Zur Hälfte.

Früher da fandest du Hälften gut, es spielte sich alles nur zur Hälfte ab. Grundsätzlich hast du morgens immer nur ein halbes Brötchen gegessen. Dein Mittag, was meist schon kurz darauf folgte hast du nur zur Hälfte aufgegessen, denn dann war dein Magen, (offenbar so groß wie eine Erbse), schon randvoll, mehr ging einfach nicht rein. Es gab dann immer Ärger, weil du mal wieder nicht aufgegessen hast. Nach dem Mittag stand schon wieder Kaffee und Kuchen auf dem Tisch, oder nur Kuchen, aber Kekse die mochtest du lieber. Und zum Abendbrot gab es eine halbe Karlsbader Schnitte. Du fandest es auch gut, wenn deine Mama nur zur Hälfte arbeiten musste, da war sie dann wieder zu Hause, nach nur vier Stunden Arbeit und du konntest mit ihr einen halben Tatort schauen, weil dann musstest du auch schon ins Bett, denn du warst ja noch ein Kind und das Kind musste früh zur Schule. Beim Hausaufgaben machen hast du immer nur die Hälfte geschnallt, bis auf Mathe, das hast du gar nicht geschnallt. Und beim ersten Mal verliebt sein warst du zur Hälfte in Tim verliebt und zur Hälfte in Tom. Die waren irgendwie beide toll. Aber der Tim war etwas toller als Tom, sodass er einen Brief von dir bekam, denn du wolltest ja mit ihm gehen, ja, nein, vielleicht. Aber Tim hat den Brief nur zur Hälfte gelesen, leider, und wusste am Ende nicht, wohin du mit ihm gehen wolltest. Du hast ihn dann eine Weile beobachtet, und als er sein Butterbrotpapier auspackte, sahst du ein halbes Brötchen, mit einer halben Gurke. Seine Jeanshosen die trug er nur auf halb acht. Zur Hälfte konnte man seinen jungenhaften Hintern sehen, das war niedlich. Tim hat dich immer Mal angesehen, wenn auch nur aus einem Auge, aber vielleicht war er auch nur schüchtern. Manchmal hat er sogar einen halben Satz mit dir gewechselt, du warst dann so nervös, dass du vergessen hast, wie das mit dem Antworten funktioniert, also hast du nur zur Hälfte gelächelt, das war schwierig, denn du wolltest ja nicht dass er deine feste Zahnspange sieht, in denen noch halbe Brotkrumen verankert waren. Das wäre peinlich gewesen. Zur Hälfte für Tim, zur Hälfte für dich, aber vielleicht auch so halb für Tom, denn der hätte das Spektakel von weiten beobachtet und laut gelacht, um sein Fremdschämen zu überbrücken. Der Tom! Lodentoni! Haben sie ihn damals genannt. Das fandest du immer lustig und du musstest stets darüber lachen, er hatte kurze Haare, aber nur zur Hälfte, denn unten hing so ein lockiger Schwanz, eine Strähne, das war damals so Mode. Toni (also Tom) fand das aber leider gar nicht lustig und stellte dir ein Bein, als du mal wieder zur Hälfte geträumt hast und durchs Klassenzimmer geflitzt bist, um schnell zu deinem Platz zu kommen. RUMMS, lagst du auf der Fresse und alles hat gelacht. Du auch ein bisschen. Halb und halb, denn eigentlich war dir nach heulen.

Den Musikunterricht fandest du eher peinlich, denn singen konntest du auch nur so zur Hälfte. Nicht so schlecht, dass man hätte weghören müssen, aber auch nicht so gut, dass man da unbedingt hätte zuhören müssen, weil die Töne so wunderschön im Ohr nachklingen. Bei dir hat man dann eher aus dem Fenster gestarrt, ein Ohr bei deinem Gesang, das Andere bei den Straßengeräuschen von draußen. Einige haben auch geschlafen, der Verstand, der noch zur Hälfte aktiv war verwebte den Gesang mit in den Traum hinein. Wohl als eine Art Wachtraum, die Art, wo man weiß dass man träumt aber jeder Zeit aufwachen kann, wenn man möchte, also wenn der Gesang noch schlimmer wird, sozusagen. Die Jungs rutschten unruhig auf ihren Stühlen hin und her und bewarfen die Mädchen aus Spuckröhrchen mit befeuchteten Papierkügelchen, während die Mädchen Briefe durch die Klasse reichten, in der stetigen Hoffnung, dass ihn kein Junge in die Hand bekam.

Heute ist das etwas anders mit den halben Sachen, denn wenn du etwas machst, dann machst du das richtig, und nicht nur so halb. Wenn du deinen Hobbys nachgehst, dann mit Leidenschaft und von Herzen, du machst das ja nicht nur halb gern, sondern gern, sonst wäre es nicht dein Hobby. Wenn du jemanden zuhörst, dann hörst du richtig zu und nicht nur halb, weil dich interessiert was der Gegenüber dir sagt, anvertraut und ans Herz legt. Geheimnisse bewahrst du für dich. Nicht zur Hälfte. Sondern ganz. Wenn du in einer Beziehung bist, bist du treu, und nicht nur halb treu, denn sonst brauchst du auch keine Beziehung. Wenn es einen Mann gibt der dich interessiert, dann interessierst du dich in dem Moment nur für ihn, und nicht noch für Peter und Paul. Da ist es dir egal wie heiß der Peter in seinem Tanktop daherläuft, oder wie lecker der Paul duftet. Weil der Mann den du kennenlernen magst dein Interesse weckt. Der Mann ist spannend, weil er Seiten an sich hat, die du gern näher kennen lernen wollen würdest. Dein Interesse ist dann nicht nur so halb aktiv, sondern ganz. Da gibt es keine Halbherzigkeiten, keine halben Worte und Blicke, sondern echtes Interesse. Doch offenbar trägt der Mann der dich begeistert den Namen Tim. Tim der nur zur Hälfte zuhört, wenn du etwas sagst. Tim der dich zwar ansieht, aber nicht sieht, wenn er in deine Augen schaut. Tim, der zwar gut riecht, aber seinen eigentlichen Duft nicht erkennen lässt. Tim, der zwar humorvoll ist, aber das Lachen trotzdem verborgen hält, auch wenn der Mund lacht, genau wie die Augen. Tim, der nicht in sich reinschauen lässt, das ICH bleibt ebenso verborgen, so dass man sich fragt: ist der Humor nur Farce und das Gesicht nur eine Maske die er trägt (um sich zu schützen)!? Tim der spontan agiert ohne wirklich zu re(!)agieren. Es wird mit Halbherzigkeiten um sich geworfen, das Interesse nur zur Hälfte vorhanden, denn der Tim ist noch immer das Kind im Manne, halb und halb.

©Netti

Advertisements

13 Gedanken zu “Zur Hälfte.

  1. Toller Text, bei dem ich gerade bei Tim und Tom ganz schön geschmunzelt habe. Das mit dem Essen erinnert mich an meine Kindheit. Generell habe ich nur Pfannkuchen gänzlich aufgegessen, denn ansonsten war ich auch immer schon nach der Hälfte voll…

    Gefällt 1 Person

  2. Ich habe Deinen Beitrag nicht zur Hälfte gelesen, ich habe ihn ganz gelesen. Musste einige Male schmunzeln, wie Du über halbe Sachen geschrieben hast, aber eben nicht halb-herzig sondern mit ganzem Herzen und das spürt man… Schön!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s