Eine Zugfahrt die ist lustig.

Der Zug fährt ein mit quietchenden Reifen. (oder Bremsen?) Ich hasse dieses Geräusch. Da rollen sich mir die Zehennägel ein. Und mir geht das Messer in der Tasche auf. Und.. na auf jeden Fall ist es ekelhaft. Menschen quetschen sich aus dem Zug und ich frage mich ernsthaft wie viele Leute eigentlich in so einen IC passen? Ob die sich stapeln mussten? Hoffentlich muss ich mich nicht auch gleich stapeln. Genervt rolle ich mit meinem viel zu großen Koffer zum Einstieg, während mich jemand anrempelt. Samma. Hackts!? Schon jetzt habe ich die Schnauze voll. Ich hasse Menschen. 

Nun endlich hebe ich meinen wuchtigen, viel zu schweren Koffer in den Zug und rolle ihn vor mich her. >Sitzplatz. Sitzplatz. Verdammt ich möchte sitzen.<, innerlich fluche ich vor mich hin. Logisch, wie nicht anders zu erwarten, der Zug ist gerammelte voll und ich habe alles, nur keine Sitzplatzreservierung. Danke Schwesterherz. Beim nächsten Mal höre ich lieber auf meine Intuition, nicht auf deine. Ostern. Ich hasse Ostern.

Der Zug fährt los und irgendwie stehe ich und komme nicht voran. >Sind die denn alle bescheuert?<, denke ich mir und könnte kotzen. Schwitzend und triefend stehe ich irgendwo im Gang und es geht einfach nicht vorwärts. Hinter und neben mir quengeln Kinder, ein anderes schreit. Ich hasse Kinder. 

>Spitzenmäßig. Das kann ja eine wundervolle Zugfahrt werden. Stehend bis München.< Nun bin ich auf alles gefasst und wappne mich für das was mir bevorsteht. Erstaunlicher Weise geht es nach einer gefühlten Stunde, obwohl nur zehn Minuten, endlich weiter. Die Menschenmasse vor mir bewegt sich und gibt den Weg durch die Gänge frei. Langsam rollt der Koffer mit mir voran und meine Augen blicken suchend um sich. Aber nein. Kein Sitzplatz. Als ich vor dem Scheißhaus stehe stoppt die Schlange. Na toll. Genervt schiebe ich meinen Rollkoffer ein wenig zur Seite, damit die Idioten nicht drüber stürzen und lasse meinen Hintern auf die Treppen der Ausstiegstüren plumpsen. Nun meldet sich auch mein Magen zu Wort und er knurrt erbärmlich vor sich hin. Seufzend krame ich mein Lunchpaket hervor und fange an zu essen, während sich just in dem Moment die Tür zum Scheißhaus öffnet. >Kackfahrt!<, denke ich und sehne mich nach einem Platz zum Sitzen, damit ich in Ruhe mein Buch lesen kann. Der Traum zerplatzt vor meinem inneren Auge, wie ein Luftballon wenn Kleinkinder mit Karacho draufspringen, und dann heulen weil der Knall zu laut ist. Immermal wieder weht dieser unglaublich frische und leckere Duft aus der WC Kabine zu mir rüber, während Leute kommen und gehen. 

Eine Stunde ist bereits vergangen, als der Schaffner vor mir stehen bleibt. >>Fahrkahrten bitte.<< Suchend krame ich in meiner Tasche rum und reiche ihm diese, ohne etwas zu sagen, auf Konversation habe ich keine Lust. Und Luft habe ich auch nicht, denn inzwischen ist der Muff im kleinen Gang noch intensiver. Die stickige Luft wird von zwei weiteren Leuten weggeatmet, welche sich mir gegenüber hocken. Auch sie wirken genervt. Die blöde Zwischentür direkt vor mir geht permanet auf und zu, weil Leute zur Toilette müssen, oder sich die Beine vertreten möchten. Gelangweilt beobachte ich das Auf und Zu der Türen und bemerke einen Mann dessen Blicke ich auf mir spüre. Die Schiebetür geht wieder zu. >Ähm!?<, mich wundernd greife ich zum Spiegel und schaue vorsichtig in mein ungeschminktes Gesicht. Durch die Fenster der Schiebetür spüre ich noch immer diesen fremden Blick auf mir. Wieder schaue ich in den Spiegel. Einzelne Fusseln meines Haares stehen vom Kopf ab. Mein Dutt beginnt sich langsam aufzulösen. Müde Strähnen hängen in mein Gesicht. Der Mund ein genervter Strich. Wieder das Auf -huch- jetzt bleibt sie länger auf, und oha, der Mann schaut immer noch. Er lächelt. Lächelt er zu mir? Ich schaue nach, ob er vielleicht jemand anderes gemeint haben könnte, aber nein, die zwei Mädels die hier hocken sind nicht in seiner Sichtweite. Zaghaft lächle ich zurück. Und weil ich sonst nichts anderes zu tun habe -es ist mir zu blöd hier vor dem Scheißhaus mein Buch zu lesen-, lächeln wir uns an, sobald die Tür sich öffnet, um sich wieder zu schließen. 

