Seelenfresser.

Du siehst ihn da stehen, von weiten schon, und dir ist bewusst, dass er es sein muss, der Mann von dem Profilfoto. „Hallo“, sagst du nur, und stellst dich ihm vor. Soeben sei er schon erschrocken, meint er, als eine Andere auf ihn zu kam, er dachte dass seist du, warst du aber nicht. Offenbar ist diese Person ein sehr direkter Mensch. Wie genau er das gemeint hat, erläutert er nicht, aber du liest auch nicht zwischen den Zeilen, weil es dir egal ist. Er wollte dich treffen, um dich kennenzulernen, weil er dich zumindestens optisch interessant genug findet, um dich vor seine Kamera zu bekommen. 

Ihr beschließt in ein Café zu gehen um etwas zu trinken. Du stellst dir vor dass ihr einfach nur locker ins Gespräch kommt, um zu bequatschen, wie euer Fotoshooting ablaufen wird, was er sich vorstellt und ob dies mit deinen Vorstellungen übereintrifft. Doch schon als ihr euch setzt und die Getränke bestellt, beide einen Kamillentee, merkst du dass ein Gespräch beginnt, was nachklingen wird. 

Die Unterhaltung geht nur schleppend voran, er erzählt ein wenig von sich und fragt dich aus, wie alt du bist und was du machst, und ob du allein lebst. Die Fragen findest du seltsam, trotzdem antwortest du. Er schaut dir in die Augen, und will wissen ob du so gar nichts über ihn wissen möchtest, und stellt fest dass er schon lange kein so komisches Gespräch mehr hatte, ein so ruhiges, verhaltenes. 

„Bin schüchtern.“, sagst du nur und zündest dir bereits die zweite Zigarette an. Er schüttelt mit dem Kopf, sagt: „Nein, aber verschlossen. Erzähl doch mal von dir, ich muss dich doch erstmal kennenlernen, bevor ich dich fotografieren kann. Ich fotografiere nicht einfach einen wildfremden Menschen, ohne auch nur ein bisschen was zu wissen. Erzähl doch mal was.“ 

Deine Finger schnippen hektisch an der Zigarette herum. „Was denn.. soll ich dir meinen Lebenslauf erzählen oder wie? Das kannst du knicken! Das mach ich nicht.“ „Ja.“, sagt er, doch du weißt dass er nur sagt, es aber nicht genauso meint. Seine Witze, die eigentlich keine sind, sind leicht durchschaubar.

Er erzählt noch ein bisschen was über sich, Sachen die dich eigentlich gar nicht so interessieren, denn du dachtest es geht hier nur um das Fotografieren und Model stehen und nicht darum was man macht, oder was nicht. Er kommt von Russland, erzählt er, und du sagst: „Schön.“, weil du es schön findest, aber mehr auch nicht. Du gibst nur die nötigsten Sachen über dich preis, denn alles Andere geht ihn auch gar nichts an. Warum solltest du einen Fremden bei einem ersten Gespräch so nah an dich ranlassen.. Überhaupt an dich ranlassen, wie geht das überhaupt. Du hast vergessen wie man ein funktionales Gespräch miteinander führt, ein Gespräch miteinander, anstatt gegeneinander, du hast vergessen dass ein Dialog eine Unterhaltung zwischen zwei Menschen ist, die sich austauschen, stattdessen lauschst du nur seinem Monolog, was dir gerade mehr als nur Recht ist. 

Er lächelt immer mal ganz seltsam, das entgeht dir nicht. Aber trotzdem ist es schnurzegal was er denkt, das interessiert dich nullkommanullirgendwas, und wieder, schon wieder schaut er dir direkt in die Augen und es gruselt dich, du bekommst sogar ein bisschen Gänsehaut, während du den Blick standhältst und deine Zigarette im Aschenbecher ausdrückst.

„Genießt du dein Leben?“, fragt er dich mitten in dein Gesicht, was dir soeben zu entgleisen scheint. Du kannst sie hören, deine sorgfältig auferlegte Maske, wie sie laut klirrend von deinem Gesicht bröckelt, und nun in einzelnen Fetzen von deinem bereits zerschundenen Gesicht hängt. Du wendest es ab, denn was fällt ihm ein, diesem Arschloch, dir verdammt nochmal so eine Frage zu stellen, eine Frage, die du dir selber nicht einmal zu stellen wagst, aus Angst dich damit befassen zu müssen. 

„Arschloch.“, sagst du ihm, und du meinst es auch so, während stumme Tränen der Erkenntnis über deine Wangen rinnen. 

