HerzSchweigen 2/2

Das Mädchen fror nach wie vor, es war ihr so kalt ums Herz, dass auch ihre Tränen an der eisigen Luft zu frieren begannen, und es entstanden gefrorene Rinnsale aus eisigem Salzwasser. Sie sehnte sich so sehr nach Wärme und Glück, dass sie fast schon nicht mehr wusste wie sie noch weiter machen sollte, mit dem Glauben in dieser Welt, die für sie nur aus Kälte bestand.

Sie fragte sich, wie das all die Anderen machten, das Lieben und Verlieben und Zusammenwachsen, kannten die denn alle gar keine Ängste!? Gab es denn bei denen so etwas gar nicht? 

Existierte das etwa nur in ihrer Welt!? Das Einzigste was bei ihr zusammenwuchs waren all die teilzersplitterten Ängste, die sich mit der Zeit die verstrich, immer mehr zu manifestieren schienen. Wie gern würde sie darauf scheißen auf all diese hirnrissigen Ängste. Aber das war nicht so leicht, denn ihre Gedanken mischten mit. 

So gab es nicht nur das Herz mit dem Bauchgefühl, sondern auch die Gedanken, die wie scharfe Pfeile um sich schossen. Sie verfehlten das Herz, denn das war ja zerschrumpelt, eine  ekelhafte Rosine, alt und verbraucht. 

>>Hör‘ auf dein Herz!<<

Sagten die Leute, als das Mädchen wieder einmal nach der Liebe fragte.

>>Dein Bauchgefühl wird dir sagen was richtig ist, was falsch.<<

Wieder konnte sie all das Geschwätz nicht begreifen. Ihr Herz verdorrt vor Kälte. Alles Narren. Dumme Menschen, vor Liebe erblindet.

Und das Bauchgefühl!? Was sollte das sein, wo doch das Herz nicht im Bauche lag, wohl aber unter ihrer Brust schlug, schlagen sollte, denn die Frequenzen des Herzens nahm sie nun kaum mehr wahr. 

Das Mädchen verzweifelte beinahe und zerbrach sich den Kopf, obwohl ihr Verstand sich dagegen zu wehren versuchte. Niemand dachte so blödsinnige Sachen wie sie.

Also setzte sie sich in die Bahn und fuhr einfach los, egal wohin, sie hielt es einfach nicht mehr aus in ihrem Kopf, das Mädchen flüchtete vor ihren Gedanken. Vor der Kälte aus ihrem Herzen.

Ein Schrei ließ sie aufschrecken, sie musste eingeschlafen sein, die Bahn fuhr nicht mehr, komisch sie stand an einem Waldrand. Es dämmerte bereits. 

Das Mädchen hob ihren Kopf und schaute nach rechts. Sie blickte in den Lauf einer Waffe. Das wäre die Stelle an der ihr Herz hätte aufhören müssen zu schlagen, man sagte dann >>ihr rutschte das Herz in die Hose<<, aber bei ihr rutschte gar nichts, sie spürte es nicht einmal mehr schlagen. Vielleicht war sie bereits tot.

Als sie den Knall hörte und Blut floss erschrak sie zwar, aber sie wusste einfach nicht wessen Blut das war, und was das hier alles gerade sollte, während ihr Körper einfach in sich zusammensackte.

©Netti

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HerzSchrumpeln 1/2

Es war einmal ein Mädchen. Sie glaubte an die Liebe, auch wenn sie keine Ahnung hatte wie man diese definiert, kannte sie doch nur die Schreie und das Schweigen der Eltern, was folgte, nach einem Streit. Sie fragte sich wieso. So oft wusste sie nicht wie so etwas die große Liebe sein konnte. Dieses Wort verstand sie nicht, egal wie oft sie ihre Blicke im Duden unter dem L umherschweifen ließ. Sie fragte, egal wen sie traf, sie fragte nach der Liebe. Was das ist die Liebe. Und wie man sie bemerkt. Durch Schweigen etwa!? Sie mochte die Liebe nicht, wenn sie keine Antworten geben konnte. Sie fand die Liebe scheiße. Das Mädchen sehnte sich nach Sicherheit und ein bisschen heile Welt. Also schuf sie sich eine Bude aus Wörtern und Schriften, und so erzählte sie sich in eine eigene Welt. Voller Hoffnung und Zuversicht.

