Lost

Es fängt bereits an zu dämmern, langsam fährt das Auto über holperige Schotterwege. Der Fahrer des Autos wirkt verwaschen, du hast keine Ahnung, wer das Steuer lenkt. Doch es interessiert dich auch nicht, deine Aufmerksamkeit gilt dem, was gleich kommen wird. Das Auto erreicht die Stadt, in der du damals während deiner Ausbildung lebtest. Was du nun siehst erschreckt dich zutiefst. Als ihr das Ortsschild erreicht, flimmern Bilder des Grauens auf, die einst so überfüllte Kleinstadt ist nur noch eine Ruine ihrer Selbst, alles halb abgebrannt, zerfallen, tot. Überall nur Schutt. Vereinzelt laufen ein paar Menschen durch leere Straßen, jegliche Lebensfreude scheint sich aus den Körpern gesogen zu haben. Da ist der Marktplatz, welcher nur noch schemenhaft als solcher anzuerkennen ist, das Freibad, welches nur noch eine gähnende Leere hinterlässt, ein tiefes Loch, verlassen und leer. Die Rutsche hängt zerbröckelt in ihren Angeln, das Gras überwuchert die Treppen, die einst den Weg ins kühle Nass ebneten. Efeu rankt an den Säulen der Umkleidekabinen empor. Die Türen morsch und halb zerfallen. Deine Augen werden immer größer, Unbegreifen spiegelt sich darin wieder. Als ihr an dem rießigen Gebäude ankommt, welches damals noch dein Zuhause war, laufen dir die Tränen. Kaum noch etwas ist davon übrig geblieben. Eine Treppe führt ins Nichts hinauf, darumherum nur Schuttberge, das Objekt zerstört bis zur Unkenntlichkeit. Der Weg führt euch bis zu deiner Zweitwohnung, das Gebäude, wo du dich die größte Zeit aufhieltest. Das Haus, welches deine Familie enthielt. Du schaust auf das Hoteleingangsschild, der Name verblasst, die Buchstaben kaum noch leserlich. Zerplittertes Glas. Fetzen der Verwesung umgeben den Parkplatz. Wo du auch hinblickst herrscht verschluckende Schwärze. Da drüben! Du siehst zwei Menschen vor euch laufen. Du sprichst sie an, doch sie schauen nur verständnislos zurück. Du möchtest jetzt wissen, was hier geschehen ist. Du redest auf sie ein, ohne eine Antwort zu erhalten. Was ist mit dieser Stadt passiert? Niemand versteht dich, keiner spricht deine Sprache. Verzweiflung macht sich in dir breit.


 

