HerzSchrumpeln 1/2

Es war einmal ein Mädchen. Sie glaubte an die Liebe, auch wenn sie keine Ahnung hatte wie man diese definiert, kannte sie doch nur die Schreie und das Schweigen der Eltern, was folgte, nach einem Streit. Sie fragte sich wieso. So oft wusste sie nicht wie so etwas die große Liebe sein konnte. Dieses Wort verstand sie nicht, egal wie oft sie ihre Blicke im Duden unter dem L umherschweifen ließ. Sie fragte, egal wen sie traf, sie fragte nach der Liebe. Was das ist die Liebe. Und wie man sie bemerkt. Durch Schweigen etwa!? Sie mochte die Liebe nicht, wenn sie keine Antworten geben konnte. Sie fand die Liebe scheiße. Das Mädchen sehnte sich nach Sicherheit und ein bisschen heile Welt. Also schuf sie sich eine Bude aus Wörtern und Schriften, und so erzählte sie sich in eine eigene Welt. Voller Hoffnung und Zuversicht.

Sie ward größer und reifer und noch immer war ihr die Liebe fremd. Sie tauschte den Duden gegen Google und Wikipedia, sie las und las, aber begreifen konnte sie nicht.

Das Mädchen traf sich mit jungen Männern und schenkte denen ihr Herz, verschenkte es ohne es ordentlich zu verpacken. Kein Geschenkpapier. Kein Schleifenband. Sie hielt das rohe, schlagende und pulsierende Herz in den Händen. Die Männer erschraken und nahmen reißaus. Natürlich verstand sie nicht. Sie schenkte ihr Herz. Das ist es doch, die Liebe, das nennt sich doch verliebt, dem war sie sich sicher.

Immer wieder verschenkte sie ihr rohes Herz und wunderte sich über die Kälte die sie empfing. Sie kam einfach nicht dahinter. Die Kälte ließ sie frösteln und zittern, so derbe bis ihr der ziehende Schmerz die Tränen in die Augen trieb. Also musste sie etwas ändern, um nicht zu erfrieren und ihr kam eine Idee.

Sie klebte ein wenig Fell direkt um ihr kleines Herz, das sollte sie vor der Kälte schützen, so dachte sie. Doch mit der Zeit wurde das Fell immer dünner und die Kälte berührte es erneut. Zitternd schlugen ihre Zähne aufeinander und sie verlor an Gewicht.

Ihre hagere Gestalt schwebte durch die Zeit und traf nicht auf die Liebe sondern auf die Angst. Ihr Herz zerschrumpelte zu einer Rosine, denn wie sollte es sich nähren, wo doch in Kälte nichts gedeihen konnte!?

©Netti

Run through the dark.

Ein schwarzer Puma rennt durch die Nacht. Puma um den Körper, Puma an den Füßen. 

Schnell. 

Aggressiv. 

Atemlos. 

In den Ohren weiße Stöpsel. Guilty! Hell Yeah! Laute Töne durchströmen die Körpergestalt. 

Atmen. 

Schnell.

Laut. 

Stechen in den Seiten. Ziehen. Weiter immer weiter. 

Schneller.

Keine Pause.

Kein Halt. 

Verschwindet ihr Gedanken, verschwinde du halbherziger Mensch. Raus aus dem Kopf. 

Stechen. Quer durch den Körper, Atemnot. Halt! 

Arme auf die Knie und aufgestützt nach Luft schnappend, beinah schluchzend vor diesen Schmerzen aus dem Herzen. 

Der Puma trägt einen Dolch in sich.

©Netti

>>I wish I could be your Princess.<<

Es bricht mir fast das Herz, zu wissen dass unsere Zeit begrenzt ist. Ein verdammtes Jahr! 

Drei Monate die verbleiben. Ich werde sie nutzen, nicht an den Abschied denken, keine Tränen vergießen, ihm ein schönes Gefühl vermitteln, keine Traurigkeit, sodass er fahren kann ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, ohne Schuldgefühle. 

Er bedeutet mir so viel. Schon jetzt. Er ist so authentisch, liebevoll, gefühlvoll. Er ist das, was ich mir an meiner Seite wünsche.

Damals, während meiner Ausbildung, lernte ich in dem Betrieb in dem ich arbeitete einen Mann kennen mit dem ich mich sehr gut verstand. Zwischen ihm und mir existierte eine Art Band, er war lieb, ehrlich und gab mir Hoffnung mit auf den Weg. Er war Gast im Haus und Amerikaner, mit noch fünf weiteren Kollegen blieb er 4 Wochen in dem Hotel in dem ich arbeitete. Damals war ich 20 Jahre alt. Er war 34, hatte daheim eine Frau und drei Kinder. Nach meiner Spätschicht setzten wir uns meist hinter die Bar, ich schloss alles ab und dann redeten wir die halbe Nacht bis in den Morgen hinein, tranken Bier und Sekt. Wir erzählten viel. Eines Abends sagte er:

>>You deserve a man who treats you like a princess.<<

Diesen Satz und den Ausdruck im Gesicht werde ich nie vergessen.

Als seine Rückreise herangerückt war standen wir am Auto, seine Kollegen saßen schon im Wagen und warteten auf ihn. Zum Abschied versuchte er mich zu küssen, doch ich blockte ab und war gleichzeitig traurig.

