Seelenfresser.

Du siehst ihn da stehen, von weiten schon, und dir ist bewusst, dass er es sein muss, der Mann von dem Profilfoto. „Hallo“, sagst du nur, und stellst dich ihm vor. Soeben sei er schon erschrocken, meint er, als eine Andere auf ihn zu kam, er dachte dass seist du, warst du aber nicht. Offenbar ist diese Person ein sehr direkter Mensch. Wie genau er das gemeint hat, erläutert er nicht, aber du liest auch nicht zwischen den Zeilen, weil es dir egal ist. Er wollte dich treffen, um dich kennenzulernen, weil er dich zumindestens optisch interessant genug findet, um dich vor seine Kamera zu bekommen. 

Ihr beschließt in ein Café zu gehen um etwas zu trinken. Du stellst dir vor dass ihr einfach nur locker ins Gespräch kommt, um zu bequatschen, wie euer Fotoshooting ablaufen wird, was er sich vorstellt und ob dies mit deinen Vorstellungen übereintrifft. Doch schon als ihr euch setzt und die Getränke bestellt, beide einen Kamillentee, merkst du dass ein Gespräch beginnt, was nachklingen wird. 

Die Unterhaltung geht nur schleppend voran, er erzählt ein wenig von sich und fragt dich aus, wie alt du bist und was du machst, und ob du allein lebst. Die Fragen findest du seltsam, trotzdem antwortest du. Er schaut dir in die Augen, und will wissen ob du so gar nichts über ihn wissen möchtest, und stellt fest dass er schon lange kein so komisches Gespräch mehr hatte, ein so ruhiges, verhaltenes. 

„Bin schüchtern.“, sagst du nur und zündest dir bereits die zweite Zigarette an. Er schüttelt mit dem Kopf, sagt: „Nein, aber verschlossen. Erzähl doch mal von dir, ich muss dich doch erstmal kennenlernen, bevor ich dich fotografieren kann. Ich fotografiere nicht einfach einen wildfremden Menschen, ohne auch nur ein bisschen was zu wissen. Erzähl doch mal was.“ 

Deine Finger schnippen hektisch an der Zigarette herum. „Was denn.. soll ich dir meinen Lebenslauf erzählen oder wie? Das kannst du knicken! Das mach ich nicht.“ „Ja.“, sagt er, doch du weißt dass er nur sagt, es aber nicht genauso meint. Seine Witze, die eigentlich keine sind, sind leicht durchschaubar.

Er erzählt noch ein bisschen was über sich, Sachen die dich eigentlich gar nicht so interessieren, denn du dachtest es geht hier nur um das Fotografieren und Model stehen und nicht darum was man macht, oder was nicht. Er kommt von Russland, erzählt er, und du sagst: „Schön.“, weil du es schön findest, aber mehr auch nicht. Du gibst nur die nötigsten Sachen über dich preis, denn alles Andere geht ihn auch gar nichts an. Warum solltest du einen Fremden bei einem ersten Gespräch so nah an dich ranlassen.. Überhaupt an dich ranlassen, wie geht das überhaupt. Du hast vergessen wie man ein funktionales Gespräch miteinander führt, ein Gespräch miteinander, anstatt gegeneinander, du hast vergessen dass ein Dialog eine Unterhaltung zwischen zwei Menschen ist, die sich austauschen, stattdessen lauschst du nur seinem Monolog, was dir gerade mehr als nur Recht ist. 

Er lächelt immer mal ganz seltsam, das entgeht dir nicht. Aber trotzdem ist es schnurzegal was er denkt, das interessiert dich nullkommanullirgendwas, und wieder, schon wieder schaut er dir direkt in die Augen und es gruselt dich, du bekommst sogar ein bisschen Gänsehaut, während du den Blick standhältst und deine Zigarette im Aschenbecher ausdrückst.

„Genießt du dein Leben?“, fragt er dich mitten in dein Gesicht, was dir soeben zu entgleisen scheint. Du kannst sie hören, deine sorgfältig auferlegte Maske, wie sie laut klirrend von deinem Gesicht bröckelt, und nun in einzelnen Fetzen von deinem bereits zerschundenen Gesicht hängt. Du wendest es ab, denn was fällt ihm ein, diesem Arschloch, dir verdammt nochmal so eine Frage zu stellen, eine Frage, die du dir selber nicht einmal zu stellen wagst, aus Angst dich damit befassen zu müssen. 

„Arschloch.“, sagst du ihm, und du meinst es auch so, während stumme Tränen der Erkenntnis über deine Wangen rinnen. 

