Die gewählte Nummer ist nicht vergeben.

Du bekommst eine SMS. Sms’n bekommst du in der Regel nur von Mutti. Du öffnest sie und siehst nur eine Blase, die keine Worte enthält, sondern Stille ohne Inhalt. Die SMS ist von Vati. Du wunderst dich, bist dennoch erfreut über den Versuch den er unternimmt um dir eine Nachricht zu schreiben. Du legst es bei Seite, musst ein wenig schmunzeln und wartest, denn du bist dir sicher er wird es nochmal probieren. So schnell gibt er nicht auf. Kurze Zeit später ein erneutes Plingen. Wieder öffnest du. Wieder eine Nachricht von Papa. Ohne Inhalt. Ohne etwas mitzuteilen. Manchmal bedarf es mehrere Anläufe. Manchmal bedarf es Mut, Wille, Kraft und Durchhaltevermögen. Damit man schafft was man erreichen will. Mit dem dritten SMS Ton erscheint eine Nachricht, welche gefüllt ist. Nicht nur mit Worten, sondern mit Liebe, Ausdauer und Schaffenskraft. „Gute Besserung. Ich hab dich auch lieb!“ Tränen bilden sich in deinen Augen und ein Schluchzer, ein leiser Schrei der innerlichen Hoffnung darauf dass alles wieder gut wird mit ihm, entweicht deinen Lippen. Heiße Tränen tropfen hintereinander zu Boden. In der SMS von dir an ihm berichtetest du ihm dass es dir gerade nicht so gut geht, Grippe, Fieber, Kopfgedöns und du ihn nicht besuchen kannst, gerade, und du ihn lieb hast. Du kannst dich an nur ein einzigstes Mal erinnern, als er sagte dass er dich lieb hat. Das war als feststand dass deine Eltern sich würden scheiden lassen, und du weggelaufen bist vor Verzweiflung, und einer über die Jahre vollgelogenen heilen Welt, in der ein Teil von deinem Leben zu bröckeln begann. Papa machte sich Sorgen um dich, deine Familie suchte im Dorf nach dir, denn weit konntest du nicht sein. Er weinte Tränen der Erleichterung als du vor ihm standest, heile und unversehrt, nur ein bisschen verweint, denn was soll denn diese verdammte Scheiße, könnt ihr euch nicht einfach wieder lieb haben, wie einst!?

Diese Nachricht lässt dich wissen dass es noch immer so ist, dass er dich nach all den Jahren noch immer, und noch genauso lieb hat.  Du liest sie wieder und wieder, und hoffst daraus zu erfahren wie es ausschaut in seinem Kopf, ob es besser werden wird, oder schlimmer. Doch es wurde nicht besser sondern schlimmer, so schlimm, dass du irgendwann weder Nachrichten, noch Anrufe bekamst, bis irgendwann die Stille zu laut wurde, sie wurde zu laut denn es klingelte kein verdammtes Telefon. Kein Papa rief an um sich nach dir zu erkundigen. Papa brauchte nun kein Telefon mehr. Er brauchte dich nicht mehr.

Er braucht nie wieder ein Telefon. Es liegt in irgendeiner Kiste, abgemeldet, inaktiv, das alles weißt du und doch ist es nicht so ganz glaubwürdig für dich. Du siehst sogar das Foto, was er gemacht hatte und im Whatsapp einstellte. Das hast du gleich als Kontaktbild genommen. Sein Name in der SMS, die SMS von ihm. Du weißt du solltest sie löschen. Deine Fingerspitzen tippen suchend nach Papa. Du drückst auf seinen Namen und die Verbindung wird aufgebaut. Kann die Verbindung zu ihm wieder aufgebaut werden? Ist es so einfach? Und wo kommst du dann raus? An welchem anderen Ende ist dein Papa nun? Wo befindet sich dies Ende? Du lauschst hoffend in den Hörer, darauf bedacht ihn gleich gut zu verstehen am anderen Ende, er spricht sehr leise, doch eigentlich weißt du es besser, du weißt dass er gar nicht mehr spricht. Trotzdem glitzern deine Augen, im Schleier der Tränen tanzen hoffnungsvolle Punkte der Zuversicht. Es ertönt kein Papa der Hallo in den Hörer haucht, ganz leise, denn das sprechen fällt ihm schwer, der Hörer ganz fest an dein Ohr gepresst, damit du auch alles verstehen kannst. Kein Husten am anderen Ende, auch kein fröhliches und heiteres Lachen. Du hörst Stille. Und dann eine Stimme, die nicht deinem Papa angehört. Diese Stimme ist weiblich, monoton, eindringlich und leicht genervt, >>Diese Nummer ist nicht vergeben!<<  wie kannst du es auch wagen die Nummer zu wählen. >>The number you’ve dialed is not assigned.<< Du unterbrichst das Gespräch und den Monolog den diese Frau führt, du beendest den Anruf, der dich nicht mit Papa verbindet. Dir ist bewusst dass es an der Zeit ist zu löschen. Die Nummer, die nicht vergeben ist, daneben das Papa in Buchstaben, seine SMS und das LiebHaben an dich. Aber du kannst das nicht. Du kannst ihn einfach nicht löschen. Auch wenn du nicht ihn löschst, sondern nur die Nummer, hast du Angst dass auch er damit aus deinem Kopf verschwindet und die Erinnerungen an ihn einfach ausgelöscht werden, noch bevor du irgendwann vielleicht selber mal nicht mehr in der Lage sein wirst zu denken.

