Wenn nichts mehr ist wie es mal war…

Es ist laut im Saal, Stimmengewirr, lautes Gekreische, wieherndes Lachen, scharrende Stühle auf einem kühl wirkenden Fliesenboden, klirrende Gläser und ein älterer Herr der mit dem Löffel an sein Bierglas haut. Opa. Immer und immer wieder haut er drauf. So lange bis auch in deinem Kopf ein stetiges Plingen ertönt. Pling. Es macht Pling, Pling, Pling und Pling, Pling, Pling, immer wieder Pling. Dann kommt seine Einlage, darauf warten sie alle, denn es ist Gang und Gebe, bei jeder Feierlichkeit. Opa beginnt mit seiner Ansage und jeder fragt sich was jetzt wohl kommen mag. Berichtet er von dieser Frau, der er kürzlich begegnet ist, oder von dem Mann, der zu ihm sprach? Es dauert eine Weile bis jeder weiß, dass es keine Erzählung aus seinem Leben ist, sondern ein Witz. Es ist mal wieder nur ein Witz. Ein Witz, den alle schon kennen. Jeder hat ihn schon hundert mal gehört. Hundert mal darüber gelacht, aufgesetzt, künstlich. Er möchte Beachtung und haut hinter den einen Witz gleich noch einen anderen, reiht ihn einfach dahinter, denn vielleicht hat er den ersten nicht so betont, wie es hätte sein sollen!? Er versucht es nochmals, diesmal ist die Frau, die er traf eine Blondine, der Witz wird so erzählt als sei es ihm live passiert, das aber ist nur so lange spannend, bis jeder merkt, dass es keine Realität ist, sondern eine Nacherzählung eines Jokes, den sich irgendeiner mal vor lauter langer Weile ausgedacht hat. Die Leute um dich herum stöhnen leise auf und rollen mit den Augen, einige kichern oder wiehern, so wie Karla Kolumna, Andere tun nur so als wollten sie lachen, sie bewegen den Mund, klappen ihn auf und wieder zu, auf und zu, damit es wenigstens so aussieht als ob. Damit es so wirkt als amüsiere man sich köstlich über das soeben gehörte. Es gibt auch welche die lachen wirklich, das zeigen die Augen während sie strahlen, Krähenfüße erscheinen am äußeren Augenwinkel. Du aber sitzt da und schaust nur, dein Blick zeigt Verwunderung. Vor etwa zehn Jahren waren ungefähr die selben Personen anwesend. Neben Opa jedoch war noch eine weitere Person. Eine liebenswürdige Frau mit einem herzlichen Lachen. Sie verbot ihm die Witze, das viele Gerede. Es wurde auch so gelacht.

Da waren die Enkel, sie studierten etwas ein, als Geschenk, es wurde geschwommen im Meer, Ski gelaufen, es wurde Käse serviert in einem Dirndl. Es wurde Flamenco getanzt mit Blumen im Haar. Und du…

Du schwebtest über die Bühne, du trugst ein kurzes Shirt was deinen nicht vorhandenen Busen betonte, um die Hüften ein blaues Tuch gewickelt, mit kleinen Goldplättchen daran. Bei jeder Tanzbewegung mit dem Bauch ließen sie ein liebliches Klingen ertönen. Im Hintergrund lief indische Musik und dein jüngerer, kleinerer Cousin saß im Schneidersitz auf einem fliegenden Teppich. Er steckte in einem weißen Gewand. Auf seinem Kopf ein weißer Turban. Vor ihm ein Körbchen. Darin eine unsichtbare Schlange. Er spielte auf seiner Flöte, die in seinem Mund steckte, auch wenn keine Töne hervorkamen, bewegte er seinen Kopf zu den Klängen die aus der Flöte herausgepustet wurden. Die Musik ertönte weiter und du tanztest und tanztest, warst ganz in deinem Element. Inzwischen löste sich der Turban vom Kopf des Inders, und er versuchte ihn auf dem Kopf zu halten und ihn zu richten doch er rutschte und verdeckte ihm die Sicht. Alles grölte, lachte und klatschte. Du warst kurz verwundert, tanztest aber weiter. Irgendwann hatte der Inder die Schnauze voll, die Musik war noch nicht zu Ende, sie dudelte weiter, aber der Inder mit seiner Flöte nicht, er löste sich aus seinem Schneidersitz, ihm wurde das hier echt zu doof, stand auf, rollte seinen Teppich zusammen und ging. Er ließ die Schlange im Korb einfach stehen und dich. Alleine auf dieser Bühne mit diesem albernen Tanz. Das Grölen wurde lauter, schallendes Gelächter, lautes Lachen und Wiehern. Du bekamst von alledem nichts mit. Du sahst nicht wie der Inder seinen Teppich unter den Arm klemmte und mit seiner Flöte davon lief. Langsamen Schrittes. Du hattest ja auch zu kämpfen mit deiner blöden Hose, sie rutschte immer wieder nach unten, und du musstest sie während des Tanzens wieder hochziehen. Nach deiner Einlage traft ihr euch hinten im Umkleideraum, zum Glück hattet ihr euch vorher Mut angesoffen. Deine Einlagen-Partner lachten dich aus, und den Inder. Ihr ward so lustig. Und du hast einfach nichts gecheckt. Danach wurde Sirtaki getanzt, und ihr holtet alle auf die Bühne. Auch Oma und Opa.