„Scheiße, entschuldigung, habe ich dich jetzt zum Weinen gebracht? Das wollte ich nicht, ich habe offenbar einen Nerv getroffen. Das passiert mir manchmal. Wir müssen da gar nicht drüber reden, also.. wir reden einfach ein anderes Mal darüber.“ 

„Das kannst du vergessen. Ich rede überhaupt nicht darüber. Das geht dich überhaupt nichts an.“, spuckst du ihm ins Gesicht, und ärgerst dich über die Schroffheit in deiner eigenen Stimme. 

Wieder blickt er dich an, mit diesem Blick, den du jetzt schon kennen und fürchten gelernt hast. 

„Wenn du so bist, also die Tränen, wenn du so vor der Kamera….., das wäre grandios.“, das scheint er tatsächlich ernst zu meinen, keinerlei Regung zeigt sich in seinem Gesicht. Also das findest du jetzt echt scheiße, nutzt der hier gerade deinen Gefühlsausbruch aus? Versucht er dich gerade irgendwie hinzustellen?, fragst du dich, doch dir fällt nicht ein wie, wie er dich hinstellt, denn offenbar will er einfach dich. Und das sagt er auch. Er möchte dich mit der Kamera einfangen, deine Person, dein Wesen. 

In dir tobt ein Kampf, ein Streit zwischen Gut und Böse. Du möchtest aufstehen, und ihm sagen was für ein rücksichtsloser, unsensibler Trottel er ist, doch stattdessen bleibst du schweigend sitzen, das Kinn hochgereckt, während die letzten deiner Tränen über deine nassen Wangen verenden. Euer Blick hält stand. 

„Ich hoffe, ich darf dich trotzdem noch fotografieren. Sonst.. ich könnte mir das nicht verzeihen. Ich wäre enttäuscht. Von mir. Nein. Wütend über mich.“ 

Ihr haltet den Augenkontakt, aber du antwortest nicht. Lässt nur ein bedrücktes, kaum sichtbares Nicken zu. 

„Ich muss pinkeln.“, sagt er nun, gerade als du dachtest, dass du pinkeln musst. 

„Ich auch.“, meinst du und stehst Tasche greifend auf, um loszustürmen, zur Toilette, erstmal weg, von ihm, atmen, Luft holen. 

„Und warum gehst du jetzt zuerst?“, ruft er dir nach, was dich ein wenig zum Lächeln bringt, zeitgleich erstirbt es wieder, als dir seine Worte im Kopf nachhallen. >Genießt du dein Leben?< Vier lächerliche Worte, die dich so sehr zum Wanken bringen. Du schließt die Toilettentür hinter dir, greifst mit beiden Händen aufs Waschbecken und schaust deinem gehetzt wirkenden Gesicht entgegen. Sie wollen nicht rein in dein Kopf, diese Worte, diese Frage, die du einfachso unbeantwortet im Raum hast stehen lassen. Noch immer geschockt von dem Nachhall.

Während du die Treppen runter steigst, überlegst du wegzurennen, blickst dich nach einem Notausgangsschild um, eines wo ein weißes Männlein auf grünem Hintergrund zur Tür heraushetzt, eine Tür welche durch einen Pfeil in die richtige Richtung weist. Doch hier ist kein verdammtes Schild, stattdessen wackelst du auf deinen noch immer zittrigen Beinen zurück zur Tür, von wo aus du ihn schon an dem Tisch sitzen siehst. Als du ankommst steht er auf. 

„Bis gleich.“

 Noch immer stehend schreit alles in dir: >Renn weg! Lauf!<, doch dein Arsch setzt sich wieder auf dieses blöde Sitzkissen drauf, wahrscheinlich schon voller Angstfürze benetzt, von alterschwachen Damen und rotzigen Kindern oder Frauen, welche Fragen gestellt bekommen, die sie einfach nicht hören wollen.

Als er zurück kommt lauft ihr in die Richtung, in die du gehen musst, dann sagt er:

„So, hier trennen sich unsere Wege. Wir sehen uns! Wir schreiben uns!“, auch das Fragezeichen dahinter schwingt in seiner Aufforderung mit, die leise Angst dass das Shooting zerplatzen könnte, so wie die Seifenblase, bestehend aus farbigen Regenbögen, wenn zuviel Luftdruck ihr Sein ins Nichts auflöst. Er schließt dich in die Arme. Diese Nähe. Wie seltsam. So komisch. Irgendwen zu umarmen. Dass es sich auch ein bisschen schön anfühlt möchtest du nicht wahrnehmen, denn du möchtest diese Nähe nicht, sie ist dir einfach zu viel. Jetzt gerade. Und überhaupt. 