Als er fuhr weinte ich eine einzelne Träne.

Und nun fast 10 Jahre später lerne ich ihn kennen, diesen Prinzen. Und er galoppiert auf seinem beschissenen Gaul für ein Jahr genau dahin wo der Mann aus meiner Ausbildung, der diesen Satz sagte herstammt. Nach Amerika. Soll mir das jetzt irgendetwas sagen? 

Damals berichtete ich Mama vom Kennenlernen des Amerikaners. Als ich sie nun anrufe um ihr mein Herz auszuschütten, erinnert sie den Satz, ruft ihn mir ins Gedächtnis zurück.

„Der Amerikaner damals, den du mal kennenlerntest. Was hat der noch gesagt zu dir!?“

Ich sage ihr den Satz den ich nie vergessen werde. Und doch muss ich kurz über seinen genauen Wortlaut grübeln, es ist lang her..

„Das ist ein Zeichen! Das ist was gutes. Ihr schafft das, da bin ich mir sicher!“ 

©Netti

Brief der Erinnerung

Lieber Fotograf,

Plötzlich weiß ich wieder wie sie klingen, deine Worte in meinem Ohr. Mit einem Schlag ist sie mir wieder so present, deine Stimme die so melodiös und tief in mein Innerstes dringt. Der tiefe, erotische Klang der mich kitzelt in meinem Herzen und nicht nur da, mein Körper spannt sich an, wenn ich daran denke wie du mich berührst, mit deinen Worten, jede einzelne Haare meines Körpers stellt sich auf. Dein Lachen welches deinen Mund verlässt, so herzlich, so echt. So echt, wie du neben mir gelegen bist, deine zärtlichen Hände streichelten vorsichtig meine Haut, deine Finger fuhren sanft über meinen Arm. Mein Herz hüpfte vor Freude und Aufregung. Dennoch verließen stumme Tränen der Trauer meine Augen. Wenn ich daran zurückdenke möchte ich mich verfluchen dafür, ich war dir so nah und gleichzeitig war ich es nicht. Deine wunderschönen Augen blickten mich beruhigend an, sie sprachen eine Sprache für sich, und doch spendeten sie mir unglaublichen Trost, unbezahlbaren Trost, dem ich dir so dankbar war. Du nahmst mich in deine starken Arme, deine großen Hände legten sich schützend um meinen Körper. Ich konnte deinen schnellen Herzschlag spüren, oder war es nur der meine, der sich auf dich übertrug? Zu gerne möchte ich die Zeit zurückdrehen, und die Tränen ungeweint machen.

Wir beide im Bett, nebeneinander,stundenlang schauen wir uns einfach nur an. Meine Hand welche sich einen Weg zu deiner Wange sucht um jeden Zentimeter deines Gesichtes zu erfühlen, nur die leichte Beleuchtung der Straßenlampe lässt einen Teil deines Gesichtes erahnen, doch im Geiste sehe ich dich komplett vor mir, mit all deinen Zügen, all deinen Malen und all deinem Glanz. Meine Hände fahren sanft über deine Augenbrauen entlang, vorsichtig und sacht, mit einem leichten Schleier der Zurückhaltung und Unterlassung, berührt mich dein Blick auf meinem Körper. Ein innerlicher Kampf. Sanft streiche ich mit meinen Fingern deine Arme entlang, deine Härchen stellen sich auf, und ich kann deine Gänsehaut sehen. Nun ist meine Hand an deinem Bauch, deiner Brust, liebevoll berühre ich deine Brustwarze. Kreisend umspielen meine Finger deine männliche Brust. Ich schiebe meinen Körper näher an den deinen, mich umgibt eine Welle der Lust. Noch immer machst du keine Anstalten dich zu rühren, doch ich höre deinen Herzschlag, der sich so laut an meine Hände drückt, du schluckst, dass kann ich sehen während dein Adamsapfel auf und ab hüpft, nur kurz, doch das ist mir nicht entgangen. Dein Duft hüllt mich in eine Wolke aus Lust und Anziehung. Ich verzehre mich so sehr nach dir! Meine Hände setzen ihren Weg fort, sie wandern nun weiter bis zu dem Bund deiner Shorts. Sanft fahre ich den Bund nach und schiebe meinen Finger nur minimal darunter, so dass du leicht zusammenzuckst. Habe ich dich mit der Hitze meiner Fingerspitze verbrannt? Ein leiser Laut entweicht aus deiner Kehle, den ich nicht zu deuten vermag, doch urplötzlich umgreifst du meinen so zierlichen und kleinen Körper mit deinen starken, beschützenden Händen. Nun liegst du über mir, deine Hände packen meine Arme und drücken sie an das Bettgestell,  ich spüre deine Lust, dein angespannter Körper drückt sich haltlos an den meinen. Du küsst mich. Atemlos. Gierig. Fordernd dringt deine Zunge in mich ein und umspielt meine Zunge mit stupsenden Bewegungen. Ich intensiviere den Kuss, indem ich sanft deine Unterlippe beiße, uns entweicht ein leises Stöhnen.

