Flügelschlagen im Bauch.

Dieser Mann, der Schmetterlinge verteilen lässt, im Bauch und nicht nur da. Da ist Glück, welches sich ausbreitet im Kopf und Verstand, im Denken und Handeln. Die Schmetterlinge toben und flattern, wissen gar nicht wohin, sie knallen gegeneinander vor Aufregung und Nervosität. Nähe, so viel Nähe, dazwischen Hitze und Leidenschaft. Glück über die Chemie, die so wunderbar übereinstimmt. Dem Mund umspielt ein Lachen. Echte Münder. Echte Freude. Augen, die lachen, zusammen mit dem Mund. Keine getragenen Masken, um sich zu schützen. Dafür Küsse, welche ineinander verschmelzen, eins werdend. Die Schmetterlinge im Bauch sind kirre im Kopf, und gehen beinahe kaputt vor so viel. Vor so viel Glücksempfinden. 

Hin und wieder jedoch fürchten sie sich, die Schmetterlinge im Bauch. Dann halten sie inne, erstarren in ihren Bewegungen, blicken furchtsam um sich und erwarten Motten, welche ihren Platz einnehmen. Doch da sind keine. Eigentlich sind da keine.

©Netti

Lauthals.

Lachen! Es ist schön, endlich wieder lachen zu können. Und es auch zu dürfen. Man lacht. Laut und echt und von Herzen, aus dem tiefsten Inneren heraus. Weil das Gesagte so viel Spontanität erzeugt, dass da Freude ist und ein kleines bisschen Glück, weil da jemand ist, der dich zum Lachen bringt, und es gern hat, wenn du es zeigst, dieses Lachen was ein echtes ist. Dreckig. Nicht schmutzig aber dreckig, denn Dreck gefällt ja. Den Männern. Und auch dir. Und da auch du ein kleines bisschen Kerl bist gesellt sich gleich und gleich nun mal gern. Und so darfst du einfach du Selbst sein, es ist kein Frage Antwort Quatsch,-sondern eine Unterhaltung die spaßiger nicht sein könnte. Und dann gehst du, weil du früh raus musst, um zu arbeiten. Es wird nach deiner Hand gegriffen und sie wird gehalten und gedrückt, ganz sanft. Auch wenn der Schweiß zwischen den Händen Schmatz Geräusche macht, die Hitze so spürbar. „Wenn das eklig ist..“, meint er nur lachend ohne zu Zwinkern, denn einseitiges zwinkern beherrscht er nicht, „…sag es bitte.“ Aber du findest es okay. Und das sagst du auch. Seine Hand in deiner. Und so lauft ihr die Straße entlang…, es ist dunkel und still und ihr braucht nicht zu reden, denn der Moment spricht in diesem Augenblick für sich. Auch wenn er schnell vorüber ist, hängt er doch noch lange nach..

©Netti

Rückblick an das Damals.

Es gibt Momente im Leben, da kramst du dich durch das, was vergangen ist. Du siehst dich konfrontiert mit den Begebenheiten aus früheren Zeiten. Es existierten Schriftstücke, veröffentlicht und wieder gelöscht. Da sind Zeilen, mit denen kannst du dich längst nicht mehr identifizieren. Und dann gerätst du an einen Text, den du damals gelebt hast, für den Moment, und du stellst fest.. es gibt eben doch Dinge, die ändern sich einfach nicht. Das Gute daran? Heute bringt es dich zum Lachen, wenn du siehst, was Gedanken mit einem machen können..

Mittwoch, 19. September 2012

Fleischklops.

Ih!!! Ich wäre tatsächlich fast gestorben. An.einem.Fleischklops. Beim Nudelsuppe essen.
Mir kam beim Essen ein weiterer unsinniger Gedanke. Und dann hab ich mich verschluckt und der Klops hing quer und mir kamen Tränen und dadurch lief die Nase und ich schnüffelte, hatte einen Stück Klops in der Nase und noch im Hals und war verwirrt, wusste nicht was ich mit einem Klops in der Nase machen muss. Kann man mit der Nase schlucken? Und nun muss ich husten. Ich lebe noch.
Soll das die Antwort auf meine Frage sein? Das war mit Abstand das Widerlichste was mir je wiederfahren ist. Fick dich Fleischklops!!
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Und die Moral von der Geschicht‘!? Denken lohnt beim Essen nicht!

©Netti

Pull out the gun.

Uropi Kurt! Du warst ’ne verdammt coole Socke. All den Blödsinn hast du mich gelehrt, so jung war ich noch. Wir spielten auf dem rießigen Hof verstecken und du erschrecktest mich mit toten Hasenfüßen. Als du die Kaninchen geschlachtet hast, die du selber züchtetest bin ich schreiend davongerannt, habe tagelang geweint. Da war mein Lieblingskaninchen dabei! Mit dem habe ich geschmust und gespielt, es hatte sogar einen Namen! Dein lautes, polterndes Lachen schallte über den Dreiseitenhof. Als du die Hasen nicht mehr ersehen konntest, mussten die Hühner dran glauben, die in deinem Garten hin und herflitzten und alles vollkackten. Das war eklig, man wusste nie wo man hintreten sollte, vor lauter Kacke! Und dann kamst du daher mit deinem Hackebeil, kanntest keine Schmerzensgrenze, die armen Hühner, dachte ich mir, in meinem Kinderhirn. Du lachtest und holtest aus mit dem Beil, die Hühnerlaute der Todesangst werde ich meines Lebtags nie vergessen, panisches Gebrüll. Zum Schluss war Ruhe und der Kopf des Huhns kullerte durch den halben Garten, blieb irgendwann zwischen all der Scheiße liegen. Wenigstens konnte das Tier nichts mehr riechen, sofern die Viecher überhaupt riechen können, sonst wäre es spätestens dann gestorben. Ich erinnere mich, dass die Unterteile vom Körper noch immer gezuckt und gewackelt haben, das Unterteil ist noch kurz hin und her gesaust, auch ohne Kopf, das fand ich gruselig und konnte nicht verstehen wie soetwas funktionieren kann. Auch da rannte ich schreiend und heulend davon, aber geschmeckt hat es dann trotzdem, das Huhn! Mich wundert es, dass ich heute davon keine Albträume habe, so sehr gruselt es mich erneut, wenn ich nur daran denke.

