Trotz allem was kommen wird.

Er ist mein persönlicher Teddybär. Er ist der, in den ich mich verliebt habe. Er ist der, der mir Mut gibt und Kraft. 

Ich bin aufgeregt und angetrunken und ich klingel und warte bis er durch die Freisprechanlage spricht, und der Summer ertönt. Wie immer fahre ich Fahrstuhl, denn auf Treppe habe ich keine Lust, dann bin ich wieder so rot wenn ich oben ankomme. Er wartet diesmal an der Tür, aber das sehe ich erst später, mein Kopf ist auf den Boden geneigt. „Kuhl, ist das Geld!?“, denke ich und sage es auch. Mein Blick fixiert ein gefaltetes Stück Papier auf dem Flurteppich. Dieser Flur besitzt tatsächlich einen roten Teppich. Ein Lacher aus meinem Mund und auch aus seinem. Der Teppichboden gibt dann doch keinen Lottogewinn her, sondern nur benutzte Fahrkarten. Zu dumm. Nun stehe ich ihm gegenüber und ich könnte schmelzen, zerschmelzen und sterben. Er fehlt mir so! Diese Augen. Dieser Blick. Er ist geknickt, wirkt sehr, sehr traurig. Ich gebe ihm das Shirt, sein Shirt und sage: „Hier, Dein Shirt.“ Er nimmt es und gibt mir mein Massageöl. Wir halten nun die Sachen in den Händen, die als Vorwand dienen, damit man sich bitte nochmal sieht. Er braucht das blöde Shirt nicht mehr. Auch ich brauche das Öl nicht mehr. „Magst du noch bleiben? Also… wenn du magst?“, er schaut hoffend und wartet auf meine Reaktion. Ich weiß es wie immer nicht. „Ich weiß es nicht. Ich wollt nur kurz..“ Doch eigentlich weiß ich es. Alles in mir schreit: JA, JA, JA! Ich möchte seine Nähe, sein Lachen, seinen Duft, ihn. Wir stehen uns hilflos gegenüber. >Sag was! Mach was!“<, denke ich und möchte ihn am Liebsten schlagen. Wo ist die Musik die so schnulzig Halleluja schreit, wo ist der Konfettiregen aus glitternen Herzchen, wo ist der Mann der einfach macht, ohne zu denken. Er nimmt mich in die Arme, hält mich ganz fest, beinahe bleibt mir die Luft weg zum Atmen, ich muss blinzeln, denn in meinen Augen sammeln sich Tränen. Mein Herz ist zugeschnürt so wie der Hals, ich spüre den Kloß und einen Schluchzer, den ich mühsam unterdrücke.

„Also ähm. Wenn du bisschen Sekt hast, bleib ich noch.“, jetzt lache ich doof.

„Natürlich.“, er freut sich sichtlich. Erleichtert läuft er los den Sekt holen.

Wir trinken nur ein Piccolöchen, den teilen wir uns und wir stoßen an auf was auch immer, und ich trinke, sitze ihm gegenüber und schwitze und friere, alles zusammen, es könnten noch zwei weitere Menschen zwischen uns sitzen, oder drei, so groß ist der Abstand zwischen ihm und mir, obwohl ich mir nichts sehnlicher wünsche als ihn ein letztes Mal zu berühren. 

Wir führen Smalltalk und er berichtet kurz von seinen Vorbereitungen. Er fragt wie es mir geht, aber ich wiegele ab, er soll gechillt nach Amerika fliegen, es ist mein Problem, soll nicht zu seinem werden. 

Er streichelt mich, sucht meine Nähe, streichelt mein Gesicht, schaut mir tief in meine Seele: „Wie geht es dir? Bitte sag es mir.“ Er umarmt mich, als er sieht dass ich meine Tränen nicht mehr halten kann, ich schluchze und weine Tränen. So viele davon. Auch in seinen Augen glitzert es. Er nimmt mich in den Arm und wir halten uns fest. So fest, so fest. Am Liebsten möchte ich ihn nie wieder los lassen, aber ich muss. Ich lasse ihn los und bitte ihn mir zu folgen, ich möchte ihm gern was sagen. Ich bin krank geschrieben, schon eine Weile. Und er sollte erfahren was mit mir los ist. Dass ich kein gebrochenes Bein habe, das kann er ja sehen.

