Irgendetwas stimmt mit Herrn Doktor nicht.

Mit Schwung trete ich um die Ecke und stehe direkt im Anmeldezimmer. „Herr Doktor Rauch.“, sage ich völlig überrascht ihn jetzt hier zu treffen. „Frau Nauer, Hallo.“, erwidert Herr Doktor Rauch. Er lächelt liebevoll. Ich glühe. Innerlich. Betrachte ihn. Gebe ihm die Hand. Plötzlich habe ich das Gefühl mit ihm allein zu sein. Die Tante hinter dem Tresen auf ihrem RollChefSessel, mit dem gestressten Blick, und dem zum Strich verzogenen Mund, nehme ich nicht mehr wahr. Es ist als existiert sie gar nicht. Es ist mir egal dass sie da sitzt. Sie kann da ruhig noch weiter sitzen und doof gucken. Doof gucken kann sie gut. Das scheint auch das Einzigste zu sein was sie beherrscht.

„Wie geht es Ihnen?“, fragt er mich und blickt mir in die Augen.  „Gut, geht es, gut…..“, sage ich, nur ob ich es auch so meine weiß ich gerade nicht, aber egal. Er dürfte mich alles fragen. …..“aber wir sehen uns doch sowieso gleich!….“, strahle ich ihm entgegen. „Ähm nein!?“ „ÄÄäääähm, doch!?“ „Nein!“ Doch!“ Ist der jetzt blöd? Ein bisschen albern ist dieser Dialog gerade schon. „Ich habe gleich Visite.“, meint er wichtig tuend. „Aber, aber…..Häääää!? Sie haben mir doch aber selber den Termin gegeben. Für heute. 11 Uhr.“, unterstreiche ich mein eben gesagtes. „Das kann eigentlich nicht sein. Denn ich habe Visite. 11 Uhr.“, wie um das zu betonen, und keine Wiederrede zu erdulden, schaut er auf seine Uhr.

„Ja und danach!?“, frage ich ein bisschen hoffend. „Danach ist doch super, oder!?“ Augenklimper. „Danach habe ich Feierabend.“ „Was Feierabend schon!? Wie geht denn sowas!?“ Er lacht. „Naja.. ich habe heute nur einen halben Tag.“ Meine Hoffnung sinkt. „Na toll, da bin ich jetzt umsonst bis hierher gefahren, oder wie?“ „Wir können uns ja am 17. Mai sehen, was sagen Sie, hm?“ Versucht der jetzt hier mit mir zu verhandeln? „Mhhh.“, brummele ich. „Der 17. ist frei.“, kommt es von hinter den Tresen hervorgezwitschert. Achso. Die Tante ist ja auch noch da. „Planen Sie mal eine Stunde ein!“ Augenzwinker. Hat der mich gerade angezwinkert? Was geht denn bei dem? Oder stimmt etwas mit seinem Auge nicht? Seltsam. Eine Stunde. Eine Stunde!? Was will der denn eine Stunde mit mir quatschen? Ich mein, der ist doch gar nicht berechtigt dazu, eigentlich, mit mir zu quatschen. Also tiefgründig und so. Wenn er sich mit mir einen Kaffee, oder Kakao genehmigen würde, in einem sehr gemütlichen, sehr romantischen Café, dann sehr gerne, ich erzähle ihm was auch immer er wissen möchte, aber in seinem Arztbüro!?

„Wir sprechen uns am 17. in Ruhe nochmal. Ja Frau Nauer? Nicht so zwischen Tür und Angel. Das möchte ich nicht.“, sagt Herr Dr. Rauch. Meine Mundwinkel gehen nach unten. Mist. Ich sehe ihn doch nicht nochmal. Schnell brenne ich den Blickkontakt zwischen ihm und mir in mein Gedächtnis ein und halte sein Lächeln fest. „Ja gut, dann bis dahin.“ Händeschütteln. Und weg ist er. Sein weißer Arztkittel schwebt mit ihm aus dem Raum. Tschüssiekowsky, schöner Mann. Zurück bleibe ich allein mit der Tante hinter dem Tresen, die mich genervt fragt was denn nun ist mit dem Termin, bitteschön. „Ja sie haben doch gerade gehört, was der Arzt gesagt hat, oder!? Eine Stunde!!“, grinse ich ihr süffisant ins alternde Gesicht. Sie gibt mir ein Kärtchen mit dem Termin und ich verschwinde Tschüss sagend aus dem Raum. Diesmal muss ich gut drauf aufpassen, auch wenn ich nach wie vor glaube, dass nicht ich den Termin verbummelt habe, sondern der Herr Doktor selber. Der hat mich echt vergessen, das ist frech.

Während ich nach draussen schlurfe, langsamen Schrittes, vielleicht ist ja die Visite schnell vorüber und wir laufen uns nochmal über den Weg, zünde ich mir eine Zigarette an, und laufe nach vorn bis zur Klinik. Hungrig krame ich mein Brötchen raus und kaue drauf herum, mich noch immer fragend, was zur Hölle er eine Stunde lang mit mir bequatschen möchte. Schwärmend hänge ich meinen Gedanken nach. Herr Dr. Rauch in seinem schicken wallewalle Kittel, mit seinen eindrucksvollen Augen und den vollen Lippen. Wie es wohl ist ihn zu küssen? Vorsichtig blicke ich mich um, nicht mehr sicher, ob ich das gerade laut ausgesprochen habe. Ich hoffe nicht. Mir gehen all die Situationen durch den Kopf, indem ich seine süffisante, manchmal leicht zynische, aber trotzdem humorvolle Seite kennenlernen durfte. Wahrscheinlich werde ich ihn zum letzten Mal sehen, am besagten Termin. Eine Stunde, die von mir aus auch viel länger sein könnte. Wir könnten spazieren gehen, Herr Dr. Rauch, hm, was sagen Sie!? Ob ich ihm das vorschlagen soll? Eine Frage brennt mir dennoch auf den Lippen, die ich ihm einfach stellen muss. Warum sind Sie nochmal verheiratet, Herr Doktor Rauch!?

*Namen geändert.
©Netti

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Eine Zugfahrt die ist lustig.

Der Zug fährt ein mit quietchenden Reifen. (oder Bremsen?) Ich hasse dieses Geräusch. Da rollen sich mir die Zehennägel ein. Und mir geht das Messer in der Tasche auf. Und.. na auf jeden Fall ist es ekelhaft. Menschen quetschen sich aus dem Zug und ich frage mich ernsthaft wie viele Leute eigentlich in so einen IC passen? Ob die sich stapeln mussten? Hoffentlich muss ich mich nicht auch gleich stapeln. Genervt rolle ich mit meinem viel zu großen Koffer zum Einstieg, während mich jemand anrempelt. Samma. Hackts!? Schon jetzt habe ich die Schnauze voll. Ich hasse Menschen. 