„mhhh.“, nuschelst du, nichtwissend was es ausdrücken soll, und drehst dich auf dem Absatz um. Seinen Satz den er zum Abschluss anfügt: „Du bist seltsam, aber interessant. Sieh es einfach als Kompliment.“, möchtest du am Liebsten überhört haben, weil zu laute Kinder, Hundegebell, Straßen-Auto-Bus-Motorrad-Lärm, oder weil die Tauben zu laut gurren (rugeldigurugeldigu-Blut ist im Schuh?) und seine Worte einfach so ungehört verschlingen. Ja, hier sind eine Menge Tauben und Kinder, und Fahrzeuge, aber alle haben in diesem Einen Moment beschlossen zu verstummen. Spitze, denkst du dir, während erneute Tränen über dein Gesicht rinnen und du schnellen Schrittes in Richtung Straßenbahn eilst.

Da ist eine Betteltante mit ihrem Pappbecher in der Hand, welche auf ein paar Groschen hofft, an ihr läufst du vorbei, ohne sie bewusst wahrzunehmen, auch wenn dein Blick gerade aus geheftet ist, ist er doch verschleiert und schaut ins Nichts. Bis zwei junge Männer, in ein Gespräch versunken, nebeneinander laufend, deine Aufmerksamkeit zurück auf den Moment des Hier und Jetztes lenken. Das Gespräch endet abrupt, und der rechte Mann mit den dunklen Haaren und dem dunklen Blick, offenbar sind seine Augen dunkelbraun, beinahe tiefschwarz, auch wenn du dich fragst, wie du dass auf die Entfernung hin feststellen kannst, schaut dich an. Nicht dich. Sondern dich. Er sieht dein Innerstes und obwohl du längst eine neue Maske übergestülpt hast, schaut er in deine Augen. Und er sieht da was. Panisch fragst du dich, ob das auf deiner Stirn geschrieben steht, alles das, was dich hat aufwühlen lassen, alles das, was dich bewegt. Es muss blinken, wie eine Reklametafel vor sich hinleuchten, während ihr aneinander vorüber lauft. Zeitgleich dreht ihr euch nacheinander um, eure Augen noch immer ineinander versunken. Du siehst nur ihn, nimmst sonst nichts wahr. Der Mann in deinem Blickfeld, euer Blickkontakt, der dem Laufen standhält, denn noch immer setzt ihr euren Weg fort, ohne zu sehen wo ihr hinlauft, du schaust über deine Schulter nach hinten, doch deine Schritte bewegen sich vorwärts. Plötzlich spürst du einen Aufprall, und erstarrst, dein Kopf schnellt nach vorn, vor dir ein Masten. Verwirrt bleibst du stehen um zu realisieren dass du nur beinahe kollidiert wärst, mit einem Masten, der da verdammt nochmal nicht hingehört. Peinlich berührt schaust du dich suchend um, doch die beiden Männer sind verschwunden, haben sich plötzlich aufgelöst, zwischen all den Menschen die durch die Straßen wuseln.

Im Kopf taucht dieses Bild auf, von dem Mann, der dir nachläuft, nachrennt – er rennt dir hinterher,- atemlos zieht er an deiner Hand und dreht dich zu sich um, während eure Blicke nicht mehr von einander ablassen können.

Dieses Bild, der Mann wie er dir hinterher rennt, bis zur Bahn, sein suchender Blick gleitet durch die 1000 bunten Menschen, doch er sieht dich einfach nicht. Er kann dich nicht sehen.

Dann kommt die Bahn, dieses Bild, wenn die Türen der Bahn schließen, und ein lautes, grilles Pfeifen ertönt, das Warnsignal, dass die Bahn nun anfährt, und du stehst dahinter, hinter dieser Tür. Die Hände des Mannes, und die deinen berühren sich an der Tür hinter Glas.

Schnell ist es wieder weg, das Bild, ohne dass du erinnerst woher es dir bekannt vor kommt. Ein Déjà vu? Oder nur ein Trugbild deiner Gedanken?

In der Bahn checkst du die Menschen, ohne sie wirklich wahrzunehmen, sie verschwimmen immer mehr zu einer kunterbunten, schwammigen Masse, welche zähe Bewegungen vollziehen, und doch fühlst du diese Enge die dich fast zum Ersticken bringt. Diese Nähe der zusammengequetschten Massen in der Bahn ist dir einfach zu viel. Jetzt gerade. Und überhaupt. „Genießt du dein Leben?“ Das Bild im Fenster aus Glas spiegelt deine Tränen wieder.