Weniger gruselig allerdings waren deine spannenden, actionreichen Waffenlehrstunden. Du hattest ein mega cooles Luftgewehr, das war so schwer! Konnte ich es doch kaum tragen, mit meinem so zierlichen Körper. In einer kleinen alten Dose lagen die Patronen, Stahl-Rundkugeln oder so. Die waren klein und sahen aus wie ein winziges Hütchen aus dem Mensch-Ärgere-dich-nicht Spiel. Du zeigtest wie man das Gewehr aufludt und entsicherte, und du ließt mich das auch mal probieren. An der Scheunenwand hast du irgendwas aufgehangen, was wir treffen konnten, eine Scheibe, oder ein Blechschild. Dann haben wir geschossen wie die Doofen, das war ziemlich laut. Ich glaube ich habe nie getroffen, sondern immer daneben geschossen, gefetzt hat es trotzdem. Du hast dabei zugesehen beim Schießen und dein so ansteckendes, freundliches Lachen gelacht. Ich wäre sicher ein guter Schütze geworden.

Dann gab es noch den Pfeil und Bogen, liebevoll hast du diese Waffe geschnitzt und sie dann überreicht. Wieder standen wir gemeinsam an dem Zielobjekt und ich durfte schießen. Das war auch sehr cool, aber nicht so cool wie das Gewehr, das Spannen des Bogens ging voll schwer, Muskeln hatte ich ja keine. Meist kam der Pfeil keine zwei Meter weit. Wenn überhaupt, er fiel dann einfach nach 1-2 Metern zu Boden, der Pfeil lachte höhnisch, und schallend, aber es war nicht der Pfeil, sondern du, Opi Kurt, nur dass dein Lachen nicht höhnisch, sondern so wundervoll herzlich und fröhlich war.

Wir sind auch immer in den Wald gefahren, bei uns im Dorf, also du bist gefahren, und das eine Mal, da war der Wagen vollgelade, meine Schwester und meine jüngere Cousine saßen mit drin, und du hast meine Schwester das erste Mal Auto fahren lassen, sie hat immerzu abgewürgt und das Auto kam aus dem Ruckeln nicht mehr heraus, das war ein Spaß! Wir hatten so gelacht! Dann haben wir alle Pilze gesucht, du kanntest dich mit allen Sorten aus. Pilze suchen fand ich gut, aber essen nicht. Am Schlimmsten waren immer diese ekligen Schnecken auf dem Wegesrand, die, die so orange leuchten. Wenn es regnete krochen die überall rum, da habe ich immer geschrien und du hast nur dein Lachen gelacht. HAHAHA, machtest du, und es klingt mir noch heute im Ohr.

Du warst mein Lieblingsopi, du wurdest von allen gemocht. Ich fand immer du sahst aus wie eine männliche Elfe oder ein Gnom, zumindest dein eines Ohr erinnerte daran, es verlief nach oben hin spitz, das hat mich fasziniert. Irgendwann hab ich gefragt was das ist, warum das so anders ausschaut als das meine, und da berichtetest du von dem Krieg. Du hattest ein Stück vom Ohr im Krieg verloren. Das machte mir Angst und ab da an war ich nicht mehr fasziniert von deinem Ohr, sondern ich war traurig und fand das scheiße, dass einfach jemand an deinem Ohr rumgeschossen hat, so wie wir an der Scheunenwand mit dem Gewehr. Plötzlich verstand ich auch das Gewehr, und warum das da war, und dass es okay ist, dass man vielleicht so früh wie möglich lernen sollte, damit umzugehen. Man weiß ja nie…

Wir haben manchmal mit Geld gezockt, untereinander in der Familie beim 17+4 spielen, jedes Jahr zu Weihnachten und Silvester, das Geld schob sich hin und her und her und hin und am Ende hatte jeder wieder sein Geld, nur dass es das Geld des Tischnachbarn war, es war eine große Runde, 15 Mann an einem Tisch. Als du dann nicht mehr da warst wurde die Runde immer kleiner, bis sie sich ganz auflöste. Du hast ein großes Loch hinterlassen, Opi. Bei uns allen. Warst du doch der herzlichste Mensch den ich kannte. Und das mit den Kaninchen, und mit den Hühnern, Opi, das habe ich dir längst verziehen. Die schmecken halt einfach zu gut, das habe ich schon damals erkannt. Kaninchen ist mein Leibgericht, somit lebst auch du immer ein Stück in mir weiter.