Nun endlich hebe ich meinen wuchtigen, viel zu schweren Koffer in den Zug und rolle ihn vor mich her. >Sitzplatz. Sitzplatz. Verdammt ich möchte sitzen.<, innerlich fluche ich vor mich hin. Logisch, wie nicht anders zu erwarten, der Zug ist gerammelte voll und ich habe alles, nur keine Sitzplatzreservierung. Danke Schwesterherz. Beim nächsten Mal höre ich lieber auf meine Intuition, nicht auf deine. Ostern. Ich hasse Ostern.

Der Zug fährt los und irgendwie stehe ich und komme nicht voran. >Sind die denn alle bescheuert?<, denke ich mir und könnte kotzen. Schwitzend und triefend stehe ich irgendwo im Gang und es geht einfach nicht vorwärts. Hinter und neben mir quengeln Kinder, ein anderes schreit. Ich hasse Kinder. 

>Spitzenmäßig. Das kann ja eine wundervolle Zugfahrt werden. Stehend bis München.< Nun bin ich auf alles gefasst und wappne mich für das was mir bevorsteht. Erstaunlicher Weise geht es nach einer gefühlten Stunde, obwohl nur zehn Minuten, endlich weiter. Die Menschenmasse vor mir bewegt sich und gibt den Weg durch die Gänge frei. Langsam rollt der Koffer mit mir voran und meine Augen blicken suchend um sich. Aber nein. Kein Sitzplatz. Als ich vor dem Scheißhaus stehe stoppt die Schlange. Na toll. Genervt schiebe ich meinen Rollkoffer ein wenig zur Seite, damit die Idioten nicht drüber stürzen und lasse meinen Hintern auf die Treppen der Ausstiegstüren plumpsen. Nun meldet sich auch mein Magen zu Wort und er knurrt erbärmlich vor sich hin. Seufzend krame ich mein Lunchpaket hervor und fange an zu essen, während sich just in dem Moment die Tür zum Scheißhaus öffnet. >Kackfahrt!<, denke ich und sehne mich nach einem Platz zum Sitzen, damit ich in Ruhe mein Buch lesen kann. Der Traum zerplatzt vor meinem inneren Auge, wie ein Luftballon wenn Kleinkinder mit Karacho draufspringen, und dann heulen weil der Knall zu laut ist. Immermal wieder weht dieser unglaublich frische und leckere Duft aus der WC Kabine zu mir rüber, während Leute kommen und gehen. 

Eine Stunde ist bereits vergangen, als der Schaffner vor mir stehen bleibt. >>Fahrkahrten bitte.<< Suchend krame ich in meiner Tasche rum und reiche ihm diese, ohne etwas zu sagen, auf Konversation habe ich keine Lust. Und Luft habe ich auch nicht, denn inzwischen ist der Muff im kleinen Gang noch intensiver. Die stickige Luft wird von zwei weiteren Leuten weggeatmet, welche sich mir gegenüber hocken. Auch sie wirken genervt. Die blöde Zwischentür direkt vor mir geht permanet auf und zu, weil Leute zur Toilette müssen, oder sich die Beine vertreten möchten. Gelangweilt beobachte ich das Auf und Zu der Türen und bemerke einen Mann dessen Blicke ich auf mir spüre. Die Schiebetür geht wieder zu. >Ähm!?<, mich wundernd greife ich zum Spiegel und schaue vorsichtig in mein ungeschminktes Gesicht. Durch die Fenster der Schiebetür spüre ich noch immer diesen fremden Blick auf mir. Wieder schaue ich in den Spiegel. Einzelne Fusseln meines Haares stehen vom Kopf ab. Mein Dutt beginnt sich langsam aufzulösen. Müde Strähnen hängen in mein Gesicht. Der Mund ein genervter Strich. Wieder das Auf -huch- jetzt bleibt sie länger auf, und oha, der Mann schaut immer noch. Er lächelt. Lächelt er zu mir? Ich schaue nach, ob er vielleicht jemand anderes gemeint haben könnte, aber nein, die zwei Mädels die hier hocken sind nicht in seiner Sichtweite. Zaghaft lächle ich zurück. Und weil ich sonst nichts anderes zu tun habe -es ist mir zu blöd hier vor dem Scheißhaus mein Buch zu lesen-, lächeln wir uns an, sobald die Tür sich öffnet, um sich wieder zu schließen. 

Dümmlich geht unser Lächeln in ein Grinsen über, manchmal tauschen wir uns auch mitleidvolle Blicke aus. Wenigstens habe ich jetzt etwas zu tun. Inzwischen habe ich jegliches Zeitgefühl verloren. Wieder öffnet sich die Tür. Diesmal gehen keine Leute vorüber, doch der junge Mann von hinter dem Glas blickt lächelnd zu mir herunter und im Gehen sagt er etwas. Was er sagt kann ich leider nicht verstehen. Warum eigentlich? 

Fasziniert beobachte ich seinen ziemlich schönen Mund. Und dann schaue ich in seine dunkelbraunen Augen. Oder schwarz? Gibt es schwarze Augen? Seine braunen Haare, wahrscheinlich bin ich farbenblind, sie schimmern auch ein bisschen schwarz, hängen ihm seitlich über die Stirn. Neidisch blicke ich auf seine schwarze Lederjacke. Saucool! Ob die mir auch stehen würde? Dann ist der Moment vorüber und die Lederjacke mit dem Mann verschwunden. Blöd. 

Etwas traurig nun keinen Zeitvertreib mit albernem Grinsen mehr zu haben, beobachte ich die Mädchen die mit mir diesen Raum teilen. Die beiden zeigen sich ihre Telefone und lachen über irgendwas. Auch ich überlege mir mein Telefon aus der Tasche zu kramen um über irgendwas zu lachen, doch stattdessen stehe ich auf und schaue durch die Glasscheiben der Schiebetür. Gerade sehe ich noch wie seine Jacke aus dem Abteil verschwindet. >Soll ich ihm hinterherlaufen?<, frage ich mich und blicke auf meinen viel zu großen, grasgrünen Rollkoffer herab.

©Netti

Seelenfresser.

Du siehst ihn da stehen, von weiten schon, und dir ist bewusst, dass er es sein muss, der Mann von dem Profilfoto. „Hallo“, sagst du nur, und stellst dich ihm vor. Soeben sei er schon erschrocken, meint er, als eine Andere auf ihn zu kam, er dachte dass seist du, warst du aber nicht. Offenbar ist diese Person ein sehr direkter Mensch. Wie genau er das gemeint hat, erläutert er nicht, aber du liest auch nicht zwischen den Zeilen, weil es dir egal ist. Er wollte dich treffen, um dich kennenzulernen, weil er dich zumindestens optisch interessant genug findet, um dich vor seine Kamera zu bekommen. 

Ihr beschließt in ein Café zu gehen um etwas zu trinken. Du stellst dir vor dass ihr einfach nur locker ins Gespräch kommt, um zu bequatschen, wie euer Fotoshooting ablaufen wird, was er sich vorstellt und ob dies mit deinen Vorstellungen übereintrifft. Doch schon als ihr euch setzt und die Getränke bestellt, beide einen Kamillentee, merkst du dass ein Gespräch beginnt, was nachklingen wird. 