„Scheiße, entschuldigung, habe ich dich jetzt zum Weinen gebracht? Das wollte ich nicht, ich habe offenbar einen Nerv getroffen. Das passiert mir manchmal. Wir müssen da gar nicht drüber reden, also.. wir reden einfach ein anderes Mal darüber.“ 

„Das kannst du vergessen. Ich rede überhaupt nicht darüber. Das geht dich überhaupt nichts an.“, spuckst du ihm ins Gesicht, und ärgerst dich über die Schroffheit in deiner eigenen Stimme. 

Wieder blickt er dich an, mit diesem Blick, den du jetzt schon kennen und fürchten gelernt hast. 

„Wenn du so bist, also die Tränen, wenn du so vor der Kamera….., das wäre grandios.“, das scheint er tatsächlich ernst zu meinen, keinerlei Regung zeigt sich in seinem Gesicht. Also das findest du jetzt echt scheiße, nutzt der hier gerade deinen Gefühlsausbruch aus? Versucht er dich gerade irgendwie hinzustellen?, fragst du dich, doch dir fällt nicht ein wie, wie er dich hinstellt, denn offenbar will er einfach dich. Und das sagt er auch. Er möchte dich mit der Kamera einfangen, deine Person, dein Wesen. 

In dir tobt ein Kampf, ein Streit zwischen Gut und Böse. Du möchtest aufstehen, und ihm sagen was für ein rücksichtsloser, unsensibler Trottel er ist, doch stattdessen bleibst du schweigend sitzen, das Kinn hochgereckt, während die letzten deiner Tränen über deine nassen Wangen verenden. Euer Blick hält stand. 

„Ich hoffe, ich darf dich trotzdem noch fotografieren. Sonst.. ich könnte mir das nicht verzeihen. Ich wäre enttäuscht. Von mir. Nein. Wütend über mich.“ 

Ihr haltet den Augenkontakt, aber du antwortest nicht. Lässt nur ein bedrücktes, kaum sichtbares Nicken zu. 

„Ich muss pinkeln.“, sagt er nun, gerade als du dachtest, dass du pinkeln musst. 

„Ich auch.“, meinst du und stehst Tasche greifend auf, um loszustürmen, zur Toilette, erstmal weg, von ihm, atmen, Luft holen. 

„Und warum gehst du jetzt zuerst?“, ruft er dir nach, was dich ein wenig zum Lächeln bringt, zeitgleich erstirbt es wieder, als dir seine Worte im Kopf nachhallen. >Genießt du dein Leben?< Vier lächerliche Worte, die dich so sehr zum Wanken bringen. Du schließt die Toilettentür hinter dir, greifst mit beiden Händen aufs Waschbecken und schaust deinem gehetzt wirkenden Gesicht entgegen. Sie wollen nicht rein in dein Kopf, diese Worte, diese Frage, die du einfachso unbeantwortet im Raum hast stehen lassen. Noch immer geschockt von dem Nachhall.

Während du die Treppen runter steigst, überlegst du wegzurennen, blickst dich nach einem Notausgangsschild um, eines wo ein weißes Männlein auf grünem Hintergrund zur Tür heraushetzt, eine Tür welche durch einen Pfeil in die richtige Richtung weist. Doch hier ist kein verdammtes Schild, stattdessen wackelst du auf deinen noch immer zittrigen Beinen zurück zur Tür, von wo aus du ihn schon an dem Tisch sitzen siehst. Als du ankommst steht er auf. 

„Bis gleich.“

 Noch immer stehend schreit alles in dir: >Renn weg! Lauf!<, doch dein Arsch setzt sich wieder auf dieses blöde Sitzkissen drauf, wahrscheinlich schon voller Angstfürze benetzt, von alterschwachen Damen und rotzigen Kindern oder Frauen, welche Fragen gestellt bekommen, die sie einfach nicht hören wollen.

Als er zurück kommt lauft ihr in die Richtung, in die du gehen musst, dann sagt er:

„So, hier trennen sich unsere Wege. Wir sehen uns! Wir schreiben uns!“, auch das Fragezeichen dahinter schwingt in seiner Aufforderung mit, die leise Angst dass das Shooting zerplatzen könnte, so wie die Seifenblase, bestehend aus farbigen Regenbögen, wenn zuviel Luftdruck ihr Sein ins Nichts auflöst. Er schließt dich in die Arme. Diese Nähe. Wie seltsam. So komisch. Irgendwen zu umarmen. Dass es sich auch ein bisschen schön anfühlt möchtest du nicht wahrnehmen, denn du möchtest diese Nähe nicht, sie ist dir einfach zu viel. Jetzt gerade. Und überhaupt. 

