Blatt fällt.

„Oh was Lesen Sie denn da?“, fragte er dich neugierig feixend, als du wartend vor seiner Tür hocktest und aufblicktest, weil er im Rahmen erschien. „Och nichts weiter.“, winktest du ab. Du nahmst in seinem Büro platz. Nochmals bohrte er nach. Stattdessen fragtest du nach seinem Büchergenre, natürlich wich er deiner Frage aus. „Können wir die Tabletten minimieren?“, kamst du also auf den Punkt. Du nanntest Gründe, die er verstand. „Melden Sie sich, falls sich etwas am Befinden ändert!“ „Ähem“, hustetest du dümmlich, „Wie kann ich Sie denn erreichen, wenn es schlimmer wird, Herr Doktor?“, fragtest du. Als dir klar wurde wie das klang, fügtest du rasch hinzu: „Ich meine Sie direkt? Also persönlich?“ Aus beinahe geschockten Augen blickte der Herr Doktor müde lächelnd in dein Gesicht. Du spürtest förmlich wie er unangenehm berührt in Schweiß ausbrach, der Arme, als hättest du nicht längst schon seinen Ring am Finger bemerkt, schade eigentlich. „Mich? Erreichen Sie nicht.“, er grinste frech. „Aber die Station, die erreichen Sie.“ Ach was er nicht sagte. Schenkelklopfer. Wenn du es nicht besser wüsstest, würdest du meinen ihm gefiel dieses PingPong Spielchen. Ob er auch mit Tennisbällen spielen würde? Offenbar war er der Meinung du würdest mit ihm flirten. Deine Person musste erbärmlich auf ihn wirken, wenn er das tatsächlich glaubte, oder aber er hatte zu viel in deiner Akte geblättert. Hmpf. „Also was Lesen Sie?“, dreckig grinsend gefragt. Du warfst ihm den Buchtitel vor die Füße, während du aufstandest und seine Hände schütteltest. „Fifty shades of Grey!“, hättest du sagen sollen. Das Gesicht hättest du in dem Fall gern gesehen. Doch deine eigentliche Buchwahl wirkte nun wahrscheinlich dem Erbärmlichkeitsgrad nochmal entgegen. Spitze. Das nächste Mal solltest du ein gerissenes, sehr schlaues, seriöses Buch mit dir herum tragen. Du warst versucht die Tür einen Spalt breit offen zu lassen, denn du konntest beinahe schon die Tasten am Rechner klicken hören, während der Herr Doktor den Titel deines Buches bei Google einhämmerte. Rasch schlüpftest du durch die Tür, welche er hinter dir schloss. Etwas zu laut. Fandest du.

Es raschelt, denn etwas fällt zu Boden. Du blickst nicht gleich was es ist, es war zu schnell, lautlos beinahe. Dann nochmals, ein rascheln, dann Stille. Das kleine, palmenartige Bäumchen über deinem Fernsehgerät lässt müde Blätter hängen. Du runzelst mit der Stirn, fragst dich zeitgleich warum die Pflanze das tut. Kannst Bedürfnisse gerade nicht einschätzen, auch nicht erfüllen. Vielleicht hat sie Durst. Du überlegst wann sie zuletzt was bekam, es kommt dir ein wenig überflüssig vor, ist es nicht so dass Palmen kaum Wasser benötigen? Vielleicht hast du sie auch ertränkt in deinen geflossenen Tränen. Oder im Wasser aus der Leitung. Gerade fühlst du dich wie diese Palme, ein wenig abgestumpft und müde, auch deine Blätter fallen raschelnd zu Boden. Irgendwer müsste mal wieder Laub rechen. 

Du hast diese welken Blätter satt, sie sollen aufrecht stehen, grünen und gedeihen und nicht den Laminatboden teppichgleich bedecken.

©Netti

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7 Gedanken zu “Blatt fällt.

      1. Ist das wirklich so passiert, oder ist das fiktiv/halbfiktiv?
        Ich muss auch sehr oft zum Arzt und habe ähnliche Unterhaltungen über die Dosis von Medikamenten. Bei einem solchen Arzt würde ich mich persönlich unwohl fühlen. Dieser demonstrative Smalltalk nervt mich immer ungemein…

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      2. Ist so passiert. Aber der Arzt ist in Ordnung. Ziemlich sehr in Ordnung. 🙂 Das mit dem Smalltalk passt schon, wenn er nicht nur Fragen stellen würde sondern meine auch beantworten könnte. Ansonsten braucht man auch keinen Smalltalk wie ich finde. 😀

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