Die Unterhaltung geht nur schleppend voran, er erzählt ein wenig von sich und fragt dich aus, wie alt du bist und was du machst, und ob du allein lebst. Die Fragen findest du seltsam, trotzdem antwortest du. Er schaut dir in die Augen, und will wissen ob du so gar nichts über ihn wissen möchtest, und stellt fest dass er schon lange kein so komisches Gespräch mehr hatte, ein so ruhiges, verhaltenes. 

„Bin schüchtern.“, sagst du nur und zündest dir bereits die zweite Zigarette an. Er schüttelt mit dem Kopf, sagt: „Nein, aber verschlossen. Erzähl doch mal von dir, ich muss dich doch erstmal kennenlernen, bevor ich dich fotografieren kann. Ich fotografiere nicht einfach einen wildfremden Menschen, ohne auch nur ein bisschen was zu wissen. Erzähl doch mal was.“ 

Deine Finger schnippen hektisch an der Zigarette herum. „Was denn.. soll ich dir meinen Lebenslauf erzählen oder wie? Das kannst du knicken! Das mach ich nicht.“ „Ja.“, sagt er, doch du weißt dass er nur sagt, es aber nicht genauso meint. Seine Witze, die eigentlich keine sind, sind leicht durchschaubar.

Er erzählt noch ein bisschen was über sich, Sachen die dich eigentlich gar nicht so interessieren, denn du dachtest es geht hier nur um das Fotografieren und Model stehen und nicht darum was man macht, oder was nicht. Er kommt von Russland, erzählt er, und du sagst: „Schön.“, weil du es schön findest, aber mehr auch nicht. Du gibst nur die nötigsten Sachen über dich preis, denn alles Andere geht ihn auch gar nichts an. Warum solltest du einen Fremden bei einem ersten Gespräch so nah an dich ranlassen.. Überhaupt an dich ranlassen, wie geht das überhaupt. Du hast vergessen wie man ein funktionales Gespräch miteinander führt, ein Gespräch miteinander, anstatt gegeneinander, du hast vergessen dass ein Dialog eine Unterhaltung zwischen zwei Menschen ist, die sich austauschen, stattdessen lauschst du nur seinem Monolog, was dir gerade mehr als nur Recht ist. 

Er lächelt immer mal ganz seltsam, das entgeht dir nicht. Aber trotzdem ist es schnurzegal was er denkt, das interessiert dich nullkommanullirgendwas, und wieder, schon wieder schaut er dir direkt in die Augen und es gruselt dich, du bekommst sogar ein bisschen Gänsehaut, während du den Blick standhältst und deine Zigarette im Aschenbecher ausdrückst.

„Genießt du dein Leben?“, fragt er dich mitten in dein Gesicht, was dir soeben zu entgleisen scheint. Du kannst sie hören, deine sorgfältig auferlegte Maske, wie sie laut klirrend von deinem Gesicht bröckelt, und nun in einzelnen Fetzen von deinem bereits zerschundenen Gesicht hängt. Du wendest es ab, denn was fällt ihm ein, diesem Arschloch, dir verdammt nochmal so eine Frage zu stellen, eine Frage, die du dir selber nicht einmal zu stellen wagst, aus Angst dich damit befassen zu müssen. 

„Arschloch.“, sagst du ihm, und du meinst es auch so, während stumme Tränen der Erkenntnis über deine Wangen rinnen. 

„Scheiße, entschuldigung, habe ich dich jetzt zum Weinen gebracht? Das wollte ich nicht, ich habe offenbar einen Nerv getroffen. Das passiert mir manchmal. Wir müssen da gar nicht drüber reden, also.. wir reden einfach ein anderes Mal darüber.“ 

„Das kannst du vergessen. Ich rede überhaupt nicht darüber. Das geht dich überhaupt nichts an.“, spuckst du ihm ins Gesicht, und ärgerst dich über die Schroffheit in deiner eigenen Stimme. 

Wieder blickt er dich an, mit diesem Blick, den du jetzt schon kennen und fürchten gelernt hast. 

„Wenn du so bist, also die Tränen, wenn du so vor der Kamera….., das wäre grandios.“, das scheint er tatsächlich ernst zu meinen, keinerlei Regung zeigt sich in seinem Gesicht. Also das findest du jetzt echt scheiße, nutzt der hier gerade deinen Gefühlsausbruch aus? Versucht er dich gerade irgendwie hinzustellen?, fragst du dich, doch dir fällt nicht ein wie, wie er dich hinstellt, denn offenbar will er einfach dich. Und das sagt er auch. Er möchte dich mit der Kamera einfangen, deine Person, dein Wesen. 

In dir tobt ein Kampf, ein Streit zwischen Gut und Böse. Du möchtest aufstehen, und ihm sagen was für ein rücksichtsloser, unsensibler Trottel er ist, doch stattdessen bleibst du schweigend sitzen, das Kinn hochgereckt, während die letzten deiner Tränen über deine nassen Wangen verenden. Euer Blick hält stand. 

„Ich hoffe, ich darf dich trotzdem noch fotografieren. Sonst.. ich könnte mir das nicht verzeihen. Ich wäre enttäuscht. Von mir. Nein. Wütend über mich.“ 

Ihr haltet den Augenkontakt, aber du antwortest nicht. Lässt nur ein bedrücktes, kaum sichtbares Nicken zu. 

„Ich muss pinkeln.“, sagt er nun, gerade als du dachtest, dass du pinkeln musst. 

„Ich auch.“, meinst du und stehst Tasche greifend auf, um loszustürmen, zur Toilette, erstmal weg, von ihm, atmen, Luft holen. 

„Und warum gehst du jetzt zuerst?“, ruft er dir nach, was dich ein wenig zum Lächeln bringt, zeitgleich erstirbt es wieder, als dir seine Worte im Kopf nachhallen. >Genießt du dein Leben?< Vier lächerliche Worte, die dich so sehr zum Wanken bringen. Du schließt die Toilettentür hinter dir, greifst mit beiden Händen aufs Waschbecken und schaust deinem gehetzt wirkenden Gesicht entgegen. Sie wollen nicht rein in dein Kopf, diese Worte, diese Frage, die du einfachso unbeantwortet im Raum hast stehen lassen. Noch immer geschockt von dem Nachhall.

Während du die Treppen runter steigst, überlegst du wegzurennen, blickst dich nach einem Notausgangsschild um, eines wo ein weißes Männlein auf grünem Hintergrund zur Tür heraushetzt, eine Tür welche durch einen Pfeil in die richtige Richtung weist. Doch hier ist kein verdammtes Schild, stattdessen wackelst du auf deinen noch immer zittrigen Beinen zurück zur Tür, von wo aus du ihn schon an dem Tisch sitzen siehst. Als du ankommst steht er auf. 

„Bis gleich.“

 Noch immer stehend schreit alles in dir: >Renn weg! Lauf!<, doch dein Arsch setzt sich wieder auf dieses blöde Sitzkissen drauf, wahrscheinlich schon voller Angstfürze benetzt, von alterschwachen Damen und rotzigen Kindern oder Frauen, welche Fragen gestellt bekommen, die sie einfach nicht hören wollen.