„mhhh.“, nuschelst du, nichtwissend was es ausdrücken soll, und drehst dich auf dem Absatz um. Seinen Satz den er zum Abschluss anfügt: „Du bist seltsam, aber interessant. Sieh es einfach als Kompliment.“, möchtest du am Liebsten überhört haben, weil zu laute Kinder, Hundegebell, Straßen-Auto-Bus-Motorrad-Lärm, oder weil die Tauben zu laut gurren (rugeldigurugeldigu-Blut ist im Schuh?) und seine Worte einfach so ungehört verschlingen. Ja, hier sind eine Menge Tauben und Kinder, und Fahrzeuge, aber alle haben in diesem Einen Moment beschlossen zu verstummen. Spitze, denkst du dir, während erneute Tränen über dein Gesicht rinnen und du schnellen Schrittes in Richtung Straßenbahn eilst.

Da ist eine Betteltante mit ihrem Pappbecher in der Hand, welche auf ein paar Groschen hofft, an ihr läufst du vorbei, ohne sie bewusst wahrzunehmen, auch wenn dein Blick gerade aus geheftet ist, ist er doch verschleiert und schaut ins Nichts. Bis zwei junge Männer, in ein Gespräch versunken, nebeneinander laufend, deine Aufmerksamkeit zurück auf den Moment des Hier und Jetztes lenken. Das Gespräch endet abrupt, und der rechte Mann mit den dunklen Haaren und dem dunklen Blick, offenbar sind seine Augen dunkelbraun, beinahe tiefschwarz, auch wenn du dich fragst, wie du dass auf die Entfernung hin feststellen kannst, schaut dich an. Nicht dich. Sondern dich. Er sieht dein Innerstes und obwohl du längst eine neue Maske übergestülpt hast, schaut er in deine Augen. Und er sieht da was. Panisch fragst du dich, ob das auf deiner Stirn geschrieben steht, alles das, was dich hat aufwühlen lassen, alles das, was dich bewegt. Es muss blinken, wie eine Reklametafel vor sich hinleuchten, während ihr aneinander vorüber lauft. Zeitgleich dreht ihr euch nacheinander um, eure Augen noch immer ineinander versunken. Du siehst nur ihn, nimmst sonst nichts wahr. Der Mann in deinem Blickfeld, euer Blickkontakt, der dem Laufen standhält, denn noch immer setzt ihr euren Weg fort, ohne zu sehen wo ihr hinlauft, du schaust über deine Schulter nach hinten, doch deine Schritte bewegen sich vorwärts. Plötzlich spürst du einen Aufprall, und erstarrst, dein Kopf schnellt nach vorn, vor dir ein Masten. Verwirrt bleibst du stehen um zu realisieren dass du nur beinahe kollidiert wärst, mit einem Masten, der da verdammt nochmal nicht hingehört. Peinlich berührt schaust du dich suchend um, doch die beiden Männer sind verschwunden, haben sich plötzlich aufgelöst, zwischen all den Menschen die durch die Straßen wuseln.

Im Kopf taucht dieses Bild auf, von dem Mann, der dir nachläuft, nachrennt – er rennt dir hinterher,- atemlos zieht er an deiner Hand und dreht dich zu sich um, während eure Blicke nicht mehr von einander ablassen können.

Dieses Bild, der Mann wie er dir hinterher rennt, bis zur Bahn, sein suchender Blick gleitet durch die 1000 bunten Menschen, doch er sieht dich einfach nicht. Er kann dich nicht sehen.

Dann kommt die Bahn, dieses Bild, wenn die Türen der Bahn schließen, und ein lautes, grilles Pfeifen ertönt, das Warnsignal, dass die Bahn nun anfährt, und du stehst dahinter, hinter dieser Tür. Die Hände des Mannes, und die deinen berühren sich an der Tür hinter Glas.

Schnell ist es wieder weg, das Bild, ohne dass du erinnerst woher es dir bekannt vor kommt. Ein Déjà vu? Oder nur ein Trugbild deiner Gedanken?

In der Bahn checkst du die Menschen, ohne sie wirklich wahrzunehmen, sie verschwimmen immer mehr zu einer kunterbunten, schwammigen Masse, welche zähe Bewegungen vollziehen, und doch fühlst du diese Enge die dich fast zum Ersticken bringt. Diese Nähe der zusammengequetschten Massen in der Bahn ist dir einfach zu viel. Jetzt gerade. Und überhaupt. „Genießt du dein Leben?“ Das Bild im Fenster aus Glas spiegelt deine Tränen wieder.


