Brief der Erinnerung

Lieber Fotograf,

Plötzlich weiß ich wieder wie sie klingen, deine Worte in meinem Ohr. Mit einem Schlag ist sie mir wieder so present, deine Stimme die so melodiös und tief in mein Innerstes dringt. Der tiefe, erotische Klang der mich kitzelt in meinem Herzen und nicht nur da, mein Körper spannt sich an, wenn ich daran denke wie du mich berührst, mit deinen Worten, jede einzelne Haare meines Körpers stellt sich auf. Dein Lachen welches deinen Mund verlässt, so herzlich, so echt. So echt, wie du neben mir gelegen bist, deine zärtlichen Hände streichelten vorsichtig meine Haut, deine Finger fuhren sanft über meinen Arm. Mein Herz hüpfte vor Freude und Aufregung. Dennoch verließen stumme Tränen der Trauer meine Augen. Wenn ich daran zurückdenke möchte ich mich verfluchen dafür, ich war dir so nah und gleichzeitig war ich es nicht. Deine wunderschönen Augen blickten mich beruhigend an, sie sprachen eine Sprache für sich, und doch spendeten sie mir unglaublichen Trost, unbezahlbaren Trost, dem ich dir so dankbar war. Du nahmst mich in deine starken Arme, deine großen Hände legten sich schützend um meinen Körper. Ich konnte deinen schnellen Herzschlag spüren, oder war es nur der meine, der sich auf dich übertrug? Zu gerne möchte ich die Zeit zurückdrehen, und die Tränen ungeweint machen.

Wir beide im Bett, nebeneinander,stundenlang schauen wir uns einfach nur an. Meine Hand welche sich einen Weg zu deiner Wange sucht um jeden Zentimeter deines Gesichtes zu erfühlen, nur die leichte Beleuchtung der Straßenlampe lässt einen Teil deines Gesichtes erahnen, doch im Geiste sehe ich dich komplett vor mir, mit all deinen Zügen, all deinen Malen und all deinem Glanz. Meine Hände fahren sanft über deine Augenbrauen entlang, vorsichtig und sacht, mit einem leichten Schleier der Zurückhaltung und Unterlassung, berührt mich dein Blick auf meinem Körper. Ein innerlicher Kampf. Sanft streiche ich mit meinen Fingern deine Arme entlang, deine Härchen stellen sich auf, und ich kann deine Gänsehaut sehen. Nun ist meine Hand an deinem Bauch, deiner Brust, liebevoll berühre ich deine Brustwarze. Kreisend umspielen meine Finger deine männliche Brust. Ich schiebe meinen Körper näher an den deinen, mich umgibt eine Welle der Lust. Noch immer machst du keine Anstalten dich zu rühren, doch ich höre deinen Herzschlag, der sich so laut an meine Hände drückt, du schluckst, dass kann ich sehen während dein Adamsapfel auf und ab hüpft, nur kurz, doch das ist mir nicht entgangen. Dein Duft hüllt mich in eine Wolke aus Lust und Anziehung. Ich verzehre mich so sehr nach dir! Meine Hände setzen ihren Weg fort, sie wandern nun weiter bis zu dem Bund deiner Shorts. Sanft fahre ich den Bund nach und schiebe meinen Finger nur minimal darunter, so dass du leicht zusammenzuckst. Habe ich dich mit der Hitze meiner Fingerspitze verbrannt? Ein leiser Laut entweicht aus deiner Kehle, den ich nicht zu deuten vermag, doch urplötzlich umgreifst du meinen so zierlichen und kleinen Körper mit deinen starken, beschützenden Händen. Nun liegst du über mir, deine Hände packen meine Arme und drücken sie an das Bettgestell,  ich spüre deine Lust, dein angespannter Körper drückt sich haltlos an den meinen. Du küsst mich. Atemlos. Gierig. Fordernd dringt deine Zunge in mich ein und umspielt meine Zunge mit stupsenden Bewegungen. Ich intensiviere den Kuss, indem ich sanft deine Unterlippe beiße, uns entweicht ein leises Stöhnen.

