Irgendetwas stimmt mit Herrn Doktor nicht.

Mit Schwung trete ich um die Ecke und stehe direkt im Anmeldezimmer. „Herr Doktor Rauch.“, sage ich völlig überrascht ihn jetzt hier zu treffen. „Frau Nauer, Hallo.“, erwidert Herr Doktor Rauch. Er lächelt liebevoll. Ich glühe. Innerlich. Betrachte ihn. Gebe ihm die Hand. Plötzlich habe ich das Gefühl mit ihm allein zu sein. Die Tante hinter dem Tresen auf ihrem RollChefSessel, mit dem gestressten Blick, und dem zum Strich verzogenen Mund, nehme ich nicht mehr wahr. Es ist als existiert sie gar nicht. Es ist mir egal dass sie da sitzt. Sie kann da ruhig noch weiter sitzen und doof gucken. Doof gucken kann sie gut. Das scheint auch das Einzigste zu sein was sie beherrscht.

„Wie geht es Ihnen?“, fragt er mich und blickt mir in die Augen.  „Gut, geht es, gut…..“, sage ich, nur ob ich es auch so meine weiß ich gerade nicht, aber egal. Er dürfte mich alles fragen. …..“aber wir sehen uns doch sowieso gleich!….“, strahle ich ihm entgegen. „Ähm nein!?“ „ÄÄäääähm, doch!?“ „Nein!“ Doch!“ Ist der jetzt blöd? Ein bisschen albern ist dieser Dialog gerade schon. „Ich habe gleich Visite.“, meint er wichtig tuend. „Aber, aber…..Häääää!? Sie haben mir doch aber selber den Termin gegeben. Für heute. 11 Uhr.“, unterstreiche ich mein eben gesagtes. „Das kann eigentlich nicht sein. Denn ich habe Visite. 11 Uhr.“, wie um das zu betonen, und keine Wiederrede zu erdulden, schaut er auf seine Uhr.

„Ja und danach!?“, frage ich ein bisschen hoffend. „Danach ist doch super, oder!?“ Augenklimper. „Danach habe ich Feierabend.“ „Was Feierabend schon!? Wie geht denn sowas!?“ Er lacht. „Naja.. ich habe heute nur einen halben Tag.“ Meine Hoffnung sinkt. „Na toll, da bin ich jetzt umsonst bis hierher gefahren, oder wie?“ „Wir können uns ja am 17. Mai sehen, was sagen Sie, hm?“ Versucht der jetzt hier mit mir zu verhandeln? „Mhhh.“, brummele ich. „Der 17. ist frei.“, kommt es von hinter den Tresen hervorgezwitschert. Achso. Die Tante ist ja auch noch da. „Planen Sie mal eine Stunde ein!“ Augenzwinker. Hat der mich gerade angezwinkert? Was geht denn bei dem? Oder stimmt etwas mit seinem Auge nicht? Seltsam. Eine Stunde. Eine Stunde!? Was will der denn eine Stunde mit mir quatschen? Ich mein, der ist doch gar nicht berechtigt dazu, eigentlich, mit mir zu quatschen. Also tiefgründig und so. Wenn er sich mit mir einen Kaffee, oder Kakao genehmigen würde, in einem sehr gemütlichen, sehr romantischen Café, dann sehr gerne, ich erzähle ihm was auch immer er wissen möchte, aber in seinem Arztbüro!?

„Wir sprechen uns am 17. in Ruhe nochmal. Ja Frau Nauer? Nicht so zwischen Tür und Angel. Das möchte ich nicht.“, sagt Herr Dr. Rauch. Meine Mundwinkel gehen nach unten. Mist. Ich sehe ihn doch nicht nochmal. Schnell brenne ich den Blickkontakt zwischen ihm und mir in mein Gedächtnis ein und halte sein Lächeln fest. „Ja gut, dann bis dahin.“ Händeschütteln. Und weg ist er. Sein weißer Arztkittel schwebt mit ihm aus dem Raum. Tschüssiekowsky, schöner Mann. Zurück bleibe ich allein mit der Tante hinter dem Tresen, die mich genervt fragt was denn nun ist mit dem Termin, bitteschön. „Ja sie haben doch gerade gehört, was der Arzt gesagt hat, oder!? Eine Stunde!!“, grinse ich ihr süffisant ins alternde Gesicht. Sie gibt mir ein Kärtchen mit dem Termin und ich verschwinde Tschüss sagend aus dem Raum. Diesmal muss ich gut drauf aufpassen, auch wenn ich nach wie vor glaube, dass nicht ich den Termin verbummelt habe, sondern der Herr Doktor selber. Der hat mich echt vergessen, das ist frech.

Während ich nach draussen schlurfe, langsamen Schrittes, vielleicht ist ja die Visite schnell vorüber und wir laufen uns nochmal über den Weg, zünde ich mir eine Zigarette an, und laufe nach vorn bis zur Klinik. Hungrig krame ich mein Brötchen raus und kaue drauf herum, mich noch immer fragend, was zur Hölle er eine Stunde lang mit mir bequatschen möchte. Schwärmend hänge ich meinen Gedanken nach. Herr Dr. Rauch in seinem schicken wallewalle Kittel, mit seinen eindrucksvollen Augen und den vollen Lippen. Wie es wohl ist ihn zu küssen? Vorsichtig blicke ich mich um, nicht mehr sicher, ob ich das gerade laut ausgesprochen habe. Ich hoffe nicht. Mir gehen all die Situationen durch den Kopf, indem ich seine süffisante, manchmal leicht zynische, aber trotzdem humorvolle Seite kennenlernen durfte. Wahrscheinlich werde ich ihn zum letzten Mal sehen, am besagten Termin. Eine Stunde, die von mir aus auch viel länger sein könnte. Wir könnten spazieren gehen, Herr Dr. Rauch, hm, was sagen Sie!? Ob ich ihm das vorschlagen soll? Eine Frage brennt mir dennoch auf den Lippen, die ich ihm einfach stellen muss. Warum sind Sie nochmal verheiratet, Herr Doktor Rauch!?