Als er zurück kommt lauft ihr in die Richtung, in die du gehen musst, dann sagt er:

„So, hier trennen sich unsere Wege. Wir sehen uns! Wir schreiben uns!“, auch das Fragezeichen dahinter schwingt in seiner Aufforderung mit, die leise Angst dass das Shooting zerplatzen könnte, so wie die Seifenblase, bestehend aus farbigen Regenbögen, wenn zuviel Luftdruck ihr Sein ins Nichts auflöst. Er schließt dich in die Arme. Diese Nähe. Wie seltsam. So komisch. Irgendwen zu umarmen. Dass es sich auch ein bisschen schön anfühlt möchtest du nicht wahrnehmen, denn du möchtest diese Nähe nicht, sie ist dir einfach zu viel. Jetzt gerade. Und überhaupt. 

„mhhh.“, nuschelst du, nichtwissend was es ausdrücken soll, und drehst dich auf dem Absatz um. Seinen Satz den er zum Abschluss anfügt: „Du bist seltsam, aber interessant. Sieh es einfach als Kompliment.“, möchtest du am Liebsten überhört haben, weil zu laute Kinder, Hundegebell, Straßen-Auto-Bus-Motorrad-Lärm, oder weil die Tauben zu laut gurren (rugeldigurugeldigu-Blut ist im Schuh?) und seine Worte einfach so ungehört verschlingen. Ja, hier sind eine Menge Tauben und Kinder, und Fahrzeuge, aber alle haben in diesem Einen Moment beschlossen zu verstummen. Spitze, denkst du dir, während erneute Tränen über dein Gesicht rinnen und du schnellen Schrittes in Richtung Straßenbahn eilst.

Da ist eine Betteltante mit ihrem Pappbecher in der Hand, welche auf ein paar Groschen hofft, an ihr läufst du vorbei, ohne sie bewusst wahrzunehmen, auch wenn dein Blick gerade aus geheftet ist, ist er doch verschleiert und schaut ins Nichts. Bis zwei junge Männer, in ein Gespräch versunken, nebeneinander laufend, deine Aufmerksamkeit zurück auf den Moment des Hier und Jetztes lenken. Das Gespräch endet abrupt, und der rechte Mann mit den dunklen Haaren und dem dunklen Blick, offenbar sind seine Augen dunkelbraun, beinahe tiefschwarz, auch wenn du dich fragst, wie du dass auf die Entfernung hin feststellen kannst, schaut dich an. Nicht dich. Sondern dich. Er sieht dein Innerstes und obwohl du längst eine neue Maske übergestülpt hast, schaut er in deine Augen. Und er sieht da was. Panisch fragst du dich, ob das auf deiner Stirn geschrieben steht, alles das, was dich hat aufwühlen lassen, alles das, was dich bewegt. Es muss blinken, wie eine Reklametafel vor sich hinleuchten, während ihr aneinander vorüber lauft. Zeitgleich dreht ihr euch nacheinander um, eure Augen noch immer ineinander versunken. Du siehst nur ihn, nimmst sonst nichts wahr. Der Mann in deinem Blickfeld, euer Blickkontakt, der dem Laufen standhält, denn noch immer setzt ihr euren Weg fort, ohne zu sehen wo ihr hinlauft, du schaust über deine Schulter nach hinten, doch deine Schritte bewegen sich vorwärts. Plötzlich spürst du einen Aufprall, und erstarrst, dein Kopf schnellt nach vorn, vor dir ein Masten. Verwirrt bleibst du stehen um zu realisieren dass du nur beinahe kollidiert wärst, mit einem Masten, der da verdammt nochmal nicht hingehört. Peinlich berührt schaust du dich suchend um, doch die beiden Männer sind verschwunden, haben sich plötzlich aufgelöst, zwischen all den Menschen die durch die Straßen wuseln.

Im Kopf taucht dieses Bild auf, von dem Mann, der dir nachläuft, nachrennt – er rennt dir hinterher,- atemlos zieht er an deiner Hand und dreht dich zu sich um, während eure Blicke nicht mehr von einander ablassen können.

Dieses Bild, der Mann wie er dir hinterher rennt, bis zur Bahn, sein suchender Blick gleitet durch die 1000 bunten Menschen, doch er sieht dich einfach nicht. Er kann dich nicht sehen.

Dann kommt die Bahn, dieses Bild, wenn die Türen der Bahn schließen, und ein lautes, grilles Pfeifen ertönt, das Warnsignal, dass die Bahn nun anfährt, und du stehst dahinter, hinter dieser Tür. Die Hände des Mannes, und die deinen berühren sich an der Tür hinter Glas.

Schnell ist es wieder weg, das Bild, ohne dass du erinnerst woher es dir bekannt vor kommt. Ein Déjà vu? Oder nur ein Trugbild deiner Gedanken?

In der Bahn checkst du die Menschen, ohne sie wirklich wahrzunehmen, sie verschwimmen immer mehr zu einer kunterbunten, schwammigen Masse, welche zähe Bewegungen vollziehen, und doch fühlst du diese Enge die dich fast zum Ersticken bringt. Diese Nähe der zusammengequetschten Massen in der Bahn ist dir einfach zu viel. Jetzt gerade. Und überhaupt. „Genießt du dein Leben?“ Das Bild im Fenster aus Glas spiegelt deine Tränen wieder.


©Netti

 

Tag 2. Ein bleibender Eindruck. 2/2

Dieses Mal bringst du dem kranken Manager Teewasser, ohne dass er dich zuvor drum gebeten hätte, denn du siehst ihm an, dass es ihm noch immer nicht besser geht. Heute ist der Tag der Abreise, ein wenig schade ist das schon. Man sieht morgens die gleichen Gesichter, man weiß dessen Vorlieben, wenn auch nur in Essens und Getränke Angelegenheiten, und man gewöhnt sich aneinander. Unbewusst baut man zu jedem einzelnen Gast eine gewisse Beziehung auf. Da entstehen nette Worte, gefüllt mit Respekt und Dankbarkeit. Auch hier ein Geben und Nehmen. Liebevoll stellst du die Kanne mit dem heißen Teewasser vor ihm ab, seine eigene Thermoskanne steht noch vor ihm auf dem Tisch. Dankbar lächelt er dich an, und du lächelst zurück. Die anderen Kollegen bekommen heiß aufgebrühten Kaffee. Zurück in der Küche fertigst du weitere Vorbereitungen, dein schwarzes Arbeitskleid umspielt deine schlanken Beine. Bei der Vorbereitung, als die Gäste noch nicht anwesend waren, trugst du noch deine Kittelschürze, leider hat sich dann ein bisschen Kaffee darüber verteilt, huch, wie ungeschickt von dir, sodass du sie ablegen musstest. Deine naturgewellten Haare sind mit ein paar Klammern leicht aus dem Gesicht entfernt. Dieses Mal können keine störenden Spritzer von Fett und Wasser auf deine Brille gelangen, denn die hast du heute durch Kontaktlinsen ersetzt, das ist so viel bequemer. Deine Augen wirken offener und leuchten strahlend blau, deine Lider tragen sanfte Brauntöne welche sich perfekt mit deinen Haaren ergänzen. Die Wimpern sind leicht getuscht, ein wenig Glitzer hat sich zwischen jedes einzelne Härchen verankert, kaum auffällig und doch erstrahlst du in einem kaum wahrnehmbaren Glanz, welcher nur einem besonderen Moment gegönnt sei. Mit deinem Auftreten möchtest du dem Herrn Manager danken, für das Vertrauen und die Dankbarkeit, welche er dir entgegenbrachte, und vielleicht bleibst du ihm so in guter Erinnerung. Der Anruf, den du tätigen solltest hat sich erübrigt, denn die Frau rief noch am selben Tag an und bestätigte die Kostenübernahme der Kollegen, was du dem Manager sogleich mitteiltest.

