Pull out the gun.

Uropi Kurt! Du warst ’ne verdammt coole Socke. All den Blödsinn hast du mich gelehrt, so jung war ich noch. Wir spielten auf dem rießigen Hof verstecken und du erschrecktest mich mit toten Hasenfüßen. Als du die Kaninchen geschlachtet hast, die du selber züchtetest bin ich schreiend davongerannt, habe tagelang geweint. Da war mein Lieblingskaninchen dabei! Mit dem habe ich geschmust und gespielt, es hatte sogar einen Namen! Dein lautes, polterndes Lachen schallte über den Dreiseitenhof. Als du die Hasen nicht mehr ersehen konntest, mussten die Hühner dran glauben, die in deinem Garten hin und herflitzten und alles vollkackten. Das war eklig, man wusste nie wo man hintreten sollte, vor lauter Kacke! Und dann kamst du daher mit deinem Hackebeil, kanntest keine Schmerzensgrenze, die armen Hühner, dachte ich mir, in meinem Kinderhirn. Du lachtest und holtest aus mit dem Beil, die Hühnerlaute der Todesangst werde ich meines Lebtags nie vergessen, panisches Gebrüll. Zum Schluss war Ruhe und der Kopf des Huhns kullerte durch den halben Garten, blieb irgendwann zwischen all der Scheiße liegen. Wenigstens konnte das Tier nichts mehr riechen, sofern die Viecher überhaupt riechen können, sonst wäre es spätestens dann gestorben. Ich erinnere mich, dass die Unterteile vom Körper noch immer gezuckt und gewackelt haben, das Unterteil ist noch kurz hin und her gesaust, auch ohne Kopf, das fand ich gruselig und konnte nicht verstehen wie soetwas funktionieren kann. Auch da rannte ich schreiend und heulend davon, aber geschmeckt hat es dann trotzdem, das Huhn! Mich wundert es, dass ich heute davon keine Albträume habe, so sehr gruselt es mich erneut, wenn ich nur daran denke.

Weniger gruselig allerdings waren deine spannenden, actionreichen Waffenlehrstunden. Du hattest ein mega cooles Luftgewehr, das war so schwer! Konnte ich es doch kaum tragen, mit meinem so zierlichen Körper. In einer kleinen alten Dose lagen die Patronen, Stahl-Rundkugeln oder so. Die waren klein und sahen aus wie ein winziges Hütchen aus dem Mensch-Ärgere-dich-nicht Spiel. Du zeigtest wie man das Gewehr aufludt und entsicherte, und du ließt mich das auch mal probieren. An der Scheunenwand hast du irgendwas aufgehangen, was wir treffen konnten, eine Scheibe, oder ein Blechschild. Dann haben wir geschossen wie die Doofen, das war ziemlich laut. Ich glaube ich habe nie getroffen, sondern immer daneben geschossen, gefetzt hat es trotzdem. Du hast dabei zugesehen beim Schießen und dein so ansteckendes, freundliches Lachen gelacht. Ich wäre sicher ein guter Schütze geworden.

Dann gab es noch den Pfeil und Bogen, liebevoll hast du diese Waffe geschnitzt und sie dann überreicht. Wieder standen wir gemeinsam an dem Zielobjekt und ich durfte schießen. Das war auch sehr cool, aber nicht so cool wie das Gewehr, das Spannen des Bogens ging voll schwer, Muskeln hatte ich ja keine. Meist kam der Pfeil keine zwei Meter weit. Wenn überhaupt, er fiel dann einfach nach 1-2 Metern zu Boden, der Pfeil lachte höhnisch, und schallend, aber es war nicht der Pfeil, sondern du, Opi Kurt, nur dass dein Lachen nicht höhnisch, sondern so wundervoll herzlich und fröhlich war.