Die Fantasie ist ein Arschloch, wenn es um unterdrückte Gefühle geht! Hast du eine Ahnung, was du mit dem einen Kuss, damals, auf meiner Couch, in mir zum Rollen gebracht hast? Kannst du auch nur erahnen, was das in mir losgelöst hat? Ich fühlte mich schwerelos, wie eine Feder im Wind, dahinschwebend, egal wohin, hauptsache mit dir. Du hast mich so tief berührt wie schon lang keiner mehr. Dein Kuss schmeckte nach Leidenschaft, nach Geben wollen und nicht nur nehmen, er schmeckte nach Hoffnung und Herzrasen, doch mit einem Schlag kam die Bitterkeit und ich schmeckte Hass und Zerstörung, Wut und Berechnung. Und dann ein Splittern. Mein Herz zerbrach in 1000 Scherben, ein Teil davon bohrte sich in dein Gesicht, denn plötzlich verzog es sich zu einer verbitterten Grimasse.

Von diesem Anblick habe ich mich noch immer nicht erholt, noch immer bin ich nicht genesen von dieser herausgepressten Wut, wusstest du, dass die Wut, die du aussendest, auf dich selber zurückschiesst? Ich hätte auch am Liebsten geschossen, nicht mit Wut sondern mit kleinen Pfeilen der Vernichtung. So sehr hast du mich getroffen! Die Welt hat aufgehört, in dem Moment, sich für mich zu drehen. Das war rücksichtslos, von dir, denn auf einer Erde die sich nicht dreht kannst auch du nicht existieren, wusstest du das? Du hast dir somit dein eigenes Grab geschaufelt, auch wenn du der Erde dann gnädiger Weise einen Schubs des Wiederantriebs verpasst hast, ist sie doch aus dem Ruder geraten, besonders für dich. Also bedenke, mein Freund, was du tust, immer! Denn das Gute wie das Schlechte, es kommt alles zurück! Das Pech, und das Glück!

Dennoch vergeht kein Tag, andem ich nicht an dich denke. Ich frage mich wo du bist, und was du machst. Frage mich, ob du noch lachen kannst, so herzlich und echt, wie du mir dein Lachen schenktest. Oder hast du vielleicht verlernt wie man lacht? Ich könnte es dir nicht verdenken. Verschwendest du auch nur einen einzigsten Gedanken an mich? Immermal wieder erwische ich mich dabei wie ich dein Profil aufrufe, dann betrachte ich stundenlang dein Gesicht, ich zoome es ganz nah an mich heran, so nah dass ich deinen Mund beinahe berühren könnte, dich schmecken könnte und fühlen. Deine Augen, wie sie fast schon leer in die Kamera blicken, das ist die Stelle an der mir eine Gänsehaut über den Rücken fährt, weil die Augen mich genauso anblickten, als du sagtest ich solle mich nicht verlieben, in dich. Es ist zu spät. War es schon seit dem verdammten Fahrradunfall, und einmal mehr verfluche ich dich für deine Heldentat. Hättest du auch da nicht einfach selbstsüchtig handeln können? So wie in allem was daraufhin folgte? Du bist das allergrößte Arschloch in das ich mich je verlieben musste, und dafür hasse ich dich.

Ich hasse dich dafür, dass es mir trotzallem nicht egal ist, wie es dir jetzt geht. Und ich hasse dich dafür, dass du mich einfach so hast stehen lassen, vor meiner eigenen Tür, die ich vor deiner Nase zuschlug, um mich zu schützen.

Damals wollte ich dass du bleibst.

Heute möchte ich dass du gehst. Verschwinde!  Aus meinem Kopf! Aus meinem Herzen! Du hast dadrin nichts verloren.

©Netti

 

 