*Namen geändert.
©Netti

Eine Zugfahrt die ist lustig.

Der Zug fährt ein mit quietchenden Reifen. (oder Bremsen?) Ich hasse dieses Geräusch. Da rollen sich mir die Zehennägel ein. Und mir geht das Messer in der Tasche auf. Und.. na auf jeden Fall ist es ekelhaft. Menschen quetschen sich aus dem Zug und ich frage mich ernsthaft wie viele Leute eigentlich in so einen IC passen? Ob die sich stapeln mussten? Hoffentlich muss ich mich nicht auch gleich stapeln. Genervt rolle ich mit meinem viel zu großen Koffer zum Einstieg, während mich jemand anrempelt. Samma. Hackts!? Schon jetzt habe ich die Schnauze voll. Ich hasse Menschen. 

Nun endlich hebe ich meinen wuchtigen, viel zu schweren Koffer in den Zug und rolle ihn vor mich her. >Sitzplatz. Sitzplatz. Verdammt ich möchte sitzen.<, innerlich fluche ich vor mich hin. Logisch, wie nicht anders zu erwarten, der Zug ist gerammelte voll und ich habe alles, nur keine Sitzplatzreservierung. Danke Schwesterherz. Beim nächsten Mal höre ich lieber auf meine Intuition, nicht auf deine. Ostern. Ich hasse Ostern.

Der Zug fährt los und irgendwie stehe ich und komme nicht voran. >Sind die denn alle bescheuert?<, denke ich mir und könnte kotzen. Schwitzend und triefend stehe ich irgendwo im Gang und es geht einfach nicht vorwärts. Hinter und neben mir quengeln Kinder, ein anderes schreit. Ich hasse Kinder. 

>Spitzenmäßig. Das kann ja eine wundervolle Zugfahrt werden. Stehend bis München.< Nun bin ich auf alles gefasst und wappne mich für das was mir bevorsteht. Erstaunlicher Weise geht es nach einer gefühlten Stunde, obwohl nur zehn Minuten, endlich weiter. Die Menschenmasse vor mir bewegt sich und gibt den Weg durch die Gänge frei. Langsam rollt der Koffer mit mir voran und meine Augen blicken suchend um sich. Aber nein. Kein Sitzplatz. Als ich vor dem Scheißhaus stehe stoppt die Schlange. Na toll. Genervt schiebe ich meinen Rollkoffer ein wenig zur Seite, damit die Idioten nicht drüber stürzen und lasse meinen Hintern auf die Treppen der Ausstiegstüren plumpsen. Nun meldet sich auch mein Magen zu Wort und er knurrt erbärmlich vor sich hin. Seufzend krame ich mein Lunchpaket hervor und fange an zu essen, während sich just in dem Moment die Tür zum Scheißhaus öffnet. >Kackfahrt!<, denke ich und sehne mich nach einem Platz zum Sitzen, damit ich in Ruhe mein Buch lesen kann. Der Traum zerplatzt vor meinem inneren Auge, wie ein Luftballon wenn Kleinkinder mit Karacho draufspringen, und dann heulen weil der Knall zu laut ist. Immermal wieder weht dieser unglaublich frische und leckere Duft aus der WC Kabine zu mir rüber, während Leute kommen und gehen. 

Eine Stunde ist bereits vergangen, als der Schaffner vor mir stehen bleibt. >>Fahrkahrten bitte.<< Suchend krame ich in meiner Tasche rum und reiche ihm diese, ohne etwas zu sagen, auf Konversation habe ich keine Lust. Und Luft habe ich auch nicht, denn inzwischen ist der Muff im kleinen Gang noch intensiver. Die stickige Luft wird von zwei weiteren Leuten weggeatmet, welche sich mir gegenüber hocken. Auch sie wirken genervt. Die blöde Zwischentür direkt vor mir geht permanet auf und zu, weil Leute zur Toilette müssen, oder sich die Beine vertreten möchten. Gelangweilt beobachte ich das Auf und Zu der Türen und bemerke einen Mann dessen Blicke ich auf mir spüre. Die Schiebetür geht wieder zu. >Ähm!?<, mich wundernd greife ich zum Spiegel und schaue vorsichtig in mein ungeschminktes Gesicht. Durch die Fenster der Schiebetür spüre ich noch immer diesen fremden Blick auf mir. Wieder schaue ich in den Spiegel. Einzelne Fusseln meines Haares stehen vom Kopf ab. Mein Dutt beginnt sich langsam aufzulösen. Müde Strähnen hängen in mein Gesicht. Der Mund ein genervter Strich. Wieder das Auf -huch- jetzt bleibt sie länger auf, und oha, der Mann schaut immer noch. Er lächelt. Lächelt er zu mir? Ich schaue nach, ob er vielleicht jemand anderes gemeint haben könnte, aber nein, die zwei Mädels die hier hocken sind nicht in seiner Sichtweite. Zaghaft lächle ich zurück. Und weil ich sonst nichts anderes zu tun habe -es ist mir zu blöd hier vor dem Scheißhaus mein Buch zu lesen-, lächeln wir uns an, sobald die Tür sich öffnet, um sich wieder zu schließen. 

