Alles gut.

Noch immer bin ich überrascht am nächsten Morgen noch am Leben zu sein. Bin ich es, steigt sofort Panik in mir auf, hatte ich einen Schlaganfall? Dann überprüfe ich ob ich noch gucken kann, ob beide Augen noch gucken, ich lächle, und frage mich ob beide Seiten lächeln, renne zum Spiegel und schaue, ob die Mundwinkel nicht irgendwie seltsam sind. Meist sind sie es zwar, meine Mundwinkel zeigen wie bei Mutti irgendwie gern nach unten, das ist eben unser Gesicht, aber ich muss mich trotzdem vergewissern. Arme schüttelnd und Beine, steh ich dann da und komme mir bescheuert dabei vor. Aber Vorsicht ist besser als Nachsicht. Rede ich mir ein.

Der Stresspegel in meinem Leben steigt kontinuierlich, ich schaffe es nicht ruhiger zu werden. Ich weiss dass ich weniger zu Shootings rennen sollte, in meiner wenigen Freizeit die ich habe. Doch ist es das Einzigste was mich irgendwie noch zusammenhält. Es gibt keinen Partner der seine Arme um mich schlingt, mich umarmt und somit verhindert dass ich einfach so auseinanderfalle. Es gibt keine starken Hände die mich festhalten, wenn ich mal wieder das Gefühl habe dass mir alles zu viel wird, und ich am Liebsten schreien möchte und nicht kann, weil mir einfach die Kraft dazu fehlt. Die neue Arbeit gleicht so langsam der alten und ich fühle mich gefangen im Strudel des „Du musst!“ Die Zustände sind überall gleich, und wieder werde ich an freien Tagen angerufen um einzupringen, weil nach und nach Mitarbeiter wegfallen, nicht arbeiten können weil sie allergisch reagieren, krank werden oder jemand stirbt. Mein Gemütszustand möchte auch gerade sterben, sterben um nicht weiter diese beschissene Arbeitssituation durchleben zu müssen. Mehr Arbeit, weniger Arbeitszeit die uns dafür bleibt, weniger Personal. Mehr Umsatz, immer lachen, nicken, freundlich sein. Arschloch, denke ich mir beinahe täglich und ich frage mich wie das funktionieren soll, mit dem positiver werden und tolle Gedanken machen und ich bin so froh auf dieser Welt zu sein, Arbeiten macht so Spaß.

Ich rauche zu viel und esse zu wenig. An schlechten Tagen bin ich froh wenn ich mir eine Schnitte reinprügle. An guten Tagen koche ich mir eine Kartoffelsuppe, das wohl einzigste Gericht was ich liebe und kochen kann. Essen ist eine Qual, ich esse nicht gern, kann fast schon sagen dass ich es hasse. Meine Therapeutin weiß, dass es mit meiner Kindheit und dem psychichen und emotionalen Stress zusammenhängt, dem ich ausgesetzt war. Dass ich das selber weiß bringt mir herzlich wenig. Denn ändern kann ich daran trotzdem nichts und das Ekel-Gefühl im Magen bleibt weiterhin bestehen. Langsam bezweifle ich, dass sich daran jemals etwas ändern wird, sitzt es doch zu tief. Ich weiß dass ich mal wieder auf der Couch sitzen müsste, und ihrer Frage „Wie geht es Ihnen heute?“ mal nicht mit „Ganz gut“ antworten sollte, weil ich meistens der Meinung bin dass es mir ganz gut geht, ohne zu wissen was das eigentlich bedeutet. Denn ein Synonym für „ganz“ wäre „vollständig“ und „gut“ ist nur so mittelmäßig, denn es ist immerhin steigerbar. Zwei Begriffe die so recht nicht zueinander passen, ebenso das Leben was ich lebe. Ich fühle mich aussenstehend, und nicht ganz da. Betrachte ein Leben dass nicht zu mir gehört, ein Leben, dass ich nicht bin, dass ich nie war. Meistens bewundere ich all die Sachen die andere machen, kochen, Freunde treffen, Spaß haben, ausgehen, flirten, reisen und Familie weniger vernachlässigen.  All das selber durchzuführen, all das endlich mal wieder selber zu erleben, das schaffe ich nicht. Dazu fehlt Kraft. Meistens bin ich zu müde und dann verschlafe ich die Hälfte des Tages und bemerke dass ich wieder nichts gemacht habe. Yoga steht auf meiner Liste ganz oben, doch mir fehlen die Tage die ich planen kann, weil auf dem Handy-Display steht Arbeit und das Telefon klingelt sich penetrant in mein Gehirn, Dienspläne ändern sich beinahe täglich. Mittlerweile ist es mir egal dass ich Arzttermine nicht wahrnehmen kann, weil auf dem Dienstplan wieder rumgemalt wurde, ohne mich vorher zu informieren. Ich möchte das Telefon abstellen, und den Wecker und die Augen schließen und schlafen.

