Frohes Neues? Hauptsache gesund! (1/2)

Es ist kurz vor 20:00 Uhr am Silvesterabend. Du erwartest Besuch, von ihm, den Fotografen. Eigentlich hast du gar keine Lust auf Gesellschaft, dir ist nach Schlafen, im Bett, Silvester verschlafen, den sinnlosen Trubel und Hype den alle wegen diesen Tages machen, umgehen. Dann am nächsten Tag aufwachen, so als wäre nichts, das fandest du schon immer viel besser, hast du generell seit 3 Jahren immer getan. Man verpasst halt auch einfach nichts. Gar nichts. Es ist zu kurzfristig um abzusagen, denn nun klingelt es bereits an deiner Tür. Du lässt ihn herein mit dem Türsummer, und läufst ihm auf halber Strecke entgegen. Musst ja nochmal in dein Plumsklo rein, also die Abstellkammer. Du wirfst da was rein, weil du einfach keinen Platz hast, keinen Platz mehr um deinen Schmerz zu verstauen. Du wirfst ihn zu dem anderen Mist, der da drin rumkriecht.

Der Mann deiner Träume  Fotograf kommt schwitzend auf dich zu, und du lachst ihn gehässig und doch freundlich an. >>Na? Schwer zu schleppen? Kann man dir irgendwie helfen?<< Auf seiner Schulter sein geliebtes Rennrad, was euch schon des öfteren Kummer bereitet hat. Sein Fahrrad lehnt nun wieder an deiner Küchenwand. Es schaut so gut aus, wie es da steht! Ihr plaudert während er sein halbes Zu Hause auf deinem Küchentisch ausbreitet. Cola, drei Bier, 5 DVD´s, ne Menge Süßkram, Luftschlangen, Tischfeuerwerk, zweimal Bleigießen. >>Was hast´n du vor?<< skeptisch schaust du ihn an. >>Na hier ist jetzt Stimmung!<< Ist klar. Er schnappt sich die Luftschlangen geht in dein Wohnzimmer und pustet seine Stimmung überall hin, auch an dir bleibt etwas davon kleben. Nebenbei läuft deine Lieblingsmusik. Anerkennend fragt er nach den Interpreten. Mister und Misses. Quasi. Also MS MR, na wie auch immer. Die jedenfalls. Ihr führt ein Dialog über diese Musik CD, er fragt dich aus darüber, Alter, Erscheinen, Kosten. >>Ich brenn sie dir okay?<< Der Mann ist ganz aus dem Häuschen. >>Eeeeeecht? Das würdest du tun?<< Wow. Du bist verwundert über so viel Begeisterung über eine CD, die auch noch gebrannt ist. Ihr wandert wieder in die Küche und handelt darüber was ihr essen wollt. Die Entscheidung fällt auf Nudelauflauf. Du kochst die Nudeln während er das Nudelgemisch anrührt. Beim Wurst schnippeln erzählt er dir begeistert von seiner Kurt Krömer Show. Du schaust derweil die ganzen DVD´s durch und suchst dir was aus, was ihr dann schauen könnt. >>Du bist ja heut der Bestimmer.<< Später haut ihr das Zeug in den Ofen und ihr setzt euch davor wie zwei zwölf Jährige. >>Früher hab ich da immer gern stundenlang reingeschaut. Wie auch in der Waschmaschine. Kennst du das?<< Lachend stimmst du zu. Gedanklich fragst du dich ob er jetzt wirklich vor hat hier rumzusitzen, vor dem Ofen, und hineinzublicken. Du bewegst dich zur Couch und er hinterher. Ihr schaut zusammen >>Halloween<< und ihr müsst lachen, über die Schlechtigkeit des Films, obwohl ihr beide den voll gut findet. Ihr lacht zusammen. Wie einst. Gut schaut er wieder aus, das bemerkst du als du ihn länger musterst, vorsichtig, nicht dass er davon Wind bekommt. Als der Auflauf fertig ist, schaut ihr weiter Michael Meyers, bis zum Schluss. Hunger hast du irgendwie nicht. Gerade mal drei Löffel bekommst du runter, dann schiebst du dein Essen von dir. >>Magst du dann noch?<< Der Teller schiebt sich von A nach B. Er mag. Seltsam. Dir ist grad irgendwie komisch. Flau. Da ist so komische Luft in deinem Bauch. So ein Druck, nicht weichen wollend. Ein Stressball? Du fragst ihn halb schockiert, halb panisch: >>Aber du willst dann doch nicht etwa.. also Willst du dann raus, zum Knallen? Also.. willst du vor die Türe????<< Er lacht. >>Bloß nicht.<< Du stimmst ein. >>Oh Gott seit dank. Ich dachte schon..!?<< Nach dem Film schmeißt ihr Kurt Krömer, die Show in den Player. So erlebt ihr den Kurt nochmal gemeinsam. Das hast du ja verpasst. Das gemeinsam. Stattdessen war er mit irgendwen anders gemeinsam. Mit wem weißt du noch immer nicht, aber lieber möchtest du das gar nicht wissen, obwohl du innerlich durchdrehen könntest vor Nichtwissen über die geheimnisvolle Person. Ihr lacht und habt Spaß mit Kurt. Nebenbei zündest du ängstlich das Tischfeuerwerk an. >>Nicht dass da jetzt hier was abfackelt!?<< Er lacht dich aus. In dem Ding ist ein kleiner Ring. Den setzt du dir selber auf den Finger. Auf den Kleinen. Nicht mal da passt er. Der Fotograf schnappt sich den pinkfarbenen Stern, welchen er sich an sein Ohr klemmt. 5 Minuten vor 0:00 stellt er den TV ein. Du holst derweil zwei Gläser Sekt zum Anstoßen. Überall sind diese unsinnigen Timer eingestellt. >>Los komm´den Spaß machen wir uns jetzt!<< Er zählt ab 5Sekunden runter. Du schämst dich inzwischen fremd. Über die peinlichen Menschen hinter dem Flimmerkasten, welche krampfhaft mit 1000 unbekannten Menschen zu „Rednex“ gezwungene Stimmung verbreiten. Als die Menschen hinter dem Glas plötzlich durchdrehen schaut ihr euch stirnrunzelnd an. Ihr nehmt easy peasy euer Glas und stoßt an. Er sagt „Frohes Neues“, während du ihm zeitgleich „Gesundes Neues“ verlauten lässt. Denn mit der Fröhlichkeit ist das ja immer so ne Sache, bei euch. Ihr macht euch lustig über die Menschen, die so albern feiern, während ihr euch fragt, ob ihr einfach nur langweilig seid und alt, aber wahrscheinlich seid ihr einfach nur beides. Ihr schwingt euch zu deinen Wohnzimmerfenstern, da seht ihr Recht gut und schaut euch die Raketen an. Nach dem Tumult schaut ihr noch ein bisschen weiter. Ihr redet und er fragt dich Sachen, mit seinem Stern im Ohr. Lila. Fehlt nur noch das es blinkt. >>Kannst du das mal bitte raus nehmen da? Wie soll ich dich denn für voll nehmen, wenn du mit mir redest, mit diesem Ding!?<< Ihr prustet los. Endlich spielt ihr Bleigießen. Als du dein Blei in die Schale wirfst entsteht ein seltsames Dings. Ihr knipst die Taschenlampe an. Und ihr blickt beide auf das Bild vor euch an der Wand.
   

