Tag 1. Der mit der Visitenkarte. 1/2

„Entschuldigung!? Könnten Sie mir bitte die Kanne voll mit heißem Wasser machen!?“ Vor dir steht ein junger Mann, du schätzt ihn auf Anfang dreißig, und er schaut dich aus bittenden Augen an. Seine Stimme klingt tief und sehr angenehm, jedoch etwas verschnupft. Er lächelt gequält und doch zuckersüß. „Natürlich!“, gibst du zurück und entreißt ihm die Thermoskanne. Seine Nase leuchtet rot, sein Gesicht wirkt etwas aufgedunsen, was seiner Schönheit jedoch keinen Abbruch tut. Du betrachtest ihn kurz während er sich abwendet, und langsam zurück Richtung Frühstückszimmer trottet. Dein Blick folgt ihm, so lange bis du Nackenschmerzen bekommst, dein Hals ist nun mal doch nicht so lang wie der einer Giraffe, verdammt. Seine Haare dunkelblond, vielleicht auch normal blond, oder aschblond, du kennst dich mit Haarfarben nicht aus, kennst nicht einmal den Unterschied zwischen dunkelblond und hellbraun, bisher dachtest du immer das ist doch irgendwie das Selbe, oder Gleiche, na zumindest sehr, sehr ähnlich. Seine Augen recht dunkel, aber vielleicht macht das auch nur die Erkältung, welche einen Bazillusschleier auf der Regenbogenhaut hinterlassen hat. Das Wasser köchelt brodelnd vor sich hin, und es dauert. Aber das ist dir nur Recht, du willst dem eigentlich gar kein Wasser bringen, du willst dem überhaupt nichts bringen. Er sitzt an einem Vierertisch mit noch drei weiteren jungen Männern. Das hast du vorhin schon gesehen, als du Kaffee brachtest. Es ist dir einfach blöde, wenn junge Leute da sind, da musst du immer aufpassen, was du sagst, und wie du was sagst, obwohl du eh weißt dass das was du sagst am Ende sowieso doof ist und irgendwie peinlich, während dein Kopf dann hochrot anläuft. Du fühlst dich dann prinzipiell beobachtet, obwohl sich keiner um dich schert, du spürst Blicke und in deinen Ohren summen Töne der Lacher, welche mit einer Vibration in deiner Ohrmuschel nachhallen. Die Lachen dich bestimmt aus. Kein Wunder. Deine Arbeitskleidung ist ja auch der Brüller. Wirklich witzig, so zum Brüllen, zum Brüllen peinlich. Aber da stehst du ja drüber, über der Peinlichkeit, du lachst da nämlich einfach mit, so! Und beim nächsten Mal, da kann er sich dann einfach sein Wasser selber holen. Ha! Du bringst ihm jetzt also das Wasser, denn es hat endlich aufgehört zu köcheln und blubbern und schämst dich schon, obwohl du noch nichtmal in Sichtweite bist, aber hey, da stehst du ja drüber, denn die Kittelschürze die du trägst ist ja so saucool, die sind ja nur neidisch. Das Wasser stellst du behutsam vor ihm nieder, am Liebsten würdest du es draufknallen lassen mit einem RUMMS, denn dann würde denen das Lachen schon vergehen. Aaaaber der Kunde ist ja König, also lächelst du nett und der Kunde, also der Kranke, der lächelt nett zurück. Ein Geben und Nehmen ist das, mit dem Lächeln, du fragst ob alles okaaay ist und verdünnilisierst dich dann wieder. Endlich. Froh bist du, als du wieder in deiner Küche stehst, da geht dir wenigstens keiner aufs Schwein. Kurze Zeit später steht er da wieder, mit seiner albernen Kanne, etwas süß schaut das ja irgendwie schon aus, wie er da so deppert steht und auf Wasser hofft. „Wasser!?“, kommst du ihm zuvor und wieder entreißt du ihm die Kanne. „Immer wieder gern.“ Der Kranke lächelt. Du bemerkst einen Ziegenbart, nicht sehr lang, aber auch nicht sehr kurz, und du wunderst dich weshalb heutzutage jeder zweite so einen Ziegenbart trägt. So richtig schön ist das ja nicht, aber naja, nett ist er trotzdem, der arme kranke Mann. Wieder reichst du ihm das Wasser und wünschst ihm gute Besserung. „Ich hoffe das wars dann jetzt, teil es dir ein, mehr Wasser bekommst du nicht!“, möchtest du ihm am Liebsten hinterherrufen, doch der Kunde ist ja König, also lässt du es bleiben. Zwischendurch stalkst du ein bisschen, du weißt inzwischen wer das ist, und in welcher Zimmernummer der wohnt. Aha-aha. Interessant, Manager einer TV-Firma, oukey, alles klar. Du freust dich auf die Frühstückspause, einen Bärenhunger hast du, hoffentlich haben die Könige nicht alles weggefressen. Du trommelst alle Kolleginnen zusammen, ihr pflockt euch an den Tisch und lasst es euch schmecken. Gerade als du genüsslich in dein Brötchen beißt, dein Mund voll von Brötchenteig und Gurken und Wurst und Camenbert, steht er da wieder, der Tv-Mensch, der Manager, der arme Kranke. Er steht im Foyer und kommt auf dich zu, und du auf ihn mit irgendwie hochroten Kopf weil Mund proppevoll und er lacht und entschuldigt sich für sein abermaliges Stören. Und du hältst dir die Hand vor den Mund und kaust und schluckst und kaust und lächelst einfach nur peinlich berührt. Dir ist so schrecklich heiß jetzt gerade, Boden tu dich auf. „Wegen der beiden Kollegen.. könnten Sie mal bitte nachfragen, ob sie auch auf Kostenübernahme gehen, falls die Kollegin sich nicht meldet, also wenn sie bei Ihnen nicht anruft!? Möchte nur dass alles klar geht und seine Richtigkeit hat.“ Er reicht dir lächelnd seine Visitenkarte. Und du starrst sie an, diese Karte, und dann schaust du ihn an, so als spräche er Chinesisch, deine Hand umklammert die eine Kartenhälfte, während seine Hand die andere Hälfte der Karte umklammert. Es muss schon echt scheiße ausschauen, wie ihr euch an dieser dämlichen Karte festhaltet, mit seinem Namen darauf, als würde er sonst umfallen, hielte man ihn nicht fest. Manche Momente sind irgendwie so dämlich, dass sie nicht verstreichen wollen, genauso fühlt sich das gerade an, ein nicht endender dämlicher Moment, mit einer Karte, die einfach nur einen Nutzen hat: Deinen Job den du auszuführen hast: Da anrufen. Zuerst bist du verwirrt, wieso sollst du da anrufen, wo er doch hier ist, da wird doch dann keiner ran gehen, weil er steht ja hier vor dir, jetzt gerade und erzählt dir was, das verstehst du jetzt irgendwie nicht. Bis dir einfällt, dass ja seine Sekretärin auch rangehen könnte, die, um die es ja eigentlich geht, die, die dir Auskunft geben soll. Das Herz schlägt wieder weiter. Warum sonst reicht man dir auch eine Visitenkarte. Warum sonst. „Aaaahhhachsooo klar. Logisch. Ich regel das. Und geb´ Ihnen dann gleich bescheid.“, bringst du endlich hervor, als das Brötchen vertilgt und der erste Schock überwunden ist. Der zweite Schock folgt, als eure Hände dann endlich mal das Schutzschild- diese Visitenkarte, wahrscheinlich längst völligst zerfleddert und aufgeweicht, loslassen. An seiner rechten Hand glänzt ein silberner Ring. Du machst große Augen, welche sich dann in ein unauffälliges Rollen verwandeln. Jupp. Was auch sonst! Lächelnd geht er wieder in sein Zimmer und du zurück zum Esstisch. Nicht mal in Ruhe fressen kann man hier!