Wir sitzen auf dem Balkon und schauen in den Sternenhimmel, während ich Tränen und Schmerz in den Himmel puste. Dann beginne ich zu erzählen. Er nimmt mich in den Arm, hört mir zu und macht mir Mut. Er hat vollstes Verständnis und er ist das was ich mir schon immer gewünscht habe, ein Mann der mir zuhört, ein Mann der mich begehrt, ein Mann der meine Schwächen sieht und damit umgehen kann. Ein Mann der fühlt und es auch zeigen kann. Ich berichte ihm den Großteil der mich bewegt, und ich erzähle ihm mein Vorhaben. Meine Entscheidung die ich treffen musste. Für mich. Ich treffe auf sein vollstes Verständnis. „Das schaffst du. Du bist doch so stark!!“

Wir schauen den stummen TV-Bildschirm an und hören nebenbei Musik. Er sucht meine Nähe, doch ich kann mich ihm nicht öffnen, bin krampfig und verletzbar. Er streichelt meinen Rücken, meine Hände, küsst meinen Nacken und streichelt mein Gesicht, wischt die Tropfen weg, die heiß zu Boden perlen. Er schaut mir in die Augen, fragt: „Darf ich dich küssen, bitte?“ Wir küssen uns zwischen den Tränen, die meinen Mund benetzen und wir schmecken eine salzige Mischung aus Hoffnung und Glaube. Ich glaube, jetzt gerade glaube ich, dass das nur echt sein kann, und bleiben wird, egal wie alles ausgeht. Er fragt ob er mich massieren darf, er möchte mir so gern etwas Gutes tun. Nach meiner Zustimmung holt er das Massageöl und ich ziehe mir das Oberteil über den Kopf. Seine langen Finger streichen über meinen kleinen Rücken. Er streichelt mich, und verteilt das warm duftende Öl auf meinem Rücken. Seine Hände kneten kräftige Massagebewegungen und lassen mich für einen Bruchteil vergessen. Sorgen, Anspannungen Ängste, ich kann mich locker machen. Kurz abschalten. Er küsst mich und verteilt am ganzen Körper einen kleinen Wärmehauch. Er küsst meine Wange, meinen Hals, mich. Ich richte mich auf, küsse ihn gierig und heiß, während mich inniges Verlangen durchströmt. Ich setze mich auf ihn und er hebt mich an und hoch, trägt mich küssend ins Schlafzimmer und setzt mich sorgsam ab: „Bitte versuch zu entspannen.“ Er macht mich soso glücklich.

Noch als ich ihn leicht stöhnend auf mir spüre, und er mich überall mit Küssen bedeckt, weil auch ich ihn soso glücklich mache, fange ich an mit Beben, denn ein Schluchzer den ich nun nicht länger unterdrücken kann, verlässt meinen Mund. Ich zittere und schluchze und weine und entschuldige mich dafür. Ich weine während er auf mir liegt und er streichelt mein Gesicht, küsst mich auf den Mund, auf die Wange und auf den Kopf immer und immer wieder, so lange bis die Tränen verebben. Er umarmt mich lange während wir uns schweigend in den Armen liegen, damit mein Herz und mein Puls sich wieder beruhigen kann.

Er zwingt mich zum Essen und ich sehe seine lauten Gedanken die aber nicht sprechen zu mir, sondern schweigen. Sein Blick geht ins Leere. „Was denkst du jetzt von mir?“, möchte ich am Liebsten fragen, „Hältst du mich für bekloppt?“

Ich ziehe mich an und mache mich bereit für den Abschied, einen Abschied für immer? Wir stehen uns gegenüber, nur halb lächelnd und ich frage: „Meldest du dich wenn du wieder zurück in Deutschland bist?“ Er schaut mich an, verwirrt, geschockt, traurig. „Natürlich melde ich mich!“, er schweigt kurz, fügt an: „Ich melde mich auch schon früher, wenn du magst, wenn das okay für dich ist!?“

„Ich weiß nicht.“, sage ich, weil ich es einfach nicht weiß. „Ich meld mich morgen!“, sagt er und ich nicke und möchte gern daran glauben.