Dümmlich geht unser Lächeln in ein Grinsen über, manchmal tauschen wir uns auch mitleidvolle Blicke aus. Wenigstens habe ich jetzt etwas zu tun. Inzwischen habe ich jegliches Zeitgefühl verloren. Wieder öffnet sich die Tür. Diesmal gehen keine Leute vorüber, doch der junge Mann von hinter dem Glas blickt lächelnd zu mir herunter und im Gehen sagt er etwas. Was er sagt kann ich leider nicht verstehen. Warum eigentlich? 

Fasziniert beobachte ich seinen ziemlich schönen Mund. Und dann schaue ich in seine dunkelbraunen Augen. Oder schwarz? Gibt es schwarze Augen? Seine braunen Haare, wahrscheinlich bin ich farbenblind, sie schimmern auch ein bisschen schwarz, hängen ihm seitlich über die Stirn. Neidisch blicke ich auf seine schwarze Lederjacke. Saucool! Ob die mir auch stehen würde? Dann ist der Moment vorüber und die Lederjacke mit dem Mann verschwunden. Blöd. 

Etwas traurig nun keinen Zeitvertreib mit albernem Grinsen mehr zu haben, beobachte ich die Mädchen die mit mir diesen Raum teilen. Die beiden zeigen sich ihre Telefone und lachen über irgendwas. Auch ich überlege mir mein Telefon aus der Tasche zu kramen um über irgendwas zu lachen, doch stattdessen stehe ich auf und schaue durch die Glasscheiben der Schiebetür. Gerade sehe ich noch wie seine Jacke aus dem Abteil verschwindet. >Soll ich ihm hinterherlaufen?<, frage ich mich und blicke auf meinen viel zu großen, grasgrünen Rollkoffer herab.

©Netti

Ein Gefühl wie Heimweh.

Manchmal magst du Menschen nicht. Du hasst sie. Eigentlich immer. Sie sind zu laut, zu unverschämt. Sie sind einfach zu viel. Menschen sind in der Überzahl. Es gibt zu viele von denen. Zu viele Leute, die man doch gar nicht mal kennt. Vielleicht will man sie auch gar nicht kennen. Vorsicht walten lassen, achtsam sein. Mit offenen Augen durchs Leben gehend, denn du weißt ja nicht ob man dir was böses will. Heute musst du schon damit rechnen abgeknallt zu werden wenn du nur deinen Kopf zum Wohnzimmerfenster raushängen lässt, weil du wunderst dich ja über den entsetzlichen Lärm auf der Straße. Blödes Rumgeschreie und klirrende Flaschen an Hauswänden, du musst ja nach dem Rechten sehen, und hoffst dass du keine Rechten siehst, schließlich steht dein Auto gleich da vorne. Nicht dass es doch dein Autofenster war, Glasscherben die nun zersplittert am Boden liegen.

Da traut man sich ja kaum noch raus, aus den eigenen vier Wänden, man ist sozusagen gefangen, weil man Angstschiss scheißen muss und nicht mehr runter kommt von der Hütte. Aber Wege musst du ja trotzdem gehen, du hast schließlich Termine, stehst mitten im Leben. Auch wenn du dich manchmal eher so am Rande befindest, vom Leben, in dem sich irgendwie alles ohne dich abspielt.