©Netti

 

Auf engstem Raum.

Der Auslöser ertönt. Ein Klicken. Und dann Stille. Der Moment ist greifbar. Spürbar. Laut. Nur der Mann hinter der Kamera. Und du, davor. Du posierst. Ohne es zu können. Dein Mund formt ein Mund was ein Lächeln erahnen ließe, wenn es eins wäre, doch du schaust nur, deine Augen blicken in die Augen hinter der Kamera. Die Kamera senkt sich und dich blickt ein Augenpaar an, welches ausdrucksstärker nicht sein könnte. Du vergisst das Posieren, vergisst was deine Rolle ist, hörst nur das Herz, spürst es schlagen. Schnell. Laut. Der Raum ist eng. Klein. Zwei Menschen, die nur knapp darin Platz finden. So eng, dass man sich zwangsläufig berühren muss. Du spürst ein Tosen, Wellen brechen herein. Hitze wie Kälte. Du spürst dass auch der Mensch hinter der Kamera ein Flattern verspürt. Er blickt auf die Zeit 21:00. „Job erledigt.“ Er nimmt seine Kamera und geht, lässt dich zurück.

©Netti

Deleted.

Beim Fotoshooting warst du mein Fotograf. Du warst albern, hinreißend und auf einer gewissen Art und Weise charmant. Deine Fotos authentisch und stilvoll. Auch wenn deine Witze so schlecht waren wie eine schwarze, schon längst vergammelte Banane im Verwesungsprozess, hast du mich zum Lachen gebracht. Mit deiner Art, die ich ab dem ersten Moment mochte. Das Shooting war vorüber und ich glaubte dich niemals wiederzusehen. Hättest du es nicht darauf belassen können?