©Netti

Frohes Neues? Hauptsache gesund! (1/2)

Es ist kurz vor 20:00 Uhr am Silvesterabend. Du erwartest Besuch, von ihm, den Fotografen. Eigentlich hast du gar keine Lust auf Gesellschaft, dir ist nach Schlafen, im Bett, Silvester verschlafen, den sinnlosen Trubel und Hype den alle wegen diesen Tages machen, umgehen. Dann am nächsten Tag aufwachen, so als wäre nichts, das fandest du schon immer viel besser, hast du generell seit 3 Jahren immer getan. Man verpasst halt auch einfach nichts. Gar nichts. Es ist zu kurzfristig um abzusagen, denn nun klingelt es bereits an deiner Tür. Du lässt ihn herein mit dem Türsummer, und läufst ihm auf halber Strecke entgegen. Musst ja nochmal in dein Plumsklo rein, also die Abstellkammer. Du wirfst da was rein, weil du einfach keinen Platz hast, keinen Platz mehr um deinen Schmerz zu verstauen. Du wirfst ihn zu dem anderen Mist, der da drin rumkriecht.

Der Mann deiner Träume  Fotograf kommt schwitzend auf dich zu, und du lachst ihn gehässig und doch freundlich an. >>Na? Schwer zu schleppen? Kann man dir irgendwie helfen?<< Auf seiner Schulter sein geliebtes Rennrad, was euch schon des öfteren Kummer bereitet hat. Sein Fahrrad lehnt nun wieder an deiner Küchenwand. Es schaut so gut aus, wie es da steht! Ihr plaudert während er sein halbes Zu Hause auf deinem Küchentisch ausbreitet. Cola, drei Bier, 5 DVD´s, ne Menge Süßkram, Luftschlangen, Tischfeuerwerk, zweimal Bleigießen. >>Was hast´n du vor?<< skeptisch schaust du ihn an. >>Na hier ist jetzt Stimmung!<< Ist klar. Er schnappt sich die Luftschlangen geht in dein Wohnzimmer und pustet seine Stimmung überall hin, auch an dir bleibt etwas davon kleben. Nebenbei läuft deine Lieblingsmusik. Anerkennend fragt er nach den Interpreten. Mister und Misses. Quasi. Also MS MR, na wie auch immer. Die jedenfalls. Ihr führt ein Dialog über diese Musik CD, er fragt dich aus darüber, Alter, Erscheinen, Kosten. >>Ich brenn sie dir okay?<< Der Mann ist ganz aus dem Häuschen. >>Eeeeeecht? Das würdest du tun?<< Wow. Du bist verwundert über so viel Begeisterung über eine CD, die auch noch gebrannt ist. Ihr wandert wieder in die Küche und handelt darüber was ihr essen wollt. Die Entscheidung fällt auf Nudelauflauf. Du kochst die Nudeln während er das Nudelgemisch anrührt. Beim Wurst schnippeln erzählt er dir begeistert von seiner Kurt Krömer Show. Du schaust derweil die ganzen DVD´s durch und suchst dir was aus, was ihr dann schauen könnt. >>Du bist ja heut der Bestimmer.<< Später haut ihr das Zeug in den Ofen und ihr setzt euch davor wie zwei zwölf Jährige. >>Früher hab ich da immer gern stundenlang reingeschaut. Wie auch in der Waschmaschine. Kennst du das?<< Lachend stimmst du zu. Gedanklich fragst du dich ob er jetzt wirklich vor hat hier rumzusitzen, vor dem Ofen, und hineinzublicken. Du bewegst dich zur Couch und er hinterher. Ihr schaut zusammen >>Halloween<< und ihr müsst lachen, über die Schlechtigkeit des Films, obwohl ihr beide den voll gut findet. Ihr lacht zusammen. Wie einst. Gut schaut er wieder aus, das bemerkst du als du ihn länger musterst, vorsichtig, nicht dass er davon Wind bekommt. Als der Auflauf fertig ist, schaut ihr weiter Michael Meyers, bis zum Schluss. Hunger hast du irgendwie nicht. Gerade mal drei Löffel bekommst du runter, dann schiebst du dein Essen von dir. >>Magst du dann noch?<< Der Teller schiebt sich von A nach B. Er mag. Seltsam. Dir ist grad irgendwie komisch. Flau. Da ist so komische Luft in deinem Bauch. So ein Druck, nicht weichen wollend. Ein Stressball? Du fragst ihn halb schockiert, halb panisch: >>Aber du willst dann doch nicht etwa.. also Willst du dann raus, zum Knallen? Also.. willst du vor die Türe????<< Er lacht. >>Bloß nicht.<< Du stimmst ein. >>Oh Gott seit dank. Ich dachte schon..!?<< Nach dem Film schmeißt ihr Kurt Krömer, die Show in den Player. So erlebt ihr den Kurt nochmal gemeinsam. Das hast du ja verpasst. Das gemeinsam. Stattdessen war er mit irgendwen anders gemeinsam. Mit wem weißt du noch immer nicht, aber lieber möchtest du das gar nicht wissen, obwohl du innerlich durchdrehen könntest vor Nichtwissen über die geheimnisvolle Person. Ihr lacht und habt Spaß mit Kurt. Nebenbei zündest du ängstlich das Tischfeuerwerk an. >>Nicht dass da jetzt hier was abfackelt!?<< Er lacht dich aus. In dem Ding ist ein kleiner Ring. Den setzt du dir selber auf den Finger. Auf den Kleinen. Nicht mal da passt er. Der Fotograf schnappt sich den pinkfarbenen Stern, welchen er sich an sein Ohr klemmt. 5 Minuten vor 0:00 stellt er den TV ein. Du holst derweil zwei Gläser Sekt zum Anstoßen. Überall sind diese unsinnigen Timer eingestellt. >>Los komm´den Spaß machen wir uns jetzt!<< Er zählt ab 5Sekunden runter. Du schämst dich inzwischen fremd. Über die peinlichen Menschen hinter dem Flimmerkasten, welche krampfhaft mit 1000 unbekannten Menschen zu „Rednex“ gezwungene Stimmung verbreiten. Als die Menschen hinter dem Glas plötzlich durchdrehen schaut ihr euch stirnrunzelnd an. Ihr nehmt easy peasy euer Glas und stoßt an. Er sagt „Frohes Neues“, während du ihm zeitgleich „Gesundes Neues“ verlauten lässt. Denn mit der Fröhlichkeit ist das ja immer so ne Sache, bei euch. Ihr macht euch lustig über die Menschen, die so albern feiern, während ihr euch fragt, ob ihr einfach nur langweilig seid und alt, aber wahrscheinlich seid ihr einfach nur beides. Ihr schwingt euch zu deinen Wohnzimmerfenstern, da seht ihr Recht gut und schaut euch die Raketen an. Nach dem Tumult schaut ihr noch ein bisschen weiter. Ihr redet und er fragt dich Sachen, mit seinem Stern im Ohr. Lila. Fehlt nur noch das es blinkt. >>Kannst du das mal bitte raus nehmen da? Wie soll ich dich denn für voll nehmen, wenn du mit mir redest, mit diesem Ding!?<< Ihr prustet los. Endlich spielt ihr Bleigießen. Als du dein Blei in die Schale wirfst entsteht ein seltsames Dings. Ihr knipst die Taschenlampe an. Und ihr blickt beide auf das Bild vor euch an der Wand.
   