…Die Erinnerung an all die Träume die diese Stadt beinhalten, an das Haus indem du deine Lehre abgeschlossen hast, ist noch immer greifbar. Ständig umgibt dich diese Frage: „Warum lässt dich dieser Ort nicht los!?“ Innerlich weißt du, dass du zurückkehren musst, du weißt die ganze Zeit über, dass du diese Lücken füllen musst, doch es gab Dinge, die ließen all das in Vergessenheit geraten, es wurde verdrängt und nicht für wichtig erachtet. Da gab es Dinge, die dich auf den Boden pressten, weil dir etwas genommen wurde, was du liebst, und weil das nicht reichte, brach der Himmel über dir zusammen, er weinte, als zum Zweiten Mal dein Herz zerissen wurde, man stahl dir eine Person, derer du dein Herz schenktest. Welche Bedeutung hat dann schon ein nichtiges Hotel, indas du all deine damalige Kraft und Energie stecktest!? Welche Bedeutung hat dann schon diese Stadt, mit dem wunderschönen klang, diese Kleinstadt, die du liebtest, sie war so gemütlich für dich, du fühltest dich wohl. Welche Bedeutung kannst du dem schon beimessen, wenn sich mit einem Schlag alles nur noch nichtig anfühlt, so völlig ohne Sinn…Du lebst vor dich hin. Doch dann kommt der Tag, an dem etwas in dein Bewusstsein dringt, und du erinnerst dich. Dir fällt wieder ein, dass da noch was war, was du doch so dringend wolltest.. die Lücke in deinem Kopf, die Träume, die immer Wiederkehren.. Du schnappst dir deinen Laptop und tippst in das Suchfeld den Namen des Hotels ein. Sofort öffnen sich einige Informationsseiten, auch die Seiten der Hotelportale springen dir ins Auge. Du klickst auf eines wie Trivago und öffnest das gesuchte Hotel. Deine Familie. Du siehst einen traurigen Smiley, er leuchtet rot. Keine Preisangaben stehen im Vergleich zur Verfügung, die Stelle ist frei und weiß erhellt. Wo ist die schwarze Schrift? Wo sind die Preisvorschläge!? Du bist verärgert über dieses doofe Portal und tippst direkt die Homepage des Hotels ein, dann kannst du sofort mit deinem ehemaligen Kollegen sprechen, du hast ihn so lange nicht gehört, das wird ein Spaß. Dann kannst du dich gleich nach den Preisen und Auslastungen erkundigen, vielleicht bekommst du ja Rabatt und kannst schon ein Zimmer buchen, du möchtest deinen Kumpel mitnehmen, ein Kumpel, zudem nur noch sporadisch Kontakt besteht. Dein 1. Freund, kennengelernt im Hotel, ein Kochkollege, zeitgleich dein bester Freund, deine Familie. Du möchtest zusammen mit ihm ein Zimmer reservieren und mit dem Ort abschließen, dich verabschieden. In deinem Kopf läuft dein eigener Film, ein Film, der sich so echt anfühlt…

Du läufst mit ihm durch das so große Objekt, hier habt ihr so viel erlebt, so viel durchgemacht.. Eure Füße gleiten über den mittlerweile leicht ranzigen Teppichboden, es schaut aus wie immer, nur dass man die bereits verstrichene Zeit an dem Mobiliar, ablesen kann, man kann erkennen wie die Zeit das Leben aus den Wänden saugt. Risse lassen sich auf der Tapete erkennen, verblichene Gardinen hängen vor sich hin, Türen quietschen und knarren beim Öffnen. Das rießige Foyer mit dem Selben Kronleuchter, nur dass er nicht mehr im schillerndsten Glanz erstrahlt, matt brennen nur noch vereinzelte Birnen. Die Rezeption weist lange Jahre des Gebrauches auf. Gäste welche mit Koffern an der Rückwand entlangschabten. Du siehst den Kollegen hinter der Rezeption vor dir stehen, neben dir dein damaliger 1.Freund, du erkennst ihn sofort wieder, auch wenn er nicht mehr ganz so schlank ist. Als ihr euch kurz in den Armen liegt umgibt dich sein Duft, der Duft deiner Familie. Der Selbe Duft wie einst. Er war so viel für dich. Tränen der Erinnerung brennen sich kurzzeitig in dein Gedächtnis. Schon steht ihr in dem Restaurant, die einzelnen Tagungsräume hebt ihr euch für später auf…, ein großer Raum, Erinnerungen umschweben euch wie kleine viel zu schnelle Sternschnuppen. Gleich an das Restaurant grenzt eine Terasse, die im Sommer immer gut besucht war. Als ihr staunend am Pass der Küche ankommt bekommt dein Kumpel große Augen. Er flitzt schnell hinein in die Küche, während du am Pass stehen bleibst, es wirkt als stündet ihr erst gestern hier, du vor dem Pass und er in der Küche direkt dahinter…..