©Netti

 

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Wenn man gezwungen ist loszulassen…

..gibt es nichts Altbekanntes mehr, wodran man sich klammern, worauf man hoffen kann. Alle alten Hoffnungen haben sich aufgelöst, schwirren nun durch die Lüfte, schweben dahin, weit weg von dir, um neuen Hoffnungen platz zu machen. Keine Ahnung in welche Richtung das mit dem Hoffen gehen soll, doch deine vergangene Verliebtheit lässt keinen Platz mehr im Herzen, denn wieder hat man deine Gutmütigkeit nicht zu würdigen gewusst. Du weißt nicht ob du ihn je wieder hören wirst. Du weißt nicht ob du ihn je wieder hören willst. Du weißt nicht ob du ihn je wieder sehen wirst. Du weißt nicht ob du ihn je wieder sehen willst. Du weißt du solltest ihm verzeihen, ihn loslassen. Gut, sagst du dir, und lässt ihn los, doch verzeihen wirst du nicht, denn seine albernen, vergangenen Versprechungen hängen dir zum Hals raus. Inzwischen widert er dich an. Der Gedanke an ihn. Seine Nähe die du zugelassen hast. Seine Stimme in deinem Ohr. 

Ob er sich nach dem Jahr melden wird? Auch das weißt du nicht. Du weißt nicht einmal wie du reagieren würdest, wenn es so wäre. Innerlich trägst du einen Haufen Wut mit dir spazieren. Manchmal ist sie so stark, dass du Dinge zerstören könntest, Menschen verletzten möchtest, egal was, Hauptsache es wird Leid zugefügt. Das Bedürfnis ist schnell schnell vorbei, ohne dass etwas geschieht, aber es bleibt die Leere und das Gefühl, dass etwas nicht stimmt mit dir, und dieser Welt in der du lebst.

Manchmal lachst du ein bisschen irre vor dich hin, während du diese Nachricht wieder und wieder liest. Deine Nähe ist so wundervoll. Steht da. Ich bin so gern mit dir zusammen. Steht da. Und es ist so toll mit dir Zeit zu verbringen…, jetzt kommt diese Stelle, wieder lachst du und gibst seltsame Töne von dir, halb lachend, halb weinend,..ich möchte auch gern so zu dir sein, und dir alles zurückgeben, aber irgendwas lässt mich immer zweifeln. 

Wütend wirfst du dein Handy in die Ecke. Du verfluchst ihn, das Telefon, dich. Die Wut brodelt in dir, auch wenn die Nachricht schon über einen Monat zurück liegt. Du überlegst zu ihm zu gehen. Halbnackt nur mit Jacke bekleidet. Er würde seine scheiß Tür auf machen und du würdest in sein scheiß schönes Gesicht schlagen, mit deiner flachen Hand, oder die Faust, das würdest du spontan entscheiden, und dann würdest du ihn nicht zu Wort kommen lassen, würdest seinen scheiss Mund küssen. Klar, ihr würdet Sex haben und für dich würde es Liebe machen heißen, obwohl du nicht so richtig weißt was das ist, aber weil es so weh tut die ganze Zeit und währenddessen, kann es nur sowas wie Liebe sein. Aber vielleicht ist es auch nur Abhängigkeit nach etwas, was du nie besessen hast, nach jemand der nie dein war.

Du wünschst ihm dass sein scheiss Flugzeug an einer scheiss Felswand in tausend Kleinteile zersplittert. Aber du schreibst es nicht. Er wird nichts mehr von dir hören.

Es geht dir besser. Eigentlich. Und du bist froh, dass er bald weg ist, denn täglich hast du Angst ihm über den Weg laufen zu müssen. Du bist froh, dass er bald endlich abhaut, soll er doch da bleiben. Du brauchst niemanden der zweifelt, wo du selbst doch so gern zweifelst, deine Zweifel reichen dir, da brauchst du nicht noch mehr davon.

Natürlich musst du dem Drang widerstehen ihn anzuschreiben, manchmal ist er sehr stark, und als er dich zu übermannen scheint schreibst du nicht ihm, sondern den Fotografen.

©Netti 

Trotz allem was kommen wird.

Er ist mein persönlicher Teddybär. Er ist der, in den ich mich verliebt habe. Er ist der, der mir Mut gibt und Kraft. 