„Du schaffst das. WIR schaffen das.“, korrigiert er und betont das wir. Dann küsst er mich auf den Mund.

Das verstehe ich nicht. Aber ich habe auch keine Kraft mehr um zu  fragen und zu verstehen. Ich habe überhaupt gar keine Kraft mehr. Ich bin ausgebrannt und kann zum ersten Mal Menschen nachempfinden, die es auch sind, ich kann fühlen dass das Fühlen zur Qual wird und das Denken einen Punkt erreicht an dem es kein Vor gibt, und kein Zurück.

Es liegt jetzt an mir Stärke zu beweisen. Und zu kämpfen. Auch wenn es harte Arbeit wird. Verdammt hart.

©Thomas Woischnig/Bild

Mein herzlicher Dank geht an Thomas Woischnig, für die Nutzungserlaubnis seiner Fotografie.

©Netti/Text  

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HerzSchweigen 2/2

Das Mädchen fror nach wie vor, es war ihr so kalt ums Herz, dass auch ihre Tränen an der eisigen Luft zu frieren begannen, und es entstanden gefrorene Rinnsale aus eisigem Salzwasser. Sie sehnte sich so sehr nach Wärme und Glück, dass sie fast schon nicht mehr wusste wie sie noch weiter machen sollte, mit dem Glauben in dieser Welt, die für sie nur aus Kälte bestand.

Sie fragte sich, wie das all die Anderen machten, das Lieben und Verlieben und Zusammenwachsen, kannten die denn alle gar keine Ängste!? Gab es denn bei denen so etwas gar nicht? 

Existierte das etwa nur in ihrer Welt!? Das Einzigste was bei ihr zusammenwuchs waren all die teilzersplitterten Ängste, die sich mit der Zeit die verstrich, immer mehr zu manifestieren schienen. Wie gern würde sie darauf scheißen auf all diese hirnrissigen Ängste. Aber das war nicht so leicht, denn ihre Gedanken mischten mit. 

So gab es nicht nur das Herz mit dem Bauchgefühl, sondern auch die Gedanken, die wie scharfe Pfeile um sich schossen. Sie verfehlten das Herz, denn das war ja zerschrumpelt, eine  ekelhafte Rosine, alt und verbraucht. 

>>Hör‘ auf dein Herz!<<

Sagten die Leute, als das Mädchen wieder einmal nach der Liebe fragte.

>>Dein Bauchgefühl wird dir sagen was richtig ist, was falsch.<<

Wieder konnte sie all das Geschwätz nicht begreifen. Ihr Herz verdorrt vor Kälte. Alles Narren. Dumme Menschen, vor Liebe erblindet.

Und das Bauchgefühl!? Was sollte das sein, wo doch das Herz nicht im Bauche lag, wohl aber unter ihrer Brust schlug, schlagen sollte, denn die Frequenzen des Herzens nahm sie nun kaum mehr wahr. 

Das Mädchen verzweifelte beinahe und zerbrach sich den Kopf, obwohl ihr Verstand sich dagegen zu wehren versuchte. Niemand dachte so blödsinnige Sachen wie sie.

Also setzte sie sich in die Bahn und fuhr einfach los, egal wohin, sie hielt es einfach nicht mehr aus in ihrem Kopf, das Mädchen flüchtete vor ihren Gedanken. Vor der Kälte aus ihrem Herzen.

Ein Schrei ließ sie aufschrecken, sie musste eingeschlafen sein, die Bahn fuhr nicht mehr, komisch sie stand an einem Waldrand. Es dämmerte bereits. 