Auf ein (Nimmer)Wiedersehen!? 2/2

Du sitzt in der Bahn auf dem Weg in die Stadt, denn der Mensch der dich bei der letzten Bahnfahrt ansprach, möchte sich mit dir treffen. Das Wetter ist schön, die Sonne strahlt mit ihrer Wärme und Freude durch die wenigen Quellwolken am Himmel. Du streckst dein Gesicht in Richtung des Lichtes und genießt in schweigsamer Vorfreude den herannahenden Sommer. Die Bahnfahrt verläuft ruhig. Auch wenn du eigentlich keine Lust hast, auf das Treffen mit diesem fremden Menschen, bist du doch ein wenig aufgeregt, weil du dich gleich unterhalten musst, du musst Worte finden, die du sonst nur schriftlich parat hast, du musst Antworten finden, auf seine Fragen, die dich in die Enge drengen werden. Du bist etwas zu früh, denn du möchtest nicht gleich hinhetzen, zu dem Treffpunkt, ihr möchtet bei dem schönen Wetter ein Eis essen gehen, und gemütlich in der Sonne ausharren. Also hast du noch etwas Zeit und du lässt dich nieder auf einer Bank, mitten in der Stadt, so kannst du ganz gemütlich die Blicke schweifen lassen und Leute beobachten, das machst du ja so gern. Beobachten. Nicht starren. Du zündest dir eine Zigarette an und reckst den Hals, dein Gesicht schaut genau in die Sonne, für einen kurzen Moment schließt du einfach nur die Augen, du denkst an nichts, sondern du fühlst die wärmenden Strahlen auf deiner Haut, du riechst die sommerliche Brise, die Sonnenmilch, und all die Dinge, die der Sommer mit sich bringt. Als du deine Augen wieder öffnest hast du das kurze Gefühl beinahe zu erblinden, Farben verschmelzen zu einem einzigen, blendenden Feuerball, die Menschen um dich herum sind plötzlich grün und rot, blau und gelb. Kleine Lichtpunkte tanzen vor deinen Augen, bunte Kreise bewegen sich durch die Lüfte und schweben leise und leicht hinauf in Richtung Himmel, bis sie mit der Sonne verschmelzen und Eins werden. Dein Blick bleibt an einer Taube haften, welche ihren Weg durch die Menschenmassen bahnt, sie ist dreckig und doch erstrahlt ihr Gefieder in den schillerndsten Farben. Eigentlich hasst du Tauben, doch gerade in diesem Moment fühlst du dich irgendwie mit ihr verbunden, mit dieser einen Taube, ihr Kopf schimmert lila, vielleicht ist das eine besondere Taube, die sich suchend auf dem Boden nach etwas zu Fressen umblickt. Ihr Schnabel pickt immer wieder in den Asphalt, in der Hoffnung auf etwas Essbares zu stoßen, was die Passanten achtlos haben fallen lassen. Die Taube läuft eiligen Schrittes und völlig planlos durch die Gegend, der Kopf ruckt in schnellen, kurz abgehakten Bewegungen vor und zurück. Wahrscheinlich gibt sie gurrende Laute von sich, wäre es etwas leiser könntest du es sicher hören, doch die Laufgeräusche, das Menschengemurmel und die Straßenmusikanten verschlucken den Moment. Die Menschen achten nicht auf das kleine Wesen am Boden, es muss Acht geben, dass es nicht überrannt wird, läuft hin, her, hin, her, hin, her. Und hin und her und hin und her. Hin. Her. Kurz empfindest du Mitleid gegenüber diesen Geschöpfes, doch auch Bewunderung. Es fasziniert dich, wie planlos und doch vorsichtig es sich fortbewegt. In dieser Hinsicht kommt es dir vor wie ein Abbild deiner Selbst. Wahrscheinlich hättest du eine Taube werden sollen, wärst du nicht als Mensch auf diese Welt gekommen. Stattdessen lagst du im winzigen Brutkasten, -um dein eigenes Leben kämpfend. Das Einzigste was dieses Tauben-Wesen wahrscheinlich denken kann ist: „Hunger“. Auch dein Hunger meldet sich langsam bei dir zurück, du freust dich auf das Eis. Eine Nachricht blinkt auf deinem Handy auf, wahrscheinlich ist ihm noch nicht aufgefallen, dass du auch WhatsApp besitzt, was nicht weiter störend für dich ist. Er schreibt er ist schon da, steht vor dem Eiscafé, und trägt eine Jacke, blau. Wie auffällig, aber so kannst du wenigstens flink davon laufen, wenn du schon von weitem bemerkst, dass dieser Mensch so gar nicht geht. Du musst dümmlich grinsen, willst aber nicht oberflächlich sein. Die Jacke leuchtet grell, so dass es schon fast in den Augen schmerzt. Du läufst auf ihn zu und ihr begrüßt euch mit einem schüchternen: „Hey!“, während du  nervös vor ihm stehst. Er trägt eine Sonnenbrille um seine Augen zu verdecken, auch du verdeckst dein Innerstes. Möchtest ihm ungern deine Seele zeigen. Dennoch nimmst du die Brille ab und auch er tut es dir gleich. Flüchtig reicht ihr euch die Hände, wie man das so macht, als Begrüßung unter unbekannten Menschen. Ihr pflockt euch an einem freien Platz und schaut euch erstmal an, neugierig, vorsichtig. Dir selber ist es unangenehm, denn du hast keinen Schimmer ob du ihn gern anschauen möchtest, ob der Blick auch automatisch zu ihm hingleiten und an ihm hängenbleiben könnte, doch bisher hältst du seinem Blick nicht stand, immer wieder wendest du deinen Kopf ab und schaust interessiert in die Menschenmassen, die an euch vorbeieilen. Wo sie wohl hingehen? Der Mann neben dir hat ein nettes Lächeln, und freut sich, dich zu sehen. Deine Freude behältst du für dich, denn es ist dir irgendwie gleichgültig. Du freust dich dass die Sonne scheint, und die Strahlen dein Gesicht wärmen, während du es in die Sonne hältst und den Duft in dir aufnimmst. Ihr bestellt euch ein Eis. Du wie immer eine Eisschokolade, Veränderungen hasst du, weswegen du dich gern an Altbekanntes klammerst, es gibt auch einen Strohhalm, an dem kannst du dich festhalten. Auch darauf freust du dich. Der Mann zu deiner rechten grinst dich viel an, so groß ist seine Freude dich zu sehen. Er möchte vieles von dir wissen und