Tag 2. Ein bleibender Eindruck. 2/2

Dieses Mal bringst du dem kranken Manager Teewasser, ohne dass er dich zuvor drum gebeten hätte, denn du siehst ihm an, dass es ihm noch immer nicht besser geht. Heute ist der Tag der Abreise, ein wenig schade ist das schon. Man sieht morgens die gleichen Gesichter, man weiß dessen Vorlieben, wenn auch nur in Essens und Getränke Angelegenheiten, und man gewöhnt sich aneinander. Unbewusst baut man zu jedem einzelnen Gast eine gewisse Beziehung auf. Da entstehen nette Worte, gefüllt mit Respekt und Dankbarkeit. Auch hier ein Geben und Nehmen. Liebevoll stellst du die Kanne mit dem heißen Teewasser vor ihm ab, seine eigene Thermoskanne steht noch vor ihm auf dem Tisch. Dankbar lächelt er dich an, und du lächelst zurück. Die anderen Kollegen bekommen heiß aufgebrühten Kaffee. Zurück in der Küche fertigst du weitere Vorbereitungen, dein schwarzes Arbeitskleid umspielt deine schlanken Beine. Bei der Vorbereitung, als die Gäste noch nicht anwesend waren, trugst du noch deine Kittelschürze, leider hat sich dann ein bisschen Kaffee darüber verteilt, huch, wie ungeschickt von dir, sodass du sie ablegen musstest. Deine naturgewellten Haare sind mit ein paar Klammern leicht aus dem Gesicht entfernt. Dieses Mal können keine störenden Spritzer von Fett und Wasser auf deine Brille gelangen, denn die hast du heute durch Kontaktlinsen ersetzt, das ist so viel bequemer. Deine Augen wirken offener und leuchten strahlend blau, deine Lider tragen sanfte Brauntöne welche sich perfekt mit deinen Haaren ergänzen. Die Wimpern sind leicht getuscht, ein wenig Glitzer hat sich zwischen jedes einzelne Härchen verankert, kaum auffällig und doch erstrahlst du in einem kaum wahrnehmbaren Glanz, welcher nur einem besonderen Moment gegönnt sei. Mit deinem Auftreten möchtest du dem Herrn Manager danken, für das Vertrauen und die Dankbarkeit, welche er dir entgegenbrachte, und vielleicht bleibst du ihm so in guter Erinnerung. Der Anruf, den du tätigen solltest hat sich erübrigt, denn die Frau rief noch am selben Tag an und bestätigte die Kostenübernahme der Kollegen, was du dem Manager sogleich mitteiltest.

Du hörst wie Stühle scharren und Füße auf Parkett treten, jedes einzelne Stück knarzt unter den Schritten. Die jungen Herren laufen aus dem Frühstückszimmer und gehen ihres Weges, doch der kranke Manager mit dem Ziegenbart bleibt an der offenen Küchentür stehen und blickt dich an. Für einen Moment bringt keiner einen Ton heraus, es sind stille Blicke der Anerkennung, welche ihr miteinander austauscht. Eure Münder formen ein lautloses Grinsen, halbseitig, ohne aufdringlich zu wirken. Du bist die erste, die den Blickkontakt unterbricht, denn erst jetzt bemerkst du seine Thermoskanne, die nach heißem Wasser schreit. Ob dir das fehlen wird? Du setzt nochmals das heiße Wasser auf und bleibst im Profil vor ihm stehen, zu nervös dich seinen Augen erneut auszusetzen, seinem Blick der so vieles sagt, und gleichzeitig nichts. Du kommst dir albern vor, wie du da vor diesem Wasserkocher stehst und die vielen Blubberblasen beobachtest, so als hättest du das noch nie gesehen. So, als wäre es völliges Neuland für dich, wie ein Gerät Wasser zum Kochen bringen kann. Doch der Herr öffnet den Mund um etwas zu sagen, und du verstehst nicht gleich was die Töne bedeuten, dieser verdammte Kocher kocht einfach zu laut, doch nach einer kurzen Konzentration ergeben seine Worte Sinn und du bemerkst dass er eine Frage gestellt hat, auf die offenbar eine Antwort folgen sollte. Du öffnest die Lippen ganz leicht, musst jetzt wohl überlegen was du sagst und vor allem wie, und dann lachst du einfach, ohne auszulachen, dein Lachen ist herzlich und echt, denn die Vorstellung hinter seiner Frage ist einfach zu amüsant. „Nein, ich gehöre nicht zum Inventar, Gott bewahre. Ich bin nur Angestellte“, gibst du nun augenzwinkernd zurück. Er fragt dich ein bisschen über das Hotel, und über dich, ohne dir zu nahe zu treten. Im Gegenzug berichtet er dir von seiner Erkältung, welche ihn jetzt schon ein Stück weit begleitet. Fieber hat ihn etwas schachmatt gesetzt, welches aber, seitdem er hier ist, zum Glück verschwunden war. Du nickst, und nickst, fühlst mit ihm, dein Mund formt Zustimmung und Wünsche der Besserung. Als du ihm die Kanne reichst, berühren sich eure Hände für eine Millisekunde, zu kurz, als dass du es bewusst wahrgenommen hättest. Nur ein kleiner Abdruck verbleibt auf deiner warmen Hand. Du wunderst dich und hoffst, dass es keine Bazillen sind. Nur der grauschwarze Ausdruck dieser Augen bleibt etwas in dir haften. Viel Zeit zum Grübeln bleibt nicht, über die Hand, welche einen Ring spazieren trägt, denn du bist hier um zu arbeiten.

