Irgendetwas stimmt mit Herrn Doktor nicht.

Mit Schwung trete ich um die Ecke und stehe direkt im Anmeldezimmer. „Herr Doktor Rauch.“, sage ich völlig überrascht ihn jetzt hier zu treffen. „Frau Nauer, Hallo.“, erwidert Herr Doktor Rauch. Er lächelt liebevoll. Ich glühe. Innerlich. Betrachte ihn. Gebe ihm die Hand. Plötzlich habe ich das Gefühl mit ihm allein zu sein. Die Tante hinter dem Tresen auf ihrem RollChefSessel, mit dem gestressten Blick, und dem zum Strich verzogenen Mund, nehme ich nicht mehr wahr. Es ist als existiert sie gar nicht. Es ist mir egal dass sie da sitzt. Sie kann da ruhig noch weiter sitzen und doof gucken. Doof gucken kann sie gut. Das scheint auch das Einzigste zu sein was sie beherrscht.

„Wie geht es Ihnen?“, fragt er mich und blickt mir in die Augen.  „Gut, geht es, gut…..“, sage ich, nur ob ich es auch so meine weiß ich gerade nicht, aber egal. Er dürfte mich alles fragen. …..“aber wir sehen uns doch sowieso gleich!….“, strahle ich ihm entgegen. „Ähm nein!?“ „ÄÄäääähm, doch!?“ „Nein!“ Doch!“ Ist der jetzt blöd? Ein bisschen albern ist dieser Dialog gerade schon. „Ich habe gleich Visite.“, meint er wichtig tuend. „Aber, aber…..Häääää!? Sie haben mir doch aber selber den Termin gegeben. Für heute. 11 Uhr.“, unterstreiche ich mein eben gesagtes. „Das kann eigentlich nicht sein. Denn ich habe Visite. 11 Uhr.“, wie um das zu betonen, und keine Wiederrede zu erdulden, schaut er auf seine Uhr.

„Ja und danach!?“, frage ich ein bisschen hoffend. „Danach ist doch super, oder!?“ Augenklimper. „Danach habe ich Feierabend.“ „Was Feierabend schon!? Wie geht denn sowas!?“ Er lacht. „Naja.. ich habe heute nur einen halben Tag.“ Meine Hoffnung sinkt. „Na toll, da bin ich jetzt umsonst bis hierher gefahren, oder wie?“ „Wir können uns ja am 17. Mai sehen, was sagen Sie, hm?“ Versucht der jetzt hier mit mir zu verhandeln? „Mhhh.“, brummele ich. „Der 17. ist frei.“, kommt es von hinter den Tresen hervorgezwitschert. Achso. Die Tante ist ja auch noch da. „Planen Sie mal eine Stunde ein!“ Augenzwinker. Hat der mich gerade angezwinkert? Was geht denn bei dem? Oder stimmt etwas mit seinem Auge nicht? Seltsam. Eine Stunde. Eine Stunde!? Was will der denn eine Stunde mit mir quatschen? Ich mein, der ist doch gar nicht berechtigt dazu, eigentlich, mit mir zu quatschen. Also tiefgründig und so. Wenn er sich mit mir einen Kaffee, oder Kakao genehmigen würde, in einem sehr gemütlichen, sehr romantischen Café, dann sehr gerne, ich erzähle ihm was auch immer er wissen möchte, aber in seinem Arztbüro!?

„Wir sprechen uns am 17. in Ruhe nochmal. Ja Frau Nauer? Nicht so zwischen Tür und Angel. Das möchte ich nicht.“, sagt Herr Dr. Rauch. Meine Mundwinkel gehen nach unten. Mist. Ich sehe ihn doch nicht nochmal. Schnell brenne ich den Blickkontakt zwischen ihm und mir in mein Gedächtnis ein und halte sein Lächeln fest. „Ja gut, dann bis dahin.“ Händeschütteln. Und weg ist er. Sein weißer Arztkittel schwebt mit ihm aus dem Raum. Tschüssiekowsky, schöner Mann. Zurück bleibe ich allein mit der Tante hinter dem Tresen, die mich genervt fragt was denn nun ist mit dem Termin, bitteschön. „Ja sie haben doch gerade gehört, was der Arzt gesagt hat, oder!? Eine Stunde!!“, grinse ich ihr süffisant ins alternde Gesicht. Sie gibt mir ein Kärtchen mit dem Termin und ich verschwinde Tschüss sagend aus dem Raum. Diesmal muss ich gut drauf aufpassen, auch wenn ich nach wie vor glaube, dass nicht ich den Termin verbummelt habe, sondern der Herr Doktor selber. Der hat mich echt vergessen, das ist frech.

Während ich nach draussen schlurfe, langsamen Schrittes, vielleicht ist ja die Visite schnell vorüber und wir laufen uns nochmal über den Weg, zünde ich mir eine Zigarette an, und laufe nach vorn bis zur Klinik. Hungrig krame ich mein Brötchen raus und kaue drauf herum, mich noch immer fragend, was zur Hölle er eine Stunde lang mit mir bequatschen möchte. Schwärmend hänge ich meinen Gedanken nach. Herr Dr. Rauch in seinem schicken wallewalle Kittel, mit seinen eindrucksvollen Augen und den vollen Lippen. Wie es wohl ist ihn zu küssen? Vorsichtig blicke ich mich um, nicht mehr sicher, ob ich das gerade laut ausgesprochen habe. Ich hoffe nicht. Mir gehen all die Situationen durch den Kopf, indem ich seine süffisante, manchmal leicht zynische, aber trotzdem humorvolle Seite kennenlernen durfte. Wahrscheinlich werde ich ihn zum letzten Mal sehen, am besagten Termin. Eine Stunde, die von mir aus auch viel länger sein könnte. Wir könnten spazieren gehen, Herr Dr. Rauch, hm, was sagen Sie!? Ob ich ihm das vorschlagen soll? Eine Frage brennt mir dennoch auf den Lippen, die ich ihm einfach stellen muss. Warum sind Sie nochmal verheiratet, Herr Doktor Rauch!?

*Namen geändert.
©Netti

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