 

Geschockt sagt ihr beide. >> Ein Baby!<< (Familie vergrößert sich.) Haha. Verarsche. Bei dir verkleinert sie sich ehr. Dann ist er dran. Sein Blei verformt sich zu einem keulenförmigen Dings. Doch im Licht erkennt ihr beide aus einem Munde. >>AAAAAH EIN FÖTUS MIT RIESEN NABELSCHNUR.<< Ihr lacht. Doch er sagt mehr >>Oh mein Gott.<< als dass er lacht. Also lasst ihr das. Ihr zappt noch sinnlos durch die Kanäle. Heimlich laufen dir ein paar Tränen über die Wange, in deinem Kopf ein Bild von Papa, Papa wie er lacht und dir ein Frohes Neues wünscht. Dem Fotografen entgeht nichts. In seiner Hand eine Taschentuchpackung die er dir reicht, ohne etwas zu sagen. Mit der Zeit fallen deine Augen beinahe zu. >>Ich müsste dann mal langsam Schlafen..<< Die Uhr zeigt 1:30, du musst früh wieder raus. Er fragt ob er bleiben kann, mit dem Radl wegen der Knaller, die noch immer durch die Luft jagen. Du stimmst zu. Ihr macht euch fertig. Zum Schluss drückt er dich nochmal herzlich und wünscht dir eine Gute Nacht. >>Wenn du reden willst…<< Du wünschst zurück, während sich die Türen nebeineinander schließen.

