Im Fokus des Nichtbegreifens. *

Menschen bewegen sich hektisch um dich herum. Eine Mutter schreit ihr Kind an, weil es nicht hört. Quengelnd reißt es eine Schokolade nach der Anderen aus den Regalen. Eine Flasche Sekt zerknallt in 1000 Scherben auf dem dreckigen Fliesenboden. Kein Mensch kümmert sich darum. Alle laufen achtlos daran vorüber. Du schiebst deinen Einkaufswagen lustlos durch die Regale der FressFiliale. Eigentlich lohnt es nicht, für sich selbst einzukaufen und zu kochen, nur für sich alleine. Warum Essen, wenn der Magen nichts aufnehmen kann? Wieso Mahlzeiten zubereiten, wenn allein der Geruch in dir ein Gefühl des Würgens hervorruft? Dein Herz klopft bis zum Hals und du fragst dich, ob es schlimmer werden kann. Ist es möglich dass ein Herz von zu vielen Schlägen, durch die Brust preschen kann? Ein unsichtbarer Stacheldraht legt sich um deine Kehle. Einmal komplett herum. Und mit jedem starken Herzstoß bohren sich die Spitzen des Drahtes immer tiefer hinein in die Haut des zarten Halses. Plötzlich weißt du dass es immer schlimmer geht. Die Menschen um dich herum lösen sich beinahe in Luft auf. Verschwommene Gestalten schwirren durch die Gänge. Verzerrt und verzogen. Deine Augen fokussieren einen Mann, den du bis gerade eben noch dein Eigen nanntest. So zumindest kommt es dir vor. Die Trennung, welche gerade mal eine Woche zurück liegt. Kurt. Dir ist als springen die Fliesen unter dir auf. Ein Riss bildet sich nach dem Anderen und der Boden beginnt zu beben. In Kurt seinen Armen eine große, modisch gekleidete Blondine mit WalleWalle Haar. Sie kuschelt sich an ihn ran und gibt ihm einen Kuss auf die Wange. Kurt lächelt liebevoll.

Durch deine Adern pumpt Unverständnis, Verletzung, Schmerz, und Hass auf diese Schnepfe die so anders ist als du. Du fühlst dich alleine und verloren, am liebsten möchtest du dich in Luft auflösen, verschwinden, einfach nicht mehr sein. Stattdessen musst du in dieses Elend blicken, in den Schmerz den du am ganzen Körper durchleiden musst. Die Hülle deines Ich’s, das Etwas, was noch über ist von dir, streift durch den endlos wirkenden Gang. Im Vorbeigehen erfasst du eine Glasflasche, die Größte von allen, deren Inhalt eine flüssige, rote Substanz enthält. Auf der Flasche prangt das Bild einer Tomate. Du schüttelst. Schüttelst und schüttelst, kräftig, und aggressiv. Bis es dir vorkommt als entwickelt deine Hand ein eigenes Leben. Das Paar steht mit dem Rücken zu dir, somit wappnest du dich auf das was dir bevorsteht. Deine Hände fummeln an dem Schraubverschluss und mit einem leisen PLOPP öffnet sich der Deckel der Ketchupflasche. „Ey! Du hast da was, das mir gehört! Mädchen!“ Kurt und das Mädchen schauen dich an. Tränen der Ungläubigkeit verschleiern wässrig deinen Blick. Sein Gesicht wirkt hart, der Unterkiefer angespannt. In seinen Augen der blanke Hass. Das Mädchen blickt hochnäsig auf dich herab. Deine strähnigen Haare hängen dir fettig ins Gesicht. Mausgrau fühlst du dich in deiner Jeans, um Längen zu groß. Dein Körper wirkt mager und knochig. Noch bevor das Mädchen realisieren kann was geschehen wird, schüttest du ihr den Inhalt der Flasche in ihr perfektes Gesicht, mit ihren perfekten Haaren auf ihrer perfekten Kleidung. Die Masse macht ein schmatzendes Geräusch während es sich auf ihrem Gesicht verteilt, bis in ihr Haar, auf ihre Kleidung spritzend und tropfend. Rot. Knallig. Du schüttest so lange, bis sie leer ist, die Flasche mit der roten Tomate. Du legst deinen Kopf schief und bleibst einseitig grinsend vor ihr stehen, beide Arme hängen an deinem Körper herab. Nachdem das Mädchen sich aus ihrer Schockstarre befreit, öffnet sie den Mund. Ein gellender Schrei verlässt ihre vollen Lippen. Sie sieht aus wie ein abgeschlachtetes Schwein, während nur noch ihre Hülle durch den letzten Rest Würde zu überleben scheint. Über ihr Gesicht laufen Rinnsaale von klebriger Demut und das blanke Entsetzen. Ohne ein weiteres Wort drehst du dich um und läufst schlürfend durch die Gänge. Dein Wagen mit deinem Einkauf bestehend aus Wein und Schokolade, Eis und Taschentücher, Pflaster und Beruhigungspillen, steht mitten im Weg. Einsam. Verlassen. Du läufst daran vorbei, beachtest die Menschen nicht, deren wirre, entsetzte Blicke dich streifen. Du verlässt diesen Laden. So, als wäre einfach nichts geschehen.

  

*frei erfunden

©Netti

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8 Gedanken zu “Im Fokus des Nichtbegreifens. *

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