 

Geschockt sagt ihr beide. >> Ein Baby!<< (Familie vergrößert sich.) Haha. Verarsche. Bei dir verkleinert sie sich ehr. Dann ist er dran. Sein Blei verformt sich zu einem keulenförmigen Dings. Doch im Licht erkennt ihr beide aus einem Munde. >>AAAAAH EIN FÖTUS MIT RIESEN NABELSCHNUR.<< Ihr lacht. Doch er sagt mehr >>Oh mein Gott.<< als dass er lacht. Also lasst ihr das. Ihr zappt noch sinnlos durch die Kanäle. Heimlich laufen dir ein paar Tränen über die Wange, in deinem Kopf ein Bild von Papa, Papa wie er lacht und dir ein Frohes Neues wünscht. Dem Fotografen entgeht nichts. In seiner Hand eine Taschentuchpackung die er dir reicht, ohne etwas zu sagen. Mit der Zeit fallen deine Augen beinahe zu. >>Ich müsste dann mal langsam Schlafen..<< Die Uhr zeigt 1:30, du musst früh wieder raus. Er fragt ob er bleiben kann, mit dem Radl wegen der Knaller, die noch immer durch die Luft jagen. Du stimmst zu. Ihr macht euch fertig. Zum Schluss drückt er dich nochmal herzlich und wünscht dir eine Gute Nacht. >>Wenn du reden willst…<< Du wünschst zurück, während sich die Türen nebeineinander schließen.