Er funkelte dich bitterböse an mit seinen dunkelbraunen, fast schwarzen Augen, die Wut fraß sich bis in dein Herz. Du wusstest du hast da was ganz schön dummes gemacht, soetwas macht man nicht, Mädchen, aber er konnte dir keinen Vorwurf machen, ihr ward schließlich kein Paar mehr, es war seine Entscheidung, nicht deine. Er schrie dich an, brüllte beinahe, weil das Fressen was du rausbringen solltest sonst kalt würde, die Gäste würden sich beschweren. Das ließt du nicht auf dir sitzen und zum ersten Mal brülltest du zurück, du erschrakst fast vor dir Selbst, gut gebrüllt Löwe. Er wurde ruhig und er schaute erschrocken und auch dir saß der Schreck tief in den Gliedern, so nicht, mein Freund, SO nicht! Um euch herum war es plötzlich still, so still, totenstill, in der Küche hielt plötzlich jeder in seiner Bewegung inne, alle hörten auf zu schneiden, keiner schrie den Anderen an, das Wasser rauschte plötzlich leiser, selbst der Küchenchef verstummte. Die Kellnerkolleginnen, welche sonst nur von A nach B flitzten, schienen zu vergessen, dass es da draußen Gäste gab, deren hungrige Mägen im Dauerbrummeln ein Kanon stimmten. Du schnapptest dir deine drei Teller, mit vor Wut so roter Birne wie die Tomate, welche als Garnitur des Gerichtes diente, und gingst langsam und gemächlich durch diese blöde Schwingtür, nicht darauf Acht gebend ob irgendein Idiot dir folgte……..

Ein Schmunzeln umgibt dich, während du dem Film auf deiner inneren Leinwand folgst. Als du die Hompage des Hotels im Suchfeld eintippst und auf Enter drückst hältst du kurz die Luft an, du bist so aufgeregt. Doch dann ein weißer Bildschirm, oben links eine Schrift, welche du zwar liest, aber nicht begreifst, du verstehst jetzt echt nicht was da geschrieben steht. Du wiederholst den überflüssigen Vorgang und tippst erneut auf Enter, doch auch diesmal blendet dich das grelle weiß der Seite, nur die schwarze Schrift im linken Feld auf obiger Seite erscheint in kleinen Lettern, so klein, dass man meinen könnte diese Schrift möchte da nicht stehen. Deine Augen füllen sich mit Tränen, während ein vereinzelter Tropfen auf deine Hand perlt.

404 Not found!

Deine Recherche besagt, dass das Haus, mit all den Leuten welche einst deine Familie waren nun geschlossen wurde, es existiert nun nur noch als Flüchtlingslager, all die Leute sitzen nun ihre Ärsche auf den Betten breit, die du einst schütteln musstest, all die Leute nutzen nun eine heiße Dusche aus deren Abfluss du damals unter ständiger Beobachtung und lautem Gebrüll langes Schamhaar herauspulen musstest.

Fick dich Traum! Zeig dich mir das nächste Mal gefälligst deutlicher!

 

 

 

 

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10 Gedanken zu “Lost

  1. Shit, das war packend! Keine leichte Kost beim Frühstücken.. Du verstehst es einfach den Leser in deine Texte hineinzuziehen und das auf eine sehr bedrückende Art und Weise; man scheint dir richtig nah zu kommen dabei. Und auch wenn es bedrückend für mich ist, ist es ein schöner, lebendiger Text!
    Liebe Grüße und hab ein schönes Wochenende 😘

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    1. Herzlichen Dank mein lieber Jim! Ich hab dich hier schon vermisst!!!😔 Aber schön dich wieder hier zu wissen, und zu lesen, besonders das! Deine Meinung, dein Feedback einfach deine herzlichen, ehrlichen, ernst gemeinten Kommentare und Worte bedeuten mir so viel! Sie sind eine Bereicherung und ich freu mich wenn ich packen und mitreißen kann, so sehr! Doch hoffe ich dass die Bedrückung dich in einer angenehmen Art und Weise erreicht. 🙂 Ich drück dich herzlich und auch die ein ganz zauberhaftes Wochenende!!😘

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      1. Ich weiß, ich bin ein schlechter Blogleser, habe nur gerade so fantastische Bücher, von denen ich nicht loskomme, da kommt das Lesen von meinen eigentlichen Lieblingsblogs viel zu kurz!
        Wie schön du meine Worte aufnimmst, das finde ich echt wahnsinnig gut von dir :-* Ist auch alles so gemeint, wie es da steht 🙂

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      1. Ja vielleicht. 😉 Es ist eigentlich nur ein Traum gewesen, der zu Oberst bei „Lost“ das andere war eine Vorstellung verknüpft mit einer Erinnerung.. 😉

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