Die Fantasie ist ein Arschloch, wenn es um unterdrückte Gefühle geht! Hast du eine Ahnung, was du mit dem einen Kuss, damals, auf meiner Couch, in mir zum Rollen gebracht hast? Kannst du auch nur erahnen, was das in mir losgelöst hat? Ich fühlte mich schwerelos, wie eine Feder im Wind, dahinschwebend, egal wohin, hauptsache mit dir. Du hast mich so tief berührt wie schon lang keiner mehr. Dein Kuss schmeckte nach Leidenschaft, nach Geben wollen und nicht nur nehmen, er schmeckte nach Hoffnung und Herzrasen, doch mit einem Schlag kam die Bitterkeit und ich schmeckte Hass und Zerstörung, Wut und Berechnung. Und dann ein Splittern. Mein Herz zerbrach in 1000 Scherben, ein Teil davon bohrte sich in dein Gesicht, denn plötzlich verzog es sich zu einer verbitterten Grimasse.

Von diesem Anblick habe ich mich noch immer nicht erholt, noch immer bin ich nicht genesen von dieser herausgepressten Wut, wusstest du, dass die Wut, die du aussendest, auf dich selber zurückschiesst? Ich hätte auch am Liebsten geschossen, nicht mit Wut sondern mit kleinen Pfeilen der Vernichtung. So sehr hast du mich getroffen! Die Welt hat aufgehört, in dem Moment, sich für mich zu drehen. Das war rücksichtslos, von dir, denn auf einer Erde die sich nicht dreht kannst auch du nicht existieren, wusstest du das? Du hast dir somit dein eigenes Grab geschaufelt, auch wenn du der Erde dann gnädiger Weise einen Schubs des Wiederantriebs verpasst hast, ist sie doch aus dem Ruder geraten, besonders für dich. Also bedenke, mein Freund, was du tust, immer! Denn das Gute wie das Schlechte, es kommt alles zurück! Das Pech, und das Glück!

Dennoch vergeht kein Tag, andem ich nicht an dich denke. Ich frage mich wo du bist, und was du machst. Frage mich, ob du noch lachen kannst, so herzlich und echt, wie du mir dein Lachen schenktest. Oder hast du vielleicht verlernt wie man lacht? Ich könnte es dir nicht verdenken. Verschwendest du auch nur einen einzigsten Gedanken an mich? Immermal wieder erwische ich mich dabei wie ich dein Profil aufrufe, dann betrachte ich stundenlang dein Gesicht, ich zoome es ganz nah an mich heran, so nah dass ich deinen Mund beinahe berühren könnte, dich schmecken könnte und fühlen. Deine Augen, wie sie fast schon leer in die Kamera blicken, das ist die Stelle an der mir eine Gänsehaut über den Rücken fährt, weil die Augen mich genauso anblickten, als du sagtest ich solle mich nicht verlieben, in dich. Es ist zu spät. War es schon seit dem verdammten Fahrradunfall, und einmal mehr verfluche ich dich für deine Heldentat. Hättest du auch da nicht einfach selbstsüchtig handeln können? So wie in allem was daraufhin folgte? Du bist das allergrößte Arschloch in das ich mich je verlieben musste, und dafür hasse ich dich.

Ich hasse dich dafür, dass es mir trotzallem nicht egal ist, wie es dir jetzt geht. Und ich hasse dich dafür, dass du mich einfach so hast stehen lassen, vor meiner eigenen Tür, die ich vor deiner Nase zuschlug, um mich zu schützen.

Damals wollte ich dass du bleibst.

Heute möchte ich dass du gehst. Verschwinde!  Aus meinem Kopf! Aus meinem Herzen! Du hast dadrin nichts verloren.

©Netti

 

 

Advertisements

14. Februar, Tag des Wegschauens.

Heute vor einem Jahr kam Papa ins Krankenhaus. Und hier endet der Satz. 