So liegst du in deinem Bett, während er hinter dieser Wand auf deiner Couch liegt. Wieder ist dieses Loch in deinem Bauch, in deinem Magen. Dir ist plötzlich schrecklich schlecht. Du hast Angst dass da jetzt gleich was doofes passiert also sprintest du zum Bad, doch nichts. Nur so ein EkelGefühl. Du sprintest zurück und wieder ins Bad, ins Bett ins Bad, ins Bett ins Bad und ins Bett und dann ruft es >>Alles okay mit dir!?<< Der Fotograf steht in der Tür, das Licht scheint in dein Zimmer. Er kommt näher. Kommt auf dich zu und hockt sich zu dir nieder, an dein Bett und schaut dich unwissend an. >>Nein<< bringst du aus dir heraus. >>Mir ist komisch. Mir ist schlecht. Mir ist scheiße.<< Und dann brechen alle Dämme über dir ein. Deine Tränen laufen über vor Ekel in dir drin über das Gefühl aus deinem Bauch, was du nicht zu deuten weißt, da ist Schmerz der dir über die Wange kriecht, vor dem Verlust deines Papas, welcher dir so sehr fehlt, da ist Trauer über die Leere, die er in deinem Herzen hinterlässt, weil er einfach nicht mehr ist, und Angst strömt in salzigen Perlen verkleidet als Träne über deine Wange, schreckliche Angst, die dir den Hals zuschnürt, Panikartige Angst, die hochkriecht über das Wissen dass du bald schon dein Papa zu Grabe tragen musst. Dass du dich verabschieden musst. Jetzt ist er weg du siehst ihn nicht mehr, noch ist es unwirklich, als stünde er gleich wieder neben dir und würde seine Witze machen, über dein Auto das du fährst. Doch dann. Dann bekommt das Geschehene ein Bild. Dann hat das Geschehen einen Namen, während alle auf dich zukommen, mit Händen voller Mit,- und Beileid und Sachen wünschend die du nicht hören magst. Angst den Mann zu verlieren der vor dir hockt, tröstend deine Hand streichelt, immer wieder, die ganze Zeit, bis du ausgeweint hast, die Tränen der Übelkeit und des Schmerzes. Angst ihn zu verlieren. Und auch die Angst, ihn zu verlieren, durch einen Schmerz der dich von mal zu mal auffressen wird, weil du ihn nicht wirst haben können und das setzt dir zu. Wie lange wirst du diese Last tragen können? Du hast Angst ihn zu verlieren, nie wieder deine Zeit mit ihm verbringen zu dürfen. Du hast Angst, dass es niemals eine Chance für euch geben wird. Angst, dass eure gemeinsamen Tage gezählt sind. Und du ihn an irgendwen verlieren wirst, ohne ihm auch nur gesagt zu haben was du wirklich für ihn fühlst. Ab wann ist denn der richtige Zeitpunkt? Du willst ihn nicht überrollen, erst recht nicht, nach seiner Ansage, die mit dem >>Verlieb´dich nicht in mich!<< Und all das hin und her danach. Freundschaft? Ja, nein, vielleicht. Du hast Angst vor dem Erneuten Rückschlag, also bist du dankbar für jedes Mü von ihm. Wenn es auch nur Freundschaft heißt. Du kannst dir nicht mehr vorstellen, wie es war, als du ihn noch nicht gekannt hast. Du kannst dir nicht mehr vorstellen, wie es war, als er noch nicht da war für dich, wenn du Schutz brauchtest, wenn du Trost suchtest. Und auch bekamst, durch ihn, den Fotografen. Er gibt dir so viel. >>Soll ich bleiben?<< Fragt er dich. >>Bei dir?<< Tränen laufen weiter, haben sie schon mal aufgehört zu tropfen? >>Jäh, nein, ja, ich weeiß niiicht…<< Du schluchzt hemmunglos, während er weiterhin deine Hand streichelt. Sanft, beruhigend. Unter Tränen blickst du ihn an. >>Kannst du doch hier bleiben? Bitte?<< Eine Träne platscht laut auf deinem Laminat auf und hinterlässt eine salzige Pfütze der Hoffnung. Hoffnung auf ein bisschen Friede in dir drin, wenn auch nur für den einen Moment, dessen Minuten gezählt sind. >>Ich geh nur schnell ins Bad. Bin gleich wieder bei dir. Brauchst du etwas? Kann ich dir was bringen?<< Du bist ihm so dankbar. Nicht enden wollende Tränen durchtränken dein Kopfkissen. Gleich darauf legt er sich zu dir. Er deckt sich zu und streichelt deine Hand, deinen Arm, dich. Du liegst auf dem Rücken, doch du spürst seinen Blick. Dir ist so schlecht. Du windest dich im Bett, möchtest so gern sterben, der Qual ein Ende bereiten. Dann drehst du dich zu ihm. Ihr blickt euch an. Er streichelt weiterhin deine Hand, dann über dein Haar. Neben dem Gefühl der Qual erscheint ein neues Gefühl, eines der Dankbarkeit und Glück. Glück ihn gerade jetzt bei dir zu wissen. Glück ihm begegnet zu sein, auch wenn er dir niemals das entgegenbringen kann was du für ihn empfindest. Er tut dir so gut jetzt gerade. Und für den Moment ergeht es dir etwas besser, doch dann drängt sich das Loch wieder zwischen euch, mit aller Macht und du könntest kotzen, dass das gähnende Schwarze eure Nähe zermürbt. Du stehst auf und hin zum Bad und da bleibst du obwohl keine der elenden Bastarde deinen Körper verlassen wollen. Als du wieder zu ihm ins Bett gehst, dich neben ihn legst, nimmt er dich zur Brust, ganz sanft und streichelt deinen Kopf, dein Haar, deine Hand. So aber kannst du nicht verharren, alles in dir drückt und windet sich. >>Es kann sein, dass ich dann bald einschlafe.<< Flüstert er. >>Okay.<< Flüsterst du zurück. >>Danke.<< Doch er winkt ab.

In der Nacht, bestehend nur noch aus 4 Stunden findest du keine Ruhe, keinen Schlaf. Als dein Wecker klingelt stehst du gequält aus dem Bett auf und machst dich fertig für die Arbeit. Du hinterlegst dem Fotografen wie abgesprochen deinen Zweitschlüssel. Der soll dann einfach im Briefkasten liegen, wenn du von der Arbeit kommst. In deiner Wohnung schaut es aus, als hätte da was gewütet. Abwasch, Deko, Geschirr, SilvesterKram. Zeug. Du schreibst einen Zettel für ihn.

>>Danke für alles! Wenn du magst frühstücke ruhig noch. Schlaf aus wenn du möchtest, bleib so lange du magst. Danke, dass du da geblieben bist.<<

Daneben legst du die Schokobons, du hast sie mit einer selbstgemachten Schleife umwickelt. Neben die Sachen legst du den Zweitschlüssel. Leise fällt hinter dir die Tür ins Schloss.

 

©Netti

Wie war nochmal der Masterplan?