Also gehst du mal wieder rein ins Leben und hinaus in die viel zu lauten und viel zu vielen Menschenmassen. In der Bahn sitzend fährst du zu deinem Termin, den du am Liebsten absagen würdest, du bist extra zeitig aufgestanden, hast dir den Termin extra so früh gelegt, damit du noch was vom Tag hast, wie bescheuert. Lieber würdest du dich gerade noch fünf mal im Bett rumdrehen und fünfmal länger schlafen. Deine Augen werden schon wieder schwer, du musst dich ein bisschen zwingen, wach zu bleiben. Also schaust du. Du schaust sinnlos durch die Bahn und beobachtest. Das liebst du, du liebst es die Menschen zu beobachten, die du eigentlich hasst. Wahrscheinlich widersprichst du dich dabei, aber das ist dir egal, du musst doch jetzt wach bleiben! Die Bahn rattert und rumpelt und quietscht penetrant vor sich hin. Der Platz neben dir ist zum Glück frei, sonst müsstest du Angst haben, vor Messern und komischem Spray, vor Ringen mit so Spitzen und vor Knarren und Gewehren. Gruselige Szenarien, das sieht man ja mittlerweile auf jedem Nachrichtensender. Abgeknallt in der Bahn, weil man niesen musste, oder furzen. Vielleicht auch beides. Manchmal auch weil es sogar gute Menschen gibt, die sich in eine Rangelei einmischen um den bösen Menschen vor einer schlimmen Tat zu bewahren. Doch meist sind es dann die Guten, welche die Arschkarte haben. Die Guten gehen immer zuerst. Du schüttelst den Kopf um den Quatsch der sich innerlich abspielt aus dir rauszubekommen.

Inzwischen bleiben deine Augen an einem Mann kleben, er ist etwas älter, Mitte fünfzig vielleicht, schätzt du, obwohl du überhaupt nicht schätzen kannst. Du beobachtest ihn eingehend. Seine Augen,- und Gesichtszüge, Schatten und Ränder ums Auge herum. Obwohl du diesen Menschen nicht kennst, weißt du, dass er eine Geschichte hat. Jeder Mensch hat das. Jeder erzählt sein eigenes Leben. Mit dem Ausdruck im Gesicht. Mit Körperhaltung und Geste, Mimik und Erscheinung. Dieser Mann lässt etwas in dir aufleben. Ein warmes Gefühl. Eine Empfindung, die du nur ganz selten zulässt, weil du vorsichtig bist. Und aufmerksam. Es ist kein Mitleid, was sich in dir breit macht, denn du wüsstest nicht warum du mit ihm mitleiden solltest, du kennst ihn ja nicht. Aber du hast ein Bedürfnis. Dieser Mann strahlt Ruhe aus, keine Traurigkeit, aber das Leben was ihn prägt, und zu dem werden ließ das er ist. Er strahlt etwas aus, was dich seltsam wehleidig werden lässt, du bekommst direkt Heimweh, so sentimental könntest du auf der Stelle weinen. Deine Augen blicken noch immer. Vielleicht Starren sie auch. Lächelnd, mit einem leichten Schimmer im Augenwinkel. Er bemerkt es, und du bemerkst dass er es bemerkt, er rutscht etwas nervös auf seinem Sessel hin und her, nicht genervt, aber Acht gebend. Trotzdem kannst du es nicht lassen, beinahe bekommst du sie zu fassen, die Geschichte, hinter seinem Gesicht. Das Bedürfnis wird größer, es übermannt dich fast, es plättet dich, und du hast keine Ahnung was das soll, denn das ist doch bescheuert, ob Andere auch so bescheuert sind? Du musst dich stark zusammenreißen das Gefühl zu unterdrücken, musst dich zusammenreißen nicht aufzustehen um zu ihm hinzugehen, den Mann in deine Arme zu schließen. Einfach so. Du hast jetzt gerade das sehr starke Bedürfnis diesen Mann zu drücken. Er ist dir fremd.

Du kennst ihn nicht.