Jetzt möchtest du auch gerne tanzen. Große Augen blicken zu deinem kleinen Cousin, der nicht mehr ganz so klein ist, immerhin überragt er dich um einiges, aber jünger, jünger ist er noch immer, deine Augen die ausdrücken wollen: Tanzt du mit mir!? Los! Komm schon! Tanz jetzt mit mir! Seine Augen schauen gelangweilt zurück: Vergiss es, hier läuft ja nicht mal Musik. Jetzt bemerkst du es auch. Hier ist kein DJ, kein Papa, der die Musik auflegt, keine Musik wird gespielt. Niemand tanzt auf der Tanzfläche. Auf der selben Fläche, auf der früher Sirtaki getanzt wurde. Es gibt ein leckeres Buffet, etwas kleiner, als damals. Denn auch die Gruppe wird kleiner. Du schnappst dir dein Glas Bowle, und erfreust dich daran, wenigstens das ist noch wie einst. Als du die Früchte heraus pickst und die Bowle herunter kippst stellst du fest, dass nicht einmal das noch ist wie einst, die Bowle schmeckt scheiße. Irgendwie anders als sonst, und du willst lieber nicht wissen was Opa da alles rein geschüttet hat.

Es werden ein paar Fotos angeschaut und ein Bilderbuch von einer Hochzeit. Es werden Plätze getauscht und Wörter. Es wird gegähnt und sich gegenseitig angesteckt damit. Du schaust dir die Anwesenden an und du stellst fest dass der Opi da hinten dich an Uropi erinnert. Doch noch etwas stellst du fest. Er ist anders, man sieht die Zeit die mit ihm rennt, er hat abgebaut, sein Gesicht noch immer überaus freundlich und doch erkennt man den Schmerz der Jahre. Er läuft langsam, vorsichtig, Acht gebend, er ist nicht mehr der, der er war. Du fragst Mutti ob er einen Schlaganfall hatte. Er hatte. Du erinnerst dass er bei den letzten Geburtstagen fehlte. Sein Platz war leer. Das macht dich traurig. Sehr traurig. Du magst ihn, irgendwie.

Vor dir ist jemand schwanger. Ein dicker Bauch, welcher in die Runde blickt. Du starrst dahin. Jeder macht das. Das ist wie ein Unfall. Vielleicht war es auch einer. Der Onkel rechts daneben macht Gutschigu und fragt ob er mal anfassen darf. Er darf. Und dann wird der Bauch gestreichelt. Du fragst auch. Aber dich selbst. Wieso die Leute immer schwangere Bäuche streicheln wollen. Man streichelt ja auch keinen dicken Bauch der einfach nur dick ist, ohne Baby darin, da fragt man ja auch nicht: „Darf ich mal!?“ Das macht man einfach nicht. Warum also bei einer Schwangeren? Was ist so besonders daran!? Der Wurm unter der Plauze? Dieses Wesen im Innersten der Mutter, was noch keine Ahnung hat vom Leben und dem wo es hineinwachsen wird!? Jeder 3. ist heute schwanger. Fragt man irgendwen Schwangeres auf der Straße: „Hey, darf ich mal!?“ , hätte man doch sofort eine Faust in der Fresse. Oder einen Fuß im Schritt, würde man sich so etwas wagen. Aber offenbar ist das in der Verwandschaft etwas anderes. Da wird mitempfunden. Auch du empfindest. „Darf ich mal!?“, denkst du, doch du sagst es nicht, deine Augen blicken fragend zu der schwangeren Person, und du selber fragst dich wie das wohl ist, mit so einem Knopf herumzurennen, und Tritte zu spüren, weil die da draußen jetzt mal alle die Schnauze halten und Ruhe geben sollen, hier will schließlich einer schlafen, ist ja nicht auszuhalten. Und du fragst dich, ob du zu solch einem Geschöpf Liebe aufbauen könntest, und ein Gefühl von Geborgenheit und Schutz vermitteln könntest. Und ob du das überhaupt alles so könntest. Groß werden. Erwachsen werden.

Du schaust auf deinen flachen Bauch, Denkfalten auf deiner Stirn. Aber irgendwie. Irgendwie nein. Du bist dann doch gern noch ein bisschen………. selber Kind.

©Netti

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7 Gedanken zu “Wenn nichts mehr ist wie es mal war…

    1. Echt? Wird man? Aber nicht angefasst oder? Der Bauch wird nicht berührt, gekitzelt und gestreichelt, oder? Oder? Denn das fände ich echt gruselig.. Ich mein von Fremden? Ähem!? Dass das nervig ist oder sein kann glaub ich.. 😉

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    1. Oh ja, die armen Kleinen eigentlich..😅 Danke Markus für deine so schönen und motivierenden Worte! Manchmal fehlt genau das… Zum Antrieb, um nicht aufzugeben, einfach ein paar schöne Worte. Vielen Dank dafür dass du sie mir gibst!

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