Sie ward größer und reifer und noch immer war ihr die Liebe fremd. Sie tauschte den Duden gegen Google und Wikipedia, sie las und las, aber begreifen konnte sie nicht.

Das Mädchen traf sich mit jungen Männern und schenkte denen ihr Herz, verschenkte es ohne es ordentlich zu verpacken. Kein Geschenkpapier. Kein Schleifenband. Sie hielt das rohe, schlagende und pulsierende Herz in den Händen. Die Männer erschraken und nahmen reißaus. Natürlich verstand sie nicht. Sie schenkte ihr Herz. Das ist es doch, die Liebe, das nennt sich doch verliebt, dem war sie sich sicher.

Immer wieder verschenkte sie ihr rohes Herz und wunderte sich über die Kälte die sie empfing. Sie kam einfach nicht dahinter. Die Kälte ließ sie frösteln und zittern, so derbe bis ihr der ziehende Schmerz die Tränen in die Augen trieb. Also musste sie etwas ändern, um nicht zu erfrieren und ihr kam eine Idee.

Sie klebte ein wenig Fell direkt um ihr kleines Herz, das sollte sie vor der Kälte schützen, so dachte sie. Doch mit der Zeit wurde das Fell immer dünner und die Kälte berührte es erneut. Zitternd schlugen ihre Zähne aufeinander und sie verlor an Gewicht.

Ihre hagere Gestalt schwebte durch die Zeit und traf nicht auf die Liebe sondern auf die Angst. Ihr Herz zerschrumpelte zu einer Rosine, denn wie sollte es sich nähren, wo doch in Kälte nichts gedeihen konnte!?

©Netti

Flügelschlagen im Bauch.

Dieser Mann, der Schmetterlinge verteilen lässt, im Bauch und nicht nur da. Da ist Glück, welches sich ausbreitet im Kopf und Verstand, im Denken und Handeln. Die Schmetterlinge toben und flattern, wissen gar nicht wohin, sie knallen gegeneinander vor Aufregung und Nervosität. Nähe, so viel Nähe, dazwischen Hitze und Leidenschaft. Glück über die Chemie, die so wunderbar übereinstimmt. Dem Mund umspielt ein Lachen. Echte Münder. Echte Freude. Augen, die lachen, zusammen mit dem Mund. Keine getragenen Masken, um sich zu schützen. Dafür Küsse, welche ineinander verschmelzen, eins werdend. Die Schmetterlinge im Bauch sind kirre im Kopf, und gehen beinahe kaputt vor so viel. Vor so viel Glücksempfinden. 

Hin und wieder jedoch fürchten sie sich, die Schmetterlinge im Bauch. Dann halten sie inne, erstarren in ihren Bewegungen, blicken furchtsam um sich und erwarten Motten, welche ihren Platz einnehmen. Doch da sind keine. Eigentlich sind da keine.

©Netti

Zurück in die Vergangenheit.