Kennst seine Geschichte nicht, und doch möchtest du ihn gerne drücken. Du erinnerst diese Momente, es ist nicht das erste Mal, dass du das Bedürfnis hast irgendwelche wildfremden Menschen zu drücken, es ist nicht das erste Mal dass du so ausgiebig beobachtest, du hast das immer mal wieder, diese seltsamen Anwandlungen, und es ist dir auch immer wieder unheimlich. Das Gefühl des Heimweh´s ,(was du echt nicht schnallst. Heimweh wenn du einen fremden Menschen anblickst? Macht das Sinn?) und den Drang nach einer Umarmung. Du bist dann nicht traurig, nur ein wenig feinfühliger, noch feinfühliger als ohnehin schon. In diesen Momenten möchtest du den Leuten gern eine Freude machen. Ihnen etwas schenken. Leider hast du nichts dabei was du dem Mann schenken könntest. Du scharrst in deiner Tasche und kramst Tempos hin und her und Tampons und zwischen Kaugummipapierfetzen und Bonbonpapier fasst du in etwas klebriges. Aufgeweichte Schokolade schmiert sich an deinen Händen breit. Na klasse, denkst du dir, und könntest gerade ein bisschen kotzen. Da ist ein selbst gemaltes Zentangle Bild, auf einem quadratischen Stück Papier, das könntest du ihm geben. Aber eigentlich hast du nichts was du ihm geben könntest. Als er zu dir blickt ärgerst du dich, denn das Einzige was du bei dir trägst ist dein Lächeln, was du ihm schenkst. Du lächelst ihn freundlich an, er wirkt so lieb, und du freust dich, denn er lächelt zurück. Das Gefühl nach Heimweh wird stärker und größer. Als die Bahn quietschend anhält musst du aufstehen, deinen Platz des Starrens verlassen, und du beschließt für die Rückfahrt schnell im Blumenladen vorbei zu schauen. Du möchtest diesmal etwas dabei haben, wenn dich wieder das Gefühl nach einer fremden Umarmung übermannt, du möchtest etwas dabei haben, was du schenken kannst. Etwas, was bleibt.

©Netti 

>>Man sollte öfters Lächeln, von Herzen, und es auch genauso meinen.<<

Feierabend. Du fährst mit der Karre schnurstracks nach Hause, es regnet schon den ganzen Tag, doch das tut dem guten Gefühl in dir keinen Abbruch. Im Radio läuft Sia mit „Fair Game.“ Es läuft rauf und runter, und noch immer hängt es dir nicht zu den Ohren raus, niemals wird es das, es trifft dich doch zu sehr. Du bist emotional so sehr im Lied gefangen, deine Stimme singt den Text lautstark mit, zum Glück hast du die Fenster geschlossen, dein Mund bewegt sich stumm für alle außenstehenden Passanten und Autofahrer, kein Ton dringt bis zu ihnen hindurch. Es ist dir egal was die anderen denken, denn heute ist ein guter Tag, das Leben ist schön! Du singst und singst und schreist all dein Gefühl aus dir heraus, als der grüne Ampelpfeil auf orange springt und dann nur noch die rote Ampel leuchtet. Sie brüllt dich an. Gleichzeitig bemerkst du den jungen Fahrradfahrer direkt vor dir, der soeben über die Straße laufen möchte, oder eher fahren, huch, wo kommt der denn her!? Dein Fuß tritt auf die Bremse um eine Vollbremsung hinzulegen. Du singst weiter und schreist und lächelst nebenbei dein entschuldigendes, niedliches Lächeln, denn du wolltest ihn jetzt echt nicht überfahren. Er lächelt sehr, sehr freundlich zurück, der Gute, und du lächelst weiter, im Sekundentakt lächelt ihr euch gegenseitig voll, er dreht sich nochmals zu dir um und lächelt, er lächelt und lächelt und du bemerkst, dass sein Lächeln sehr, sehr symphatisch ist. Auch du lächelst weiter irrsinnig vor dich hin, kannst gerade gar nicht aufhören damit, auch wenn der Radfahrer längst außer Sichtweite ist. Dieser Mensch hat dir keinen Stinkefinger gezeigt, nein, er hat dich angelächelt, ohne hämisch zu wirken, er hat gelächelt ohne ein Gegenlächeln zu erwarten, er hat nochmals gelächelt, auch wenn du aussahst wie Kackwurst heute und ihn fast umgenietet hättest, dieser Mensch hat gelächelt, trotzalledem. Und du!? Du hast zurückgelächelt.