auch wenn du nicht erzählen möchtest, du möchtest gerade viel lieber zuhören, gibst du nur das Nötigste von dir Preis. Wieder nervt dich diese Phase des Kennenlernens und der peinlichen Fragen. Du überlegst, wie es bei ihm war. Bei ihm den Fotografen. Und du stellst fest, dass das mit nichts zu vergleichen ist. Plötzlich bist du wieder traurig und irgendwie bist du dir fast sicher dass das mit dem grinsenden Mann hier nichts werden wird. Ein bisschen bist du enttäuscht von dir Selbst, aber auch erleichtert. Ihr redet eigentlich ganz angenehm, du bist froh wenn er erzählt, dann musst du nichts sagen und kannst zuhören, nebenbei löffelt ihr schweigend in eurem Eis und du hängst an dem Strohalm, klammerst dich dran fest um dich nicht zu verlieren, in ihm, den Fotografen. Als er wieder versucht die Sprache auf dich zu lenken, um Dinge von dir rauszukitzeln, fragt er eine Frage die an deinem Nerv zerrt und du überlegst aufzustehen und zu gehen. Er fragt, wo deine Eltern leben und ob sie geschieden sind, ob sie noch immer einen guten Kontakt zu einander haben, und ob sie im Guten auseinander gegangen sind. (Nicht weit von hier, ja einen Recht guten Kontakt, ja,ja im Guten Auseinander gegangen, das kann man schon so sagen..) Als du nicht mehr länger ausweichen kannst und dann noch mehr auf das Thema Papa eingegangen wird, er dich damit an die Wand drängt, dich umzingelt und dir beinahe ein Messer in die Brust rammt sagst du: „Hey ich mag da jetzt einfach nicht drüber reden! JA!?“ Das Ja brüllst du beinahe, es ist dir fast schon unverständlich, wie man einfach nicht checken kann, dass das Thema gerade gar nicht passt. Abweisender hättest du gar nicht antworten können. Er entschuldigt sich, ohne zu wissen wofür und du möchtest am Liebsten weinen, aber du lässt es bleiben, stattdessen wiederholst du das Spielchen mit der Sonne, sie wärmt dich ein bisschen, denn innerlich ist dir plötzlich eisekalt. Nachdem euer Eis aufgelöffelt ist spaziert ihr noch ein wenig durch den Park, der Wind pfeift in kalten Böen um die Ecke, während die Sonne an Wärme verliert, Quellwolken versperren immer wieder ihre Sicht. Er setzt sich auf seine Jacke und du dich auf deine Tasche, während du vorher die Zigaretten vor deinem Hintern gesichert hast. Du rauchst eine Zigarette, klammerst dich an ihr fest und pustest die blöden Gedanken aus deinem Hirn raus. Du bietest ihm auch eine an und ihr raucht zusammen, während er wahrscheinlich nicht nur seine Gedanken, sondern sein komplettes Inneres heraus pustet, so laut pustet der, irgendwie stört dich das. Auch würdest du gern allein hier sitzen, dich nerven seine Fragen die fragen was denkst du gerade? Du stellst fest dass es tatsächlich blöde Fragen gibt, nicht nur blöde Antworten, denn auf die Frage „Warum hast du eigentlich keinen Freund.“, gibt es nicht nur keine Antwort, sondern du möchtest ihm am Liebsten deine Faust in seine Fresse rammen. Wenigstens gibt er zu, dass das eine beschissene Frage ist. Trotzdem ist sie ganz nett die Unterhaltung die ihr führt, wenn du mal nicht sprichst, denn irgendwie ist dir nicht danach. Du (ver)traust ihm nicht, warum kannst du nicht benennen, wahrscheinlich hat der Fotograf dein Vertrauen gestohlen, und weggesperrt, sodass du da nie wieder drankommst. Nach der Zigarette rauchst du gleich noch eine, aber deine Nervosität und das schleichende Unbehagen lässt sich einfach nicht wegpusten. Du stellst dir vor wie du ihn öfter triffst. Und du fragst dich ob du ihn küssen könntest, wenn du wolltest, doch etwas in dir ist auf Ablehnung getrimmt. Dieses Grinsen… Während er sich leicht streckt blitzt sein kleiner, blasser Bauch hervor, leichte Härchen sind darauf zu sehen. Dieser Anblick nervt dich eher, als dass er irgendwas in dir bewirkt. Du kannst dir nicht vorstellen wie du ihm näher kommen solltest. Sein leichter Duft weht während einer leichten Brise zu dir rüber, und du weißt nicht ob du ihn als angenehm empfinden sollst. Irgendwie ist dir gerade ein bisschen schlecht von dem Duft. Er erzählt derweile dass er gern mal verreist, er möchte gern mal an den Nordpol in einer Hütte sein, dazu braucht er aber einen Aufpasser mit einem Gewehr, einen der sich auskennt, wegen der Eisbären. Die sind wohl ganz, ganz böse, und gefährlich und dem Bär interessiert das nicht, dass du ihn niedlich findest. Jetzt musst du lachen. Das erste Mal. Das findest du traurig, denn du lachst gern und bist eigentlich ein sehr fröhlicher Mensch, wo dieser fröhliche Mensch wohl abgeblieben ist? Als es merklich kühler wird beschliesst du aufzubrechen, deine Zähne schlagen bibbernd aufeinander. Er bietet dir seine Jacke an, obwohl selbst er eine Gänsepelle auf der Haut spazieren trägt, also lehnst du dankend ab. Während ihr schweigsam den Weg zurück lauft, bleibt ihr an seiner Haltestelle unbeholfen voreinander stehen. Als er fragt ob ihr euch wieder seht wendest du kurz den Blick von ihm ab, innerlich befällt dich gerade eine Schweißattacke, du hast keinen Strohhalm, an dem du dich festklammern kannst. „Klar!“, sagst du ihm und ringst dir ein Lächeln ab, weil du gerade im Moment daran glauben magst, du magst gern selber an das Glauben, was du ihm ins Gesicht versprichst. Lächelnd schaut ihr euch an und er umarmt dich, irgendwie vorsichtig, so, als könntest du bei seiner Berührung zerbrechen, aber vielleicht würdest du das sogar auch. Du läufst los, ohne dich noch einmal umzudrehen, und trotz dass du dieses Mal keinen Rauch eingeatmet hast, pustest du endlich all die Anspannung aus dir heraus.