„Guten Morgen! Frohe Ostern!“, wünschst du den Gästen, welche vor dir den Frühstücksraum betreten. Sie lächeln dich freudig an und wünschen das Gleiche. Das Pärchen mittleren Alters begibt sich sogleich zum Buffet. Du fragst sowohl die Frau, als auch den Mann ob sie Kaffee wünschen und wartest die Antwort ab. Die Frau nickt und sagt: „Ja sehr gern!“ Nur langsam drehst du dich um, damit du gehen und deren Wünsche erfüllen kannst, doch dein Blick bleibt an dem Mann haften. Irgendetwas stimmt mit seinen Augen nicht. Er schaut dich an, und du schaust ihn an, vorsichtig, leicht fragenden Blickes, abwartend ob auch er noch eine Zustimmung verlauten lässt. Sein Gesicht irgendwie völlig ausdruckslos, seine Augen fast schon leer, emotionslos, gleichgültig. Plötzlich schnürt es dir die Kehle zu, dieser Blick! Du musst dich schnell abwenden, schnell gehen um den Kaffee zu holen, denn deine Augen werden wässrig, Tränen sammeln sich und schwimmen bedrohlich, beinahe überschwappend. Dieser Mann erinnert dich so sehr an deinen Papa, auch seine Augen trugen zum Schluss eben diesen Ausdruck. Du vermutest er könnte auch einen Schlaganfall gehabt haben, du vermutest irgendetwas hat diesen Mann innerlich zerstört. Gestern hat er dich nur einen Satz gefragt, über die Deko, die überall herum steht, ansonsten hast du keinen Ton von ihm gehört, kein Lächeln sehen können. Und nun- nun sagt er wieder nichts, gar nichts, die Frau an seiner Seite spricht für ihn. Du bringst den beiden den Kaffee und bemerkst dabei, wie sehr fürsorglich sie mit ihm umgeht. Dein Herz wird weich, in deinem Hals ein rießiger Kloß. Dieser Moment lässt dich an Papa denken, an die schwere Zeit, die du eigentlich verdrängen magst. Dein Papa konnte sich nie richtig erholen, er bekam keine Chance für Besserung, Genesung, nicht einmal Teilgenesung. Du findest es schlimm, dass diese Welt aus so viel Krankheit und Leid bestehen muss. Du fürchtest dich davor wie vor so vielem, doch diese eine Angst, die lässt dich fast lähmend nach Luft japsen, weil sie dir den Hals zuschnürt und sich panikartig in deinem Körper breitmacht. Die Angst das Erlebte nochmals durchmachen zu müssen. Der Moment ist wieder present, die Angst zurück. Papa in deinem Kopf. 

©Netti

Sag mir bitte, dass es dir gut geht.

Einmal mehr im Leben fragst du dich, was nach dem Tod geschieht. Ist dann wirklich, echt jetzt, mit einem Kawumms einfach alles vorbei? Befindest du dich dann im Nichts, Nichts Denken, Nichts Fühlen, Nicht mehr Sein, für die Ewigkeit? Oder gelangt dein Körper in die Hölle, in Form von.., ja was eigentlich? In Form einer Fledermaus? Des Teufels? Satan höchstpersönlich? Wirst du vielleicht wiedergeboren, als Fisch, vielleicht? Oder entweicht die Seele dem Körper um durch die Weltgeschichte zu schweben? Die Seele, welche achtsam und nebulös aus dem Körper kriecht, fast wie Nebelschwaden, nur eben unsichtbar.