Ich bin aufgeregt und angetrunken und ich klingel und warte bis er durch die Freisprechanlage spricht, und der Summer ertönt. Wie immer fahre ich Fahrstuhl, denn auf Treppe habe ich keine Lust, dann bin ich wieder so rot wenn ich oben ankomme. Er wartet diesmal an der Tür, aber das sehe ich erst später, mein Kopf ist auf den Boden geneigt. „Kuhl, ist das Geld!?“, denke ich und sage es auch. Mein Blick fixiert ein gefaltetes Stück Papier auf dem Flurteppich. Dieser Flur besitzt tatsächlich einen roten Teppich. Ein Lacher aus meinem Mund und auch aus seinem. Der Teppichboden gibt dann doch keinen Lottogewinn her, sondern nur benutzte Fahrkarten. Zu dumm. Nun stehe ich ihm gegenüber und ich könnte schmelzen, zerschmelzen und sterben. Er fehlt mir so! Diese Augen. Dieser Blick. Er ist geknickt, wirkt sehr, sehr traurig. Ich gebe ihm das Shirt, sein Shirt und sage: „Hier, Dein Shirt.“ Er nimmt es und gibt mir mein Massageöl. Wir halten nun die Sachen in den Händen, die als Vorwand dienen, damit man sich bitte nochmal sieht. Er braucht das blöde Shirt nicht mehr. Auch ich brauche das Öl nicht mehr. „Magst du noch bleiben? Also… wenn du magst?“, er schaut hoffend und wartet auf meine Reaktion. Ich weiß es wie immer nicht. „Ich weiß es nicht. Ich wollt nur kurz..“ Doch eigentlich weiß ich es. Alles in mir schreit: JA, JA, JA! Ich möchte seine Nähe, sein Lachen, seinen Duft, ihn. Wir stehen uns hilflos gegenüber. >Sag was! Mach was!“<, denke ich und möchte ihn am Liebsten schlagen. Wo ist die Musik die so schnulzig Halleluja schreit, wo ist der Konfettiregen aus glitternen Herzchen, wo ist der Mann der einfach macht, ohne zu denken. Er nimmt mich in die Arme, hält mich ganz fest, beinahe bleibt mir die Luft weg zum Atmen, ich muss blinzeln, denn in meinen Augen sammeln sich Tränen. Mein Herz ist zugeschnürt so wie der Hals, ich spüre den Kloß und einen Schluchzer, den ich mühsam unterdrücke.

„Also ähm. Wenn du bisschen Sekt hast, bleib ich noch.“, jetzt lache ich doof.

„Natürlich.“, er freut sich sichtlich. Erleichtert läuft er los den Sekt holen.

Wir trinken nur ein Piccolöchen, den teilen wir uns und wir stoßen an auf was auch immer, und ich trinke, sitze ihm gegenüber und schwitze und friere, alles zusammen, es könnten noch zwei weitere Menschen zwischen uns sitzen, oder drei, so groß ist der Abstand zwischen ihm und mir, obwohl ich mir nichts sehnlicher wünsche als ihn ein letztes Mal zu berühren. 

Wir führen Smalltalk und er berichtet kurz von seinen Vorbereitungen. Er fragt wie es mir geht, aber ich wiegele ab, er soll gechillt nach Amerika fliegen, es ist mein Problem, soll nicht zu seinem werden. 

Er streichelt mich, sucht meine Nähe, streichelt mein Gesicht, schaut mir tief in meine Seele: „Wie geht es dir? Bitte sag es mir.“ Er umarmt mich, als er sieht dass ich meine Tränen nicht mehr halten kann, ich schluchze und weine Tränen. So viele davon. Auch in seinen Augen glitzert es. Er nimmt mich in den Arm und wir halten uns fest. So fest, so fest. Am Liebsten möchte ich ihn nie wieder los lassen, aber ich muss. Ich lasse ihn los und bitte ihn mir zu folgen, ich möchte ihm gern was sagen. Ich bin krank geschrieben, schon eine Weile. Und er sollte erfahren was mit mir los ist. Dass ich kein gebrochenes Bein habe, das kann er ja sehen.

Wir sitzen auf dem Balkon und schauen in den Sternenhimmel, während ich Tränen und Schmerz in den Himmel puste. Dann beginne ich zu erzählen. Er nimmt mich in den Arm, hört mir zu und macht mir Mut. Er hat vollstes Verständnis und er ist das was ich mir schon immer gewünscht habe, ein Mann der mir zuhört, ein Mann der mich begehrt, ein Mann der meine Schwächen sieht und damit umgehen kann. Ein Mann der fühlt und es auch zeigen kann. Ich berichte ihm den Großteil der mich bewegt, und ich erzähle ihm mein Vorhaben. Meine Entscheidung die ich treffen musste. Für mich. Ich treffe auf sein vollstes Verständnis. „Das schaffst du. Du bist doch so stark!!“