Das Mädchen hob ihren Kopf und schaute nach rechts. Sie blickte in den Lauf einer Waffe. Das wäre die Stelle an der ihr Herz hätte aufhören müssen zu schlagen, man sagte dann >>ihr rutschte das Herz in die Hose<<, aber bei ihr rutschte gar nichts, sie spürte es nicht einmal mehr schlagen. Vielleicht war sie bereits tot.

Als sie den Knall hörte und Blut floss erschrak sie zwar, aber sie wusste einfach nicht wessen Blut das war, und was das hier alles gerade sollte, während ihr Körper einfach in sich zusammensackte.

©Netti

HerzSchrumpeln 1/2

Es war einmal ein Mädchen. Sie glaubte an die Liebe, auch wenn sie keine Ahnung hatte wie man diese definiert, kannte sie doch nur die Schreie und das Schweigen der Eltern, was folgte, nach einem Streit. Sie fragte sich wieso. So oft wusste sie nicht wie so etwas die große Liebe sein konnte. Dieses Wort verstand sie nicht, egal wie oft sie ihre Blicke im Duden unter dem L umherschweifen ließ. Sie fragte, egal wen sie traf, sie fragte nach der Liebe. Was das ist die Liebe. Und wie man sie bemerkt. Durch Schweigen etwa!? Sie mochte die Liebe nicht, wenn sie keine Antworten geben konnte. Sie fand die Liebe scheiße. Das Mädchen sehnte sich nach Sicherheit und ein bisschen heile Welt. Also schuf sie sich eine Bude aus Wörtern und Schriften, und so erzählte sie sich in eine eigene Welt. Voller Hoffnung und Zuversicht.

Sie ward größer und reifer und noch immer war ihr die Liebe fremd. Sie tauschte den Duden gegen Google und Wikipedia, sie las und las, aber begreifen konnte sie nicht.

Das Mädchen traf sich mit jungen Männern und schenkte denen ihr Herz, verschenkte es ohne es ordentlich zu verpacken. Kein Geschenkpapier. Kein Schleifenband. Sie hielt das rohe, schlagende und pulsierende Herz in den Händen. Die Männer erschraken und nahmen reißaus. Natürlich verstand sie nicht. Sie schenkte ihr Herz. Das ist es doch, die Liebe, das nennt sich doch verliebt, dem war sie sich sicher.

Immer wieder verschenkte sie ihr rohes Herz und wunderte sich über die Kälte die sie empfing. Sie kam einfach nicht dahinter. Die Kälte ließ sie frösteln und zittern, so derbe bis ihr der ziehende Schmerz die Tränen in die Augen trieb. Also musste sie etwas ändern, um nicht zu erfrieren und ihr kam eine Idee.

Sie klebte ein wenig Fell direkt um ihr kleines Herz, das sollte sie vor der Kälte schützen, so dachte sie. Doch mit der Zeit wurde das Fell immer dünner und die Kälte berührte es erneut. Zitternd schlugen ihre Zähne aufeinander und sie verlor an Gewicht.

Ihre hagere Gestalt schwebte durch die Zeit und traf nicht auf die Liebe sondern auf die Angst. Ihr Herz zerschrumpelte zu einer Rosine, denn wie sollte es sich nähren, wo doch in Kälte nichts gedeihen konnte!?

©Netti

>>I wish I could be your Princess.<<

Es bricht mir fast das Herz, zu wissen dass unsere Zeit begrenzt ist. Ein verdammtes Jahr! 

Drei Monate die verbleiben. Ich werde sie nutzen, nicht an den Abschied denken, keine Tränen vergießen, ihm ein schönes Gefühl vermitteln, keine Traurigkeit, sodass er fahren kann ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, ohne Schuldgefühle. 

Er bedeutet mir so viel. Schon jetzt. Er ist so authentisch, liebevoll, gefühlvoll. Er ist das, was ich mir an meiner Seite wünsche.