Du erinnerst dich an den schlimmsten Tag deines Lebens, es scheint als war es gestern, wie du am Bett gesessen bist, von deinem Papa, deine Stiefmutter-so nennst du sie der Einfachheit halber, ließ dich für ein paar Minuten allein zurück. In deinem Hals ein dicker Kloß. Heiße Tränen, welche in Sturzbächen aus deinen Augen strömten, kein Ende nehmend. Dein Mund staubtrocken, als hättest du seit Tagen nichts mehr getrunken. Aus verquollenen Augen schautest du deinen Papa an, du siehst ihm so ähnlich. Du hast seine Nase. Seine Mundpartie. Er hat vieles an dich weitergegeben. Du fühltest dich wie gelähmt, gefangen in einem Alptraum, aus dem du einfach nicht erwachen konntest. So unwirklich, wie er vor dir lag, die Augen geschlossen, der Mund geöffnet, so als würde er schlafen, und laut schnarchen. Doch er schnarchte nicht, kein Ton kam über seine Lippen, und auch sonst regte sich nichts mehr in diesem Raum. Gespenstische Stille umgab dich und ließ dich erschaudern, dir war schweinekalt, du hast gezittert und die Zähne schlugen klappernd aufeinander, blaugefärbte Lippen zeigten deine innerliche Kälte. Du nahmst seine Hand in die deine und hieltest sie und streicheltest sie, behutsam, sanft, zärtlich und liebevoll. Dir gingen so viele Gedanken durch den Kopf und gleichzeitig war da nichts außer unendliche Leere in dir. Da war so viels, was dir über die Lippen wollte, doch kein Wort konntest du nach außen tragen. Du weintest und weintest so viele Tränen des Schmerzes und Vermissens, deine Brust zog sich qualvoll zusammen, diese Bleischwere in dir und deinem Hirn, du atmetest schwer, bekamst kaum noch Luft, schnappartig zogst du Luft ein, um diese im nächsten Atemzug wieder rauszuweinen, und zu schreien, denn innerlich war der Schrei so laut wie ein Atombombeneinschlag. Erschütternd, ohrenbetäubend. Sekunden verstrichen, Minuten, du weißt nicht mehr wie lange du dort saßt auf diesem Stuhl, neben Papas Bett, jegliches Zeitgefühl ging dir verloren. Das Fenster angekippt, leichte Windbrisen schwebten durch den Raum. An der Decke des Heimes hingen gebastelte Sterne, welche sich leicht im Lufthauch bewegten. Sie schwangen von einer Seite zur Anderen, doch ansonsten kehrte kein Leben zurück in diese 4 Wände. Du fragtest dich, wo dein Papa jetzt wohl ist, ob er dich sehen kann, wie du bei ihm sitzt, der Ohmacht nahe und aus deinen Augen blickend, verquollen und rot. Du fragtest dich, ob er deine Tränen trotzdem noch spüren kann, welche auf seinen Körper niedertropften. Heiß, dampfend. Innerlich schimpftest du mit dir selber, wolltest du ihm doch nicht weh tun, mit deinen heißen Tränen, nicht dass er sich verbrennt. Du fragtest dich, ob er trotzdem noch bei dir war, im Raum, vielleicht vor dir saß, auf dem Bett. Vielleicht hob er sogar seine Hand, um dir die Haare, die dir ins Gesicht fielen, aus dem Gesicht zu streichen, und dann ein Stofftaschentuch reichend, um dir zu signalisieren: „Zieh deine verdammte Nase nicht hoch, sondern schnaub, Mädel!“ Bis zuletzt hat Papa das Nasehochziehen gehasst. Auch in seiner Zeit der Krankheit. Wenn du kein Taschentuch hattest musstest du nun mal Nase hoch ziehen. Dafür erntetest du dann böse Blicke. Entschuldigend „Na was denn? Nase hochziehen ist gesund! Sogar gesünder als schnauben“. redetest du dich raus. Dir liefen die Tränen, wenn du daran dachtest, du wolltest ihn nicht verärgern, das hast du nie gewollt. Du wolltest immer, dass er stolz auf dich sein kann, stolz auf sein Mädchen. Du bist dir nicht sicher, ob er je stolz sein konnte auf dich, und das was du erreicht hast im Leben, wenn auch nicht viel. Dein Papa hat es nie gesagt. Dann wurde es Zeit Abschied zu nehmen, unter Tränen hattest du ihm deine Liebe gestanden, hattest dich bedankt dafür, durch ihn erfahren zu haben was es heißt zu lieben. Was es heißt du Empfinden und zu Fühlen. Du hast dich entschuldigt dafür, nicht viel öfter für ihn da gewesen zu sein und du gabst ihm ein Versprechen. Du versprachst ihm auf seine Partnerin aufzupassen, ein Auge auf sie zu haben, Acht zu geben, und sie nicht im Stich zu lassen. Du versprachst ihm, dass du für sie da sein wirst. „Mach dir keine Sorgen Papa“! Deine Augen schmerzten all der Tränen, sie hinterließen salzige Wege des Verlustes auf deinen blassen Wangen. Du gingst ganz nah an ihn heran, nahmst jedes noch so kleine Detail in deinem Verstand auf, um niemals nie zu vergessen, wer er gewesen ist. Dein Papa. Wieder entwichen dir Schluchzer der Hyperventilation, verzweifelte Japser, um Rückkehr bittend. Du führtest deinen Mund auf Papas Stirn und gabst ihm einen herzlichen Kuss, einen Abschiedskuss. Dann klopfte es an der Tür. Die Leichenbestatter wollten ihn mitnehmen.

Du erinnerst dich, wie du einmal mit Papa über das Leben und den Tod gesprochen hattest und du berichtetest ihm von deiner Oma, was seine Mama war. Die Oma hat sich damals bei dir verabschiedet, in ihrem alten Haus, an dem Tag, an dem sie hätte Geburtstag gehabt. Doch sie starb schon ein Jahr zuvor an einem schweren Krebsleiden. Das erzähltest du Papa, wie sie dich aufsuchte, du hast sie nicht gesehen, doch sie hat etwas aus dem Regal geworfen, was mit einem lauten Knall zu Boden ging. Du weißt, das war die Oma. Es war ihr letzter Gruß. Wenn du allein gewesen wärst, hättest du an deinem Verstand gezweifelt, an deinen Hirnsynapsen, die anscheinend nicht mehr rund liefen, doch du warst nicht allein, denn deine jüngere Cousine war bei dir, und ihr saht euch aus großen, erschrockenen Augen an, doch als ihr realisiertet liefen Tränen, Tränen der Freude und der Ungläubigkeit. Papa lachte dich aus, als du ihm Bericht erstattet hast, er fand das wahnsinnig komisch, dieses Märchen, welches du ihm da auftischtest, doch du wusstest es einfach besser. Papa wollte es nicht glauben, weil er nicht konnte, lässt es sich doch nicht rational erklären, alles Humbug.