So liegst du in deinem Bett, während er hinter dieser Wand auf deiner Couch liegt. Wieder ist dieses Loch in deinem Bauch, in deinem Magen. Dir ist plötzlich schrecklich schlecht. Du hast Angst dass da jetzt gleich was doofes passiert also sprintest du zum Bad, doch nichts. Nur so ein EkelGefühl. Du sprintest zurück und wieder ins Bad, ins Bett ins Bad, ins Bett ins Bad und ins Bett und dann ruft es >>Alles okay mit dir!?<< Der Fotograf steht in der Tür, das Licht scheint in dein Zimmer. Er kommt näher. Kommt auf dich zu und hockt sich zu dir nieder, an dein Bett und schaut dich unwissend an. >>Nein<< bringst du aus dir heraus. >>Mir ist komisch. Mir ist schlecht. Mir ist scheiße.<< Und dann brechen alle Dämme über dir ein. Deine Tränen laufen über vor Ekel in dir drin über das Gefühl aus deinem Bauch, was du nicht zu deuten weißt, da ist Schmerz der dir über die Wange kriecht, vor dem Verlust deines Papas, welcher dir so sehr fehlt, da ist Trauer über die Leere, die er in deinem Herzen hinterlässt, weil er einfach nicht mehr ist, und Angst strömt in salzigen Perlen verkleidet als Träne über deine Wange, schreckliche Angst, die dir den Hals zuschnürt, Panikartige Angst, die hochkriecht über das Wissen dass du bald schon dein Papa zu Grabe tragen musst. Dass du dich verabschieden musst. Jetzt ist er weg du siehst ihn nicht mehr, noch ist es unwirklich, als stünde er gleich wieder neben dir und würde seine Witze machen, über dein Auto das du fährst. Doch dann. Dann bekommt das Geschehene ein Bild. Dann hat das Geschehen einen Namen, während alle auf dich zukommen, mit Händen voller Mit,- und Beileid und Sachen wünschend die du nicht hören magst. Angst den Mann zu verlieren der vor dir hockt, tröstend deine Hand streichelt, immer wieder, die ganze Zeit, bis du ausgeweint hast, die Tränen der Übelkeit und des Schmerzes. Angst ihn zu verlieren. Und auch die Angst, ihn zu verlieren, durch einen Schmerz der dich von mal zu mal auffressen wird, weil du ihn nicht wirst haben können und das setzt dir zu. Wie lange wirst du diese Last tragen können? Du hast Angst ihn zu verlieren, nie wieder deine Zeit mit ihm verbringen zu dürfen. Du hast Angst, dass es niemals eine Chance für euch geben wird. Angst, dass eure gemeinsamen Tage gezählt sind. Und du ihn an irgendwen verlieren wirst, ohne ihm auch nur gesagt zu haben was du wirklich für ihn fühlst. Ab wann ist denn der richtige Zeitpunkt? Du willst ihn nicht überrollen, erst recht nicht, nach seiner Ansage, die mit dem >>Verlieb´dich nicht in mich!<< Und all das hin und her danach. Freundschaft? Ja, nein, vielleicht. Du hast Angst vor dem Erneuten Rückschlag, also bist du dankbar für jedes Mü von ihm. Wenn es auch nur Freundschaft heißt. Du kannst dir nicht mehr vorstellen, wie es war, als du ihn noch nicht gekannt hast. Du kannst dir nicht mehr vorstellen, wie es war, als er noch nicht da war für dich, wenn du Schutz brauchtest, wenn du Trost suchtest. Und auch bekamst, durch ihn, den Fotografen. Er gibt dir so viel. >>Soll ich bleiben?<< Fragt er dich. >>Bei dir?<< Tränen laufen weiter, haben sie schon mal aufgehört zu tropfen? >>Jäh, nein, ja, ich weeiß niiicht…<< Du schluchzt hemmunglos, während er weiterhin deine Hand streichelt. Sanft, beruhigend. Unter Tränen blickst du ihn an. >>Kannst du doch hier bleiben? Bitte?<< Eine Träne platscht laut auf deinem Laminat auf und hinterlässt eine salzige Pfütze der Hoffnung. Hoffnung auf ein bisschen Friede in dir drin, wenn auch nur für den einen Moment, dessen Minuten gezählt sind. >>Ich geh nur schnell ins Bad. Bin gleich wieder bei dir. Brauchst du etwas? Kann ich dir was bringen?<< Du bist ihm so dankbar. Nicht enden wollende Tränen durchtränken dein Kopfkissen. Gleich darauf legt er sich zu dir. Er deckt sich zu und streichelt deine Hand, deinen Arm, dich. Du liegst auf dem Rücken, doch du spürst seinen Blick. Dir ist so schlecht. Du windest dich im Bett, möchtest so gern sterben, der Qual ein Ende bereiten. Dann drehst du dich zu ihm. Ihr blickt euch an. Er streichelt weiterhin deine Hand, dann über dein Haar. Neben dem Gefühl der Qual erscheint ein neues Gefühl, eines der Dankbarkeit und Glück. Glück ihn gerade jetzt bei dir zu wissen. Glück ihm begegnet zu sein, auch wenn er dir niemals das entgegenbringen kann was du für ihn empfindest. Er tut dir so gut jetzt gerade. Und für den Moment ergeht es dir etwas besser, doch dann drängt sich das Loch wieder zwischen euch, mit aller Macht und du könntest kotzen, dass das gähnende Schwarze eure Nähe zermürbt. Du stehst auf und hin zum Bad und da bleibst du obwohl keine der elenden Bastarde deinen Körper verlassen wollen. Als du wieder zu ihm ins Bett gehst, dich neben ihn legst, nimmt er dich zur Brust, ganz sanft und streichelt deinen Kopf, dein Haar, deine Hand. So aber kannst du nicht verharren, alles in dir drückt und windet sich. >>Es kann sein, dass ich dann bald einschlafe.<< Flüstert er. >>Okay.<< Flüsterst du zurück. >>Danke.<< Doch er winkt ab.