Damals, während meiner Ausbildung, lernte ich in dem Betrieb in dem ich arbeitete einen Mann kennen mit dem ich mich sehr gut verstand. Zwischen ihm und mir existierte eine Art Band, er war lieb, ehrlich und gab mir Hoffnung mit auf den Weg. Er war Gast im Haus und Amerikaner, mit noch fünf weiteren Kollegen blieb er 4 Wochen in dem Hotel in dem ich arbeitete. Damals war ich 20 Jahre alt. Er war 34, hatte daheim eine Frau und drei Kinder. Nach meiner Spätschicht setzten wir uns meist hinter die Bar, ich schloss alles ab und dann redeten wir die halbe Nacht bis in den Morgen hinein, tranken Bier und Sekt. Wir erzählten viel. Eines Abends sagte er:

>>You deserve a man who treats you like a princess.<<

Diesen Satz und den Ausdruck im Gesicht werde ich nie vergessen.

Als seine Rückreise herangerückt war standen wir am Auto, seine Kollegen saßen schon im Wagen und warteten auf ihn. Zum Abschied versuchte er mich zu küssen, doch ich blockte ab und war gleichzeitig traurig.

Als er fuhr weinte ich eine einzelne Träne.

Und nun fast 10 Jahre später lerne ich ihn kennen, diesen Prinzen. Und er galoppiert auf seinem beschissenen Gaul für ein Jahr genau dahin wo der Mann aus meiner Ausbildung, der diesen Satz sagte herstammt. Nach Amerika. Soll mir das jetzt irgendetwas sagen? 

Damals berichtete ich Mama vom Kennenlernen des Amerikaners. Als ich sie nun anrufe um ihr mein Herz auszuschütten, erinnert sie den Satz, ruft ihn mir ins Gedächtnis zurück.

„Der Amerikaner damals, den du mal kennenlerntest. Was hat der noch gesagt zu dir!?“

Ich sage ihr den Satz den ich nie vergessen werde. Und doch muss ich kurz über seinen genauen Wortlaut grübeln, es ist lang her..

„Das ist ein Zeichen! Das ist was gutes. Ihr schafft das, da bin ich mir sicher!“ 

©Netti

Laut. Leise. Aus.

Es gibt laute Freunde und es gibt leise Freunde. 

Die lauten Freunde, die machen Krawall und schreiben oder telefonieren oft, auch du meldest dich oft, zumindest versuchst du das. Dann hast du die Krachmacher ein bisschen besser im Griff, und ihr könnt gemeinsam Krach machen. Laute Musik hören. Your my Heart your my Soul. Mit Konfetti schmeißen und ordentlich auf die Trommel eindreschen, so lange bis beinahe das Trommelfell platzt. Daher kommt also der Name, klingt logisch, irgendwie. Die Lauten sind auch immer da. Mit denen hat man Spaß. Manchmal auch beim Gammeln. Du schätzt sie sehr.

Die Leisen melden sich manchmal wochenlang nicht, gar nicht, monatelang hörst du nichts von ihnen. Aber auch sie hören nichts von dir, es wäre jedes geschriebene Wort zu viel und jedes gesprochene Wort nur Zwang, und doch weißt du dass sie immer da sind, denn Verlass ist immer. Irgendwann hört ihr euch ja wieder. Manchmal früher, manchmal später. Du schätzt sie sehr. 

Dann gab es auch noch die Stillen. Die haben weder geschrieben noch gesprochen, und auch gesehen hast du sie nie. Aber trotzdem waren sie irgendwie da. Im Speicher des Handys. Im Speicher des Hirns. Unvergessen. Noch immer präsent, im stillen Kämmerlein der Gedanken und Erinnerungen, schön waren sie, diese Momente. Anfangs lärmend, Treffen, Nachrichten, ein reger Austausch, dann geräuschlos, keine Treffen, keine Nachrichten, Stille, ein geräuschloses Vergessen was man einfach so hinnimmt, hinnehmen muss, keine Entschuldigungen, kein Alles Liebe für dich. Vielleicht war man auch selber nicht ganz unschuldig daran, hat man doch zu sehr am Lautstärkeregler gedreht, statt lauter leiser gestellt, immer wieder laut, leise, laut, leise, bis gar kein Ton mehr kam, kaputtgespielt. Ein kaputtes Gerät ist zu nichts mehr zu gebrauchen. 

