Traurige Wahrheit, oder schöne Einbildung!?*


©Moteens

Sie sitzt diesem Mann gegenüber. Er ist groß, muskulös und charmant. Erst gestern ist sie ihm begegnet, zufällig auf der Straße. Für einen kurzen Moment hat sie nicht aufgepasst, sie schaute im Laufen auf ihre vielen Einkaufstüten, prall gefüllt, und war in dieser Sekunde einfach abgelenkt, sie achtete nicht darauf wo sie hinlief. Dann prallte sie gegen ihn, er hatte einen Kaffee to Go in der Hand und kippte ihn ihr über die Hände, es war heiß, der wohl heißeste Kaffee den sie je spüren musste, wenn man bedenkt dass heißer Kaffee eher unüblich ist. Sie schrie kurz auf und er entschuldigte sich bei ihr, während sie sich zeitgleich bei ihm entschuldigte. Wie unachtsam von ihr! Er versuchte flink den Kaffee wegzuwischen, und fragte ob sie Schmerzen hätte, aber sie hatte keine, es war nur der kurze Schreck. Zur Entschuldigung wollte er sie einladen auf einem Kaffee am nächsten Tag.

Es ist heiß an diesem Tag und sie lassen sich von der Sonne erwärmen, die Strahlen der Sonne kitzeln sie im Gesicht. Nochmals entschuldigt er sich bei ihr, doch sie winkt ab, denn es war ja allein ihre Schuld, sie hätte besser aufpassen müssen. Sie unterhalten sich angeregt und lernen sich ein wenig kennen, so wie man sich in einer Stunde eben kennenlernen kann. Beide haben nur Mittagspause, sie müssen gleich wieder ihrer Arbeit nachgehen, er in einer Anwaltskanzlei sie als Redakteurin einer Zeitung. Sie nutzen die Stunde und lachen viel, sie verabreden sich gleich für den kommenden Abend. Er möchte sie in ein schickes Restaurant ausführen, schon jetzt überlegt sie, was sie wohl tragen soll. Sie verabschieden sich, auf morgen, Küsschen rechts, Küsschen links. Beide haben nichts bemerkt. Die Frau ein paar Tische weiter nimmt die Zeitung vom Gesicht und winkt den Kellner zu sich. Eine dunkel getönte Sonnenbrille bedeckt ihre Augen.

Er sitzt schon am Tisch und wartet auf sie, das Kerzenlicht erhellt seine markanten Gesichtszüge. Als er sie kommen sieht erhebt er sich sogleich. Zur Begrüßung gibt er ihr einen spontanen Kuss auf den Mund. Sie setzen sich nieder und erzählen viel, sie knüpfen dort an, wo das gestrige Gespräch endete. Der Kellner bringt die Karte und für beide einen Champagner. Mit einem innigen Blickkontakt stoßen sie mit ihren Gläsern an. Ein liebliches klirren ertönt. Beide sind sich schnell einig über Vor,-Haupt,- und Nachspeise, als der Kellner vor ihnen steht nimmt er dankend die Bestellung auf. Genüsslich nippt sie an ihrem Gläschen, während er sie interessiert beobachtet. Ein reizendes Lächeln umspielt seine Lippen. Der dunkle Drei Tage Bart gibt ihm einen verruchten Touch. Sie bemerkt seinen Blick, spürt ihn auf ihrer Haut, ein Kribbeln durchfährt ihren Körper. Ein lauter Knall lässt beide hochfahren.