©Netti

Der mit dem heißen Arsch.

Du zwinkerst. Irgendwas ist da in deinem Auge, aber vielleicht ist auch nur die Kontaktlinse verrutscht. Dein Kumpel neben dir redet Dünnschiss und diesmal beklagst du dich nicht drüber, du nickst, und lachst immermal ganz dümmlich, während deine Augen einen Punkt visieren. Nebenbei schielst du in die Karte, doch du kannst dich einfach nicht entscheiden, auf was du Appetit haben sollst. Der Punkt aus der Ferne, den du bis eben gerade noch anvisiert hast, bewegt sich plötzlich leichten Schrittes auf euch zu. Schnell schiebt dein Blick sich wieder in die Karte. Dein Kumpel beklagt sich plötzlich, dass du ihm heute alles durchgehen lässt, er erzählt dir Müll, kann dir alles erzählen, du hörst ihm gar nicht zu. Du gibst nur genervte Antworten, auf seine Fragen, die nicht mal welche sind. Irgendwie ist dir heute jegliche Konversation zu viel. Der Punkt aus der Ferne bleibt stehen, direkt vor eurem Tisch. Ein leichtes Lächeln blickt auf euch nieder. „Darf ich euch schon was bringen?“ Du lächelst ihn an, besonders freundlich und wünschst dir eine Sprite, während der Kumpel ein alkoholfreies Hefe bestellt. Du schaust den Kellner an, mit deinen großen Augen und er schaut zurück, den Mund zu einem leichten Lächeln geformt. Immerwieder läuft er an euch vorüber in seinem schwarzen Dress mit seinen hellbraunen Haaren, ihn umgibt ein männlicher Duft. Du kannst die Augen einfach nicht von ihm losreißen wahrscheinlich musterst du ihn sehr penetrant und plötzlich kannst du den Bahnfahrer verstehen, denn wenn man etwas Schönes erblickt muss man einfach immer wieder hinsehen, ohne den Blick abwenden zu können, man wird übermannt von der Faszination, die einen umgibt. Der Kellner wirft dir hin und wieder ein paar Blicke zu, doch du vermisst das Lächeln, was ihn so sympathisch wirken lässt. Irgendwann wählt ihr und du nimmst das Schnitzel während dein Kumpel Pasta nimmt. Ihr betreibt leichte Konversation, ansonsten genießt du einfach nur das schöne Wetter. Das Essen geht fix und steht dampfend vor euch. Der Kellner lächelt und wünscht einen guten Hunger. Du blickst ihn an, versuchst es wieder, deine Augen öffnen sich und du musst blinzeln, die Wimpern machen zaghafte Wusch Geräusche, doch du kannst seinen Blick den er dir zurück wirft einfach nicht deuten. Wahrscheinlich hast du verlernt wie das funktioniert, das mit dem Flirten. Du vermisst die Majo und brummelst das in deinen Bart, dein Kumpel verlangt vom Kellner Majo nach. „Na toll. Jetzt kann er mich bestimmt nicht mehr leiden! Wegen dir. Und der Majo!“ Du denkst an den Mann in der Bahn, kurz nur, und du weißt, dass du immer auf dein Bauchgefühl hören kannst, du bist froh dass du nun erkannt hast, was dieses Bauchgefühl aussagen möchte, wie es sich bemerkbar macht und vor allem, wie du es erhörst. Dein Bauchgefühl bei eurem ersten Treffen sagte dir, NEIN, es sagte nein und schrie danach, dass das mit ihm irgendwie gar nicht geht. Du fühltest dich nicht wohl in deiner Haut, es war ganz anders als mit ihm den Fotografen, soetwas wünschst du dir nochmal, nur schöner, freundlicher, weniger schmerzhaft und tränenreich. Zum ersten Mal in deinem Leben bist du froh die richtige Entscheidung getroffen zu haben, eine Entscheidung die sagt: >>Dich möchte ich nicht wieder treffen, auch für eine Freundschaft nicht, und Freunde habe ich, selbst mit denen bin ich schon überfordert, was mir fehlt ist Nähe zu einem Menschen, der meiner würdig ist, ein Mann, mit dem ich mich austauschen kann, ein Mann, der… Fotograf… <<, wieder springen die Gedanken davon wie ein Flummiball und dein Kumpel fragt: „Hast du mich gerade angezwinkert!?