Das ist wie mit der Liebe, die ist auch zu nichts zu gebrauchen, wenn sie erstmal kaputt ist, auch wenn man etwas reparieren kann, ist doch das Wissen da, dass es einst kaputt war, und im nächsten Augenblick bereits wieder kaputt gehen kann. 

Das ist wie mit dem Vertrauen. 

Das ist wie mit der Hoffnung. 

Das ist wie mit dem Glauben. Kaputt ist kaputt. 

Das ist wie mit… 

dem Verlangen? Kaputt ist kaputt ist kaputt ist kaputt? Merken.
Merken kannst du dir das nicht.

©Netti

Staubsauger an. Kopf aus.

Endlich schaffst du es mal wieder, deine Wohnung zu reinigen, dein Herz und deinen Kopf mit den Gedanken. Du fängst an mit dem Staubsauger durch die Wohnung zu wuseln, du saugst dich durch alle Räume durch und bist in der Wohnstube bei dem Teppich angelangt. Du saugst und saugst. Formst mit deinen Lippen und den Gedanken das Wort OH“ und du wunderst dich, wie über dem Teppich ein zweiter Teppich bestehen kann. Denn über dem Teppich hat sich ein Teppich gelegt aus so vielen Haaren und Schmerz, Tränen und Wut. Du schaust mit großen Augen und wunderst dich, wo all der Schmerz herkommt, und die Wut. Der Sauger tönt vor sich hin. Doch mit einem letztmaligen Kkkkrrrrrrrrrrr werden all die Altlasten einfach weggesaugt. Aus dem Teppich, dem Kopf, dem Herz, deinem Bauch. Du fühlst dich jetzt echt irgendwie besser.

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Eine Nachricht trifft ein, über WhatsApp und du wunderst dich über den Absender, der den Namen des Fotografen trägt. Gleich bist du wieder aufgeregt und dein Herz das schlägt ein paar Oktaven höher als sonst. Höher als es eigentlich die Norm ist. In der Nachricht fragt er dich, ob du Lust hast, mit ihm mal wieder was trinken zu gehen. Du grübelst und schreibst erstmal nicht zurück, denn du musst erst noch darüber nachdenken. Ob du willst. Ob du Lust hast. Ob du gewillt bist, in seine Augen zu blicken, die nur Schwärze mit sich herumtragen, auf den Mund zu schauen, in das Gesicht das lacht, obwohl es die Augen sind, die einfach nicht lachen, zu dir, mit dir. Du fragst dich, ob du all das wirklich willst. Du stimmst einem Treffen zu, für Sonntag. Am Samstag Abend  jedoch hast du plötzlich keine Lust mehr, fühlst dich komisch, wenn du daran denkst ihn zu sehen, wenn du daran denkst ihm gegenüberzusitzen, mit der Hoffnung, die du noch immer irgendwie in dir trägst, in deinem Herzen aus Stein. Also schickst du ihm eine Mitteilung, dass du das zeitlich doch nicht hinbekommst, wie ärgerlich, und fragst ob sich das nicht verschieben lässt, auf kommende Woche, kommenden Sonntag. Er meint es sei kein Problem, das ließe sich sicher einrichten. Was Anderes schreibt ihr nicht. Was Anderes habt ihr euch nicht zu sagen. Nur per Nachricht nicht? Du kannst dir gerade nicht vorstellen, ob ihr euch was zu sagen habt wenn ihr euch gegenübersitzt, ob ihr euch dann überhaupt noch was zu sagen habt. Du kannst dir gerade einfach nicht denken, was das ist, was ihr noch mit einander reden könnt. Gibt es noch etwas zu reden? Interessiert dich noch was er redet, wenn er doch eh die Stadt verlässt?