©Netti

Advertisements

23 Gedanken zu “Die gewählte Nummer ist nicht vergeben.

    1. Das hoffe ich. Denn genau das ist meine Angst, dass die Erinnerung verblasst, schwächer wird und sich irgendwann ganz auflösen wird. Ich weiß jetzt schon manchmal nicht mehr, wie seine Stimme klang, hört man sie doch nicht mehr, wie das Lachen im Ohr hallte, dann bin ich froh dass es noch das Video gibt, das eine, was ich mir digitalisierte. Und dann weiß ich es wieder, denn ich habe ihn wieder vor mir..

      Gefällt 2 Personen

      1. Danke Markus! Aber es ist schon manchmal echt nervig die schwachen Momente zuzulassen. Man ist doch nur das Kind, nicht die Ehefrau, nicht die Lebensgefährtin, denen ergeht es doch im Normalfall viel schlimmer, hatten sie ihn doch 24h am Tag um sich. Steht es einer Tochter überhaupt zu „so lange“ zu trauern?

        Gefällt 1 Person

      2. Ich kann mich Markus‘ Worten nur anschließen. Es sind deine Gefühle, deine Emotionen und da darf dir niemand vorschreiben wie lange du brauchst um so einen großen Verlust zu verarbeiten.
        Lass dir bitte alle Zeit der Welt damit und leb dein Leben so, wie es sich für DICH richtig anfühlt. Ich bin mir sicher, das hätte er auch gewollt…
        (Hab übrigens grad wieder mal Pipi in den Augen angesichts deiner berührenden und offenen Worte…)

        Gefällt 1 Person

    1. Das ist sehr lieb von dir, herzlichen Dank. Es tröstet irgendwie zu wissen wenn solche Empfindungen geteilt werden, zusätzlich von anderen, von Fremden, auch wenn das andererseits blöd klingt, denn solche Erlebnisse wünscht man niemanden. Aber es gehört zum Leben dazu, leider, dass man sich irgendwann daraus wieder verabschiedet, und auch dass Abschied nehmen von geliebten Menschen. Mein Papa starb im letzten Jahr kurz vor Weihnachten, schwere Herz OP, währenddessen leichte Schlaganfälle, es sah gut aus, er machte Fortschritte, kämpfte, wir hofften auf Genesung, aber der Tod riss ihn aus dem Leben. Es war schlimm das Leiden und den Schmerz der Krankheit miterleben zu müssen, wie muss es wohl für ihn gewesen sein, wenn schon für mich fast nicht auszuhalten!? Ich bin froh dass für ihn der Weg des Leidens vorbei ist, auch wenn der unsere Schmerz des Vermissens noch lange nachhallen wird. Schmerzt dir die Erinnerung an deinen Papa auch noch immer? Oder lässt das irgendwann nach? Wird schwächer, weniger? Manchmal ist es kaum zu spüren, aber ein anderes mal so schlimm dass das Atmen schwer fällt. Der Schmerz unter der Brust zu groß. Du warst jung, damals (?) 15 Jahre, schrecklich schon mit dem Alter den eigenen Papa zu verlieren. Das tut mir sehr leid und du hast mein Mitgefühl! Nachträglich mein herzliches Beileid. Wie geht es dir heute? Wie viele Jahre sind vergangen? Herzlichst, Netti