Dümmlich geht unser Lächeln in ein Grinsen über, manchmal tauschen wir uns auch mitleidvolle Blicke aus. Wenigstens habe ich jetzt etwas zu tun. Inzwischen habe ich jegliches Zeitgefühl verloren. Wieder öffnet sich die Tür. Diesmal gehen keine Leute vorüber, doch der junge Mann von hinter dem Glas blickt lächelnd zu mir herunter und im Gehen sagt er etwas. Was er sagt kann ich leider nicht verstehen. Warum eigentlich? 

Fasziniert beobachte ich seinen ziemlich schönen Mund. Und dann schaue ich in seine dunkelbraunen Augen. Oder schwarz? Gibt es schwarze Augen? Seine braunen Haare, wahrscheinlich bin ich farbenblind, sie schimmern auch ein bisschen schwarz, hängen ihm seitlich über die Stirn. Neidisch blicke ich auf seine schwarze Lederjacke. Saucool! Ob die mir auch stehen würde? Dann ist der Moment vorüber und die Lederjacke mit dem Mann verschwunden. Blöd. 

Etwas traurig nun keinen Zeitvertreib mit albernem Grinsen mehr zu haben, beobachte ich die Mädchen die mit mir diesen Raum teilen. Die beiden zeigen sich ihre Telefone und lachen über irgendwas. Auch ich überlege mir mein Telefon aus der Tasche zu kramen um über irgendwas zu lachen, doch stattdessen stehe ich auf und schaue durch die Glasscheiben der Schiebetür. Gerade sehe ich noch wie seine Jacke aus dem Abteil verschwindet. >Soll ich ihm hinterherlaufen?<, frage ich mich und blicke auf meinen viel zu großen, grasgrünen Rollkoffer herab.

©Netti

Seelenfresser.

Du siehst ihn da stehen, von weiten schon, und dir ist bewusst, dass er es sein muss, der Mann von dem Profilfoto. „Hallo“, sagst du nur, und stellst dich ihm vor. Soeben sei er schon erschrocken, meint er, als eine Andere auf ihn zu kam, er dachte dass seist du, warst du aber nicht. Offenbar ist diese Person ein sehr direkter Mensch. Wie genau er das gemeint hat, erläutert er nicht, aber du liest auch nicht zwischen den Zeilen, weil es dir egal ist. Er wollte dich treffen, um dich kennenzulernen, weil er dich zumindestens optisch interessant genug findet, um dich vor seine Kamera zu bekommen. 

Ihr beschließt in ein Café zu gehen um etwas zu trinken. Du stellst dir vor dass ihr einfach nur locker ins Gespräch kommt, um zu bequatschen, wie euer Fotoshooting ablaufen wird, was er sich vorstellt und ob dies mit deinen Vorstellungen übereintrifft. Doch schon als ihr euch setzt und die Getränke bestellt, beide einen Kamillentee, merkst du dass ein Gespräch beginnt, was nachklingen wird. 

Die Unterhaltung geht nur schleppend voran, er erzählt ein wenig von sich und fragt dich aus, wie alt du bist und was du machst, und ob du allein lebst. Die Fragen findest du seltsam, trotzdem antwortest du. Er schaut dir in die Augen, und will wissen ob du so gar nichts über ihn wissen möchtest, und stellt fest dass er schon lange kein so komisches Gespräch mehr hatte, ein so ruhiges, verhaltenes. 

„Bin schüchtern.“, sagst du nur und zündest dir bereits die zweite Zigarette an. Er schüttelt mit dem Kopf, sagt: „Nein, aber verschlossen. Erzähl doch mal von dir, ich muss dich doch erstmal kennenlernen, bevor ich dich fotografieren kann. Ich fotografiere nicht einfach einen wildfremden Menschen, ohne auch nur ein bisschen was zu wissen. Erzähl doch mal was.“ 

Deine Finger schnippen hektisch an der Zigarette herum. „Was denn.. soll ich dir meinen Lebenslauf erzählen oder wie? Das kannst du knicken! Das mach ich nicht.“ „Ja.“, sagt er, doch du weißt dass er nur sagt, es aber nicht genauso meint. Seine Witze, die eigentlich keine sind, sind leicht durchschaubar.

Er erzählt noch ein bisschen was über sich, Sachen die dich eigentlich gar nicht so interessieren, denn du dachtest es geht hier nur um das Fotografieren und Model stehen und nicht darum was man macht, oder was nicht. Er kommt von Russland, erzählt er, und du sagst: „Schön.“, weil du es schön findest, aber mehr auch nicht. Du gibst nur die nötigsten Sachen über dich preis, denn alles Andere geht ihn auch gar nichts an. Warum solltest du einen Fremden bei einem ersten Gespräch so nah an dich ranlassen.. Überhaupt an dich ranlassen, wie geht das überhaupt. Du hast vergessen wie man ein funktionales Gespräch miteinander führt, ein Gespräch miteinander, anstatt gegeneinander, du hast vergessen dass ein Dialog eine Unterhaltung zwischen zwei Menschen ist, die sich austauschen, stattdessen lauschst du nur seinem Monolog, was dir gerade mehr als nur Recht ist. 