Was würde ich nicht alles dafür geben diesen Tag auszulöschen, wegzuradieren, zu verätzen, aufzulösen und rückgängig zu machen. 

Ich mag Valentinstage nicht. Nicht nur der Name ist bescheuert, sondern auch der fade sowohl bittere als auch tränensalzige Nachgeschmack den dieser Tag hinterlässt. Noch dazu sind Valentinstage scheiße weil alle Pärchen an diesem Tag ihre Zuneigung kund tun, plötzlich existieren mehr Pärchen auf den Straßen als Tropfen im Regen. An jeder Ecke wird geknutscht und gekichert, Händchen gehalten und rumgemacht. Ich kann da immer nur wegschauen, ist schließlich ein Ding der Unmöglichkeit sie alle zu töten. Motiv: Neid und Hass auf alles was sich mir an diesem Tag in mein ohnehin schon beschränktes Sichtfeld drängt. Ich frage mich aus welchen hintersten Ecken all die Liebeskranken Menschen kommen und wieso. Wieso an einem Tag, der doch ein Tag wie jeder andere ist. Alle folgen sie diesem Trend, der unnötiger und sinnloser nicht sein könnte. Alle sind gezwungen verliebt, nur weil es der Moment so vorgibt. Alle meinen sich zu beschenken und sich wahnsinnig lieb haben zu müssen, obwohl sie sich grundsätzlich nur anschreien und Hasstiraden schimpfen. Am Valentinstag kann man alle über einen Kamm scheren. An Valentinstagen sind einfach alle doof. Die Allgemeinheit verblödet an den vorgegebenen GedenkTagen. Es gibt schließlich auch den Tag der Jogginghose. Und trotzdem trägt da nicht alle Welt seine Jogginghose spazieren. Wobei Ausnahmen… Den Gedankengang zum >>National Hugging Day<< denke ich absichtlich nicht zu Ende. 

Ich gehe also mit geneigtem Haupt den Schotterweg entlang, darauf bedacht den Kopf unter keinen Umständen zu erheben. Es ist mir egal dass ich heute nur meine Schuhspitzen betrachten kann, ein Fuß vor den anderen setzend. Es ist mir egal dass es regnet. Die Kaputze auf meinem Kopf gibt mir Sicherheit und Schutz vor den Blicken, die sowieso nicht mir gelten. Dieser Tag ist mir so egal wie das Amen in der Kirche. Das Wetter ist auf meiner Seite. Peitschend fegt der Regen all die verliebten Menschen von den Straßen, so wie es sich gehört. 

  

©Netti

Im Fokus des Nichtbegreifens. *

Menschen bewegen sich hektisch um dich herum. Eine Mutter schreit ihr Kind an, weil es nicht hört. Quengelnd reißt es eine Schokolade nach der Anderen aus den Regalen. Eine Flasche Sekt zerknallt in 1000 Scherben auf dem dreckigen Fliesenboden. Kein Mensch kümmert sich darum. Alle laufen achtlos daran vorüber. Du schiebst deinen Einkaufswagen lustlos durch die Regale der FressFiliale. Eigentlich lohnt es nicht, für sich selbst einzukaufen und zu kochen, nur für sich alleine. Warum Essen, wenn der Magen nichts aufnehmen kann? Wieso Mahlzeiten zubereiten, wenn allein der Geruch in dir ein Gefühl des Würgens hervorruft? Dein Herz klopft bis zum Hals und du fragst dich, ob es schlimmer werden kann. Ist es möglich dass ein Herz von zu vielen Schlägen, durch die Brust preschen kann? Ein unsichtbarer Stacheldraht legt sich um deine Kehle. Einmal komplett herum. Und mit jedem starken Herzstoß bohren sich die Spitzen des Drahtes immer tiefer hinein in die Haut des zarten Halses. Plötzlich weißt du dass es immer schlimmer geht. Die Menschen um dich herum lösen sich beinahe in Luft auf. Verschwommene Gestalten schwirren durch die Gänge. Verzerrt und verzogen. Deine Augen fokussieren einen Mann, den du bis gerade eben noch dein Eigen nanntest. So zumindest kommt es dir vor. Die Trennung, welche gerade mal eine Woche zurück liegt. Kurt. Dir ist als springen die Fliesen unter dir auf. Ein Riss bildet sich nach dem Anderen und der Boden beginnt zu beben. In Kurt seinen Armen eine große, modisch gekleidete Blondine mit WalleWalle Haar. Sie kuschelt sich an ihn ran und gibt ihm einen Kuss auf die Wange. Kurt lächelt liebevoll.