In der Nacht, bestehend nur noch aus 4 Stunden findest du keine Ruhe, keinen Schlaf. Als dein Wecker klingelt stehst du gequält aus dem Bett auf und machst dich fertig für die Arbeit. Du hinterlegst dem Fotografen wie abgesprochen deinen Zweitschlüssel. Der soll dann einfach im Briefkasten liegen, wenn du von der Arbeit kommst. In deiner Wohnung schaut es aus, als hätte da was gewütet. Abwasch, Deko, Geschirr, SilvesterKram. Zeug. Du schreibst einen Zettel für ihn.

>>Danke für alles! Wenn du magst frühstücke ruhig noch. Schlaf aus wenn du möchtest, bleib so lange du magst. Danke, dass du da geblieben bist.<<

Daneben legst du die Schokobons, du hast sie mit einer selbstgemachten Schleife umwickelt. Neben die Sachen legst du den Zweitschlüssel. Leise fällt hinter dir die Tür ins Schloss.

 

©Netti

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22 Gedanken zu “Frohes Neues? Hauptsache gesund! (1/2)

  1. Hab ein Tränchen mit dir verdrückt… gut dass es bei dir war.
    Es klingt schon ein wenig so, als hätte er auch Gefühle für dich… So gut wie ihr euch versteht und so selbstverständlich wie er dich auffängt… ich finde es gut, dass er nichts versucht hat in dieser Nacht, das wäre fehl am Platz gewesen… aber wer weiß wie sich das weiter entwickelt und wenn es dir wieder besser geht… Ich würde es dir von Herzen wünschen. Fühl dich aus der Ferne gedrückt

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  2. scheiße, hab so sehr gehofft dass noch dieser eine Satz kommt, nur dieser eine kleine beschissene Satz wo du schreibst dass er dich geküsst hat, nicht aus Freundschaft.. aber krass dass er an Silvester an deiner Seite war und dich auffangen konnte. Schmerz und gleichzeitig Glücklichsein, damit muss man erstmal klarkommen, ich kann dich gut verstehen..

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    1. Ja, irgendwie schon. Ich bin froh dass er nicht versucht hat mich zu küssen in dem Moment. Dazu wäre ich gar nicht in der Lage gewesen. Wohl auch emotional nicht. Da war zu vieles in meinem Hirn, was mich platt gemacht hat.

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  3. Ich kenn ja nicht den ganzen Hintergrund, hab bisher nicht alle Beiträge lesen können. Ich sag mal, ich steig jetzt einfach mal mit ein. Klingt auf jeden Fall schon mal… naaaaah. Klingt wie ein Buch, bei dem man sich die ganze Zeit aufregt, dass da nicht mehr passiert.

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