Er lächelt immer mal ganz seltsam, das entgeht dir nicht. Aber trotzdem ist es schnurzegal was er denkt, das interessiert dich nullkommanullirgendwas, und wieder, schon wieder schaut er dir direkt in die Augen und es gruselt dich, du bekommst sogar ein bisschen Gänsehaut, während du den Blick standhältst und deine Zigarette im Aschenbecher ausdrückst.

„Genießt du dein Leben?“, fragt er dich mitten in dein Gesicht, was dir soeben zu entgleisen scheint. Du kannst sie hören, deine sorgfältig auferlegte Maske, wie sie laut klirrend von deinem Gesicht bröckelt, und nun in einzelnen Fetzen von deinem bereits zerschundenen Gesicht hängt. Du wendest es ab, denn was fällt ihm ein, diesem Arschloch, dir verdammt nochmal so eine Frage zu stellen, eine Frage, die du dir selber nicht einmal zu stellen wagst, aus Angst dich damit befassen zu müssen. 

„Arschloch.“, sagst du ihm, und du meinst es auch so, während stumme Tränen der Erkenntnis über deine Wangen rinnen. 

„Scheiße, entschuldigung, habe ich dich jetzt zum Weinen gebracht? Das wollte ich nicht, ich habe offenbar einen Nerv getroffen. Das passiert mir manchmal. Wir müssen da gar nicht drüber reden, also.. wir reden einfach ein anderes Mal darüber.“ 

„Das kannst du vergessen. Ich rede überhaupt nicht darüber. Das geht dich überhaupt nichts an.“, spuckst du ihm ins Gesicht, und ärgerst dich über die Schroffheit in deiner eigenen Stimme. 

Wieder blickt er dich an, mit diesem Blick, den du jetzt schon kennen und fürchten gelernt hast. 

„Wenn du so bist, also die Tränen, wenn du so vor der Kamera….., das wäre grandios.“, das scheint er tatsächlich ernst zu meinen, keinerlei Regung zeigt sich in seinem Gesicht. Also das findest du jetzt echt scheiße, nutzt der hier gerade deinen Gefühlsausbruch aus? Versucht er dich gerade irgendwie hinzustellen?, fragst du dich, doch dir fällt nicht ein wie, wie er dich hinstellt, denn offenbar will er einfach dich. Und das sagt er auch. Er möchte dich mit der Kamera einfangen, deine Person, dein Wesen. 

In dir tobt ein Kampf, ein Streit zwischen Gut und Böse. Du möchtest aufstehen, und ihm sagen was für ein rücksichtsloser, unsensibler Trottel er ist, doch stattdessen bleibst du schweigend sitzen, das Kinn hochgereckt, während die letzten deiner Tränen über deine nassen Wangen verenden. Euer Blick hält stand. 

„Ich hoffe, ich darf dich trotzdem noch fotografieren. Sonst.. ich könnte mir das nicht verzeihen. Ich wäre enttäuscht. Von mir. Nein. Wütend über mich.“ 

Ihr haltet den Augenkontakt, aber du antwortest nicht. Lässt nur ein bedrücktes, kaum sichtbares Nicken zu. 

„Ich muss pinkeln.“, sagt er nun, gerade als du dachtest, dass du pinkeln musst. 

„Ich auch.“, meinst du und stehst Tasche greifend auf, um loszustürmen, zur Toilette, erstmal weg, von ihm, atmen, Luft holen. 

„Und warum gehst du jetzt zuerst?“, ruft er dir nach, was dich ein wenig zum Lächeln bringt, zeitgleich erstirbt es wieder, als dir seine Worte im Kopf nachhallen. >Genießt du dein Leben?< Vier lächerliche Worte, die dich so sehr zum Wanken bringen. Du schließt die Toilettentür hinter dir, greifst mit beiden Händen aufs Waschbecken und schaust deinem gehetzt wirkenden Gesicht entgegen. Sie wollen nicht rein in dein Kopf, diese Worte, diese Frage, die du einfachso unbeantwortet im Raum hast stehen lassen. Noch immer geschockt von dem Nachhall.

Während du die Treppen runter steigst, überlegst du wegzurennen, blickst dich nach einem Notausgangsschild um, eines wo ein weißes Männlein auf grünem Hintergrund zur Tür heraushetzt, eine Tür welche durch einen Pfeil in die richtige Richtung weist. Doch hier ist kein verdammtes Schild, stattdessen wackelst du auf deinen noch immer zittrigen Beinen zurück zur Tür, von wo aus du ihn schon an dem Tisch sitzen siehst. Als du ankommst steht er auf. 

„Bis gleich.“

 Noch immer stehend schreit alles in dir: >Renn weg! Lauf!<, doch dein Arsch setzt sich wieder auf dieses blöde Sitzkissen drauf, wahrscheinlich schon voller Angstfürze benetzt, von alterschwachen Damen und rotzigen Kindern oder Frauen, welche Fragen gestellt bekommen, die sie einfach nicht hören wollen.

Als er zurück kommt lauft ihr in die Richtung, in die du gehen musst, dann sagt er:

„So, hier trennen sich unsere Wege. Wir sehen uns! Wir schreiben uns!“, auch das Fragezeichen dahinter schwingt in seiner Aufforderung mit, die leise Angst dass das Shooting zerplatzen könnte, so wie die Seifenblase, bestehend aus farbigen Regenbögen, wenn zuviel Luftdruck ihr Sein ins Nichts auflöst. Er schließt dich in die Arme. Diese Nähe. Wie seltsam. So komisch. Irgendwen zu umarmen. Dass es sich auch ein bisschen schön anfühlt möchtest du nicht wahrnehmen, denn du möchtest diese Nähe nicht, sie ist dir einfach zu viel. Jetzt gerade. Und überhaupt. 