Du steigst nun schon leicht beschwippst aus der Bahn aus. Die Blase drückt, damn it, also hechtest du noch flink zum Bahnhof um eine Hütte aufzusuchen. Du willst zwei Euros in den Schrankenautomaten werfen, aber die Eule dahinter, welche die Hütten bewacht, mault dich doof von der Seite an. „Da geht nur ein Euro rein, junge Dame!“ Das schnallst du nicht, also beschließt du so zu tun, als sprichst du ihre Sprache nicht. Deine Hand nimmt die zwei Euros zum Schlitz und die Alte springt beinahe im Dreieck. „Hallo!? Sie müssen wechseln!“ Das kapierst du erst recht nicht. Ja wie sollst du denn jetzt bitte wechseln und vorallem wo? Du funkelst zurück. „Ja aber, wo denn bitte?“ „Na am Automaten.“, keift sie dich voll. Fragend schaust du sie an. Mit ihrem wurstigen Finger zeigt sie auf den blauen Wechselautomaten der 2 Euro in 1 Euros wechseln soll. Wie sinnlos ist das denn bitte. Als du endlich erleichtert bist, gehst du durch die Schranke zurück nach draußen, bloß weg hier, und schaust dich zu der Krähe um.

„Die Klapse hat heut Wandertag!“ „TSCHÜSSIIIIE!“, sagst du ihr zuckersüß ins Gesicht.