©Netti

Sag mir bitte, dass es dir gut geht.

Einmal mehr im Leben fragst du dich, was nach dem Tod geschieht. Ist dann wirklich, echt jetzt, mit einem Kawumms einfach alles vorbei? Befindest du dich dann im Nichts, Nichts Denken, Nichts Fühlen, Nicht mehr Sein, für die Ewigkeit? Oder gelangt dein Körper in die Hölle, in Form von.., ja was eigentlich? In Form einer Fledermaus? Des Teufels? Satan höchstpersönlich? Wirst du vielleicht wiedergeboren, als Fisch, vielleicht? Oder entweicht die Seele dem Körper um durch die Weltgeschichte zu schweben? Die Seele, welche achtsam und nebulös aus dem Körper kriecht, fast wie Nebelschwaden, nur eben unsichtbar.

Du erinnerst dich an den schlimmsten Tag deines Lebens, es scheint als war es gestern, wie du am Bett gesessen bist, von deinem Papa, deine Stiefmutter-so nennst du sie der Einfachheit halber, ließ dich für ein paar Minuten allein zurück. In deinem Hals ein dicker Kloß. Heiße Tränen, welche in Sturzbächen aus deinen Augen strömten, kein Ende nehmend. Dein Mund staubtrocken, als hättest du seit Tagen nichts mehr getrunken. Aus verquollenen Augen schautest du deinen Papa an, du siehst ihm so ähnlich. Du hast seine Nase. Seine Mundpartie. Er hat vieles an dich weitergegeben. Du fühltest dich wie gelähmt, gefangen in einem Alptraum, aus dem du einfach nicht erwachen konntest. So unwirklich, wie er vor dir lag, die Augen geschlossen, der Mund geöffnet, so als würde er schlafen, und laut schnarchen. Doch er schnarchte nicht, kein Ton kam über seine Lippen, und auch sonst regte sich nichts mehr in diesem Raum. Gespenstische Stille umgab dich und ließ dich erschaudern, dir war schweinekalt, du hast gezittert und die Zähne schlugen klappernd aufeinander, blaugefärbte Lippen zeigten deine innerliche Kälte. Du nahmst seine Hand in die deine und hieltest sie und streicheltest sie, behutsam, sanft, zärtlich und liebevoll. Dir gingen so viele Gedanken durch den Kopf und gleichzeitig war da nichts außer unendliche Leere in dir. Da war so viels, was dir über die Lippen wollte, doch kein Wort konntest du nach außen tragen. Du weintest und weintest so viele Tränen des Schmerzes und Vermissens, deine Brust zog sich qualvoll zusammen, diese Bleischwere in dir und deinem Hirn, du atmetest schwer, bekamst kaum noch Luft, schnappartig zogst du Luft ein, um diese im nächsten Atemzug wieder rauszuweinen, und zu schreien, denn innerlich war der Schrei so laut wie ein Atombombeneinschlag. Erschütternd, ohrenbetäubend. Sekunden verstrichen, Minuten, du weißt nicht mehr wie lange du dort saßt auf diesem Stuhl, neben Papas Bett, jegliches Zeitgefühl ging dir verloren. Das Fenster angekippt, leichte Windbrisen schwebten durch den Raum. An der Decke des Heimes hingen gebastelte Sterne, welche sich leicht im Lufthauch bewegten. Sie schwangen von einer Seite zur Anderen, doch ansonsten kehrte kein Leben zurück in diese 4 Wände. Du fragtest dich, wo dein Papa jetzt wohl ist, ob er dich sehen kann, wie du bei ihm sitzt, der Ohmacht nahe und aus deinen Augen blickend, verquollen und rot. Du fragtest dich, ob er deine Tränen trotzdem noch spüren kann, welche auf seinen Körper niedertropften. Heiß, dampfend. Innerlich schimpftest du mit dir selber, wolltest du ihm doch nicht weh tun, mit deinen heißen Tränen, nicht dass er sich verbrennt. Du fragtest dich, ob er trotzdem noch bei dir war, im Raum, vielleicht vor dir saß, auf dem Bett. Vielleicht hob er sogar seine Hand, um dir die Haare, die dir ins Gesicht fielen, aus dem Gesicht zu streichen, und dann ein Stofftaschentuch reichend, um dir zu signalisieren: „Zieh deine verdammte Nase nicht hoch, sondern schnaub, Mädel!“ Bis zuletzt hat Papa das Nasehochziehen gehasst. Auch in seiner Zeit der Krankheit. Wenn du kein Taschentuch hattest musstest du nun mal Nase hoch ziehen. Dafür erntetest du dann böse Blicke. Entschuldigend „Na was denn? Nase hochziehen ist gesund! Sogar gesünder als schnauben“. redetest du dich raus. Dir liefen die Tränen, wenn du daran dachtest, du wolltest ihn nicht verärgern, das hast du nie gewollt. Du wolltest immer, dass er stolz auf dich sein kann, stolz auf sein Mädchen. Du bist dir nicht sicher, ob er je stolz sein konnte auf dich, und das was du erreicht hast im Leben, wenn auch nicht viel. Dein Papa hat es nie gesagt. Dann wurde es Zeit Abschied zu nehmen, unter Tränen hattest du ihm deine Liebe gestanden, hattest dich bedankt dafür, durch ihn erfahren zu haben was es heißt zu lieben. Was es heißt du Empfinden und zu Fühlen. Du hast dich entschuldigt dafür, nicht viel öfter für ihn da gewesen zu sein und du gabst ihm ein Versprechen. Du versprachst ihm auf seine Partnerin aufzupassen, ein Auge auf sie zu haben, Acht zu geben, und sie nicht im Stich zu lassen. Du versprachst ihm, dass du für sie da sein wirst. „Mach dir keine Sorgen Papa“! Deine Augen schmerzten all der Tränen, sie hinterließen salzige Wege des Verlustes auf deinen blassen Wangen. Du gingst ganz nah an ihn heran, nahmst jedes noch so kleine Detail in deinem Verstand auf, um niemals nie zu vergessen, wer er gewesen ist. Dein Papa. Wieder entwichen dir Schluchzer der Hyperventilation, verzweifelte Japser, um Rückkehr bittend. Du führtest deinen Mund auf Papas Stirn und gabst ihm einen herzlichen Kuss, einen Abschiedskuss. Dann klopfte es an der Tür. Die Leichenbestatter wollten ihn mitnehmen.