Nachdem du gut vorangekommen bist hörst du abermals Schritte und das Schließen von Türen. Und du weißt.. der Abschied steht bevor. Es ist kein Abschied unter Freunden, und auch kein Abschied unter zweier Menschen welche sich kennen, sondern es ist eine Verabschiedung von einem Mann und einer Frau, einer ersten  Begegnung mit auf Anhieb entstandener Sympathie. Der TV Manager kommt dir entgegen, bleibt abermals vor der Küche stehen. In der rechten Hand sein Reisegepäck, in der linken sein Zimmerschlüssel. Er hält kurz inne, wieder streifen sich eure Blicke. Ein Moment der Stille entsteht. Er hebt die Hand um dir den Schlüssel zu reichen und bedankt sich bei dir, „Es war wirklich schön.“ „Ja, schön“, stimmst du ihm zu, ohne zu wissen was du damit meinen könntest. Der Schlüssel liegt nun in deiner Hand, etwas verwirrt blickst du darauf nieder, sie kommt dir gerade etwas fremd vor. Ist das deine Hand? Er setzt an um zu gehen, läuft einen Schritt der ein Wiedersehen nicht erduldet, doch dann hält er inne. Du stehst noch immer bewegungslos, etwas nutzlos und seltsam ergriffen in dieser Tür, ohne dich auch nur einen Millimeter zu rühren. Du bemerkst sein Zögern, bist verwundert und irgendwie neugierig, hat er was vergessen!? Er dreht sich um, und schaut in deine Augen, nur dieser eine Schritt liegt zwischen euch, und dann, kaum hörbar und doch so laut dass dein Verstand es wahrnehmen kann: „Entschuldigung, das.. , ich muss Ihnen das jetzt einfach sagen… Sie..,………… Sie sind wirklich zauberhaft!“

Dein Herz setzt aus, für einen Schlag, vielleicht für zwei oder drei, eine Sekunde in der er sich umdreht und die restlichen Schritte bis zur Treppe läuft und du, du bist gerührt, über diesen fremden Mann, der dir eben das wohl schönste Kompliment deines bisherigen Lebens gemacht hat. Hast du das gerade eben richtig verstanden!? Zauberhaft..* Was bedeutet das gleich noch? Du bist so verwirrt, dass dir die genaue, korrekte Bedeutung des Begriffes entfallen ist, du musst gleich dringend Google fragen. In dieser Sekunde gehen dir 1000 Gedanken durch den Kopf und du fragst dich wie das möglich ist, wie das möglich ist so viel zu denken und keinen einzigen Gedanken davon laut aussprechen zu können. Noch während du seinem Fluchtschweif hinterher blickst, rufst du ihm ein: „Oh, vielen Dank!“, hinterher, und du hoffst, dass er das noch mitbekommt.

Die Tür schließt sich mit einem lauten Knall. Ein Lächeln umspielt deine Lippen. Gleichzeitig fragst du dich, was du bitte mit dieser Info sollst, und warum er so schnell weg war. Du fragst dich, ob er das auch zu dir gesagt hätte, hättest du heute genauso kacke ausgesehen wie am gestrigen Tag. Vielleicht ist er ein Mensch, der nur auf Äußerlichkeiten bedacht ist.

Du blickst aus dem Fenster und siehst wie die vier in den großen Transporter steigen. Der Manager sitzt am Fenster. Sein Blick ist auf die Straße gerichtet, an seiner rechten Hand glänzt der silberne Ring.

Google: *Zauberhaft: sehr reizvoll und schön


©Netti

Erste Begegnung..: Tag 1: Der mit der Visitenkarte. 1/2

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5 Gedanken zu “Tag 2. Ein bleibender Eindruck. 2/2

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