartig die Bäume verlassen, lässt das Mädchen aufschrecken. Wenn man ganz genau hinblickt, erkennt man ihre Füße. Sie berühren den Boden nicht. Von weit her ertönt ein Getrappel. Es klingt wie die Hufen eines Pferdes. Immer schneller nähert sich das Geräusch des Tieres. Hinter dem Mädchen jedoch verstummt der Klang. „Heh du!“, erwidert eine rasselnde Stimme. Langsam, ganz langsam, dreht sich das Mädchen um und blickt in die Augen des Geschöpfes auf dem Tier. Eine dunkle Gestalt sitzt auf dem Rumpf eines Pferdes. Das Gesicht ist in tiefem Schatten gehüllt. Eine Kaputze bedeckt den etwas zu großen Kopf. Die Zügel des Pferdes schweben in der Luft.
„Wer bist du?“, fragt das Mädchen mit einer Stimme, so hell wie der Schein des Mondes, in dieser Nacht.
„Ich bin die Liebe!“, sagt die Liebe.
„Aber wieso kann ich dich dann nicht sehen?“
„Natürlich kannst du mich nicht sehen. Du siehst mich erst, wenn du mich sehen willst.“
„Aber was willst du denn von mir?“, fragt das Mädchen mit vor Angst zitternder Stimme.
„Ich bin gekommen, um dich zu holen!“ erwidert die Liebe unheimlich knurrend.
Die Liebe steigt ab von dem Pferd, und tritt auf das Mädchen zu.
Es streckt ihr die Hand entgegen, doch die Liebe ist unsichtbar. Das Mädchen kann einfach nichts sehen. Schnell schwebt das Mädchen an dem unheimlichen Wesen vorbei auf das Pferd zu. Große Strecken kann sie sich jedoch nicht fortbewegen, denn sie ist schon sehr schwach. Ihre Kräfte können sich nur unter dem Licht des Vollmondes aufladen. Nun setzt sich das Mädchen auf den Rumpf des Pferdes. „SeTrago!“, schreit das Mädchen und gibt dem Pferd einen Klaps. Es setzt sich sogleich in Bewegung. Flink gallopiert es davon und entfernt sich von der Kaputzengestalt.
„BLEIB DA!“, knurrt das Wesen und wird fuchsteufelswild.
„DU KANNST VOR MIR NICHT DAVON LAUFEN! EGAL WO DU BIST! ICH KRIEG DICH!“
Dem Mädchen rinnen vor Angst lauter Tränen über die Wangen, sie schmecken bitter und brennen auf der Haut. Leise fängt es an zu schluchzen. Um sich zu trösten schmiegt es sich an das Pferd. Erst jetzt erkennt sie das Horn auf dem Kopf des Pferdes. Ein aufgeregtes Wiehern durchdringt die Stille. Angestrengt breitet das Einhorn seine Flügel aus und gallopiert mit einem Sprung in die Luft hinauf, vorbei an all den Kiefern. Dem Mond entgegen.
  

©Netti

*frei erfunden

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28 Gedanken zu “Die Erscheinung *

      1. Wahrscheinlich nur hoffend darauf dass das Mädel weder Schlüppi noch BH trägt.😂😉 Aber nein ich weiß was du meinst. Und ich bin dabei (falls das Angebot noch steht) Stell mich noch immer der Fotografie in Form des Models freiwillig zur Verfügung. 🙂

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      2. ich bitte Dich 😉 Soweit würd ich nie gehen, nicht mal in Gedanken 😉 Als Model bist Du ganz fest im Hinterkopf verankert. Vergess bloß nicht Bescheid zu geben falls Du mal Richtung Süden musst. Ich werd auch drank denken… Und wenn alle Stricke reisen organisieren wir ein Bloggertreffen genau in der Mitte…

        Gefällt 2 Personen

  1. Wirklich toll geschrieben, ich war richtig gefangen in deinen Zeilen, vor allem weil ich mich gerade auch in meiner Kurzgeschichte sehr stark mit der Liebe auseinandersetze. Die Dramatik, die sich entwickelt, als die unsichtbare Liebe kommt, um das Mädchen zu holen, ist erstaunlich und voller Interpretationsbedarf, das Geschehene wirkt nach und das ist toll!
    Liebe Grüße,
    Jim

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    1. Wauw danke. Du bist so süß. Möchte gerade schreien vor Glück. Weißt du wie sehr wundervoll das ist, wenn man begeistern kann, berühren und schütteln, mit den zu Papier gebrachten Worten? Weißt du wie sehr glücklich mich so ein wunderbares Feedback macht, wie das deine? Weißt du, dass du mich gerade sehr, sehr freudig stimmst? Du bist toll. 🙂 Vielen Dank dafür!!!!!!!

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      1. Ui, mit so einer coolen Reaktion habe ich nicht auf meinen Kommentar gerechnet, das hat mir direkt auch ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert 🙂
        Ich kann dir nur zustimmen, wenn jemand meine Texte liest, ist das toll, wenn dazu aber noch ein ehrlich gemeintes Feedback kommt, ist das fabelhaft 🙂
        Hab einen schönen Tag! 🙂

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  2. Liebe netti 😉
    eine schöne, sehr schöne Geschichte, die du auf virtuelles Papier gebracht hast. Spannend erzählt und gibt doch noch sehr viel Raum für eigene Gedanken. Das Einhorn gefällt mir auch sehr gut und lässt mich lächeln.
    Wünsche dir einen wunderbaren Restabend und sende dir liebe Abendgrüße
    Heike

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  3. Ich habe Gänsehaut beim lesen bekommen! (Im positivem Sinne) Es ist einfach so toll wie du schreibst. Ich liebe es wenn ich (oder andere) solche kleinen detaillierten minimalistische Momente einfangen. Man kann (wenn man es kann) 😉 richtig viel spürbare Emotionen da reinstecken. Ich merke auch das du da drin ganz gut bist. 😀 Für meinen Geschmack könntest du solche Momente noch mehr herausheben. Aber nein halt Stop! Bleib in deinem Stil! Das ist wirklich wunderschön und bleib einfach du selbst….
    Ich bin schon gespannt auf deinen nächsten Beitrag
    LG
    Ina

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    1. Ganz herzlichen Dank! Was für ein süßer Kommentar. Ich freu mich so riesig über so begeisterte Worte, freue mich, wenn meine Texte gelesen werden, wenn sie etwas in euch berühren. Und etwas in euch hinterlassen. Ein Lächeln, was bleibt, vielleicht. 🙂 herzlichst Netti

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