Du erinnerst dich, wie du einmal mit Papa über das Leben und den Tod gesprochen hattest und du berichtetest ihm von deiner Oma, was seine Mama war. Die Oma hat sich damals bei dir verabschiedet, in ihrem alten Haus, an dem Tag, an dem sie hätte Geburtstag gehabt. Doch sie starb schon ein Jahr zuvor an einem schweren Krebsleiden. Das erzähltest du Papa, wie sie dich aufsuchte, du hast sie nicht gesehen, doch sie hat etwas aus dem Regal geworfen, was mit einem lauten Knall zu Boden ging. Du weißt, das war die Oma. Es war ihr letzter Gruß. Wenn du allein gewesen wärst, hättest du an deinem Verstand gezweifelt, an deinen Hirnsynapsen, die anscheinend nicht mehr rund liefen, doch du warst nicht allein, denn deine jüngere Cousine war bei dir, und ihr saht euch aus großen, erschrockenen Augen an, doch als ihr realisiertet liefen Tränen, Tränen der Freude und der Ungläubigkeit. Papa lachte dich aus, als du ihm Bericht erstattet hast, er fand das wahnsinnig komisch, dieses Märchen, welches du ihm da auftischtest, doch du wusstest es einfach besser. Papa wollte es nicht glauben, weil er nicht konnte, lässt es sich doch nicht rational erklären, alles Humbug.

Nun wünschst du dir, dass er dich aufsucht, dass auch er einen letzten Gruß an dich hat. Du bist dir sicher, dass du es diesmal wärst, die ihn auslachen würde, denn du hast es ja schon immer gewusst, doch dann würdest du weinen und einfach nicht mehr klar kommen in deiner beschissenen Welt, weil er dir einfach so sehr fehlt, und nie wieder zurückkommen wird. Er wird dir nie wieder mit Rat und Tat zur Seite stehen, nie wieder über diese Märchen lachen die du ihm erzählst, die ja gar keine sind, und er wird nie wieder fragen, was es neues gibt bei dir und in deiner Wohnung mit den blöden Nachbarn und bei deinem Job. Er wird dich gar nichts mehr fragen, außer vielleicht eines: „Woher wusstest du, dass es Oma war?“

hampelmann

Online.

Der Fotograf ist daueronline. Im scheiß WhatsApp. Du willst nicht stalken aber er antwortet einfach nicht auf deine Nachricht, die beinahe schon verjährt.

5 Tage.

Keine Antwort.