Die Uhr verrät dass du fünf Minuten drüber bist, über der Zeit, nun musst du ranklotzen. Du sputest dich und rast über die Straßen. Hoffentlich ist er schon da. Du hasst es, wenn du diejenige bist, die warten muss. Aber auch er ist noch nicht da. Er, der Fotograf. Also läufst du noch etwas die Straßen hoch und runter. Von weiten siehst du ihn dann schon auf dem Radl angefahren kommen. Seine Jacke schwarz. Er lächelt dich freundlich an. Und du bist plötzlich wieder aufgeregt wie doof. Der Sekt dreht Kreisel in deiner Birne, aber angenehme, nichts schlimmes. Er entschuldigt sich, dass er zu spät ist und nimmt dich in die Arme. Das ist gut, dann musst du nicht all deinen Mut zusammenkratzen. Du bemerkst dass er erkältet ist, als er spricht. „Ohr nee, bist du krank oder was? Na suuper. Jetzt kann ich dich nicht mal küssen. “ Du lachst und er stimmt in dein Lachen ein. Er hat vergessen dich darauf hinzuweisen. Ihr geht die Treppen hoch und steuert die Ecke an, an der ihr zu eurem ersten Treffen Platz genommen hattet. „Wieder der Platz vom letzten Mal?“, fragt er dich. „Gern!“ Dieser ist sogar noch frei. Obwohl es ansonsten recht voll ist. Er deutet auf deinen freien Platz und ihr setzt euch einander gegenüber. Schon bringt die Kellnerin die Karten und fragt nach dem Getränkewunsch. Er bestellt kein Hefe Weizen, aber ein großes Radler und du bestellst keinen Sekt aber einen Prossecco. Nun hast du endlich die Gelegenheit, ihn dir genauer zu betrachten, denn du hast ihn nun schon viel zu lange nicht sehen dürfen, so lange dass du dein Zeitgefühl komplett aus den Augen verloren hast. Er trägt eine dunkelbeige Stoffhose und ein grob kariertes Hemd, was ihm unglaublich gut kleidet. Auf der Nase seine Brille, die du sehr an ihm magst. Er schaut schon scheiße aus. Also kaputt. Knülle. Erledigt. Müde. Tot. Seine Krankheit hat sich an ihn drangeheftet und frisst ihn auf. Weiche von mir. KKKkkkkkkkkkkkssssssssch. Du erfährst dass er müde ist, obwohl er bis drei geschlafen hat. Das erklärt alles, und er hätte sich am liebsten geohrfeigt dafür. Hätte er mal. Na wenigstens freut er sich, dass ihr euch trefft, sonst wäre er wohl im Bett liegen geblieben. Ihr schaut ewig, ewig und ewig in der Karte rum und könnt euch einfach nicht entscheiden. Ihr beide nicht. Die Kellnerin schickt ihr immer wieder weg. Ihr fragt euch gegenseitig über die Speisen aus, seid hinterher aber doch nicht schlauer. Dann irgendwann bestellt ihr. Du sagst ihm was er das letzte Mal hatte, denn das weißt du noch wie heute, und er bestellt genau das. Eine Salamipizza. Und du, du hast keinen Hunger, das hast du auch vorausgesagt aber er möchte dass du isst, denn alleine essen ist halt einfach scheiße. Du willst nicht so sein und bestellst dir eine Kartoffelsuppe. Da stehst du drauf und mehr würdest du auch einfach nicht runter bekommen. Ihr stoßt an mit euren Getränken und dieses Mal, heute, blicken seine Augen genau in die Deinen. In deinem Bauch schlagen die Schmetterlinge mit ihren Flügeln gegen deine Rippen. Es kitzelt und fühlt sich ein bisschen so an wie ein Flugzeug. Ein Flugzeug am Himmel, wenn es auf guter Höhe in ein kleines Luftloch gerät. Ein harmloses, leichtes, aufregendes Luftloch, was deinen Adrenalinspiegel in die Höhe schlagen lässt. Du möchtest unbedingt wissen wie es ihm so geht, und ob er tatsächlich bald fort geht. Er berichtet dass er noch keinen Praktikumsplatz hat, und so schnell geht er auch nicht, also auf jeden Fall nicht gleich zum 1.12, auch wenn er bis dahin gekündigt hat. Du bittest ihn darum dir zu verraten wie die Kündigung verlaufen ist und wie sie reagiert haben, die Kollegen und die Chefin. Du erfährst so viel und es freut dich. Es freut dich wie super ihr euch versteht, es freut dich, dass ihr euch tatsächlich was zu sagen habt, es freut dich, dass du dich wieder so unglaublich wohl fühlst in seiner Nähe. Hast du etwas anderes erwartet? Die Andere erwähnst du mit keiner Silbe und du hoffst dass auch er ihren Namen nicht in den Mund nehmen wird. Denn die Stimmung ist gerade sehr locker und flockig. Ihr lacht viel. Blödelt rum, habt Spaß. Zusammen. Wenn er lacht erkennst du dass er wirklich lacht, sein Lachen ist echt, das erkennst du an seinen Augen, denn dieses Mal lachen sie mit. Seine Augen lachen mit. Du kannst dich nicht erinnern, jemals mit einem Menschen so viel Spaß gehabt zu haben. Das Essen kommt schon bald und ihr legt los. Während des Essens führt ihr nur seichte Konversation, damit ihr euch nicht gegenseitig Krümel und Tropfen ins Gesicht pustet. Ihr lasst euch Zeit mit dem Essen, ihr sitzt ewig daran. Er hat keinen großen Hunger und auch du hast zu kämpfen, doch daran sind nur die Schmetterlinge Schuld in deinem Magen, welche er nicht mal ansatzweise erahnen kann. Als ihr das Besteck gelegentlich beiseite packt kommt die Kellnerin und macht von naher Entfernung Anstalten die Teller gern mitnehmen zu wollen. Aber hey,- du bist ja noch gar nicht fertig,-und löffelst fröhlich weiter. Ihr schaut euch an und prustet wieder los vor lachen. Hoffentlich hast du ihm nicht ins Gesicht gespuckt, etwas von der Suppe aus der Schale vor dir. Hängt dir jetzt etwa eine Kartoffel am Kinn? Irgendwann sitzt ihr vor leeren Tellern und so sitzt ihr ziemlich lange, doch an Unterhaltung fehlt es trotzdem nicht. Ihr bestellt noch eine Runde. Ihr redet und redet. Du bist glücklich, dass er so schnell nicht verschwinden wird, du hast was anderes erwartet. Er fragt dich, ob du mit ihm zu Kurt Krömer magst, doch du hast ja selber schon eine Karte, nur in einer anderen Stadt, was er bereits weiß. Doch wenn du nochmal für die Karte zahlen musst möchtest du das nicht. Denn billig ist der Krömi gewiss nicht. Es hat dich damals nicht überrascht, dass ihr den gleichen Comedian mögt, denn ihr lacht über die Selben Dinge. Dennoch freut es dich ungemein und du würdest dir nichts mehr wünschen, als mit ihm dorthin zu gehen. Er hat noch keine Begleitung und das soll auch so bleiben. Denn du bist es, den du an seiner Seite siehst. Du möchtest in sein Lachen einstimmen, du möchtest ihn glücklich sehen. Du möchtest einfach einen weiteren Tag mit ihn verbringen. Noch einen weiteren Tag, der dich glücklich macht, weil du bei ihm sein kannst. Du genießt jede Sekunde in seiner Nähe. Denkt er da genauso? Dein Getränk ist schon wieder alle. Also kommt Nachschub. Er fragt dich, ob er dich portraitieren darf und du glaubst dich verhört zu haben, beinahe verschluckst du dich an deinem Sprudelwasser. Was bitte? Er möchte gern eine Mappe anfertigen und Aufnahmen von dir haben, das heißt wenn du nicht noch immer beleidigt bist. Den letzten Satz überhörst du und du fragst nochmals nach, denn du bist dir einfach nicht sicher ob du ihn jetzt echt verstanden hast. Er setzt noch einen drauf und möchte die Fotos bei sich machen. Hä?  Er lädt dich zu sich nach Hause ein, da wo doch sonst nur die Andere war. Er möchte gern mit dir kochen, da du es nicht kannst kocht er halt, und dann, dann möchte er einen Film mit dir schauen. Scary Movie. Nicht nur einen Teil, am liebsten Alle. Auch wenn du Scary Movie nicht sehr magst, du magst nur den ersten Teil, bist du einfach platt. Du bist platt und kannst nicht anders als ernst zu nicken und ihm zuzustimmen. Es ist dir kackegal was für ein verdammter Film das ist, es ist egal was er so unbedingt mit dir schauen möchte. Du würdest alles mit ihm schauen. Auch wenn dir die Augen zufallen vor Müdigkeit, aber du würdest bleiben. Du würdest neben ihm sitzen bleiben, vielleicht auch liegen. Und es würde sich gut anfühlen. Und vielleicht sogar für ihn. Oh Gott, er mag dich echt bei sich haben. Die Kellnerin möchte euch schon mal abkassieren, das verstehst du ja gar nicht. Was ist denn das für eine Bedienung, und so unhöflich. Die versteht ja nicht mal seine Späße. Du würdest dich totlachen, vor Lachen, wenn du so einen Clown zu Gast hättest. Du würdest dich totlachen über seinen so herrlichen Humor, wenn du es wärst, die ihn bedienen würde. Aber du würdest ihm wahrscheinlich auch einfach nur um den Hals fallen, weil er klasse ist. Er lädt dich ein ohne irgendetwas vorauszusetzen und fragt dich nach deiner PIN, als er seine Karte in den Schlitz steckt. Ihr wiehert los. Als die Kellnerin mit dem Stock im Hintern wieder abdackelt zeigt er dir seine zwei Nichten aus seinem Portemonney. Und du bist gerührt. Du bist gerührt, dass er sich dir gegenüber so sehr öffnet. Du bist dir sicher, dass er ganz wunderbar zu seinen Mädels ist, mit Kindern ganz hervorragend umgehen kann. Plötzlich beschleicht dich ein ganz eigenartiges Gefühl, direkt aus deinem Herzen. Nein! Nein! Das kann darf nicht sein! Gänsehaut kriecht deinen Körper hoch. Er zückt sein Handy, denn nun möchte er dir noch mehr seiner Fotos zeigen. Noch mehr Fotos zeigen. Er zeigt dir so viel und du bist geplättet. Geplättet von so viel IHM. Von so viel Wissen über sein Leben, so vieles was du nun ableiten kannst, durch die Fotos, aber nicht nur das. Denn er erzählt. Er erzählt kleine Geschichten zu all den Fotos und du bist unglaublich gerührt. Du hörst ihm aufmerksam zu, möchtest alles speichern, und ja nichts vergessen, damit du weißt und auch behalten kannst was du all die Zeit so unbedingt über ihn erfahren wolltest, auch wenn das längst noch nicht alles ist. Du fragst nach, wenn du etwas näher erklärt haben möchtest, du hakst nach, wenn er etwas sagt, was du nicht auf Anhieb verstehst. Er ist ein guter Erzähler und sehr sehr geduldig. Ein wohliges Gefühl durchfährt deinen Körper. Er schaut dir intensiv in die Augen bis dir schwindelig davon wird.