“ „Bestimmt!“ Du rollst mit den Augen und fragst dich was mit ihm los ist heute, plötzlich ruft er dich Schatzi und du möchtest am Liebsten die Faust heben, denn als du siehst wie der Kellner an euch vorüberläuft muss Hasi grinsen. Das bekommt er zurück. Kosenamen. Sein scheiß Ernst? Du verabscheust diese ganzen Kosenamen-um-sich-werfenden-Pärchen, nie wieder möchtest du mit einem Kosenamen angesprochen werden. „Was soll der scheiß!? Lass das!!!“, deine Augen sprühen Funken. „Ernsthaft, das ist dein Typ, ja?“, er fragt nach was er haben sollte, dein Typ Mann, und du beschreibst ihn, den Fotografen, als du auf die Gasse blickst erkennst du Menschen die vorüber gehen, wie auf einem Laufsteg, und egal wo du hinblickst du siehst ihn, den Fotografen. Dein Kumpel unterbricht gelegentlich sein Essen und lehnt sich leicht zurück, du hast Lust auf das was er isst, dein Schnitzel hängt dir grad der Quere im Hals, du hast jetzt Bock auf die Lachswürfel, die lachen dich schon die ganze Zeit an. „Tauschen?“, also tauscht ihr eure Teller. Dein Kumpel lehnt sich zurück, muss kurz pausieren, von dem dicken Schnitzel, du aber bist fertig nach wenigen Bissen, der Teller ist leer, also schiebst du den leeren Teller von dir. Der Kellner schaut zu euch, kommt leicht näher und Hasi nimmt das Besteck um weiter zu essen. Das wiederholt er einmal, zweimal, und macht dich darauf aufmerksam: „Immer wenn er herkommen will, esse ich weiter.“, dabei lacht er, als hätte er einen richtig guten Witz gemacht. „Samma! Hakts!? Wie alt bist du? Zwölf!? Lass den Scheiß! Wegen dir guckt der jetzt nur noch so böse! Der ist schon total genervt!“, langsam reicht es dir echt. „Jetzt mal im Ernst..“, er schluckt, schaut dich dann an, „der ist nichts für dich! Ohne Mist! Der nicht! Such dir einen Anwalt, oder einen Ingenieur, aber doch keinen Kellner, das passt nicht. Das geht nicht. Nicht zwei aus derselben Branche.“ „Woher willst du denn wissen, dass er nicht nur Aushilfskellner ist!? Er studiert bestimmt gerade Jura, Architektur oder, oder,..sowas halt.. Das macht der doch nicht hauptberuflich, heutzutage macht das doch keiner mehr freiwillig.“ Ihr diskutiert noch ein wenig weiter, bestellt noch was zu trinken und haltet euch eine Weile auf. Als du zur Toilette gehst und zurück zum Tisch läufst siehst du wie der Kellner gerade abkassiert hat, dich nervt das. Dein Kumpel fragt noch nach einem Bewirtungsbeleg, du erkennst dem Kellner an, dass er gerade sehr genervt ist von ihm, und das kannst du ihm nichtmal verübeln, aber vielleicht ist er auch von dir genervt, von euch beiden. Du fragst dich ob man flirten verlernen kann. Kann man? Er holt den Bewirtungsbeleg und wünscht Euch noch einen schönen Abend!“ Das euch scheint er extra zu betonen. „Hast du einen Kuli? Gib mir mal bitte!“, dein Kumpel schaut dich fordernd an. „Häh? Wieso? Musst du das jetzt schon ausfüllen? Warum denn das?“ „Gib mir mal bitte einen Kuli!“ „Aber das musst du doch jetzt gar nicht ausfüllen, mach das doch später.“ „Bitte. Kuli!“ Du wühlst in deiner Tasche, in der alles mögliche ist, nur ein Kuli nicht. „Hab keinen!“ Er stöhnt. Na dann nicht und drückt dir den Beleg in die Hand. Nun bist du komplett verwirrt? „Häh? Wieso gibst du mir deinen Beleg? Den brauchst du doch.“ „Man, ich wollte deine Nummer drauf schreiben!“ Du schaust wie ein Auto. „Ähhh!? Nein!? Komm wir gehen.“