Stattdessen suchtest du via Facebook den Kontakt zu mir. Inzwischen ist mein Profil aufgelöst, deleted, entfernt. Kontaktaufnahmen dieser Art ertrage ich kein zweites Mal. Du teiltest mir deine Handynummer mit, um mich ab da an immerzu mit Nachrichten zu bombardieren. Natürlich fand ich das gut. Ich wollte dich kennen lernen, hab ich mir doch seit dem Fotoshooting nichts sehnlicher gewünscht. Von Anfang an hast du mir falsche Signale gesandt, Signale, die auf Nähe hindeuten und Symphatie, Schicksal und einem Kennenlernen mit Option auf mal schauen was sich ergibt. Warum hast du mir nicht, gleich in deiner ersten Nachricht an mich, zu verstehen gegeben, dass es Freundschaft war, welche dich zu einer Kontaktaufnahme hat bewegen lassen!? Also ging ich zu unserem ersten privaten Treffen, natürlich in der falschen Annahme es sei ein aufregendes Date zwischen Mann und Frau. Ein Kennenlernen, Fragen stellend, Antworten abwartend, leichte Anziehung und ein gewisses Kribbeln beiderseits entstehend. Offenbar bestand dies nur einseitig und ich machte mir in dieser Hinsicht Hoffnungen. Kann man mir das ernsthaft verübeln? Ich erfuhr, dass etwas nicht stimmt mit dir, du irgendein dreidimensionales Päckchen mit dir herumträgst, ein Päckchen viel zu schwer, für dich kaum zu tragen. Meinst du wirklich dass Menschen deine Päckchen tragen können, wenn sie selbst dir schon zu schwer sind? Man kann dir diese Last nicht abnehmen, man kann dir nur die Schwere erleichtern. Das musst du doch verstehen. Versteh doch bitte, dass jeder seine Päckchen zu tragen hat. Noch erfuhr ich nicht warum dein Päckchen so unsagbar schwer zu tragen war, ich erfuhr nicht, was es mit all dem auf sich hatte. Doch spätestens da wäre der Moment gewesen, reinen Wein einzuschenken. Aber du schenktest mir nur Sekt ein, und redetest um den heißen Brei herum. Hoffnung die keimte und zu einer unbeschreiblichen Stärke heranwuchs. Hast du eigentlich eine Ahnung was du damit in den Menschen anrichten kannst? Der Fahrradunfall, an dem Abend unseres ersten Dates. Was war es denn für dich? Ein Zeitvertreib? Nur mal was schickes Essen gehen und Trinken? Du hast mich unbedingt nach Hause begleiten wollen, obwohl ich das nachdrücklich ablehnte, doch du konntest nicht hören. Wie du das geschafft hast weiß ich nicht, aber du hast mich dazu überredet mich auf die Fahrrad-Stange zu setzen. Es war beschissen da zu sitzen und die Balance zu halten, noch dazu mit ein paar Gläsern Sekt intus. Ich warnte dich, doch du hieltest nicht an, also passierte, was passieren musste. Mein Bein gelangte in die Speichen und wir flogen in hohem Bogen über den Lenker. Ich dachte „das war´s, Adios Amigos, Adieu du seltsames Leben, was mal das Meine war“. Doch nein. Du musstest ja den Lebensretter spielen und mit deinen Händen meinen Kopf auffangen. Wieso? Konntest du meinen verdammten Kopf nicht einfach auf den Asphalt knallen lassen? Manchmal dachte ich so, nach allem, was geschah. Doch insgeheim, in meinem tiefsten Inneren, bin ich dir unsagbar dankbar. Dankbar dafür, dass du meinen Kopf geschützt und nicht hast zerplatzen lassen, auf dem kalten, schmutzigen Asphalt. Ich schätze deine Größe, die du in dir trägst. Noch nie habe ich jemanden kennen gelernt, der das eigene Wohl hintenanstellt. Es ängstigt mich einerseits, anderseits rührt es mich. Wieder warst du es der Nachrichten schrieb und nicht aufhörte damit. An unserem zweiten Treffen warst du bei mir. Wir haben viel gelacht. Weißt du dass ich deinen Humor so unglaublich mag? Es war spät und wir schliefen ein, auf meiner Couch, du lagst direkt neben mir. Natürlich konnte ich nicht wirklich schlafen, die Aufregung in mir viel zu groß, das Herz welches so entsetzlich schnell schlug, dass es mir schon Angst machte. Du nahmst meine Hand. Nicht sehr lange, aber so lange, dass es kein Zufall gewesen sein konnte. Was hast du dir nur dabei gedacht? Du hast getan als sei nichts gewesen und auch ich schob meine blühende Fantasie und den innerlichen Wunschgedanken vor die Lücke. Irgendwann in den nächsten Tagen erfuhr ich durch einen dummen Zufall und Nachbohren meinerseits von deinen Päckchen, die nun auch mir gehörten, obwohl ich sie nie hatte annehmen wollen. Nicht so. So nicht. Du wolltest mich sehen, deine Zeit mit mir verbringen. Mir stellte sich die Frage wozu. Ich hatte einfach keine Antwort darauf. Du hast via Facebook Kontakt zu mir aufgenommen, weil du inbegriff warst, dir neue Freunde zu suchen. Hast du eine Ahnung, wie grob fahrlässig das von dir war? Ich kann das nicht verstehen, und auch wenn du ehrlich zu mir warst, wenn auch sehr spät, ist es unbegreiflich für mich, wie du das hattest tun können. Mir fehlt jegliches Verständnis um auch nur ansatzweise nachzuvollziehen, was du damit hattest bezwecken wollen, denn grundsätzlich bist du von Anfang an falsch an das Geschehen herangegangen. In meinen Augen hast du dich bewusst bei mir gemeldet, um mich zu verarschen. An unserem 3. Treffen hast du mich dann plötzlich geküsst, und wir kamen uns näher, bis du blocktest. Das hätte gereicht. Du hättest aufstehen können um zu gehen, doch stattdessen wolltest du mich am Boden sehen, gleich daneben mein blutendes Herz. Und ich sag´ dir was. Du hast es geschafft. Das blutende Herz zu deinen Füßen, hätte zerissener nicht sein können. „Verlieb dich nicht in mich!“ Weißt du eigentlich wie demütigend das war? Kannst du dir vorstellen, wie bitter dieser Moment im Abgang schmeckt? Ich frage dich, bist du zufrieden? Hast du nun was du wolltest? 