Heute ist Dienstag, es sind noch 5 Tage bis Sonntag und noch immer weißt du nicht was richtig ist, was falsch, schon wieder nicht. Du bist angelangt bei eben diesen Gedanken, die du alle schon einmal hattest, nur dass du dich nicht auffressen lässt, von ihnen. Dieses Mal nicht. Du wägst nur ab, was das Beste ist für dich. Eine Freundschaft zwischen ihm und dir ist es bisher jedenfalls nicht, denn ihr wolltet ja Abstand zu allem, doch das mit dem Treffen, das war ja grundsätzlich deine Idee, fällt dir nun wieder ein, also hab dich nicht so und Chill mal. Sag ihm einfach, dass das alles ganz schrecklich doof gelaufen ist, und wünsch ihm alles Gute, wenn ihr euch trefft. Ähm. Aber irgendwie hast du da so ein Gefühl, dass er dann einfach wegbleiben wird, nicht mehr zurückkommt, hierher, und zu dir, wenn er erst die Stadt verlassen hat. Zurück kommt um dir eine Chance zu geben und auch ihm, auf eine Freundschaft oder etwas darüber hinaus, mit Zukunft und Herz. Du glaubst einfach dass das ein Treffen mit Abschied wird, ohne Rückkehr, und du willst ihn irgendwie einfach nochmal sehen. 

Und vielleicht, vielleicht, wird er dich nur noch ein einziges Mal küssen, er dich, denn du, du wirst dich das nicht trauen, da müsstest du mehr als nur drei Gläser Sekt hinterkippen. Vielleicht darfst du ihn nur noch ein einziges Mal schmecken, den Kuss, der nach etwas schmeckt, was hätte sein können. Vielleicht darfst du ihn nur noch ein einziges Mal berühren, seine Wange wie sie sich anfühlt, wenn deine Finger hoffend sein Gesicht erfühlen. Vielleicht wird das ein Moment sein, wenn auch der Letzte, den er in guter Erinnerung behält, denn küssen, das kannst du ja. Vielleicht bist es diesmal du, die ihm in seiner Erinnerung erhalten bleibt.  

Du wirst dieses Treffen wahrnehmen.

© Netti

Kommunikationsfehlinterpretationen! 7/11

  • Manchmal sollte man vielleicht einfach besser mal n.i.c.h.t.s tun und Abwarten. In der heutigen Zeit jedoch kaum möglich. Mit Handy und WhatsApp ist man sozusagen ununterbrochen erreichbar.

  • Manchmal wäre es einfach erstrebenswert, es nicht auf irgendwas anzulegen. Es wäre gut, wenn man nicht immer alles kaputtschreibt, denn das Geschreibe bleibt mit dem neumodischen Technik-Gerät nun mal nicht aus. Heute lernt man sich mehr über die Handykommunikation kennen, als über Normal-Verbal-Austausch.

  • Manchmal wäre weniger vielleicht mehr.

  • Manchmal ist ein Anruf anstatt eine SMS viel angebrachter.

  • Manchmal sind ein paar schöne, handgeschriebene Zeilen sehr viel ausdrucksstärker als das Wort, was dir fehlt, weil es in dem Moment, indem du es am liebsten gesagt hättest, weil es dir ausgerechnet dann, irgendwie entfallen ist.

  • Und manchmal sind Briefe einfach persönlicher, als Technik. Denn in Briefen steckt Leidenschaft und Fantasie, Kreativität und Liebe, was man in einer Sms niemals übermitteln könnte.

  • Und manchmal ist man einfach nur selten dämlich.