„mhhh.“, nuschelst du, nichtwissend was es ausdrücken soll, und drehst dich auf dem Absatz um. Seinen Satz den er zum Abschluss anfügt: „Du bist seltsam, aber interessant. Sieh es einfach als Kompliment.“, möchtest du am Liebsten überhört haben, weil zu laute Kinder, Hundegebell, Straßen-Auto-Bus-Motorrad-Lärm, oder weil die Tauben zu laut gurren (rugeldigurugeldigu-Blut ist im Schuh?) und seine Worte einfach so ungehört verschlingen. Ja, hier sind eine Menge Tauben und Kinder, und Fahrzeuge, aber alle haben in diesem Einen Moment beschlossen zu verstummen. Spitze, denkst du dir, während erneute Tränen über dein Gesicht rinnen und du schnellen Schrittes in Richtung Straßenbahn eilst.

Da ist eine Betteltante mit ihrem Pappbecher in der Hand, welche auf ein paar Groschen hofft, an ihr läufst du vorbei, ohne sie bewusst wahrzunehmen, auch wenn dein Blick gerade aus geheftet ist, ist er doch verschleiert und schaut ins Nichts. Bis zwei junge Männer, in ein Gespräch versunken, nebeneinander laufend, deine Aufmerksamkeit zurück auf den Moment des Hier und Jetztes lenken. Das Gespräch endet abrupt, und der rechte Mann mit den dunklen Haaren und dem dunklen Blick, offenbar sind seine Augen dunkelbraun, beinahe tiefschwarz, auch wenn du dich fragst, wie du dass auf die Entfernung hin feststellen kannst, schaut dich an. Nicht dich. Sondern dich. Er sieht dein Innerstes und obwohl du längst eine neue Maske übergestülpt hast, schaut er in deine Augen. Und er sieht da was. Panisch fragst du dich, ob das auf deiner Stirn geschrieben steht, alles das, was dich hat aufwühlen lassen, alles das, was dich bewegt. Es muss blinken, wie eine Reklametafel vor sich hinleuchten, während ihr aneinander vorüber lauft. Zeitgleich dreht ihr euch nacheinander um, eure Augen noch immer ineinander versunken. Du siehst nur ihn, nimmst sonst nichts wahr. Der Mann in deinem Blickfeld, euer Blickkontakt, der dem Laufen standhält, denn noch immer setzt ihr euren Weg fort, ohne zu sehen wo ihr hinlauft, du schaust über deine Schulter nach hinten, doch deine Schritte bewegen sich vorwärts. Plötzlich spürst du einen Aufprall, und erstarrst, dein Kopf schnellt nach vorn, vor dir ein Masten. Verwirrt bleibst du stehen um zu realisieren dass du nur beinahe kollidiert wärst, mit einem Masten, der da verdammt nochmal nicht hingehört. Peinlich berührt schaust du dich suchend um, doch die beiden Männer sind verschwunden, haben sich plötzlich aufgelöst, zwischen all den Menschen die durch die Straßen wuseln.

Im Kopf taucht dieses Bild auf, von dem Mann, der dir nachläuft, nachrennt – er rennt dir hinterher,- atemlos zieht er an deiner Hand und dreht dich zu sich um, während eure Blicke nicht mehr von einander ablassen können.

Dieses Bild, der Mann wie er dir hinterher rennt, bis zur Bahn, sein suchender Blick gleitet durch die 1000 bunten Menschen, doch er sieht dich einfach nicht. Er kann dich nicht sehen.

Dann kommt die Bahn, dieses Bild, wenn die Türen der Bahn schließen, und ein lautes, grilles Pfeifen ertönt, das Warnsignal, dass die Bahn nun anfährt, und du stehst dahinter, hinter dieser Tür. Die Hände des Mannes, und die deinen berühren sich an der Tür hinter Glas.

Schnell ist es wieder weg, das Bild, ohne dass du erinnerst woher es dir bekannt vor kommt. Ein Déjà vu? Oder nur ein Trugbild deiner Gedanken?

In der Bahn checkst du die Menschen, ohne sie wirklich wahrzunehmen, sie verschwimmen immer mehr zu einer kunterbunten, schwammigen Masse, welche zähe Bewegungen vollziehen, und doch fühlst du diese Enge die dich fast zum Ersticken bringt. Diese Nähe der zusammengequetschten Massen in der Bahn ist dir einfach zu viel. Jetzt gerade. Und überhaupt. „Genießt du dein Leben?“ Das Bild im Fenster aus Glas spiegelt deine Tränen wieder.


©Netti

 

Blatt fällt.

