The Double

  

Zur moralischen Unterstützung begleitet dich dein bester Kumpel zum Venenspezialisten, denn schon wieder musst du da antanzen zum Nachspritzen, hoffentlich das letzte Mal. Als du ins Behandlungszimmer kommst musst du dich frei machen und wartend auf der Liege liegen, bis dass der Arzt endlich erscheint um mit der Behandlung zu beginnen. Du hast panische Angst vor Spritzen, Nadeln im Allgemeinen. Also ringst du mit dir und der Angst die in dir wächst, die Beruhigungsglobuli verfehlen ihre Wirkung. Die Zeit schreitet voran, es vergehen Sekunden und Minuten, die du frierend und halbnackt auf der Liege verbringst, es kommt dir vor wie Stunden, du glaubst schon dass man dich vergessen hat, dabei möchtest du es einfach nur hinter dir haben. Nach einer halben Stunde endlich erscheint der Arzt und es ist dir unangenehm so in Schlüppi vor ihm zu liegen, das letzte Mal hattest du wenigstens noch einen Überzieher von der Schwester bekommen, doch nun hast du nichts was dich verdeckt. Der Arzt sieht dir deine Panik an und wirkt verwundert, es kommt dir vor als belächelt er dich, denn meine Güte, es sind doch nur ein paar Piekser, das ist doch nichts. 

Du erinnerst die Operation als du in grünem Kittel auf dem OP Tisch lagst, ohne Narkose ohne Leck-mich-am-Arsch Pillen, ganz allein nur mit dir und deiner Angst, die dich beinahe auffraß. Du hast alles gespürt, denn auch die Betäubung verfehlte die Wirkung und du lagst da und bekamst keine Luft, hattest das Gefühl zu ersticken. Diese Schwere auf deiner Brust, die dir die Luft zum Atmen nahm, mit jedem Stich in der Leiste den du spürtest. Es kam dir vor als zöge man deine Venen mit bloßen Händen heraus, dein Kopf der beinahe zu zerplatzen drohte. Du schnapptest nach Luft, wie ein Fisch kurz vorm Ertrinken. Die Schwester bemerkte deine Hyperventilation, fragte den Arzt ob sie dich an den EKG hängen sollten, doch der Arzt winkte ab: >>Das geht schon gleich wieder.<<

Nach der heutigen Behandlung bist du erleichtert und stolz auf dich, denn dieses Mal hast du nicht geweint, diesmal hast du keine Tränen des körperlichen Schmerzes vergossen. Du spazierst mit deinem Kumpel durch die Stadt, du hast vor dich mit einem Buch zu belohnen. Im Hugendubel könntest du Wochen verbringen. In deiner Tüte befinden sich dann doch zwei Bücher. Du hast schließlich nicht geweint! Dein Kumpel redet viel, heute, er bekommt den Mund kaum zu, was schwierig zu ertragen ist, denn schon wieder hast du böse Kopfschmerzen. Du wünschst dir einfach nur Ruhe, Stille für einen Moment. Ihr schlendert noch gemütlich durch den Media Markt, vielleicht gibt es ja noch eine CD für ihn. An der Information steht der Fotograf. Dein Herzl rutscht dir beinahe in die Hose, am liebsten möchtest du sterben. Jetzt. Gleich hier, auf der Stelle. Du schaust noch einmal hin, genauer diesmal, und dir wird bewusst, dass es nicht der Fotograf ist, dafür ist dieser Herr etwas zu füllig, ganz leicht nur, minimal. Dennoch schaut er ihm zum Verwechseln ähnlich und du drehst dich immer wieder um, denn vielleicht ist er es ja doch, so genau hast du ihm bei seinem letzten „Besuch“ ja gar nicht betrachten können. Er sieht ihm so ähnlich! Es sind sozusagen seine Züge, seine Größe, der Blick, die Brille, die versteckte Arroganz, der leichte Bart, nur die Haare sind etwas länger, von der Struktur her jedoch absolut identisch. Du bist verblüfft und gleichzeitig wütend, wie er es wagen kann, wie dieser Typ es wagen kann ihm so ähnlich zu sein!? Wo der Fotograf doch einmalig ist. Wie kann er es wagen sich nun wieder in dein Denken, Empfinden und Handeln zu schleichen!? Du siehst ihn, den Fotografen, obwohl du ihn nicht siehst, weil er nicht da ist. Und doch ist er wieder present, ohne dass du es auch nur beeinflussen kannst, denn dein Unterbewusstsein ist dabei dir einen Streich zu spielen, dich hereinzulegen und dir höhnisch lachend die Zunge heraus zu strecken. 

Ihr schlendert zurück zur Haltestelle und alles erinnert dich an ihn, den Fotografen. Da ist das Restaurant indem ihr Essen ward, zu eurem 1.Date. Ihr steht dort, wo er dich verabschiedet hat, mit einer Umarmung, auf ein nächstes Mal hoffend. An der freien Stelle kurz vor der Haltestelle recktest du deinen Kopf nach oben, Schneeflocken rieselten auf dich nieder. Du freutest dich über den Schnee, für ihn, denn er mochte Schnee. 

Ihr fahrt mit der Bahn bis zu dir und ihr steigt aus, als ihr euer Ziel erreicht. Zu Fuß lauft ihr ein paar Meter bis zu deiner Wohnung. Ihr kommt an der Stelle vorbei, an der du die Kontrolle über deine Körperhaltung verlorst. Die Stelle, an der Euer Rad-Unfall war. Von ihm den Fotografen, und dir. Du lagst auf dem Asphalt, seine Hände hielten schützend deinen Kopf umschlungen. 

Dein Kumpel neben dir erzählt dir ganze Anekdoten, doch du kannst ihm gerade einfach nicht folgen, dabei bist du ihm so dankbar dass er dich begleitet hat. 

In deiner Wohnung macht ihr euch noch einen gammligen Tag, einfach Füße hoch, du bist kaputt. Ihr schaut fern und du versuchst einfach nur abzuschalten und dich berieseln zu lassen, von dem Müll der da läuft. Gegen Abend verabschiedet er sich und du bist doch irgendwie froh, als die Tür hinter ihm schließt, gleichzeitig aber hasst du dich für dieses Empfinden.

Wenn du den Fotografen gesehen hattest, wolltest du nie das er geht, du wolltest dass er bleibt, am Liebsten für immer.

©Netti

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