Wir schauen den stummen TV-Bildschirm an und hören nebenbei Musik. Er sucht meine Nähe, doch ich kann mich ihm nicht öffnen, bin krampfig und verletzbar. Er streichelt meinen Rücken, meine Hände, küsst meinen Nacken und streichelt mein Gesicht, wischt die Tropfen weg, die heiß zu Boden perlen. Er schaut mir in die Augen, fragt: „Darf ich dich küssen, bitte?“ Wir küssen uns zwischen den Tränen, die meinen Mund benetzen und wir schmecken eine salzige Mischung aus Hoffnung und Glaube. Ich glaube, jetzt gerade glaube ich, dass das nur echt sein kann, und bleiben wird, egal wie alles ausgeht. Er fragt ob er mich massieren darf, er möchte mir so gern etwas Gutes tun. Nach meiner Zustimmung holt er das Massageöl und ich ziehe mir das Oberteil über den Kopf. Seine langen Finger streichen über meinen kleinen Rücken. Er streichelt mich, und verteilt das warm duftende Öl auf meinem Rücken. Seine Hände kneten kräftige Massagebewegungen und lassen mich für einen Bruchteil vergessen. Sorgen, Anspannungen Ängste, ich kann mich locker machen. Kurz abschalten. Er küsst mich und verteilt am ganzen Körper einen kleinen Wärmehauch. Er küsst meine Wange, meinen Hals, mich. Ich richte mich auf, küsse ihn gierig und heiß, während mich inniges Verlangen durchströmt. Ich setze mich auf ihn und er hebt mich an und hoch, trägt mich küssend ins Schlafzimmer und setzt mich sorgsam ab: „Bitte versuch zu entspannen.“ Er macht mich soso glücklich.

Noch als ich ihn leicht stöhnend auf mir spüre, und er mich überall mit Küssen bedeckt, weil auch ich ihn soso glücklich mache, fange ich an mit Beben, denn ein Schluchzer den ich nun nicht länger unterdrücken kann, verlässt meinen Mund. Ich zittere und schluchze und weine und entschuldige mich dafür. Ich weine während er auf mir liegt und er streichelt mein Gesicht, küsst mich auf den Mund, auf die Wange und auf den Kopf immer und immer wieder, so lange bis die Tränen verebben. Er umarmt mich lange während wir uns schweigend in den Armen liegen, damit mein Herz und mein Puls sich wieder beruhigen kann.

Er zwingt mich zum Essen und ich sehe seine lauten Gedanken die aber nicht sprechen zu mir, sondern schweigen. Sein Blick geht ins Leere. „Was denkst du jetzt von mir?“, möchte ich am Liebsten fragen, „Hältst du mich für bekloppt?“

Ich ziehe mich an und mache mich bereit für den Abschied, einen Abschied für immer? Wir stehen uns gegenüber, nur halb lächelnd und ich frage: „Meldest du dich wenn du wieder zurück in Deutschland bist?“ Er schaut mich an, verwirrt, geschockt, traurig. „Natürlich melde ich mich!“, er schweigt kurz, fügt an: „Ich melde mich auch schon früher, wenn du magst, wenn das okay für dich ist!?“

„Ich weiß nicht.“, sage ich, weil ich es einfach nicht weiß. „Ich meld mich morgen!“, sagt er und ich nicke und möchte gern daran glauben.

„Du schaffst das. WIR schaffen das.“, korrigiert er und betont das wir. Dann küsst er mich auf den Mund.

Das verstehe ich nicht. Aber ich habe auch keine Kraft mehr um zu  fragen und zu verstehen. Ich habe überhaupt gar keine Kraft mehr. Ich bin ausgebrannt und kann zum ersten Mal Menschen nachempfinden, die es auch sind, ich kann fühlen dass das Fühlen zur Qual wird und das Denken einen Punkt erreicht an dem es kein Vor gibt, und kein Zurück.

Es liegt jetzt an mir Stärke zu beweisen. Und zu kämpfen. Auch wenn es harte Arbeit wird. Verdammt hart.

©Thomas Woischnig/Bild

Mein herzlicher Dank geht an Thomas Woischnig, für die Nutzungserlaubnis seiner Fotografie.

©Netti/Text  

„Mama, mach mal!“


~Manche Zeiten ändern sich eben nie.~

Man flennt weil man nicht weiter weiß. Man flennt weil etwas weh tut. Man flennt weil man sich ungerecht behandelt fühlt. Man flennt vor Trauer, Angst, Wut, Rührung, manchmal auch vor Freude.

Tränen bedeuten nicht, dass man schwach ist, sondern dass das Herz mehr fühlt, als es ertragen kann.