Dein Verhalten seit jeher, und immer wieder, das Widersprüchlichste, was ich jemals erfahren musste. Auf einmal wusstest du Freundschaft und Liebe (?), oder Anziehung nicht mehr zu differenzieren, plötzlich waren das was du sagtest nur noch hohle Phrasen, sinnloses Geschwätz, was du selber nicht einmal zu begreifen wusstest. Ich wusste mit dem Kuss und deinem Satz darauf, hattest du alles zerstört, was hätte sein können. Ich wusste, du bist einfach zu weit gegangen. Dennoch wollte ich dich irgendwie nicht verlieren, als Freund, zumindest das. Mir blieb nichts anderes übrig als die vermeintliche Freundschaft zu dir, anzunehemen und das Beste daraus zu machen. Es entwickelte sich auch ganz gut, wir sahen uns recht oft. Bis zu dem Verlust meines Vaters, die bisher schlimmste Zeit meines Lebens, doch du, du warst da für mich. Du warst einfach da. obwohl ich es nicht verlangte, nicht mal ansatzweise daran dachte. Ich lernte ein neues Gesicht, deiner viel zu vielen Persönlichkeiten kennen, und ich war mir sicher, den Mann zu sehen, in den ich so viel setzte. Deine Echtheit, die liebevolle, hilfsbereite und tröstende Seite in dir kam zum Vorschein und entfaltete sich vollends. Der Silvesterabend, und somit mein sowohl körperlicher als auch geistiger Zusammenbruch. Du warst da. Und du bist geblieben. Dafür danke ich dir von Herzen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viel mir das bedeutete, so etwas hat noch nie jemand für mich getan, nicht in diesem Ausmaß. Genau diesen Mann habe ich zu Beginn in dir gesehen, nicht das Arschloch was du immer und immer wieder raushängen lässt. Aus Selbstschutz? Warum? Meinst du echt ich will dir was böses? Was könnte ich dir böses wollen ohne mir damit ins eigene Fleisch zu schlitzen? Dieser Mann, diese Seite ist tief in dir verborgen, hinter Mauern und Gittern, Stacheldraht und Zäunen und genau dahin hast du ihn zurückbefördert, denn seit dem Silvesterabend habe ich dich nicht mehr zu Gesicht bekommen und nur noch selten Antworten auf Nachrichten erhalten. Deine Mitteilungen verändert, abweisend und distanziert. Dein Unfall, ich weiß, du hattest so viel um die Ohren, es ist nur verständlich, dass da für mich gedanklich kein Platz war. Doch das Einzigste was ich wollte, war dir das zurück zugeben, was du mir in der schlimmen Silvesternacht entgegen brachtest. Mitgefühl und das Gefühl einfach nicht allein zu sein. Sondern dass da jemand ist, der sagt „Hey, das wird schon wieder. Du schaffst das.“ Nicht nur leere Floskeln sondern bleibende Empfindungen und positive Rückenstärkung. Ich wollte für dich da sein, wie du es warst für mich, aber offenbar hast du dich von mir unter Druck gesetzt gefühlt. Das wollte ich nicht. Definitiv wollte ich das nicht. Es verletzt mich so sehr, dass der Kontakt SO enden musste, es verletzt mich, dass du nicht ehrlich zu mir sein konntest. Warum sagst du mir nicht einfach, wenn du dich bedrängt fühlst, warum sagst du nicht wenn du Abstand möchtest, warum sagst du nicht, wenn es dir nicht gut geht, wenn du den Kontakt komplett abbrechen möchtest? Du weißt, ich bin die Letzte, die kein Verständnis aufbringt, auch wenn ich in den ersten Momenten hin und wieder etwas impulsiv reagiere, aber genau das bin ich, ein emotionaler und sehr gefühlvoller, impulsiver Mensch. Genau das wusstest du, spätestens seit dem Kuss. Von einem Moment auf den nächsten bekomme ich keine Antwort. Ich höre nichts mehr von dir. Gar nichts mehr. Nichtwissend, wo der verdammte Fehler ist, im Bild, woran es liegt, was ich eventuell falsches geschrieben haben könnte. Schweigen ertrage ich nicht, was sich auf meine Kindheit zurückführen lässt. Aber ich bin mir sicher auch du würdest eine Stille nicht ertragen, die so laut schreit. Wir Menschen sind einfach nicht auf Stille geeicht. Wir Menschen kommunizieren. Miteinander und nicht gegeneinander. Also bitte, was hast du dir dabei gedacht!?

Findest du das fair, ja!?

 

 

Aus einer Stunde Textverfassung, bleibt 1 Zeile, 1 Satz und 5 Wörter. Eine Frage, welche Antwort abverlangt. Ein Satz, welcher all das auf den Punkt bringt, was du ihn am liebsten um die Ohren geschleudert hättest, aber irgendwie…, irgendwie bringst du es einfach nicht über dich. (Noch nicht.) Das wäre zu viel. Und er wäre direkt wieder überfordert. Männer brauchen einfach und direkt. Somit erhoffst du dir eine ehrliche Antwort. Ohne viel Palaver, sondern endlich mal etwas, womit du auch was anfangen kannst, etwas, das erklärt, und entschuldigt. Etwas, womit du gegebenenfalls abschließen kannst und verdrengen. Einfach nur Vergessen.