Du hörst wie Stühle scharren und Füße auf Parkett treten, jedes einzelne Stück knarzt unter den Schritten. Die jungen Herren laufen aus dem Frühstückszimmer und gehen ihres Weges, doch der kranke Manager mit dem Ziegenbart bleibt an der offenen Küchentür stehen und blickt dich an. Für einen Moment bringt keiner einen Ton heraus, es sind stille Blicke der Anerkennung, welche ihr miteinander austauscht. Eure Münder formen ein lautloses Grinsen, halbseitig, ohne aufdringlich zu wirken. Du bist die erste, die den Blickkontakt unterbricht, denn erst jetzt bemerkst du seine Thermoskanne, die nach heißem Wasser schreit. Ob dir das fehlen wird? Du setzt nochmals das heiße Wasser auf und bleibst im Profil vor ihm stehen, zu nervös dich seinen Augen erneut auszusetzen, seinem Blick der so vieles sagt, und gleichzeitig nichts. Du kommst dir albern vor, wie du da vor diesem Wasserkocher stehst und die vielen Blubberblasen beobachtest, so als hättest du das noch nie gesehen. So, als wäre es völliges Neuland für dich, wie ein Gerät Wasser zum Kochen bringen kann. Doch der Herr öffnet den Mund um etwas zu sagen, und du verstehst nicht gleich was die Töne bedeuten, dieser verdammte Kocher kocht einfach zu laut, doch nach einer kurzen Konzentration ergeben seine Worte Sinn und du bemerkst dass er eine Frage gestellt hat, auf die offenbar eine Antwort folgen sollte. Du öffnest die Lippen ganz leicht, musst jetzt wohl überlegen was du sagst und vor allem wie, und dann lachst du einfach, ohne auszulachen, dein Lachen ist herzlich und echt, denn die Vorstellung hinter seiner Frage ist einfach zu amüsant. „Nein, ich gehöre nicht zum Inventar, Gott bewahre. Ich bin nur Angestellte“, gibst du nun augenzwinkernd zurück. Er fragt dich ein bisschen über das Hotel, und über dich, ohne dir zu nahe zu treten. Im Gegenzug berichtet er dir von seiner Erkältung, welche ihn jetzt schon ein Stück weit begleitet. Fieber hat ihn etwas schachmatt gesetzt, welches aber, seitdem er hier ist, zum Glück verschwunden war. Du nickst, und nickst, fühlst mit ihm, dein Mund formt Zustimmung und Wünsche der Besserung. Als du ihm die Kanne reichst, berühren sich eure Hände für eine Millisekunde, zu kurz, als dass du es bewusst wahrgenommen hättest. Nur ein kleiner Abdruck verbleibt auf deiner warmen Hand. Du wunderst dich und hoffst, dass es keine Bazillen sind. Nur der grauschwarze Ausdruck dieser Augen bleibt etwas in dir haften. Viel Zeit zum Grübeln bleibt nicht, über die Hand, welche einen Ring spazieren trägt, denn du bist hier um zu arbeiten.

Nachdem du gut vorangekommen bist hörst du abermals Schritte und das Schließen von Türen. Und du weißt.. der Abschied steht bevor. Es ist kein Abschied unter Freunden, und auch kein Abschied unter zweier Menschen welche sich kennen, sondern es ist eine Verabschiedung von einem Mann und einer Frau, einer ersten  Begegnung mit auf Anhieb entstandener Sympathie. Der TV Manager kommt dir entgegen, bleibt abermals vor der Küche stehen. In der rechten Hand sein Reisegepäck, in der linken sein Zimmerschlüssel. Er hält kurz inne, wieder streifen sich eure Blicke. Ein Moment der Stille entsteht. Er hebt die Hand um dir den Schlüssel zu reichen und bedankt sich bei dir, „Es war wirklich schön.“ „Ja, schön“, stimmst du ihm zu, ohne zu wissen was du damit meinen könntest. Der Schlüssel liegt nun in deiner Hand, etwas verwirrt blickst du darauf nieder, sie kommt dir gerade etwas fremd vor. Ist das deine Hand? Er setzt an um zu gehen, läuft einen Schritt der ein Wiedersehen nicht erduldet, doch dann hält er inne. Du stehst noch immer bewegungslos, etwas nutzlos und seltsam ergriffen in dieser Tür, ohne dich auch nur einen Millimeter zu rühren. Du bemerkst sein Zögern, bist verwundert und irgendwie neugierig, hat er was vergessen!? Er dreht sich um, und schaut in deine Augen, nur dieser eine Schritt liegt zwischen euch, und dann, kaum hörbar und doch so laut dass dein Verstand es wahrnehmen kann: „Entschuldigung, das.. , ich muss Ihnen das jetzt einfach sagen… Sie..,………… Sie sind wirklich zauberhaft!“

Dein Herz setzt aus, für einen Schlag, vielleicht für zwei oder drei, eine Sekunde in der er sich umdreht und die restlichen Schritte bis zur Treppe läuft und du, du bist gerührt, über diesen fremden Mann, der dir eben das wohl schönste Kompliment deines bisherigen Lebens gemacht hat. Hast du das gerade eben richtig verstanden!? Zauberhaft..* Was bedeutet das gleich noch? Du bist so verwirrt, dass dir die genaue, korrekte Bedeutung des Begriffes entfallen ist, du musst gleich dringend Google fragen. In dieser Sekunde gehen dir 1000 Gedanken durch den Kopf und du fragst dich wie das möglich ist, wie das möglich ist so viel zu denken und keinen einzigen Gedanken davon laut aussprechen zu können. Noch während du seinem Fluchtschweif hinterher blickst, rufst du ihm ein: „Oh, vielen Dank!“, hinterher, und du hoffst, dass er das noch mitbekommt.

Die Tür schließt sich mit einem lauten Knall. Ein Lächeln umspielt deine Lippen. Gleichzeitig fragst du dich, was du bitte mit dieser Info sollst, und warum er so schnell weg war. Du fragst dich, ob er das auch zu dir gesagt hätte, hättest du heute genauso kacke ausgesehen wie am gestrigen Tag. Vielleicht ist er ein Mensch, der nur auf Äußerlichkeiten bedacht ist.