©www.nicobartes.com

Auch wenn sie heute kein Faschingstütchen auf dem Kopf trägt fühlt sie sich in die damalige Zeit zurück versetzt. Zu der Zeit, in der das Denken noch Mutti übernahm, zu der Zeit, in der Mutti noch alle Entscheidungen traf. Zu der Zeit, in der ihr Tränen liefen, weil Tütchen auf dem Kopf einfach scheiße waren, weiße Kostümchen und pechschwarze Perrücken dagegen sehr viel cooler. Schon damals wurde ihr klar: ~Scheiße hey, man kann halt echt nicht alles haben.~ Nur das warum blieb unbegründet.

Tränen kehren das Innen nach Außen, mehr Nähe geht nicht.

©Netti

Wie cool wäre es manchmal, wenn man einfach wieder Kind sein könnte, hat man die Zeit doch viel zu unbewusst wahrgenommen, stets strebte man nach dem Alter und bewunderte die Großen. Man wünschte sich endlich erwachsen zu werden, man sehnte den Augenblick herbei in dem man selber durfte. Alleine essen. Alleine laufen. Das erste Mal ja sagen, oder nein, wahlweise vielleicht. Man wollte so gern selber Entscheidungen treffen, keiner mehr der sagte: „Du darfst nicht zappeln.“, „Das wird aufgegessen!“, „20:00Uhr bist du zu Hause.“, „Erst Hausaufgaben, dann Spielen.“, „Fernsehverbot!“ Keiner der sagte: „Jetzt wird geschlafen!“
Diese Regeln haben uns Kindern System gegeben. Durch sie lernten wir das groß werden, das zurecht finden in einer Welt die aus Regeln und Zucht und Ordnung besteht. Heute aber ist man gezwungen sich dem System gegenüber zu stehen, ohne dass uns Hilfestellung geleistet wird. Man ist erwachsen und selber in der Lage Entscheidungen zu treffen, zu handeln.

Und doch gibt es immer mal wieder Momente in denen man ein bisschen verzweifelt, dann wird man zurückversetzt in eine Zeit, die längst vergangen. 
„Mutti, mach mal!“

©Netti

Die Ecke voller Spinnen.

Es ist schwierig vor einer Entscheidung zu stehen, die in die Enge drängt. Und so fühle ich mich, in die Ecke gedrängt wie ein Wildkätzchen, welches einem brüllenden Löwen gegenüber steht. Ich hocke also in dieser komischen Ecke in denen es vor Spinnen nur so wimmelt und ich erkenne: Ihr seid so eklig. Ihr da alle, du hässliche Spinne und du auch, du brüllender Löwe. Halt die Fresse! Halt sie einfach! Und doch wünsche ich mir Frieden und Streicheleinheiten, keine Emotionen die mich zwingen zu denken und vorallem zu handeln. Aber handeln sollte ich dringend. Denn glücklich fühlt sich anders an, irgendwie, nur wie? Etwas hindert mich daran mich aus dieser Ecke zu bewegen denn ich kenne sie nicht die Richtung, es sind zu viele Möglichkeiten, welche wiederum alle Ängste hervorrufen, die so groß sind dass ich mich gefressen sehe, vom Löwen der Speichelfäden zieht,  beim Brüllen. Ekelhaft. Ich probier jetzt mal es dem Löwen gleich zu tun und fauche zurück, hervor kommt ein mickriges Geräusch was ebenso ein gesättigter Rülpser sein könnte. Mein Mund schmatzt, als er sich wieder schließt. -Na super.-, denke ich mir, schaue aus großen, weniger furchterregenden Kulleraugen und ziehe den Kopf ein wenig ein, während ich den großen Angriff befürchte. 

©Netti

Unaufhaltsam.

Sie spürt diese Schwere in ihrer Brust, und auf den Schultern, auch da. Es zieht sie nach unten, irgendwie. Sie errichtet all diese Dinge, die sie am Leben teilhaben lässt und dennoch ist sie so unsagbar müde, sie sehnt sich nach einem kuschelweichen Bett in dem sie schlafen kann. Es drückt in ihrem Kopf, all die Gedanken drängen sich beisammen. Sie hat es satt dieses Gedenke, sie hat es satt, dieses Geheule. 