Du könntest die Wände hoch gehen, es wurmt dich so sehr. Magst gar nicht daran denken mit wem er so dauerhaft schreibt. Dennoch stürzen sintflutartig tausende an Bildern über dir ein. Zeile um Zeile tauscht er sich aus mit diesem Mädchen, was er erst vor kurzem kennengelernt hat. Jung, bildhübsch. Bilder, wie beide sich treffen und Dinge mit einander machen von denen du nur träumen kannst. Spaß haben, lachen. Miteinander. Sich näher kommen, Empfinden und Sein. Auch wenn es nur in deinem Kopf existiert gibt es für dich keine andere Erklärung für sein Verhalten. Distanz kann man nicht anders definieren. Distanz entsteht nur dann, wenn Interesse sich offenbar verflüchtigt. Du kannst das nicht aktzeptieren. Du kannst das nicht schon wieder einfach nur so hinnehmen. Er bedeutet dir doch so viel! Warum hat er nicht einfach Arsch in der Hose und sagt was Phase ist? Du verstehst das alles einfach nicht. Schon wieder diese Fragezeichen, welche dir irgendwann noch den Verstand rauben. Weshalb sucht er erst Freunde, wenn er sie dann in den Arsch tritt? Da nimmst du schon hin, dass er an mehr nicht interessiert ist und dann… UND DANN? Er würdigt nicht mal deine Freundschaft, verhält sich wie ein rießen Arsch. Heult dir erst die Ohren voll von Freundschaft und fehlender Freundschaft, dabei ist er es der an jeder Hand wohl gleich ein Dutzend hat. Du sitzt auf deiner Couch und könntest Dinge zerschlagen über diese Ungerechtigkeit. Es macht dich so wütend, seine Launen, welche sich abwechseln wie Tag und Nacht, Winter und Schnee, Sturm und Hagel. Am liebsten würdest du den Silvesterabend aus deinem überquellenden Hirn löschen, seine Nähe und Zuneigung, die er dir gegenüber zeigte. Am Liebsten möchtest du verdrengen, dass er der Mann ist in den du dich verliebt hast. Du möchtest ihn vergessen und den Tag des Shootings irgendwie rückgängig machen, doch du weißt dass dies ein Ding der Unmöglichkeit ist.

Stattdessen stehst du wieder vor der Wahl: Ihn loszulassen, endgültig, oder weiterhin deinen Gram hinunterzuschlucken, um darauf zu hoffen, dass er irgendwann erkennt wer du wirklich bist. Dass du nicht bist wie die Anderen und nur oberflächliche Beziehungen, hauptsächlich Sex bevorzugst, sondern dass du eine Frau bist mit Charakter und Würde und an ihm und seiner Person interessiert bist. Du bist kein Objekt, kein Wesen was man erst benutzt und dann zu Boden wirft, wenn man es satt hat. Du möchtest ihn, als Menschen, so wie er ist, mit Haut und Haar, mit Narben und all seinen Macken. Sogar als Arschloch möchtest du ihn, wahrscheinlich gerade deswegen, obwohl du dich hasst dafür. Du würdest ihn sogar noch wollen, wenn er sein Augenlicht verlieren würde. Du hast Angst zu kämpfen, denn das ist nicht deine Aufgabe. Du hast Angst davor dass dein Herz sich dieses Mal komplett auflösen wird, und niemehr wieder hergestellt werden kann. Du bist dir sicher, dass er für dich nichts mehr übrig hat, wenn es denn jemals ein Empfinden wie Freundschaft gegeben haben sollte. Du hast Angst vor einem erneuten Faustschlag, mitten in dein schon zerschundenes Gesicht. Wie lange kann man ein Gesicht wahren, ohne dass es zerbröselt wie eine vertrocknete Rose!? Vielleicht solltest du ihm einen Brief schreiben, geht dir durch den Kopf, denn das Schreiben ist wohl das Einzigste was du beherrschst. Doch du hast keine Adresse von ihm. Du hast eine E-Mail Adresse, doch du weißt nicht, ob er deine E-Mail je erhalten, auch nur ansatzweise lesen würde, wenn er nicht einmal auf eine stinknormale WhatsApp Nachricht reagieren kann. Inzwischen hasst du WhatsApp wie die stinkende Pest und du verfluchst diesen hirnrissigen Menschen diese Erfindung publik gemacht zu haben. Auch SMS findest du dämlich, obwohl du das Schreiben liebst. Die Liebe jedoch liegt im Schreiben, nicht aber im Mitteilen und schon gar nicht im Stalken oder spionieren, denn so wolltest du nie sein. Automatisch mutiert man letztendlich zu einem hysterischen Hobbit mit Funken sprühenden Augen. Yeah! Und das alles ohne abzuschweifen.

Du könntest ihm also eine E-Mail schreiben mit all deinem Hirngesafte über Freundschaft, die fehlt, niemals nicht sein wird, weil es ganz und gar nicht das ist was du möchtest. Dann aber stehst du wieder da wo der Bus dich hat stehen lassen. Fortfahrend, ohne dich eines Blickes zu würdigen. Deine winkende Hand verschwindet in den Abgasen des Auspuffes. Zurück bleibt die Hülle deiner Selbst. Du stehst da ohne ihn. Dann ist es definiert, dann weißt du dass du das, was geschrieben steht nicht wirst rückgängig machen können. Denn er hat dein Zugeständnis schwarz auf weiß, nicht nur im Kopf, welcher vergessen kann und verdrengen, sondern auf Papier eines verdammten Rechners. Du möchtest jetzt gerne mal wissen was zur Hölle du schon wieder falsch machst. Du wirfst mit Kissen um dich, an denen er seinen Kopf platt gedrückt hat, wie oft das kannst du gar nicht mehr sagen. Dein Zeitgefühl ist völlig abhanden gekommen, es kommt dir vor als kennst du diesen Menschen nicht erst seit 5 Monaten. Tränen platschen unbeholfen zu Boden, aber du lässt sie da liegen. Morgen ist sein zweiter OP Tag, eigentlich hast du gehofft dass er sich bis dahin mal gemeldet hat, denn nun liegt es schon wieder an dir ihm etwas wie „Chakkaaa!“ zukommen zu lassen.

Möchtest du das? Du bist es allmählich Leid, den Hampelmann zu tanzen, also lässt du es einfach gut sein. Fürs Erste.
©Netti