„Oh was Lesen Sie denn da?“, fragte er dich neugierig feixend, als du wartend vor seiner Tür hocktest und aufblicktest, weil er im Rahmen erschien. „Och nichts weiter.“, winktest du ab. Du nahmst in seinem Büro platz. Nochmals bohrte er nach. Stattdessen fragtest du nach seinem Büchergenre, natürlich wich er deiner Frage aus. „Können wir die Tabletten minimieren?“, kamst du also auf den Punkt. Du nanntest Gründe, die er verstand. „Melden Sie sich, falls sich etwas am Befinden ändert!“ „Ähem“, hustetest du dümmlich, „Wie kann ich Sie denn erreichen, wenn es schlimmer wird, Herr Doktor?“, fragtest du. Als dir klar wurde wie das klang, fügtest du rasch hinzu: „Ich meine Sie direkt? Also persönlich?“ Aus beinahe geschockten Augen blickte der Herr Doktor müde lächelnd in dein Gesicht. Du spürtest förmlich wie er unangenehm berührt in Schweiß ausbrach, der Arme, als hättest du nicht längst schon seinen Ring am Finger bemerkt, schade eigentlich. „Mich? Erreichen Sie nicht.“, er grinste frech. „Aber die Station, die erreichen Sie.“ Ach was er nicht sagte. Schenkelklopfer. Wenn du es nicht besser wüsstest, würdest du meinen ihm gefiel dieses PingPong Spielchen. Ob er auch mit Tennisbällen spielen würde? Offenbar war er der Meinung du würdest mit ihm flirten. Deine Person musste erbärmlich auf ihn wirken, wenn er das tatsächlich glaubte, oder aber er hatte zu viel in deiner Akte geblättert. Hmpf. „Also was Lesen Sie?“, dreckig grinsend gefragt. Du warfst ihm den Buchtitel vor die Füße, während du aufstandest und seine Hände schütteltest. „Fifty shades of Grey!“, hättest du sagen sollen. Das Gesicht hättest du in dem Fall gern gesehen. Doch deine eigentliche Buchwahl wirkte nun wahrscheinlich dem Erbärmlichkeitsgrad nochmal entgegen. Spitze. Das nächste Mal solltest du ein gerissenes, sehr schlaues, seriöses Buch mit dir herum tragen. Du warst versucht die Tür einen Spalt breit offen zu lassen, denn du konntest beinahe schon die Tasten am Rechner klicken hören, während der Herr Doktor den Titel deines Buches bei Google einhämmerte. Rasch schlüpftest du durch die Tür, welche er hinter dir schloss. Etwas zu laut. Fandest du.

Es raschelt, denn etwas fällt zu Boden. Du blickst nicht gleich was es ist, es war zu schnell, lautlos beinahe. Dann nochmals, ein rascheln, dann Stille. Das kleine, palmenartige Bäumchen über deinem Fernsehgerät lässt müde Blätter hängen. Du runzelst mit der Stirn, fragst dich zeitgleich warum die Pflanze das tut. Kannst Bedürfnisse gerade nicht einschätzen, auch nicht erfüllen. Vielleicht hat sie Durst. Du überlegst wann sie zuletzt was bekam, es kommt dir ein wenig überflüssig vor, ist es nicht so dass Palmen kaum Wasser benötigen? Vielleicht hast du sie auch ertränkt in deinen geflossenen Tränen. Oder im Wasser aus der Leitung. Gerade fühlst du dich wie diese Palme, ein wenig abgestumpft und müde, auch deine Blätter fallen raschelnd zu Boden. Irgendwer müsste mal wieder Laub rechen. 

Du hast diese welken Blätter satt, sie sollen aufrecht stehen, grünen und gedeihen und nicht den Laminatboden teppichgleich bedecken.

©Netti

Trotz allem was kommen wird.

Er ist mein persönlicher Teddybär. Er ist der, in den ich mich verliebt habe. Er ist der, der mir Mut gibt und Kraft. 

Ich bin aufgeregt und angetrunken und ich klingel und warte bis er durch die Freisprechanlage spricht, und der Summer ertönt. Wie immer fahre ich Fahrstuhl, denn auf Treppe habe ich keine Lust, dann bin ich wieder so rot wenn ich oben ankomme. Er wartet diesmal an der Tür, aber das sehe ich erst später, mein Kopf ist auf den Boden geneigt. „Kuhl, ist das Geld!?“, denke ich und sage es auch. Mein Blick fixiert ein gefaltetes Stück Papier auf dem Flurteppich. Dieser Flur besitzt tatsächlich einen roten Teppich. Ein Lacher aus meinem Mund und auch aus seinem. Der Teppichboden gibt dann doch keinen Lottogewinn her, sondern nur benutzte Fahrkarten. Zu dumm. Nun stehe ich ihm gegenüber und ich könnte schmelzen, zerschmelzen und sterben. Er fehlt mir so! Diese Augen. Dieser Blick. Er ist geknickt, wirkt sehr, sehr traurig. Ich gebe ihm das Shirt, sein Shirt und sage: „Hier, Dein Shirt.“ Er nimmt es und gibt mir mein Massageöl. Wir halten nun die Sachen in den Händen, die als Vorwand dienen, damit man sich bitte nochmal sieht. Er braucht das blöde Shirt nicht mehr. Auch ich brauche das Öl nicht mehr. „Magst du noch bleiben? Also… wenn du magst?“, er schaut hoffend und wartet auf meine Reaktion. Ich weiß es wie immer nicht. „Ich weiß es nicht. Ich wollt nur kurz..“ Doch eigentlich weiß ich es. Alles in mir schreit: JA, JA, JA! Ich möchte seine Nähe, sein Lachen, seinen Duft, ihn. Wir stehen uns hilflos gegenüber. >Sag was! Mach was!“<, denke ich und möchte ihn am Liebsten schlagen. Wo ist die Musik die so schnulzig Halleluja schreit, wo ist der Konfettiregen aus glitternen Herzchen, wo ist der Mann der einfach macht, ohne zu denken. Er nimmt mich in die Arme, hält mich ganz fest, beinahe bleibt mir die Luft weg zum Atmen, ich muss blinzeln, denn in meinen Augen sammeln sich Tränen. Mein Herz ist zugeschnürt so wie der Hals, ich spüre den Kloß und einen Schluchzer, den ich mühsam unterdrücke.