Wir sind auch immer in den Wald gefahren, bei uns im Dorf, also du bist gefahren, und das eine Mal, da war der Wagen vollgelade, meine Schwester und meine jüngere Cousine saßen mit drin, und du hast meine Schwester das erste Mal Auto fahren lassen, sie hat immerzu abgewürgt und das Auto kam aus dem Ruckeln nicht mehr heraus, das war ein Spaß! Wir hatten so gelacht! Dann haben wir alle Pilze gesucht, du kanntest dich mit allen Sorten aus. Pilze suchen fand ich gut, aber essen nicht. Am Schlimmsten waren immer diese ekligen Schnecken auf dem Wegesrand, die, die so orange leuchten. Wenn es regnete krochen die überall rum, da habe ich immer geschrien und du hast nur dein Lachen gelacht. HAHAHA, machtest du, und es klingt mir noch heute im Ohr.

Du warst mein Lieblingsopi, du wurdest von allen gemocht. Ich fand immer du sahst aus wie eine männliche Elfe oder ein Gnom, zumindest dein eines Ohr erinnerte daran, es verlief nach oben hin spitz, das hat mich fasziniert. Irgendwann hab ich gefragt was das ist, warum das so anders ausschaut als das meine, und da berichtetest du von dem Krieg. Du hattest ein Stück vom Ohr im Krieg verloren. Das machte mir Angst und ab da an war ich nicht mehr fasziniert von deinem Ohr, sondern ich war traurig und fand das scheiße, dass einfach jemand an deinem Ohr rumgeschossen hat, so wie wir an der Scheunenwand mit dem Gewehr. Plötzlich verstand ich auch das Gewehr, und warum das da war, und dass es okay ist, dass man vielleicht so früh wie möglich lernen sollte, damit umzugehen. Man weiß ja nie…

Wir haben manchmal mit Geld gezockt, untereinander in der Familie beim 17+4 spielen, jedes Jahr zu Weihnachten und Silvester, das Geld schob sich hin und her und her und hin und am Ende hatte jeder wieder sein Geld, nur dass es das Geld des Tischnachbarn war, es war eine große Runde, 15 Mann an einem Tisch. Als du dann nicht mehr da warst wurde die Runde immer kleiner, bis sie sich ganz auflöste. Du hast ein großes Loch hinterlassen, Opi. Bei uns allen. Warst du doch der herzlichste Mensch den ich kannte. Und das mit den Kaninchen, und mit den Hühnern, Opi, das habe ich dir längst verziehen. Die schmecken halt einfach zu gut, das habe ich schon damals erkannt. Kaninchen ist mein Leibgericht, somit lebst auch du immer ein Stück in mir weiter.

©Netti

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4 Gedanken zu “Pull out the gun.

  1. Das kenne ich gut – bei mir war es mein Opa – Stallhasenköpfe in der Suppe, abgezogene Hasenfelle zum trocknen im Keller, die Fahrten mit dem Goggomobil Coupe… ich auf der Rücksitzbank. Der Durchschuss im Arm als Weltkriegsmitbringsel aus dem Balkan, den Stahlhelm hatte er dann immer auf der Baustelle auf… hat seinen Hof selbst neu gebaut, da der alte Hof im Sudetenland blieb…

    der war auch eine verdammt coole Socke – ist schon lange weg, aber deine Zeilen haben mich gerade wieder daran erinnert – Danke !!!

    meinem Kleinen bringe ich gerade das Luftgewehrschießen bei, und er hat ganz stolz den Stahlhelm seines Uropis auf dem Kopf… schade, dass er ihn nicht mehr erlebt hat…

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    1. Ach ist das schön!!! Es ist ganz wunderbar, wenn man den Liebsten solche Erinnerungen schenken kann, das ist etwas das bleibt für immer im Herzen, so lange bis das Gehirn aufhört zu arbeiten. Es ist so schön wie du dich dafür bedankst, das lesen zu dürfen und ich freu mich so mit den Texten Gedanken zum Kurbeln zu bringen, die Erinnerungen anzuregen und mit Gefühl und Herz zu bewegen. Ich danke somit d.i.r.!

      Gefällt 1 Person

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