Du blickst aus dem Fenster und siehst wie die vier in den großen Transporter steigen. Der Manager sitzt am Fenster. Sein Blick ist auf die Straße gerichtet, an seiner rechten Hand glänzt der silberne Ring.

Google: *Zauberhaft: sehr reizvoll und schön


©Netti

Erste Begegnung..: Tag 1: Der mit der Visitenkarte. 1/2

Tag 1. Der mit der Visitenkarte. 1/2

„Entschuldigung!? Könnten Sie mir bitte die Kanne voll mit heißem Wasser machen!?“ Vor dir steht ein junger Mann, du schätzt ihn auf Anfang dreißig, und er schaut dich aus bittenden Augen an. Seine Stimme klingt tief und sehr angenehm, jedoch etwas verschnupft. Er lächelt gequält und doch zuckersüß. „Natürlich!“, gibst du zurück und entreißt ihm die Thermoskanne. Seine Nase leuchtet rot, sein Gesicht wirkt etwas aufgedunsen, was seiner Schönheit jedoch keinen Abbruch tut. Du betrachtest ihn kurz während er sich abwendet, und langsam zurück Richtung Frühstückszimmer trottet. Dein Blick folgt ihm, so lange bis du Nackenschmerzen bekommst, dein Hals ist nun mal doch nicht so lang wie der einer Giraffe, verdammt. Seine Haare dunkelblond, vielleicht auch normal blond, oder aschblond, du kennst dich mit Haarfarben nicht aus, kennst nicht einmal den Unterschied zwischen dunkelblond und hellbraun, bisher dachtest du immer das ist doch irgendwie das Selbe, oder Gleiche, na zumindest sehr, sehr ähnlich. Seine Augen recht dunkel, aber vielleicht macht das auch nur die Erkältung, welche einen Bazillusschleier auf der Regenbogenhaut hinterlassen hat. Das Wasser köchelt brodelnd vor sich hin, und es dauert. Aber das ist dir nur Recht, du willst dem eigentlich gar kein Wasser bringen, du willst dem überhaupt nichts bringen. Er sitzt an einem Vierertisch mit noch drei weiteren jungen Männern. Das hast du vorhin schon gesehen, als du Kaffee brachtest. Es ist dir einfach blöde, wenn junge Leute da sind, da musst du immer aufpassen, was du sagst, und wie du was sagst, obwohl du eh weißt dass das was du sagst am Ende sowieso doof ist und irgendwie peinlich, während dein Kopf dann hochrot anläuft. Du fühlst dich dann prinzipiell beobachtet, obwohl sich keiner um dich schert, du spürst Blicke und in deinen Ohren summen Töne der Lacher, welche mit einer Vibration in deiner Ohrmuschel nachhallen. Die Lachen dich bestimmt aus. Kein Wunder. Deine Arbeitskleidung ist ja auch der Brüller. Wirklich witzig, so zum Brüllen, zum Brüllen peinlich. Aber da stehst du ja drüber, über der Peinlichkeit, du lachst da nämlich einfach mit, so! Und beim nächsten Mal, da kann er sich dann einfach sein Wasser selber holen. Ha! Du bringst ihm jetzt also das Wasser, denn es hat endlich aufgehört zu köcheln und blubbern und schämst dich schon, obwohl du noch nichtmal in Sichtweite bist, aber hey, da stehst du ja drüber, denn die Kittelschürze die du trägst ist ja so saucool, die sind ja nur neidisch. Das Wasser stellst du behutsam vor ihm nieder, am Liebsten würdest du es draufknallen lassen mit einem RUMMS, denn dann würde denen das Lachen schon vergehen. Aaaaber der Kunde ist ja König, also lächelst du nett und der Kunde, also der Kranke, der lächelt nett zurück. Ein Geben und Nehmen ist das, mit dem Lächeln, du fragst ob alles okaaay ist und verdünnilisierst dich dann wieder. Endlich. Froh bist du, als du wieder in deiner Küche stehst, da geht dir wenigstens keiner aufs Schwein. Kurze Zeit später steht er da wieder, mit seiner albernen Kanne, etwas süß schaut das ja irgendwie schon aus, wie er da so deppert steht und auf Wasser hofft. „Wasser!?“, kommst du ihm zuvor und wieder entreißt du ihm die Kanne. „Immer wieder gern.“ Der Kranke lächelt. Du bemerkst einen Ziegenbart, nicht sehr lang, aber auch nicht sehr kurz, und du wunderst dich weshalb heutzutage jeder zweite so einen Ziegenbart trägt. So richtig schön ist das ja nicht, aber naja, nett ist er trotzdem, der arme kranke Mann. Wieder reichst du ihm das Wasser und wünschst ihm gute Besserung. „Ich hoffe das wars dann jetzt, teil es dir ein, mehr Wasser bekommst du nicht!“, möchtest du ihm am Liebsten hinterherrufen, doch der Kunde ist ja König, also lässt du es bleiben. Zwischendurch stalkst du ein bisschen, du weißt inzwischen wer das ist, und in welcher Zimmernummer der wohnt. Aha-aha. Interessant, Manager einer TV-Firma, oukey, alles klar. Du freust dich auf die Frühstückspause, einen Bärenhunger hast du, hoffentlich haben die Könige nicht alles weggefressen. Du trommelst alle Kolleginnen zusammen, ihr pflockt euch an den Tisch und lasst es euch schmecken. Gerade als du genüsslich in dein Brötchen beißt, dein Mund voll von Brötchenteig und Gurken und Wurst und Camenbert, steht er da wieder, der Tv-Mensch, der Manager, der arme Kranke. Er steht im Foyer und kommt auf dich zu, und du auf ihn mit irgendwie hochroten Kopf weil Mund proppevoll und er lacht und entschuldigt sich für sein abermaliges Stören. Und du hältst dir die Hand vor den Mund und kaust und schluckst und kaust und lächelst einfach nur peinlich berührt. Dir ist so schrecklich heiß jetzt gerade, Boden tu dich auf. „Wegen der beiden Kollegen.. könnten Sie mal bitte nachfragen, ob sie auch auf Kostenübernahme gehen, falls die Kollegin sich nicht meldet, also wenn sie bei Ihnen nicht anruft!? Möchte nur dass alles klar geht und seine Richtigkeit hat.“ Er reicht dir lächelnd seine Visitenkarte. Und du starrst sie an, diese Karte, und dann schaust du ihn an, so als spräche er Chinesisch, deine Hand umklammert die eine Kartenhälfte, während seine Hand die andere Hälfte der Karte umklammert. Es muss schon echt scheiße ausschauen, wie ihr euch an dieser dämlichen Karte festhaltet, mit seinem Namen darauf, als würde er sonst umfallen, hielte man ihn nicht fest. Manche Momente sind irgendwie so dämlich, dass sie nicht verstreichen wollen, genauso fühlt sich das gerade an, ein nicht endender dämlicher Moment, mit einer Karte, die einfach nur einen Nutzen hat: Deinen Job den du auszuführen hast: Da anrufen. Zuerst bist du verwirrt, wieso sollst du da anrufen, wo er doch hier ist, da wird doch dann keiner ran gehen, weil er steht ja hier vor dir, jetzt gerade und erzählt dir was, das verstehst du jetzt irgendwie nicht. Bis dir einfällt, dass ja seine Sekretärin auch rangehen könnte, die, um die es ja eigentlich geht, die, die dir Auskunft geben soll. Das Herz schlägt wieder weiter. Warum sonst reicht man dir auch eine Visitenkarte. Warum sonst. „Aaaahhhachsooo klar. Logisch. Ich regel das. Und geb´ Ihnen dann gleich bescheid.“, bringst du endlich hervor, als das Brötchen vertilgt und der erste Schock überwunden ist. Der zweite Schock folgt, als eure Hände dann endlich mal das Schutzschild- diese Visitenkarte, wahrscheinlich längst völligst zerfleddert und aufgeweicht, loslassen. An seiner rechten Hand glänzt ein silberner Ring. Du machst große Augen, welche sich dann in ein unauffälliges Rollen verwandeln. Jupp. Was auch sonst! Lächelnd geht er wieder in sein Zimmer und du zurück zum Esstisch. Nicht mal in Ruhe fressen kann man hier!

