Finstersumpf *

Eines schönen sonnigen Tages erwacht ein großer, schlanker Mann auf einer unendlichen Wiese. In weiter Ferne erstrecken sich knorrige Bäume in die Höhe und werfen unheimliche Schatten. Wälder so finster wie die Nacht. Der Mann hat Hoffnung auf schöne Motive und macht sich sogleich auf den Weg, um seinen Hals trägt er seine geliebte Spiegelreflexkamera. Er läuft also los und schaut nicht links noch rechts, bis er auf einmal ein Wimmern hört. Er blickt um sich, doch sehen kann er nichts. Er läuft also weiter, lässt sich nicht abbringen, denn er hat ein Ziel. Er möchte den Finstersumpf in all seinen Facetten auf seiner Speicherkarte haben. Bald schon wird es dunkel werden. Er kommt an einer großen Holzhütte vorbei, die Bretter sind morsch und an den Seiten der Hütte klettert Efeu empor. Die Glasscheiben stecken zersplittert im Rahmen, wie spitze Zähne in dunklen Höhlen. Wieder vernimmt er ein Wimmern. Plötzlich sieht er vor sich ein junges Mädchen in einem weißen, flatternden Gewand. Ihr Haar schimmert golden im Licht. Das Mädchen weint blutige Tränen der Sehnsucht und des Verlangens. „Hilf mir!“, wimmert es. „Bitte! Du musst mir helfen! Ich habe mich verloren. Finde mich! Bitte hilf mir!“ Doch der junge Mann kann damit nichts anfangen und ignoriert sie. Er will schließlich seine Fotos haben und dann nichts wie weg von hier. Er läuft weiter durch das inzwischen Meter hohe Gras, vorbei an felsigem Gestein und einem bunten Blumenmeer, es wird düsterer und die Kälte klafft sich klammheimlich an ihn dran. Seufzend kämpft er sich durch wirres Gestrüpp, dessen Arme spitze Dornen tragen. Dann endlich erblickt er Finstersumpf. Unheimlich streckt sich der Sumpf  vor ihm nieder. Er zückt seine Kamera und fotografiert was seine Augen sehen, fasziniert von solch düsterer Ausstrahlung. Seine Beine stapfen durch blubberndes Wasser, schmutzig und stinkend. In der Ferne verabschiedet sich die Sonne zwischen den Bäumen. Rotgolden verfärbt sie sich in ein höhnisch schreiendes Grau. Immer wieder drückt er den Auslöser, kann einfach nicht genug bekommen. All seine Werke möchte er später auf seiner Speicherkarte wiederfinden, dann kann er jedes einzelne Foto mit seinem Bearbeitungsprogramm bearbeiten und abspeichern. Seine Beine tragen ihn durch die Schwere des Sumpfloches. Der Fotograf passt für einen Moment nicht auf und gerät mit seinem Bein tiefer in den Sumpf hinein, es greift nach dem zweiten Bein und zieht und zerrt. Plötzlich ist es wieder da. Das Wimmern frisst sich in sein Hirn. Vor seinen Augen dieses Mädchen von der Hütte. Wie ist das möglich? Der Fotograf ist verwirrt. Ihre großen Augen blicken starr, so als sehen sie durch ihn hindurch, um etwas zu fixieren was sich hinter ihm befindet. Er dreht sich prüfend um. Doch- nichts. Er strampelt und möchte aus diesem Sumpf heraus, doch er wird nur tiefer hinab gezogen in das sumpfige Gewässer. „Mensch was heulst du denn? Hilf mir mal lieber hier heraus!“, schreit er erbost. Das Mädchen blickt ihn mit schrägem Kopf an, sie steht ihm direkt gegenüber, doch trotz dass auch sie im Sumpf steht, scheint sie nicht mit dem Sog der Tiefe zu kämpfen. Ihre Kleidung ist unberührt, kein Schmutz befindet sich auf ihrem elfengleichen Gewand. Ihre Augen glühen rot auf. „Kennst du Karma?“, spricht es zu ihm. „Es kriegt dich!“ Sie entwendet dem zu Tode erschrockenen Mann die Kamera und sieht zu wie der Sog ihn immer tiefer hinab zieht in das Dunkel des Finstersumpfes, bis es ihm bei lebendigem Leibe verschlingt. Es hat ihn mit sich gerissen. Das Mädchen weint eine Träne des Abschieds und wartet den passenden Moment der Perfektion ab. Als seine Hand, wie zum Abschied eines Grußes, aus dem Sumpf herausschießt, drückt sie den Auslöser und für einen kurzen Moment erscheint der Wald in einem gespenstischen Licht. Mit einem letzten Blubbern ist auch seine Hand komplett verschwunden. Im Sumpf der unbarmherzigen Egoisten. 

©Netti

*frei erfunden

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12 Gedanken zu “Finstersumpf *

  1. wer flattert im wind,das gewand oder das mädchen :O ^^ & die hat diese show doch nur fix abgezogen,damit sie sich die kamera krallen kann!, was ein bösartiges biest!!!!

    ma im ernst,liest sich sehr schön,für meinen geschmack zwar noch viel zu human,aber lässt sich schön lesen 🙂 !!!

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    1. 😊 das Gewand und die Zotteln natürlich. Erwähnte ich das nicht? 😜 Vielen Dank, freut mich wenn es sich schön lesen lässt. Human? Was denn hätte das Mädchen ihn auffressen sollen? Etwas zu blutig, macht mehr Dreck als Freude. 😀 Hey wie soll das Mädel denn sonst an die Kamera kommen??😂

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      1. viel zu human :D,neee aufessen nicht umbedingt,aber vielleicht seinen kopf ins moor drücken,sodass er keine luft mehr bekommt,und dann wieder hochziehen. ^_^ sowas würde ich lustig finden.

        na vielleicht mal lieb fragen ^^?

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