Durch deine Adern pumpt Unverständnis, Verletzung, Schmerz, und Hass auf diese Schnepfe die so anders ist als du. Du fühlst dich alleine und verloren, am liebsten möchtest du dich in Luft auflösen, verschwinden, einfach nicht mehr sein. Stattdessen musst du in dieses Elend blicken, in den Schmerz den du am ganzen Körper durchleiden musst. Die Hülle deines Ich’s, das Etwas, was noch über ist von dir, streift durch den endlos wirkenden Gang. Im Vorbeigehen erfasst du eine Glasflasche, die Größte von allen, deren Inhalt eine flüssige, rote Substanz enthält. Auf der Flasche prangt das Bild einer Tomate. Du schüttelst. Schüttelst und schüttelst, kräftig, und aggressiv. Bis es dir vorkommt als entwickelt deine Hand ein eigenes Leben. Das Paar steht mit dem Rücken zu dir, somit wappnest du dich auf das was dir bevorsteht. Deine Hände fummeln an dem Schraubverschluss und mit einem leisen PLOPP öffnet sich der Deckel der Ketchupflasche. „Ey! Du hast da was, das mir gehört! Mädchen!“ Kurt und das Mädchen schauen dich an. Tränen der Ungläubigkeit verschleiern wässrig deinen Blick. Sein Gesicht wirkt hart, der Unterkiefer angespannt. In seinen Augen der blanke Hass. Das Mädchen blickt hochnäsig auf dich herab. Deine strähnigen Haare hängen dir fettig ins Gesicht. Mausgrau fühlst du dich in deiner Jeans, um Längen zu groß. Dein Körper wirkt mager und knochig. Noch bevor das Mädchen realisieren kann was geschehen wird, schüttest du ihr den Inhalt der Flasche in ihr perfektes Gesicht, mit ihren perfekten Haaren auf ihrer perfekten Kleidung. Die Masse macht ein schmatzendes Geräusch während es sich auf ihrem Gesicht verteilt, bis in ihr Haar, auf ihre Kleidung spritzend und tropfend. Rot. Knallig. Du schüttest so lange, bis sie leer ist, die Flasche mit der roten Tomate. Du legst deinen Kopf schief und bleibst einseitig grinsend vor ihr stehen, beide Arme hängen an deinem Körper herab. Nachdem das Mädchen sich aus ihrer Schockstarre befreit, öffnet sie den Mund. Ein gellender Schrei verlässt ihre vollen Lippen. Sie sieht aus wie ein abgeschlachtetes Schwein, während nur noch ihre Hülle durch den letzten Rest Würde zu überleben scheint. Über ihr Gesicht laufen Rinnsaale von klebriger Demut und das blanke Entsetzen. Ohne ein weiteres Wort drehst du dich um und läufst schlürfend durch die Gänge. Dein Wagen mit deinem Einkauf bestehend aus Wein und Schokolade, Eis und Taschentücher, Pflaster und Beruhigungspillen, steht mitten im Weg. Einsam. Verlassen. Du läufst daran vorbei, beachtest die Menschen nicht, deren wirre, entsetzte Blicke dich streifen. Du verlässt diesen Laden. So, als wäre einfach nichts geschehen.

  

*frei erfunden

©Netti

Zwischen den Zeilen..