Nun wünschst du dir, dass er dich aufsucht, dass auch er einen letzten Gruß an dich hat. Du bist dir sicher, dass du es diesmal wärst, die ihn auslachen würde, denn du hast es ja schon immer gewusst, doch dann würdest du weinen und einfach nicht mehr klar kommen in deiner beschissenen Welt, weil er dir einfach so sehr fehlt, und nie wieder zurückkommen wird. Er wird dir nie wieder mit Rat und Tat zur Seite stehen, nie wieder über diese Märchen lachen die du ihm erzählst, die ja gar keine sind, und er wird nie wieder fragen, was es neues gibt bei dir und in deiner Wohnung mit den blöden Nachbarn und bei deinem Job. Er wird dich gar nichts mehr fragen, außer vielleicht eines: „Woher wusstest du, dass es Oma war?“

hampelmann

Online.

Der Fotograf ist daueronline. Im scheiß WhatsApp. Du willst nicht stalken aber er antwortet einfach nicht auf deine Nachricht, die beinahe schon verjährt.

5 Tage.

Keine Antwort.

Du könntest die Wände hoch gehen, es wurmt dich so sehr. Magst gar nicht daran denken mit wem er so dauerhaft schreibt. Dennoch stürzen sintflutartig tausende an Bildern über dir ein. Zeile um Zeile tauscht er sich aus mit diesem Mädchen, was er erst vor kurzem kennengelernt hat. Jung, bildhübsch. Bilder, wie beide sich treffen und Dinge mit einander machen von denen du nur träumen kannst. Spaß haben, lachen. Miteinander. Sich näher kommen, Empfinden und Sein. Auch wenn es nur in deinem Kopf existiert gibt es für dich keine andere Erklärung für sein Verhalten. Distanz kann man nicht anders definieren. Distanz entsteht nur dann, wenn Interesse sich offenbar verflüchtigt. Du kannst das nicht aktzeptieren. Du kannst das nicht schon wieder einfach nur so hinnehmen. Er bedeutet dir doch so viel! Warum hat er nicht einfach Arsch in der Hose und sagt was Phase ist? Du verstehst das alles einfach nicht. Schon wieder diese Fragezeichen, welche dir irgendwann noch den Verstand rauben. Weshalb sucht er erst Freunde, wenn er sie dann in den Arsch tritt? Da nimmst du schon hin, dass er an mehr nicht interessiert ist und dann… UND DANN? Er würdigt nicht mal deine Freundschaft, verhält sich wie ein rießen Arsch. Heult dir erst die Ohren voll von Freundschaft und fehlender Freundschaft, dabei ist er es der an jeder Hand wohl gleich ein Dutzend hat. Du sitzt auf deiner Couch und könntest Dinge zerschlagen über diese Ungerechtigkeit. Es macht dich so wütend, seine Launen, welche sich abwechseln wie Tag und Nacht, Winter und Schnee, Sturm und Hagel. Am liebsten würdest du den Silvesterabend aus deinem überquellenden Hirn löschen, seine Nähe und Zuneigung, die er dir gegenüber zeigte. Am Liebsten möchtest du verdrengen, dass er der Mann ist in den du dich verliebt hast. Du möchtest ihn vergessen und den Tag des Shootings irgendwie rückgängig machen, doch du weißt dass dies ein Ding der Unmöglichkeit ist.