„Morgen wird alles besser. Morgen höre ich auf zu rauchen, ich ernähre mich vernünftiger und treffe wieder Freunde, und Familie und gehe zum Yoga und mit ein bisschen atmen werde ich glücklich sein, das Leben ist toll.“, ist mein tägliches Mantra, was sich ebenso täglich wieder verschiebt. So schiebe ich die Gedanken die ich eben noch dachte im nächsten Augenblick wieder beiseite und bin froh, wenn ich den Wecker höre, aufstehe, mich anziehe, und einfach funktioniere. Auf Arbeit winke ich ein „ALLES GUT bei dir? Du siehst müde aus, und ein bisschen fertig.“ ab und sage „Alles gut.“ ALLES GUT ist unser Slogan. ALLES GUT bekommen täglich unsere Kunden zu hören. ALLES GUT als Frage erduldet kein Nein.

Und doch gibt es Tage an denen ich ein bisschen stolz auf mich bin. Ich lerne Nein zu sagen. Ein Nein, was nicht fragend aus meinem Mund daher kommt. Sondern ein Nein. Punkt. Ohne dass ich im nächsten Moment einknicke, weil die Stille des Gegenübers zu laut und mein Kopf zu leise ist, sodass ich sofort ein Aber anhänge. Körper sagt nein, denn er merkt, dass er entkräftet ist und bald wieder nicht mehr kann. Und ich merke dass sich was ändern muss, aber das WAS und das WIE ist ein stetiges Kreisen in meinem Kopf, was mir Schwindel verursacht und Panik hervorruft.

Ich setze mich an den Tisch und esse meine Kartoffelsuppe, froh etwas geschafft zu haben- und morgen treffe ich meinen Kumpel, einer von den wenigen Freunden die inzwischen an einer Hand abzuzählen sind und dann gehen wir paddeln und picknicken ein bisschen. Ich werde glücklich lachen und Spaß haben, mich des Lebens freuen und essen, bis nichts mehr rein geht.  Morgen wird alles besser. ALLES GUT!

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4 Gedanken zu “Alles gut.

  1. Dieser Plan gefällt mir, paddeln und picknicken!! Das sind die echten und wahren Schätze des Lebens… Meine Liebe, lass den Kopf oben und hab keine Angst, Du bist jemand und Du hast etwas erreicht. Denk an die vielen guten Dinge und Momente. Ich denk an Dich und hoffe das Du auch weiterhin Deinen Weg gehen wirst. Egal wie steinig er Dir vorkommen mag!!!!

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  2. was für ein text. was schreibe ich nur dazu? ich weiß es nicht, aber nichts zu schreiben, das geht auch nicht. abgesehen von der sache mit dem essen, die sich bei mir eher andersrum abspielt, kommt mir vieles so bekannt vor, habe ich das meiste selbst schon empfunden, tue es immer wieder. trotz mensch an meiner seite, denn leider gelange ich immer wieder zu der unerfreulichen erkenntnis, dass einen jemand anderes nicht einfangen und ganz machen kann, im gegenteil, wenn man so ganz und gar nicht ganz ist, hat man dann noch eine baustelle am laufen. trotzdem kann ich deine sehnsucht so gut verstehen, auch wenn ich jetzt furchtbar altklug nicht anders kann als zu sagen: der wahre halt kann nur aus deinem innen heraus von dir selbst und für dich selbst kommen. sei mir deswegen nicht böse, ich will dich nur ein ganz klein wenig anstupsen in die richtung, dass du nie vergisst, den fokus auf dich selbst zu richten, darauf, dass du zu allererst dir selbst vertrauen musst, lernen, dich selbst wertzuschätzen. du bist toll, du bist wertvoll, du bist wunderbar. wenn ich es dir sage, dann belächelst du das vielleicht, du freust dich, tust es ab, nimmst es nicht ernst. wenn es dir ein mann sagt, für den du gefühle hast, klammerst du dich daran, willst es spüren, aber wirklich glauben wirst du es nur, wenn du es für dich selbst empfindest…

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