„Also ähm. Wenn du bisschen Sekt hast, bleib ich noch.“, jetzt lache ich doof.

„Natürlich.“, er freut sich sichtlich. Erleichtert läuft er los den Sekt holen.

Wir trinken nur ein Piccolöchen, den teilen wir uns und wir stoßen an auf was auch immer, und ich trinke, sitze ihm gegenüber und schwitze und friere, alles zusammen, es könnten noch zwei weitere Menschen zwischen uns sitzen, oder drei, so groß ist der Abstand zwischen ihm und mir, obwohl ich mir nichts sehnlicher wünsche als ihn ein letztes Mal zu berühren. 

Wir führen Smalltalk und er berichtet kurz von seinen Vorbereitungen. Er fragt wie es mir geht, aber ich wiegele ab, er soll gechillt nach Amerika fliegen, es ist mein Problem, soll nicht zu seinem werden. 

Er streichelt mich, sucht meine Nähe, streichelt mein Gesicht, schaut mir tief in meine Seele: „Wie geht es dir? Bitte sag es mir.“ Er umarmt mich, als er sieht dass ich meine Tränen nicht mehr halten kann, ich schluchze und weine Tränen. So viele davon. Auch in seinen Augen glitzert es. Er nimmt mich in den Arm und wir halten uns fest. So fest, so fest. Am Liebsten möchte ich ihn nie wieder los lassen, aber ich muss. Ich lasse ihn los und bitte ihn mir zu folgen, ich möchte ihm gern was sagen. Ich bin krank geschrieben, schon eine Weile. Und er sollte erfahren was mit mir los ist. Dass ich kein gebrochenes Bein habe, das kann er ja sehen.

Wir sitzen auf dem Balkon und schauen in den Sternenhimmel, während ich Tränen und Schmerz in den Himmel puste. Dann beginne ich zu erzählen. Er nimmt mich in den Arm, hört mir zu und macht mir Mut. Er hat vollstes Verständnis und er ist das was ich mir schon immer gewünscht habe, ein Mann der mir zuhört, ein Mann der mich begehrt, ein Mann der meine Schwächen sieht und damit umgehen kann. Ein Mann der fühlt und es auch zeigen kann. Ich berichte ihm den Großteil der mich bewegt, und ich erzähle ihm mein Vorhaben. Meine Entscheidung die ich treffen musste. Für mich. Ich treffe auf sein vollstes Verständnis. „Das schaffst du. Du bist doch so stark!!“

Wir schauen den stummen TV-Bildschirm an und hören nebenbei Musik. Er sucht meine Nähe, doch ich kann mich ihm nicht öffnen, bin krampfig und verletzbar. Er streichelt meinen Rücken, meine Hände, küsst meinen Nacken und streichelt mein Gesicht, wischt die Tropfen weg, die heiß zu Boden perlen. Er schaut mir in die Augen, fragt: „Darf ich dich küssen, bitte?“ Wir küssen uns zwischen den Tränen, die meinen Mund benetzen und wir schmecken eine salzige Mischung aus Hoffnung und Glaube. Ich glaube, jetzt gerade glaube ich, dass das nur echt sein kann, und bleiben wird, egal wie alles ausgeht. Er fragt ob er mich massieren darf, er möchte mir so gern etwas Gutes tun. Nach meiner Zustimmung holt er das Massageöl und ich ziehe mir das Oberteil über den Kopf. Seine langen Finger streichen über meinen kleinen Rücken. Er streichelt mich, und verteilt das warm duftende Öl auf meinem Rücken. Seine Hände kneten kräftige Massagebewegungen und lassen mich für einen Bruchteil vergessen. Sorgen, Anspannungen Ängste, ich kann mich locker machen. Kurz abschalten. Er küsst mich und verteilt am ganzen Körper einen kleinen Wärmehauch. Er küsst meine Wange, meinen Hals, mich. Ich richte mich auf, küsse ihn gierig und heiß, während mich inniges Verlangen durchströmt. Ich setze mich auf ihn und er hebt mich an und hoch, trägt mich küssend ins Schlafzimmer und setzt mich sorgsam ab: „Bitte versuch zu entspannen.“ Er macht mich soso glücklich.

Noch als ich ihn leicht stöhnend auf mir spüre, und er mich überall mit Küssen bedeckt, weil auch ich ihn soso glücklich mache, fange ich an mit Beben, denn ein Schluchzer den ich nun nicht länger unterdrücken kann, verlässt meinen Mund. Ich zittere und schluchze und weine und entschuldige mich dafür. Ich weine während er auf mir liegt und er streichelt mein Gesicht, küsst mich auf den Mund, auf die Wange und auf den Kopf immer und immer wieder, so lange bis die Tränen verebben. Er umarmt mich lange während wir uns schweigend in den Armen liegen, damit mein Herz und mein Puls sich wieder beruhigen kann.

Er zwingt mich zum Essen und ich sehe seine lauten Gedanken die aber nicht sprechen zu mir, sondern schweigen. Sein Blick geht ins Leere. „Was denkst du jetzt von mir?“, möchte ich am Liebsten fragen, „Hältst du mich für bekloppt?“

Ich ziehe mich an und mache mich bereit für den Abschied, einen Abschied für immer? Wir stehen uns gegenüber, nur halb lächelnd und ich frage: „Meldest du dich wenn du wieder zurück in Deutschland bist?“ Er schaut mich an, verwirrt, geschockt, traurig. „Natürlich melde ich mich!“, er schweigt kurz, fügt an: „Ich melde mich auch schon früher, wenn du magst, wenn das okay für dich ist!?“

„Ich weiß nicht.“, sage ich, weil ich es einfach nicht weiß. „Ich meld mich morgen!“, sagt er und ich nicke und möchte gern daran glauben.