Plötzlich wirkt er unruhig. Schnelle Schritte bewegen sich auf den Tisch zu. Stöckelschuhe klackern laut auf den Boden. Klack. Klack. Sie realisiert in dem Moment, als sie diese Frau sieht, die erst ihn wütend anfunkelt und dann sie. Die Frau ist außer sich, schreit wie eine Furie, als sie sieht wie er ihre Hände hält. Es schallt. Ein lautes Klatschen ertönt und hallt im Restaurant an den Wänden wider. Die Bewegungen rundherum frieren ein. Kein Scharren von Beinen und Rutschen von Stühlen mehr. Geschirr hört auf zu Klappern. Kein Klirren der Gläser, kein Gemurmel der Anwesenden. Blicke gerichtet auf das Spektakel vor ihren Augen. Drama. Senstaion. Sie weiß nicht wie sie sich verhalten soll, was tun, es ist ihr unangenehm, sie hat es doch nicht gewusst. Ist dies nun die traurige Wahrheit? Er ist vergeben? Die Frau knibbelt sich ihren Ring vom Finger und knallt ihn auf den Tisch. Etwas unnötig, denn die Ohrfeige ist mehr als deutlich. Mit ihren lauten Absätzen stolziert sie hysterisch aus dem Restaurant heraus. Die Tür knallt zu. Er blickt sie an. Sie blickt ihn an. Keiner sagt einen Ton. Noch immer ist rundherum Stille, als wollten alle wissen wie sie reagieren wird. Und er. Sie denkt alles und nichts, denn was war das hier gerade? Er ist offenbar verlobt, oder verheiratet, traurig, aber wahr. Kann sie auf etwas Hoffen worauf man aufbauen kann? Mit so einem Start? Er mag sie. Das zumindest möchte sie glauben. Aber er liebt seine Frau, das sagen seine Augen, in denen ein leichter Tränenschleier schimmert. Sie stellt das Glas auf den Tisch, ihr fällt jetzt erst auf, dass sie es die ganze Zeit über in den Händen hielt. Sie steht auf, schiebt den Stuhl an den Tisch und verlässt den Raum. Alles erwacht aus der Starre, es wird weiter gegessen und es wird weiter gelacht. So als wäre die Show nur eine Einlage des Abends, während die Gäste ihr Abendmahl genießen und auf einem Bissen Schweinemedallion herumkauen, der ihnen beinahe ihm Halse stecken geblieben wäre.

©Netti

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* Dies ist mein erster Beitrag zum Aufruf und der Bitte um Beteiligung des Projektes von Moteens. Sie hat ein Projekt ins Leben gerufen, was sich „Gedankentausch“ nennt. Vorgegeben wird ein Satz, eine Überschrift, ein Wort. Alle die daran teilnehmen möchten, dürfen es. Es gibt keine Vorschriften, kein Muss, kein Soll. Es darf geschrieben werden frei von der Hand, was auch immer zum vorgegebenen Thema für Gedanken auftauchen. Einzig die Zeitbegrenzung zum Veröffentlichen sollte eingehalten werden. Der Sinn dahinter kein Anderer als der, sich mit all den Anderen auszutauschen. All jene, die daran teilnehmen veröffentlichen bis zum angegebenen Zeitpunkt seinen Beitrag mit der Verlinkung zur Seite von Moteens und verlinken ihren Beitrag in den Kommentaren zu ihrem Beitrag oder hinterlassen ihr eine E-Mail. Ich bin gespannt was für Gedanken zu den Themen noch so anfallen, sie werden alle unterschiedlich sein, alle speziell, jeder Beitrag für sich. Lehrreich, amüsant, traurig, zum Nachdenken anregend, lustig und fröhlich, alles was so ein Beitrag sein kann. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht heute zum ersten Mal daran teilnehmen zu dürfen, mit dem Thema: „Traurige Wahrheit oder schöne Einbildung!?“, und ich freue mich, Moteens, dass du mich direkt gefragt hast, ob ich Lust hätte mit dir diese Zusammenarbeit zu starten. Leider habe ich den ersten Gedankentausch verpasst, sodass ich meine Gedanken und den Beitrag dazu nicht mit euch teilen konnte. Aber es ist nie zu spät für irgendwas. Ich freue mich auf alles was kommen mag…….

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