Scheiße. Dir wird grad irgendwie anders. Dein Kopf dreht grad, irgendwie ganz leicht. Obwohl dir schon die ganze Zeit sehr heiß ist, wird dir nun heiß und kalt, und das abwechselnd. Dir bricht leichter Schweiß aus, und dir wird schwummerig, im Kopf und nicht nur da. Deine Füße fühlen sich plötzlich so leicht an. Kackmist. Kipp jetzt hier bloß nicht um. Der Fotograf redet weiter und du nickst und nickst. Atme! Atme! Das du gern mal hyperventilierst weißt du seit deiner letzten Operation und das darf dir jetzt hier keinesfalls passieren. „Chill mal! Entspann dich! Sei locker! Alles gut. Alles easy. Alles cool!“, redest du dir innerlich Mut zu. Du atmest tief ein, die Luft hier ist aber auch zum Schneiden abartig.

Als du diese kurze Panikwelle überstanden hast bewirft er dich plötzlich mit Papierkügelchen, bestehend aus eurer Rechnung. Kugel Nummer eins  trifft in deinen Schoß. Nummer zwei landet in deinem Ausschnitt. ÄHM!? Ihr lacht lauthals. „Wie alt bist du man?“ Du klaubst die Kügelchen von deinen Körperstellen runter und schlägst ihn mit seinen eigenen Waffen. Welche ihn direkt an der Birne trifft. Es ist dir Schnitte, dass euch alle doof von der Seite anschauen, denn mit ihm kannst du sein wer du bist.

Du setzt seine Brille auf deine Nase, welche dir immer wieder hinunter rutscht.  Er schmunzelt und sagt, „Komm, gib mal dein Telefon, ich mach ein Foto, damit du siehst, wie´s ausschaut.“ Du bist verwundert über seine so freundliche Art. Was geht denn bei ihm? Du gibst und er schießt ein Foto. Und noch eins. Dann sagt er leise nur, du musst dich anstrengen damit du verstehst, aber du verstehst tatsächlich richtig, „Das ist süß.“ Süß? Die Schmetterlinge in deinem Bauch melden sich flügelschlagend zurück. Aufgeregt drehen sie ihre Runden. Versehentlich macht er ein Selfie mit deinem Handy. Ein Selfie von sich. Hä?

Irgendwann beschließt du, dass du los musst, denn du willst die Bahn nicht verpassen. Dieses Mal nicht. Du nimmst deinen orangenen Blazer. „Der ist schön! Ist er neu?“, fragend blickt er dich an. Also heute schießt er echt den Vogel ab. „Nö.“, sagst du ganz nebenbei.

Draußen weht euch ein kalter Wind um die Nase und Flocken wirbeln zu Boden. „OOOOHR Schnee!“ Der Fotograf guckt wie ein Kind. „Ähm!? Es hat heute schon mal geschneit.“ „Ah echt? Ja scheiße, da hab ich gepennt.“ Du stöhnst. So ein Idiot. „Ich kann dich noch zur Bahn bringen? Aber fahren lieber nicht. Nicht dass das Radl wieder kaputt geht.“ „Hah! Ähm nein, danke, geht schon. Diesmal bekomm ich das schon geschissen, das mit der Bahn. Zumindestens das.“ Er umarmt dich und fährt los. Ihr entfernt euch von einander. Er fährt in die eine Richtung, während dich deine Beine von ihm weg tragen, in die Richtung die zur Straßenbahn führt. Nun schneit es dicke Flocken. Schneeflocken bleiben an deinen Sachen hängen. Sie bleiben kleben an deiner Kleidung, verschmelzen mit der Hitze deines Haares. Du wirfst den Kopf nach oben und siehst, wie die Flocken auf dich niederfallen. Lautlos und hell. Fast blendend lassen sie sich auf deinem Gesicht nieder. Dich umgibt ein Glücksgefühl. Schnee! Schöner hättest du dir ein Ende gar nicht vorstellen können. Für ihn, den Fotografen.
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© Netti