      Gefällt mir

      1. Hey, wow, vielen Dank für deine berührende Antwort. Es tut mir so leid, aber für so etwas Worte zu finden ist fast nicht möglich und mir hat es geholfen, wenn jemand einfach da war der mir zuhörte und so will ich dir sagen, dass ich deinen Schmerz und deine Trauer nicht nehmen kann, dass ich aber, auch wenn wir uns nicht kennen, für dich da bin wenn du besonders mal darüber schreiben möchtest.
        Das ist bei dir wirklich noch nicht lange her und ich wünsche dir, dass du mit diesem Verlust irgendwann Frieden schließen kannst.
        Ja, es ist bei mir jetzt 7 Jahre her, das scheint eine lange Zeit zu sein, aber wenn man einen geliebten Menschen vermisst, dann kommt es einem vor als sei es vor wenigen Wochen gewesen.
        Der Schmerz lässt auf jeden Fall nach und ich denke, dass es wichtig ist sich bewusst zu machen, dass es 1. das Leben ist, wie du es auch schon schriebst und 2. dass es Menschen gibt, denen es noch schlechter geht. Ich weiß, das ist schwer anzunehmen, aber ich denke mit der Zeit wirst du deine Art des Trauerns finden, oder vllt hast du sie auch schon gefunden.
        Ich habe sehr unter seinem Tod gelitten, weil Papa mein Leben lang immer erst abends von der Arbeit kam, „kannten“ wir uns kaum. Natürlich war er da und er hat mich geliebt, aber so persönliche Gespräche waren da weniger möglich, weil ich mitten in der Pubertät war und mit mir schon nicht zurecht kam.
        Aus dem Tod heraus und in Verbindung mit anderen Ereignissen in dieser Zeit entwickelte ich psychische Probleme, die mich bis heute hindern wieder „frei“ zu sein.
        Zudem hab ich manchmal noch Albträume. Papa ist an Krebs gestorben, alles ging sehr schnell, naja und ich hab halt oft noch die Bilder im Kopf als er so schlimm aussah. Mh ja, ich vermisse Papa immer noch sehr und es fällt mir schwer zu trauern. Aber ich schreibe auch viele Texte über diese Zeit. Zudem hilft mir mein Glaube an Gott, dass wir uns wiedersehen werden. Wenn du magst: meine Mutter hat nach Papas Tod ein Video bei youtube online gestellt, es heißt „Erinnerung an meinen Falko“. Du kannst es dir gerne anschauen. Ich kann es nicht gut sehen, weil es mich sehr traurig macht, wenngleich es super schön ist.

        Gefällt 1 Person

      2. Ich danke dir! Für deine Ehrlichkeit und den Mut mich anzuschreiben. Deine Worte geben mir gerade wirklich Kraft vielen Dank dafür. Ich lass dir mal meine Mailadresse da, vielleicht hast du ja Lust ein wenig zu schreiben. netti0487@gmx.de
        Ich freu mich vllt schon bald von dir zu lesen. Herzlichst, Netti.

        Gefällt 1 Person

  1. Es sind bald zehn Jahre. Die Nummer ist irgendwann neu vergeben worden und ich habe sie gelöscht aber der Kontakt ist immer noch im Telefonbuch. Ist mehrere Telefone mit umgezogen und jedes mal dachte ich mir „kannst du doch auch endlich mal löschen.“ Es gibt wohl Dinge, die gehorchen keiner Logik, die sind halt einfach so. Und außerdem nimmt eine Telefonnummer so wenig Speicherplatz ein, da machts doch eh nix. Ich wünsch dir alles Gute und viel Kraft.

    Gefällt 1 Person

    1. Ja das stimmt, danke für deinen Kommentar, die lieben Worte. Ich nehme an die Nummer wird auch mit umziehen, mit seinem Namen.., denn löschen kann ich es nicht. Nicht aktuell. Das mit der Logik hast du so treffend und wahr formuliert. Allerdings gehöre ich eh nicht so den logischen Denkern an. 😳🙈

      Gefällt 1 Person

  2. Als meine Oma starb, war es für mich ziemlich schlimm letztendlich ihre Nummer zu löschen. Die Nummer war sogar noch vorhanden, sie führte zu einem Altenheim, aber mit dem Löschen der Nummer habe ich den Tod irgendwie akzeptiert. Den Tod und den Schmerz, der damit verbunden ist. Ich habe mit der Zeit gelernt mich an ihr schönes Leben zu erinnern, wenn ich an sie denke und nicht an ihren Tod, Und nun schmerzt es auch nicht mehr, Ich würde sie lieber bei mir haben, neben mir sitzend, aber ich habe mich damit abgefunden, dass sie nun irgendwo anders ist. Ich wünsche dir ganz viel Kraft. Aus dem was du schreibst entnehme ich, dass dein Vater ein wundervoller Mensch war, der stolz auf die ist und das für immer sein wird.
    Fühl dich gedrückt!

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für deinen lieben Vorschlag, und vielleicht hast du Recht mit dem Platz des Besuchens, löschen kann ich sie derzeit eh nicht, wenn überhaupt jemals, dann übertrage ich sie eben immer wieder, in neue Handys, die Nummer von Papa..

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s