Du drückst auf Senden.

©Netti

Wie alles begann: Die Hoffnung stirbt zuletzt. 1/11

 

VorFreude

Lange hast du nichts mehr vergleichbares gespürt, was in dir die Freude vor etwas erweckt. Soeben schrieb dich 

Uwe

an um dir mitzuteilen, dass er dich gerne Shooten möchte. Yay! Du liebst Fotos, du liebst die Fotografie und seine Fotos sind Hammer. Ein Shooting welches dieses Mal keinen faden Nachgeschmack hinterlassen wird. Nun kannst du auf ihn scheißen-auf ihn, den Fotografen. Du brauchst ihn nicht, schon gar nicht für etwas, was er nicht einzuhalten weiß. Mal schauen, wann du dich treffen kannst, für ein HomeShooting mit Uwe. Wie aufregend. Da musst du dringend die Bude winern und das Treppenhaus im Schlimmsten Fall auch, denn der Hausmeister ist faul und macht nichts. Dieses Mietshaus ist der absolute Hass, du musst hier dringend raus. Aber vorerst- wird geshootet. Mal schauen auf welchen Termin ihr euch einigen könnt..Spannend!

©Netti

Die Hoffnung stirbt zuletzt. 1/11

Wo lernt man heute denn schon noch normale Menschen kennen, wenn nicht auf der Straße!? Normale Menschen.. gibt es das überhaupt!? Klarer Fall von Nein. Mit dem Alter kommen die Päckchen. Die Päckchen, die jeder Einzelne von uns sinnlos mit sich herum schleppt. Der Eine kann besser mit den Päckchen umgehen, als vielleicht der Andere. Und was ist heutzutage schon normal!? Wie definiert man denn das Normalsein?

Du lernst also einen Mann kennen, bei einem Fotoshooting. Er greift durch dein langes Haar, richtet es. Du beobachtest ihn genau. Wagst es dir nicht, zu atmen. Dein Herz, was pocht. Schnell. Laut. Kann er es hören!? Er beobachtet dich genau, während er durch die Kamera blickt und den Moment der Perfektion abpasst. Ein Klicken. Der Auslöser, welcher gedrückt wird. Von ihm, den Fotografen. Du fühlst dich mit ihm auf einer Ebene. Eine Ebene, die passt. Seit langem lachst du mal wieder von Herzen. Seit langem lachst du überhaupt mal wieder. Dieser Mann schafft es dich völlig frei bewegen und dich selbst sein zu lassen. Gedanklich bist du dir sicher, dass es nicht zu einer Kontaktaufnahme kommen wird. Denn er hat nur seinen Job getan. Er war nett zu dir. Weil er es sein musste. Wahrscheinlich nur deshalb. Kann man sich Symphatie einreden? Dann kommt es zu einer Kontaktaufnahme via Facebook. Damit hättest du nicht gerechnet. Bist überrascht. Freust dich. Dann wird direkt über Handy Kontakt aufgenommen. Bald schon trefft ihr euch zum ersten Mal wieder. Seitdem ihr euch begegnet seid. Das Date ist toll. Du fühlst dich wohl. Ihr könnt euch über alles unterhalten. Zusammen Lachen. Spaß haben. Dann lässt er blicken, dass etwas in ihm nicht so ist, wie es soll. Er ein Päckchen mit sich herum schleppt. Wahrscheinlich rießengroß. Du malst dir alles aus. Und nichts. „Finde es heraus, wenn du möchtest!“ Ja.