Stattdessen stehst du wieder vor der Wahl: Ihn loszulassen, endgültig, oder weiterhin deinen Gram hinunterzuschlucken, um darauf zu hoffen, dass er irgendwann erkennt wer du wirklich bist. Dass du nicht bist wie die Anderen und nur oberflächliche Beziehungen, hauptsächlich Sex bevorzugst, sondern dass du eine Frau bist mit Charakter und Würde und an ihm und seiner Person interessiert bist. Du bist kein Objekt, kein Wesen was man erst benutzt und dann zu Boden wirft, wenn man es satt hat. Du möchtest ihn, als Menschen, so wie er ist, mit Haut und Haar, mit Narben und all seinen Macken. Sogar als Arschloch möchtest du ihn, wahrscheinlich gerade deswegen, obwohl du dich hasst dafür. Du würdest ihn sogar noch wollen, wenn er sein Augenlicht verlieren würde. Du hast Angst zu kämpfen, denn das ist nicht deine Aufgabe. Du hast Angst davor dass dein Herz sich dieses Mal komplett auflösen wird, und niemehr wieder hergestellt werden kann. Du bist dir sicher, dass er für dich nichts mehr übrig hat, wenn es denn jemals ein Empfinden wie Freundschaft gegeben haben sollte. Du hast Angst vor einem erneuten Faustschlag, mitten in dein schon zerschundenes Gesicht. Wie lange kann man ein Gesicht wahren, ohne dass es zerbröselt wie eine vertrocknete Rose!? Vielleicht solltest du ihm einen Brief schreiben, geht dir durch den Kopf, denn das Schreiben ist wohl das Einzigste was du beherrschst. Doch du hast keine Adresse von ihm. Du hast eine E-Mail Adresse, doch du weißt nicht, ob er deine E-Mail je erhalten, auch nur ansatzweise lesen würde, wenn er nicht einmal auf eine stinknormale WhatsApp Nachricht reagieren kann. Inzwischen hasst du WhatsApp wie die stinkende Pest und du verfluchst diesen hirnrissigen Menschen diese Erfindung publik gemacht zu haben. Auch SMS findest du dämlich, obwohl du das Schreiben liebst. Die Liebe jedoch liegt im Schreiben, nicht aber im Mitteilen und schon gar nicht im Stalken oder spionieren, denn so wolltest du nie sein. Automatisch mutiert man letztendlich zu einem hysterischen Hobbit mit Funken sprühenden Augen. Yeah! Und das alles ohne abzuschweifen.

Du könntest ihm also eine E-Mail schreiben mit all deinem Hirngesafte über Freundschaft, die fehlt, niemals nicht sein wird, weil es ganz und gar nicht das ist was du möchtest. Dann aber stehst du wieder da wo der Bus dich hat stehen lassen. Fortfahrend, ohne dich eines Blickes zu würdigen. Deine winkende Hand verschwindet in den Abgasen des Auspuffes. Zurück bleibt die Hülle deiner Selbst. Du stehst da ohne ihn. Dann ist es definiert, dann weißt du dass du das, was geschrieben steht nicht wirst rückgängig machen können. Denn er hat dein Zugeständnis schwarz auf weiß, nicht nur im Kopf, welcher vergessen kann und verdrengen, sondern auf Papier eines verdammten Rechners. Du möchtest jetzt gerne mal wissen was zur Hölle du schon wieder falsch machst. Du wirfst mit Kissen um dich, an denen er seinen Kopf platt gedrückt hat, wie oft das kannst du gar nicht mehr sagen. Dein Zeitgefühl ist völlig abhanden gekommen, es kommt dir vor als kennst du diesen Menschen nicht erst seit 5 Monaten. Tränen platschen unbeholfen zu Boden, aber du lässt sie da liegen. Morgen ist sein zweiter OP Tag, eigentlich hast du gehofft dass er sich bis dahin mal gemeldet hat, denn nun liegt es schon wieder an dir ihm etwas wie „Chakkaaa!“ zukommen zu lassen.