Jetzt schaust du doch mal an dir herab und in den Spiegel und stellst fest: Kacke. Irgendwie schaust du heut kacke aus. Du bist nicht geschminkt, bist du eigentlich nie während der Arbeit, denn du musst so früh aufstehen, dass du dich prinzipell vermalen würdest, du schläfst dann einfach lieber länger. Deine Haare haben einen Badhairday, deswegen hast du sie nur am Kopf zu einem Knoten zusammen gebunden. Geht ja nicht, dass deine Haare dann im Teewasser rumschwimmen. Achso und die Brille. Du trägst deine Brille aus der du kaum noch was sehen kannst. Scheiße! Die sieht  aaaaauuuuuus!! Dich wundert es, dass du überhaupt noch was sehen kannst vor lauter Dreck auf den Gläsern. Doch hey, so ist das mit dem Licht, mal brennt es, und mal brennt es nicht.

©Netti

 

Advertisements

4 Gedanken zu “Tag 1. Der mit der Visitenkarte. 1/2

  1. Ach ja, der Typ mit der Visitenkarte… 😉 Schöne Geschichte, die Du sehr lebendig beschreibst. Als wär ich irgendwo in der Ecke gesessen und hätte zugeschaut. Richtig cool wär es gewesen wenn ich dann noch den weiteren bzw. zwischenzeitlichen Verlauf steuern hätte können ;-)))

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s