In der Bahn bemerkt sie diese Blicke auf sich, starrend, mitleidig fast schon. Die Leute werden sich fragen, warum dieses schöne Geschöpf all diese Tränen vergießt. Sie werden sich wundern, wie so viele Tränen kein Ende nehmen können. Unaufhaltsam tropfen sie auf diesen Boden, auf denen unzählige Füße stehen und Halt suchen. Die Füße des Mädchens schlackern und rutschen, fester Halt ist ihr nicht gegeben. Ihr Kopf ist ihr so schwer sie möchte ihn am Liebsten fallen lassen, er würde dann durch all die Füße purzeln, slalomähnlich. Vielleicht aber würden ein paar zugehörige Menschen zu Boden gehen. „Strike!“, würde sie dann rufen, und ihrem Mund würde ein Lächeln entweichen, zum allerersten Mal, während alle Zehne einfach so umfallen. Zehn Menschen am Boden liegend, so wie sie. Diese Vorstellung findet sie irgendwie lustig, sie lacht ein fieses Grinsen und erschrickt als ihr das eigen Ebenbild im Fensterglas entgegenblickt. Verheulte, rote Augen mit gequollenen Lidern. Spuren salziger Verzweiflung auf ihren Wangen. Sie spürt die Blicke des Mannes, er ist nicht so schlank wie sie, er wirkt sehr stark und gefasst, wie ein (Teddy)Bär der sie zu beschützen vermag. Nette Augen blicken ihr zu. Unter Tränen erwidert sie den Blick, sie fühlt sich plötzlich aufgefangen und beschützt und doch schreit ihr scheuer Blick nach Hilfe. Nach Rettung. Nach einem Ort an dem sie sich fallen lassen kann. Nach einem Ort an dem sie verstanden wird. Ihre Gedanken brüllen ihm zu. 

>>Bleib hier.<< 

Sagen sie. 

>>Geh nicht.<<

Flehen sie. 

Bettelnd haftet ihr Blick unter Tränen an seinem bärtigen Gesicht. Die Tür schwingt auf und der Mann wendet sich ab von ihr, einfach so. Sie blinzelt und verliert eine Träne an der sie sich zu klammern versuchte. Sie schiebt sich durch die Massen, keine Entschuldigung, kein Verzeihung. Ihre schmale Gestalt prallt gegen all die Körper, sie will doch nur noch, sie will nur noch.. nur einen Blick..

Der Mann, hinter denen die Türen schließen, schaut zu ihr zurück. Er dreht sich um, sein Blick wirkt verwirrt, durcheinander, dann suchend.. ein berührtes Augenpaar blickt suchend an dem Punkt an dem das Mädchen gerade stand. Doch sie ist weg. Enttäuscht  wandert sein Empfinden durch die anfahrende Bahn. Da sieht er sie!

Das Mädchen reißt die Augen auf, ihm ist als möchte sie etwas sagen, ihr Mund bewegt sich langsam, doch er kann nicht vernehmen was es ist, durch die Türen dringt kein Ton. Sie drückt sich an die Tür und ihre Hand berührt das keimige, verschmierte Glas der schneller werdenden Bahn. Er versteht nicht. Irgendetwas hat das Mädchen an sich, so sehr hat ihn noch nie etwas bewegt, jemand. 

Ein letztes Mal treffen sich ihre Blicke, bevor die Bahn aus seinem Blickfeld verschwindet. 

Das Mädchen ist nun nur noch eine Erscheinung, die sich einfach nicht benennen lässt. Umherkreisend in seiner Erinnerung. War diese Person jemals existend, oder entstand dieses Wesen seiner reinen Gedankenkraft!?

©Netti 

HirnZerren.

Ekelhaft. Abartig. Gruselig.

Dieses Ziehen und Drücken. Zusammenquetschend alles noch existierende. Im Denken und Handeln eingeschränkt. Der Schmerz vergleichbar mit irgendwie gar nichts. Und doch sind Schmerzen alle gleich. Alle gleich eklig. 

Aber von welchem Schmerz man auch befallen ist, ist gerade der im Moment erleidende, immer der Schlimmste. Da sagt man: 

„Zahnschmerz!- Es gibt nichts Schlimmeres!“ Oder:

„Ein Ohr was nicht mehr hört weil vollgestopft mit Schmodder!?-Geht gar nicht!“ 

„Krampfendes Bein!? -Hilfe! Nicht dass das noch amputiert werden muss!?“

„Karussell im Kopf!? -Übel!“

„Kotzerei und Dünnschiss! -Grauenvoll.“ Wie besoffen am Wanken ist man dann. Hin und her. Und her und hin. 

„Herzschmerz!? -Das Schrecklichste ever!“ Etwas was man nicht mal seinem schlimmsten Feind wünscht!

Irgendwie muss man sich aber doch immer wieder selber ermahnen: Chill mal! Das ist nur ein Kopfschmerz. Es gibt schlimmeres! 

Nur will einem dann trotzdem gerade nichts Schlimmeres einfallen. Ist alles ekelhaft. Egal was man erleidet. 

©Netti