Jetzt schaust du doch mal an dir herab und in den Spiegel und stellst fest: Kacke. Irgendwie schaust du heut kacke aus. Du bist nicht geschminkt, bist du eigentlich nie während der Arbeit, denn du musst so früh aufstehen, dass du dich prinzipell vermalen würdest, du schläfst dann einfach lieber länger. Deine Haare haben einen Badhairday, deswegen hast du sie nur am Kopf zu einem Knoten zusammen gebunden. Geht ja nicht, dass deine Haare dann im Teewasser rumschwimmen. Achso und die Brille. Du trägst deine Brille aus der du kaum noch was sehen kannst. Scheiße! Die sieht  aaaaauuuuuus!! Dich wundert es, dass du überhaupt noch was sehen kannst vor lauter Dreck auf den Gläsern. Doch hey, so ist das mit dem Licht, mal brennt es, und mal brennt es nicht.

©Netti

 

Der mit dem heißen Arsch.

Du zwinkerst. Irgendwas ist da in deinem Auge, aber vielleicht ist auch nur die Kontaktlinse verrutscht. Dein Kumpel neben dir redet Dünnschiss und diesmal beklagst du dich nicht drüber, du nickst, und lachst immermal ganz dümmlich, während deine Augen einen Punkt visieren. Nebenbei schielst du in die Karte, doch du kannst dich einfach nicht entscheiden, auf was du Appetit haben sollst. Der Punkt aus der Ferne, den du bis eben gerade noch anvisiert hast, bewegt sich plötzlich leichten Schrittes auf euch zu. Schnell schiebt dein Blick sich wieder in die Karte. Dein Kumpel beklagt sich plötzlich, dass du ihm heute alles durchgehen lässt, er erzählt dir Müll, kann dir alles erzählen, du hörst ihm gar nicht zu. Du gibst nur genervte Antworten, auf seine Fragen, die nicht mal welche sind. Irgendwie ist dir heute jegliche Konversation zu viel. Der Punkt aus der Ferne bleibt stehen, direkt vor eurem Tisch. Ein leichtes Lächeln blickt auf euch nieder. „Darf ich euch schon was bringen?“ Du lächelst ihn an, besonders freundlich und wünschst dir eine Sprite, während der Kumpel ein alkoholfreies Hefe bestellt. Du schaust den Kellner an, mit deinen großen Augen und er schaut zurück, den Mund zu einem leichten Lächeln geformt. Immerwieder läuft er an euch vorüber in seinem schwarzen Dress mit seinen hellbraunen Haaren, ihn umgibt ein männlicher Duft. Du kannst die Augen einfach nicht von ihm losreißen wahrscheinlich musterst du ihn sehr penetrant und plötzlich kannst du den Bahnfahrer verstehen, denn wenn man etwas Schönes erblickt muss man einfach immer wieder hinsehen, ohne den Blick abwenden zu können, man wird übermannt von der Faszination, die einen umgibt. Der Kellner wirft dir hin und wieder ein paar Blicke zu, doch du vermisst das Lächeln, was ihn so sympathisch wirken lässt. Irgendwann wählt ihr und du nimmst das Schnitzel während dein Kumpel Pasta nimmt. Ihr betreibt leichte Konversation, ansonsten genießt du einfach nur das schöne Wetter. Das Essen geht fix und steht dampfend vor euch. Der Kellner lächelt und wünscht einen guten Hunger. Du blickst ihn an, versuchst es wieder, deine Augen öffnen sich und du musst blinzeln, die Wimpern machen zaghafte Wusch Geräusche, doch du kannst seinen Blick den er dir zurück wirft einfach nicht deuten. Wahrscheinlich hast du verlernt wie das funktioniert, das mit dem Flirten. Du vermisst die Majo und brummelst das in deinen Bart, dein Kumpel verlangt vom Kellner Majo nach. „Na toll. Jetzt kann er mich bestimmt nicht mehr leiden! Wegen dir. Und der Majo!“ Du denkst an den Mann in der Bahn, kurz nur, und du weißt, dass du immer auf dein Bauchgefühl hören kannst, du bist froh dass du nun erkannt hast, was dieses Bauchgefühl aussagen möchte, wie es sich bemerkbar macht und vor allem, wie du es erhörst. Dein Bauchgefühl bei eurem ersten Treffen sagte dir, NEIN, es sagte nein und schrie danach, dass das mit ihm irgendwie gar nicht geht. Du fühltest dich nicht wohl in deiner Haut, es war ganz anders als mit ihm den Fotografen, soetwas wünschst du dir nochmal, nur schöner, freundlicher, weniger schmerzhaft und tränenreich. Zum ersten Mal in deinem Leben bist du froh die richtige Entscheidung getroffen zu haben, eine Entscheidung die sagt: >>Dich möchte ich nicht wieder treffen, auch für eine Freundschaft nicht, und Freunde habe ich, selbst mit denen bin ich schon überfordert, was mir fehlt ist Nähe zu einem Menschen, der meiner würdig ist, ein Mann, mit dem ich mich austauschen kann, ein Mann, der… Fotograf… <<, wieder springen die Gedanken davon wie ein Flummiball und dein Kumpel fragt: „Hast du mich gerade angezwinkert!?“ „Bestimmt!“ Du rollst mit den Augen und fragst dich was mit ihm los ist heute, plötzlich ruft er dich Schatzi und du möchtest am Liebsten die Faust heben, denn als du siehst wie der Kellner an euch vorüberläuft muss Hasi grinsen. Das bekommt er zurück. Kosenamen. Sein scheiß Ernst? Du verabscheust diese ganzen Kosenamen-um-sich-werfenden-Pärchen, nie wieder möchtest du mit einem Kosenamen angesprochen werden. „Was soll der scheiß!? Lass das!!!“, deine Augen sprühen Funken. „Ernsthaft, das ist dein Typ, ja?“, er fragt nach was er haben sollte, dein Typ Mann, und du beschreibst ihn, den Fotografen, als du auf die Gasse blickst erkennst du Menschen die vorüber gehen, wie auf einem Laufsteg, und egal wo du hinblickst du siehst ihn, den Fotografen. Dein Kumpel unterbricht gelegentlich sein Essen und lehnt sich leicht zurück, du hast Lust auf das was er isst, dein Schnitzel hängt dir grad der Quere im Hals, du hast jetzt Bock auf die Lachswürfel, die lachen dich schon die ganze Zeit an. „Tauschen?“, also tauscht ihr eure Teller. Dein Kumpel lehnt sich zurück, muss kurz pausieren, von dem dicken Schnitzel, du aber bist fertig nach wenigen Bissen, der Teller ist leer, also schiebst du den leeren Teller von dir. Der Kellner schaut zu euch, kommt leicht näher und Hasi nimmt das Besteck um weiter zu essen. Das wiederholt er einmal, zweimal, und macht dich darauf aufmerksam: „Immer wenn er herkommen will, esse ich weiter.“, dabei lacht er, als hätte er einen richtig guten Witz gemacht. „Samma! Hakts!? Wie alt bist du? Zwölf!? Lass den Scheiß! Wegen dir guckt der jetzt nur noch so böse! Der ist schon total genervt!“, langsam reicht es dir echt. „Jetzt mal im Ernst..“, er schluckt, schaut dich dann an, „der ist nichts für dich! Ohne Mist! Der nicht! Such dir einen Anwalt, oder einen Ingenieur, aber doch keinen Kellner, das passt nicht. Das geht nicht. Nicht zwei aus derselben Branche.“ „Woher willst du denn wissen, dass er nicht nur Aushilfskellner ist!? Er studiert bestimmt gerade Jura, Architektur oder, oder,..sowas halt.. Das macht der doch nicht hauptberuflich, heutzutage macht das doch keiner mehr freiwillig.“ Ihr diskutiert noch ein wenig weiter, bestellt noch was zu trinken und haltet euch eine Weile auf. Als du zur Toilette gehst und zurück zum Tisch läufst siehst du wie der Kellner gerade abkassiert hat, dich nervt das. Dein Kumpel fragt noch nach einem Bewirtungsbeleg, du erkennst dem Kellner an, dass er gerade sehr genervt ist von ihm, und das kannst du ihm nichtmal verübeln, aber vielleicht ist er auch von dir genervt, von euch beiden. Du fragst dich ob man flirten verlernen kann. Kann man? Er holt den Bewirtungsbeleg und wünscht Euch noch einen schönen Abend!“ Das euch scheint er extra zu betonen. „Hast du einen Kuli? Gib mir mal bitte!“, dein Kumpel schaut dich fordernd an. „Häh? Wieso? Musst du das jetzt schon ausfüllen? Warum denn das?“ „Gib mir mal bitte einen Kuli!“ „Aber das musst du doch jetzt gar nicht ausfüllen, mach das doch später.“ „Bitte. Kuli!“ Du wühlst in deiner Tasche, in der alles mögliche ist, nur ein Kuli nicht. „Hab keinen!“ Er stöhnt. Na dann nicht und drückt dir den Beleg in die Hand. Nun bist du komplett verwirrt? „Häh? Wieso gibst du mir deinen Beleg? Den brauchst du doch.“ „Man, ich wollte deine Nummer drauf schreiben!“ Du schaust wie ein Auto. „Ähhh!? Nein!? Komm wir gehen.“