Möchtest du das? Du bist es allmählich Leid, den Hampelmann zu tanzen, also lässt du es einfach gut sein. Fürs Erste.
©Netti

KreiselKomplex

Du möchtest am Liebsten die Decke über den Kopf werfen, denn obwohl du den schlimmsten Tag deines Lebens hinter dir gelassen hast, ist er noch immer present, in dir und deinem Kopf, und in deinem Herzen, was umgeben ist von Trauer und Schmerz. Irgendwie hast du diesen Tag überstanden, obwohl du das Gefühl hattest du träumst einen nicht enden wollenden schlimmen Traum, denn so hat es sich angefühlt, als passiert das alles nicht wirklich. Als stehst du nur neben dir. So, als hast du mit dem Ganzen nichts zu tun. So, als bist du nur ein stiller Beobachter aus der Ferne, welcher sieht wie der Person mit den langen wehenden Haaren, der roten Nase, dem vor Kälte zitternden Körper und den tränendurchtränkten Augen die Hände geschüttelt werden. Umarmungen werden verteilt, Küsse und Hände geschüttelt. Hände voller Mit,- und Beileid. Doch irgendwann hatte dieser Tag ein Ende, doch der Schmerz, der hat sich schön an dich dran geheftet an deine Ferse voller Schlamm und Schnee. Du sehnst dich danach zu schlafen. Du sehnst dich danach liegen zu bleiben, nicht aufzustehen, einfach im Bett zu liegen und nichts zu tun, nichts außer essen und trinken. Du willst dich sortieren, dich und deine Gedanken, die sich im Kopf zu drehen beginnen wie Kreisel, weil einfach noch so viel zu tun ist. Weil du nun keine Ahnung mehr hast vom Leben und du nicht weißt wo der Sinn dahinter ist, hinter dem Leben, wenn du immer wieder siehst, wie Leute von dir gehen müssen die du liebst. Du weißt nicht wieso das Leben so grausam spielt und dich mit Steinen bewirft, bestehend aus Verlust. Du fragst dich, was du nun erwartest vom Leben. Wo du stehen willst, was du möchtest. Du fragst dich warum der Fotograf dich nun so sehr im Regen stehen lässt, denn du hast bisher nur erfahren, dass die OP gut überstanden ist. Nun ist er zu Hause, in seiner Heimat, weg von dir und du konntest ihn nicht einmal besuchen. Plötzlich scheint er genervt von dir und deiner gelegentlichen Fürsorge. Dabei sorgst du dich nur um ihn. Machst dir Gedanken. Er wimmelt dich ab, ist plötzlich nur noch müde. Dich lässt er im Regen stehen, damit man deine Tränen nicht sieht. Niemand kann sie sehen, denn sie vermischen sich mit dem Regenwasser. Du hast ein ganz doofes Gefühl, also meinst du nur

..Wenn du reden magst.. Erstmal gute Besserung. Gute Nacht.

Du hast das Gefühl ihn verloren zu haben. Hast das Gefühl plötzlich ganz allein zu sein mit deiner Angst und den Tränen, dem Schmerz und den Gedanken. Es macht dich wahnsinnig nicht zu wissen, was nun ist mit ihm, wie es ihm geht. Du malst dir alles aus und nichts, machst dich verrückt. Weil du Angst hast, dass du ihn nie mehr wieder sehen wirst. Dein Hirn spinnt sich Möglichkeiten zusammen, weshalb er plötzlich auf Abstand geht und du verstehst nicht wieso niemand dir je Erklärungen liefert. Du verstehst nicht, wieso man immerzu nicht mal das für dich übrig hat. Langsam beginnst du dich zu fragen, was der Fehler ist, der sich doch immer aufs Neue zu wiederholen scheint. 

Deine Gedanken kannst du einfach nicht sortieren, denn der Alltag verlangt zu viel ab von dir. Da ist Wäsche die muss, Rechnungen, Papierkram von Papa, Geschirrberge, und Wollmäuse, da ist die Arbeit die muss. Deine Lippen die ein gekünsteltes Lächeln tragen, damit die Gäste nicht checken was abgeht in dir drinnen. Du musst schauspielern  und lachen obwohl du weinen magst. Du musst lieb nicken und Ja sagen obwohl du am Liebsten einfach Nein sagen willst. Nein sagen und es genauso meinen. Stattdessen wirst du warten bis dein scheiss Wecker klingelt, um dann wieder auf der Matte zu stehen, die den Weg zu deiner Arbeit führt. Du hättest Schauspielerin werden sollen. Mit deinem lachenden Gesicht und der Maske die du trägst, dahinter verborgen dein 2. Gesicht. Du hoffst dass du diese Maske irgendwann wirst ablegen können. Denn hinter Masken schwitzt du immer zu sehr. Und es stinkt.

©Netti