„Du schaffst das. WIR schaffen das.“, korrigiert er und betont das wir. Dann küsst er mich auf den Mund.

Das verstehe ich nicht. Aber ich habe auch keine Kraft mehr um zu  fragen und zu verstehen. Ich habe überhaupt gar keine Kraft mehr. Ich bin ausgebrannt und kann zum ersten Mal Menschen nachempfinden, die es auch sind, ich kann fühlen dass das Fühlen zur Qual wird und das Denken einen Punkt erreicht an dem es kein Vor gibt, und kein Zurück.

Es liegt jetzt an mir Stärke zu beweisen. Und zu kämpfen. Auch wenn es harte Arbeit wird. Verdammt hart.

©Thomas Woischnig/Bild

Mein herzlicher Dank geht an Thomas Woischnig, für die Nutzungserlaubnis seiner Fotografie.

©Netti/Text  

Haariges Biest.

Du bist entspannt und locker und liegst in deinem Bett. Deine Atmung geht langsam, einatmen, ausatmen. Du schläfst, obwohl du wach bist, du hast die Augen auf, aber Dunkelheit hüllt dich in eine sanfte Wattewolke, weich und soso flauschig! Plötzlich siehst du sie. Sie kriecht auf dich zu. Ein großes, ach du scheiße, viel zu großes, haariges Etwas auf 8 Beinen glotzt dich aus 8 schielenden Glubschaugen an. Du zögerst keine Sekunde, schreist lauthals los, wirfst die schwere Bettdecke von dir und springst auf. Licht an! Schaudernd schaust du in die Ecke wo das Monster eben noch hockte und langsam auf dich zukrabbelte, doch da ist nichts. Du atmest. Zehnmal ein und aus und nochmal. Kalter Schweiß tritt dir aus sämtlichen Poren, bis du dich wieder in die Nähe des Bettes traust. Mit einer schnellen Bewegung kramst du alles weg wodrunter es sein könnte, aber da ist kein Glubschauge. Du schaust in Winkel und Ecken, Glubschi wartet doch nur auf den richtigen Moment, aber nein. Nichts. Keine Spinne. Kein Glubschauge. Nur dein kleiner blauer Kuscheltier Hundi, den man nicht mal als Hundi erkennt. Eher als Glubschi, denn seine schwarzen Augen blicken dich treudoof an. „Guck nicht so! Die war grad noch hier!“, nölst du in Hundis Richtung. Aber eigentlich war es nur ein Traum mit offenen Augen. Ekelhaft! 


©Netti

„Mama, mach mal!“


~Manche Zeiten ändern sich eben nie.~

Man flennt weil man nicht weiter weiß. Man flennt weil etwas weh tut. Man flennt weil man sich ungerecht behandelt fühlt. Man flennt vor Trauer, Angst, Wut, Rührung, manchmal auch vor Freude.

Tränen bedeuten nicht, dass man schwach ist, sondern dass das Herz mehr fühlt, als es ertragen kann.

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Auch wenn sie heute kein Faschingstütchen auf dem Kopf trägt fühlt sie sich in die damalige Zeit zurück versetzt. Zu der Zeit, in der das Denken noch Mutti übernahm, zu der Zeit, in der Mutti noch alle Entscheidungen traf. Zu der Zeit, in der ihr Tränen liefen, weil Tütchen auf dem Kopf einfach scheiße waren, weiße Kostümchen und pechschwarze Perrücken dagegen sehr viel cooler. Schon damals wurde ihr klar: ~Scheiße hey, man kann halt echt nicht alles haben.~ Nur das warum blieb unbegründet.

Tränen kehren das Innen nach Außen, mehr Nähe geht nicht.

©Netti

Wie cool wäre es manchmal, wenn man einfach wieder Kind sein könnte, hat man die Zeit doch viel zu unbewusst wahrgenommen, stets strebte man nach dem Alter und bewunderte die Großen. Man wünschte sich endlich erwachsen zu werden, man sehnte den Augenblick herbei in dem man selber durfte. Alleine essen. Alleine laufen. Das erste Mal ja sagen, oder nein, wahlweise vielleicht. Man wollte so gern selber Entscheidungen treffen, keiner mehr der sagte: „Du darfst nicht zappeln.“, „Das wird aufgegessen!“, „20:00Uhr bist du zu Hause.“, „Erst Hausaufgaben, dann Spielen.“, „Fernsehverbot!“ Keiner der sagte: „Jetzt wird geschlafen!“
Diese Regeln haben uns Kindern System gegeben. Durch sie lernten wir das groß werden, das zurecht finden in einer Welt die aus Regeln und Zucht und Ordnung besteht. Heute aber ist man gezwungen sich dem System gegenüber zu stehen, ohne dass uns Hilfestellung geleistet wird. Man ist erwachsen und selber in der Lage Entscheidungen zu treffen, zu handeln.

Und doch gibt es immer mal wieder Momente in denen man ein bisschen verzweifelt, dann wird man zurückversetzt in eine Zeit, die längst vergangen. 
„Mutti, mach mal!“

©Netti