Während ihr lauft, schaust du immer wieder zurück zu dem Kellner, doch er bemerkt dich nicht. Du seufzt. „Der war schon süß.“  „Kopf hoch!“, sagt dein Kumpel und nimmt dich in den Arm. Du findest jemanden. Während du einen letzten Blick über deine Schulter wirfst, hoffst du dass du keinen bedürftigen Eindruck machst. Hoffentlich kommst du nicht verzweifelt rüber. Du bist es eigentlich auch nicht, du magst es, wie es im Moment ist, und doch fehlt dir die Zweisamkeit, Nähe, Liebe. Du hättest nie gedacht dass du das mal sagen würdest aber doch, du sehnst dich nach Nähe und Geborgenheit. Du setzt dir auf deine ToDo Liste im Kopf eine Notiz die besagt:

-Nochmal zu der Bar mit dem anziehenden Kellner gehen, er hatte einen süßen Arsch, das hast du gesehen, als er direkt vor dir stand, mit seinem Hintern zu dir, welch ein schöner Anblick. Geh dahin, aber nimm nicht deinen Kumpel mit. Schnapp dir am besten eine deiner Freundinnen und geh einen trinken und dann gib alles und flirte auf Teufel komm raus. Auch wenn du mehr männliche Freunde hast als weibliche, lass die Jungs mal Jungs sein, sonst wird das einfach nichts. Damn it. Warum hast du auch keine weiblichen Freundinnen!? (Oder nur drei an der Hand!?) 



©Netti

 

FremdSein 

Die Musik ist laut. Dröhnend. Blechern. Aus den Boxen knallt laute Musik. Helene Fischer ist wie immer „Atemlos“. Das Mädchen sitzt auf ihrem Platz, vor sich eine giftgrüne Bowle. Sie fischt die in Alkohol getränkten Früchte heraus und kaut sie genüsslich. Nebenbei unterhält sie sich mit einer Frau ihren Alters, um die dreißig. Ein tiefes Lachen entweicht dem Mädchen. Beide wechseln interessierte Blicke, beide sind vertieft in ein Gespräch, was Nähe zeugt.

Der Junge beobachtet sie aus großen Augen. So dunkel, wie die Nacht dort draußen, beinahe schwarz. Wäre da nicht dieser Glanz, könnte man meinen er wäre abwesend, völlig versunken in seinen Gedanken, lebend in seiner eigenen Welt. Doch er blickt das Mädchen an, kann den Blick nicht abwenden von ihr, er stiert beinahe. Seine Lippen umspielt ein leises Lächeln, der Kopf leicht schräg zur Seite geneigt, so als würde er das Gespräch der beiden belauschen. 

Das Mädchen spürt einen Blick auf sich, durchbohrend, röntgend. Sie fühlt sich beobachtet und kann es nicht deuten, ob sie das als angenehm empfindet oder eher nicht. Der Junge unterbricht nicht ein einziges Mal seine Beobachtung.  Das Mädchen rutscht unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Vorsichtig blickt sie in seine Richtung. Für eine Millisekunde treffen sich ihre Blicke, die Augen weiten sich, kaum sichtbar, die Pupillen werden größer. Der Junge fühlt sich ertappt. Das Mädchen ist peinlich berührt. Schüchtern unterbrechen beide den flüchtigen Blickkontakt und senken den Kopf. Das Mädchen führt ihre Unterhaltung fort, während der Junge auf die Tischdecke starrt und die Krümel hin und her schiebt. Er hat niemanden, mit dem er eine Unterhaltung führen kann. Der Platz neben ihm ist frei.

©Netti