>>Hast du mal wieder geraucht?<<

>>Nein<<

-Stille-

>>Ja, okay, ich hab geraucht.<<

-Betretenes Schweigen-

Während er zum Wagen läuft und sich immer mal wieder zu dir umdreht zündest du dir eine Zigarette an. Nun weiß er es ja eh. Er fährt einen Umweg um nochmals an dir vorbei zu kommen und bleibt vor dir stehen. Er kurbelt sein Fenster runter. Du schaust doof.

>>Schäm dich! Schäm dich wirklich!<<

>>Wieso!?<<

>>Zieh nochmal dran und denk drüber nach!<<


Du ziehst nochmals an deiner Zigarette und läufst schnellen Schrittes zu seiner Karre. Ein Hauch eines arroganten Lächelns umspielt seine zaghaften Lippen. Provokativ hebt er eine Augenbraue. Seine dunklen, fast schwarzen Augen fressen sich fast fest in den Deinen. Blau wie der Himmel bevor ein drohender Sturm sich naht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

>>Was bitte!???<<


Es brodelt in dir drin. Dein Puls rast.

>>Zieh nochmal dran und denk drüber nach!<<

Du ziehst. Kräftig. Stark. Intensiv. Beim Ausatmen pustest du ihm den Rauch ins Gesicht.

>>Einen scheiß werd ich! Vielleicht solltest du mal dein Hirn zum Denken gebrauchen, anstatt mir mit allem was du sagst deine scheiß Faust in die Fresse zu kloppen!<<

>>Aaaaab..<< , unterbricht er dich.

Doch du fährst ihm über den Mund.

>>Das war keine Frage!

Manchmal ist es besser, Arschloch, man sagt gar nichts. Einfach mal Fresse halten. Du hast nämlich so überhaupt gar keine Ahnung, also lass es! Hör auf hier den Moralapostel zu spielen. Du fragst indem du mich runter machst, warum ich wieder rauche? Frag zur Abwechslung vielleicht einfach mal wie es mir geht. Aber weißt du was? Lass stecken. Du bist einfach nur erbärmlich!<<

Du lässt ihn da sitzen, mit großen Augen. Er schluckt etwas runter, was Demut sein könnte. Du kratzt deinen letzten Rest Würde zusammen und knallst die Tür hinter dir zu. Das Auto startet und braust davon. Langsam entfernt sich das Motorengeräusch.

©Netti

Pirouette im Hirn. 9/11

Manchmal baut man sich selber einen Abrund, aus Gedanken, die einen immer tiefer fallen lassen. Man befindet sich in einem Strudel, bestehend aus Selbstzweifeln und Ängsten. Hilfe nimmt man nicht an. Man kann nicht. Nicht weil man nicht kann, sondern weil man glaubt es nicht zu können. Also ändert sich nichts. Alles bleibt beim Alten. Das Schlimme daran ist nicht, dass man sich selber zerstört, nein, das Schlimme daran, das wirklich Schlimme ist, dass man die Menschen der Umgebung mit zerstört, und ruiniert. Die, die es eigentlich ehrlich mit einem meinen. Die, die einem nur das Beste wünschen.

Doch eines darf man nicht vergessen: Gefühle stecken an! Niemand verbringt seine Zeit gern mit traurigen Menschen.

Natürlich keine Nachricht von ihm, an dem Abend, also bist du es, die schreibt. Fragst ihn, ob er trotzdem gut angekommen ist. Er antwortet und ist genervt wegen des Rades. „Kleine Sünden bestraft der Liebe Herr sofort!“, schreibst du ihm und meinst es auch so. Er kapiert das nicht, und du verschweigst ihm die wahre Bedeutung, verschweigst ihm, was du ihm eigentlich damit sagen möchtest. Denn auf Vorwürfe hast du keine Lust. Also schiebst du die Schokobons vor die Lücke, die, die er an dem Abend alle verdrückt hat. Deine Schokobons, die er liebt. So wie du. Also bietet er dir neue Schokobons an, wenn die Tüte denn hält, nach dem Kauf. Ihr tut, als sei nichts gewesen, als sei nichts passiert. Ihr tut, als sei alles in Butter. Er schickt dir Fotos, von der Außenansicht deiner Arbeit. Er möchte deiner Chefin Hallo sagen, nicht dir. Denn auch sie hatte ein Shooting bei ihm. Business. Sie hat Schuld, dass du ihm begegnet bist. Beim Shooting hatten sie eine Menge Spaß. Logisch. Auch deine Chefin trägt eine Maske in ihrem Gesicht. Gleich und gleich gesellt sich nun einmal gern. Ihr schreibt sinnlose Sachen hin und her. Wieder einmal. Ohne den eigentlichen Kern zu entfernen. Der Kern, der die Bitterstoffe verteilt. Der Kern, der dich zum würgen bringt, weil er zu tief rutscht, in die falsche Röhre. Denn plötzlich hängt er dir in der Luftröhre, und du musst röcheln, weil er dir die Luft nimmt, zum Atmen.