Du schreibst ihm, per WhatsApp dass du gut zu Hause angekommen bist, denn so wurde es dir befohlen. Früher gab es noch Nachrichten. Sms. Heute sind es Chatverläufe via WhatsApp. Er antwortet dir rasch, dass er für die Strecke mit dem Radl gerade mal 15 Minuten gebraucht hat. Und er betont, dass er den Abend sehr witzig fand. Dir braucht nix peinlich zu sein, denn er ist nahezu locker mit allem. Beim Treffen sagte er dir unter Alkoholeinfluss, er hält dich für stark. Per Nachricht greiftst du das noch einmal auf…. Denn stark, nein, du gibst selten gleich Dinge von dir preis. Dir und deinem Leben. Es braucht seine Zeit. Egal in welcher Hinsicht. Auch was das Frage-Antwort-Spielchen angeht. Trotzdem hast du den Abend genossen. Sehr sogar. Seine Antwort ist gut. Er hält dich für stark und für schwach, denn jeder Mensch hat das. Und geöffnet hast du dich ja. Fand er super. Noch immer findet er das. „Sexy Alte!“ Wie ist dem denn? Du bist verwirrt und tippst ihm, dass du das nicht checkst. Ihr schreibt sinnlose Sachen hin und her. Nichts Halbes, nichts Ganzes. Aber ihr blödelt und er wird sexistisch dabei. Ihr diskutiert, vielmehr tauscht euch aus, stellt Fragen und beantwortet sie euch gegenseitig. Eure Hirne sind benebelt vom Alkohol, der Dunst breitet sich im ganzen Körper aus, Hemmungen fallen nieder zu Boden und lassen euch Dinge schreiben, die ihr vielleicht hinterher bereuen könntet. Du nicht. Nicht du. Aber irgendwann findest du das alles gar nicht mehr lustig, weil du nicht weißt was das soll. Das Geschreibe über körperliche Nähe, Brüste und dergleichen, wenn er doch nur eine Freundschaft anstrebt. Wieder fragst du dich was zur Hölle er mit all dem nur bezwecken möchte. Dir ist bewusst, dass Männer mit Schwänzen denken, sobald man das Wort Brust in ein Satzgebilde einfügt. Dir ist das alles bewusst. Aber doch bitte nicht, wenn du so ehrlich warst und ihm erst die Nacht mitgeteilt hast, dass du keine bist, die sich auf jemanden einlässt, wenn da nichts hinter steckt. Im Sinne von dem Ansatz eines Gefühls. Also teilst du ihm das nochmals schriftlich mit. Damit er nachlesen kann, wenn er´s beim ersten Mal nicht kapiert hat. Dass du kein Betthäschen bist. Du deswegen nicht über so sexistische Sachen lachen und darauf eingehen kannst. Du wurdest schon zu sehr verletzt. Das reicht dir. Dass du ihn magst sollte er wissen, sonst würdest du dir all das Kennenlernen ersparen. Seine Antwort darauf hast du schriftlich. Quasi schwarz auf weiß. Nämlich, dass er genau aus diesem Grund derzeit auch nicht mehr tun wird, um mit dir mal hier und da die Kiste zu teilen. So ein Arschloch ist er nicht. Nein, nein. Zumal er eben erst sagte, dass er zu Ihr zurückgehen würde. Klar hat er Lust mit dir zu schlafen. Denn du bist schon verdammt heiß. Und dich weiter zu treffen und kennen zu lernen. Nur würde er dir in der Situation weh tun. Und das weiß er. Und das will er aber nicht. So ist er nicht. So nicht.

Dennoch geht die geführte „Unterhaltung“ seinerseits wieder in die sexistische Richtung, nur dass er es „Liebe machen“ nennt. Du fühlst dich verkackeiert und sagst ihm das auch. Er schiebt den Alkohol vor die Lücke. Also schreibst du einfach blöde mit. Ist ja auch egal, jetzt. Du hast sowieso nichts mehr zu verlieren. Das Herz, das zerbricht sowieso schon. Immer wieder. Es lösen sich Teile deines Herzens. Scharfkantige Splitter, welche klirrend auf dem Boden aufschlagen und in einer Millionen Stückchen zerbersten. In jedem Einzelnen spiegelt sich dein Gesicht wider, und du erkennst was du nicht sehen möchtest. Tränen. Welche sich in heißen Tropfen über dein Gesicht schleichen.

Trotzdem. Das fast noch einzigste, letzte Teilstück deines Herzens, was noch halbwegs funktionstüchtig ist, noch empfinden kann, fühlen, und hoffen, das vermutet da noch was. Das glaubt noch ein bisschen. Ein bisschen an das Gute im Menschen. In ihm, dem Fotografen. Der Glaube, der dir sagt, dass aus dem Alkohol in der Regel die Wahrheit spricht. Das nächste Treffen steht.

© Netti