Er begleitet dich mit dem Rad nach Hause, weil er nicht möchte dass du alleine durch die Dunkelheit läufst. Du setzt dich auf die Stange obwohl du das noch nie getan hast. Gemeinsam fahrt ihr durch die Nacht. Die Kälte umgibt dein Gesicht, deinen Körper, so dass er zittert an dem Seinen. Du spürst seine Körperwärme an deinem Rücken. Du fühlst dich wohl, möchtest den Moment nicht enden lassen. Doch jeder Moment geht vorüber. Leider oftmals viel zu schnell. Gerade dass du ihn als solchen überhaupt erst wahrgenommen hast. An der Ecke nahe deines Wohnhauses passiert es. Dein Bein gerät in die Speichen des Rennrades. Es wird still um euch herum. Viel zu still. In Zeitlupe stürzt ihr über den Lenker. Was du in dem Moment denkst, weißt du nicht mehr. Irgendwie ist dir alles entfallen. Ihr knallt direkt auf die Straße. Du spürst wie er mit seinen Händen deinen Kopf umschließt, bevor er auf den Asphalt krachen kann. Sachte. Liebevoll. Reflexartig. Dann liegt ihr da. Mitten auf der Straße. Er halb auf dir drauf. Keiner wagt sich zu rühren. Zuerst findet er seine Bewegungsfreiheit wieder. Hektisch beugt er sich über dich. Seine Hände umgreifen deinen Kopf. Sanft streicht er dir deine wirren Haare aus dem Gesicht. Den Augen. Weg vom Mund. Du öffnest deine Augen. Er ist dir jetzt ganz nah, denn du spürst ganz leicht seinen Atem. Ihr blickt euch an. Noch immer wagst du es nicht, dich zu bewegen, wagst nicht irgendetwas zu sagen. Bist du im Himmel? Kurzzeitig weißt du nicht was passiert ist. Du spürst nichts mehr. Er redet auf dich ein, doch du antwortest nicht. Er wird panisch, möchte wissen, ob du okay bist. „Geht es dir gut!? Tut dir was weh? Sprich mit mir!“ Du sagst ihm dass du deinen Arm nicht spürst, gerade. Du rappelst dich auf, er zieht dich sachte nach oben. „Scheiße wie geht es DIR? Bist DU okay!?“, willst du nun aber von ihm wissen, jetzt wo du halbwegs realisierst. Deine Beine sind wie Gummi. Hastig fällt dein Blick auf sein Rennrad. Geschockt schlägst du die Hand vor dem Mund. „Oh Gott dein Rad! Es tut mir so Leid!“ Das Vorderrad besteht aus einer Acht. Spontan fällst du ihm in die Arme, weil du deiner Entschuldigung Ausdruck verleihen möchtest. Es dir Leid tut. Von Herzen! Noch immer befindet ihr euch halb auf der Straße. Die Autos rasen vorüber. Keiner schert sich um das, was soeben geschieht. Wieder fragt er dich ob du okay bist. Es dir gut geht. Eigentlich spürst du gar nichts. Dein Arm ist okay. Es war nur der Schock. Deine Hand blutet, doch das bemerkst du nur nebenbei. Lustig, wie ein rotes Rinnsal an deiner Hand hinabläuft. Eine Spur hinterlässt, und sich in dich einbrennt. Du hast ein schlechtes Gewissen. Denn du bist ja schuld. Weil du ein Trottel bist. Du hast sein Rad geschrottet. Mit Gewissensbissen bietest du ihm deine Couch an. Scheiße! Das war so nicht geplant! Bei dir angekommen bereitest du ihm die Couch vor. Du bist nervös. Was soll er nur von dir denken. Ihr setzt euch noch kurz in die Küche, redet über den Unfall. Wieder fällst du ihm in die Arme, entschuldigst dich bei ihm. Dann wünscht ihr euch eine Gute Nacht. Du machst dich bettfertig. Nochmals gehst du zu ihm. Er sieht dich ungeschminkt und du denkst dir Ach scheiße, nun ist dir alles egal. Du umarmst ihn, entschuldigst dich ein letztes Mal und wünschst ihm eine Gute Nacht.

In dieser Nacht tust du kein Auge zu. Er nur eine Wand neben dir. Du in deinem Bett. Allein. Am liebsten würdest du zu ihm gehen. Ihn in den Arm schließen und nicht mehr los lassen. Gedanken wirbeln durch deinen Kopf, und du fragst dich, was er vor dir verbirgt. Du fragst dich, was er von dir hält. Bist dir sicher, dass er sich nach dieser Nacht nicht mehr bei dir melden wird. Noch ahnst du nicht, dass das letzten Endes die bessere Variante gewesen wäre. Du ahnst nicht dass ihr euch wieder trefft. Du hast keine Ahnung was sich hinter seiner Person tatsächlich verbirgt.

Dass du dir wünschst er hätte niemals deinen Kopft aufgefangen, sondern ihn auf den Asphalt knallen lassen, in der Härte einer Gehirnerschütterung, sodass du vergisst, kommt dir noch nicht in den Sinn. Noch ist dein Wunsch ein Anderer. Vergebung. Und ein Funken Hoffnung. Wenn auch nur klitzeklein.

© Netti