Du weinst, aber dieses Mal nicht wegen deinem Papa. Dieses Mal nicht. Heiße Tränen laufen dir über die Wange, weil du verletzt bist. Denn eigentlich bist du das. Dein Herz aus Stein, welches irgendwie doch noch ein wenig Regung zeigt, welches irgendwie doch noch immer am Leben ist, aber nicht der Stein an sich, sondern sein Inneres, denn der Stein ist ja nur die Hülle.

Du verstehst nicht, was da eigentlich passiert ist. Und wieso. Deine Zunge leckt über die Lippen. Und du schmeckst Salz. Wahrscheinlich magst du das salzige Gewürz deswegen so gern. Du hast einmal zu viel an deinen Tränen probiert. Einmal zu viel deinen eigenen Schmerz gekostet. Mit der Zeit hast du dich an vieles gewöhnt, auch an diesen Geschmack.

Du kannst damit umgehen. Mit dem erneuten Verlust.

Du hast kein Problem damit, auch wenn es schmerzhaft ist, für den ersten Moment, immer wieder. Neu. Doch er kann es nicht, er hat es nie gelernt. Den Umgang mit seinen Verlusten. Wieder zerbrichst du dir den Kopf, über ihn, den Fotografen. Zerbrichst dir seinen Kopf. Über seine Zweifel und Ängste, und über sein Leben. Nicht dein Leben. Sondern das Seine.

Du verstehst nicht, weshalb er dich erst küsst, wenn er doch nur an einer angeblichen Freundschaft interessiert ist.

Du verstehst nicht, wie das alles sein kann. Und der Spruch danach, der macht es nicht besser, erst Recht nicht. Denn dieser Spruch, dieses: „Verlieb´ dich nicht in mich!“ ist nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Du kapierst einfach nicht wieso das Ganze, wieso er erst den scheiß Kontakt zu dir gesucht hat. Verstehst nicht, wieso, wieso, wieso. Obwohl du es versuchst, versuchst, ihn zu verstehen, dich in ihn reinzuversetzen, denn das kannst du doch so gut. Nur diesesmal will es dir einfach nicht gelingen. Es will dir nicht gelingen.

Doch am allerwenigsten verstehst du, weshalb er dich nicht einfach hat liegen lassen, auf dieser scheiß Straße, mit deinem scheiß Kopf und seinem scheiß Fahrrad. Denn dann, dann hättest du dich gar nicht erst in ihn verliebt. Dann wärst du ihm wahrscheinlich nicht so schrecklich nahe gekommen. Körperlich, und emotional.

Du bist dir einfach sicher, dass der Schmerz am Ende einfach nicht der Selbe gewesen wäre. Weil dir diese Seite in ihm verborgen geblieben wäre. Der Retter. Der Held. Der Beschützer. Jemand, dem Dein Wohl wichtiger ist als Seines.

Du hasst ihn dafür, dass du ihm je begegnet bist.

Du hasst ihn dafür, dass er dich jemals angeschrieben hat.

Und du hasst dich dafür, dass du ihn aber einfach nicht hassen kannst. Ihn, den Fotografen!

© Netti