Während ihr lauft, schaust du immer wieder zurück zu dem Kellner, doch er bemerkt dich nicht. Du seufzt. „Der war schon süß.“  „Kopf hoch!“, sagt dein Kumpel und nimmt dich in den Arm. Du findest jemanden. Während du einen letzten Blick über deine Schulter wirfst, hoffst du dass du keinen bedürftigen Eindruck machst. Hoffentlich kommst du nicht verzweifelt rüber. Du bist es eigentlich auch nicht, du magst es, wie es im Moment ist, und doch fehlt dir die Zweisamkeit, Nähe, Liebe. Du hättest nie gedacht dass du das mal sagen würdest aber doch, du sehnst dich nach Nähe und Geborgenheit. Du setzt dir auf deine ToDo Liste im Kopf eine Notiz die besagt:

-Nochmal zu der Bar mit dem anziehenden Kellner gehen, er hatte einen süßen Arsch, das hast du gesehen, als er direkt vor dir stand, mit seinem Hintern zu dir, welch ein schöner Anblick. Geh dahin, aber nimm nicht deinen Kumpel mit. Schnapp dir am besten eine deiner Freundinnen und geh einen trinken und dann gib alles und flirte auf Teufel komm raus. Auch wenn du mehr männliche Freunde hast als weibliche, lass die Jungs mal Jungs sein, sonst wird das einfach nichts. Damn it. Warum hast du auch keine weiblichen Freundinnen!? (Oder nur drei an der Hand!?) 



©Netti

 

Auf ein (Nimmer)Wiedersehen!? 2/2

Du sitzt in der Bahn auf dem Weg in die Stadt, denn der Mensch der dich bei der letzten Bahnfahrt ansprach, möchte sich mit dir treffen. Das Wetter ist schön, die Sonne strahlt mit ihrer Wärme und Freude durch die wenigen Quellwolken am Himmel. Du streckst dein Gesicht in Richtung des Lichtes und genießt in schweigsamer Vorfreude den herannahenden Sommer. Die Bahnfahrt verläuft ruhig. Auch wenn du eigentlich keine Lust hast, auf das Treffen mit diesem fremden Menschen, bist du doch ein wenig aufgeregt, weil du dich gleich unterhalten musst, du musst Worte finden, die du sonst nur schriftlich parat hast, du musst Antworten finden, auf seine Fragen, die dich in die Enge drengen werden. Du bist etwas zu früh, denn du möchtest nicht gleich hinhetzen, zu dem Treffpunkt, ihr möchtet bei dem schönen Wetter ein Eis essen gehen, und gemütlich in der Sonne ausharren. Also hast du noch etwas Zeit und du lässt dich nieder auf einer Bank, mitten in der Stadt, so kannst du ganz gemütlich die Blicke schweifen lassen und Leute beobachten, das machst du ja so gern. Beobachten. Nicht starren. Du zündest dir eine Zigarette an und reckst den Hals, dein Gesicht schaut genau in die Sonne, für einen kurzen Moment schließt du einfach nur die Augen, du denkst an nichts, sondern du fühlst die wärmenden Strahlen auf deiner Haut, du riechst die sommerliche Brise, die Sonnenmilch, und all die Dinge, die der Sommer mit sich bringt. Als du deine Augen wieder öffnest hast du das kurze Gefühl beinahe zu erblinden, Farben verschmelzen zu einem einzigen, blendenden Feuerball, die Menschen um dich herum sind plötzlich grün und rot, blau und gelb. Kleine Lichtpunkte tanzen vor deinen Augen, bunte Kreise bewegen sich durch die Lüfte und schweben leise und leicht hinauf in Richtung Himmel, bis sie mit der Sonne verschmelzen und Eins werden. Dein Blick bleibt an einer Taube haften, welche ihren Weg durch die Menschenmassen bahnt, sie ist dreckig und doch erstrahlt ihr Gefieder in den schillerndsten Farben. Eigentlich hasst du Tauben, doch gerade in diesem Moment fühlst du dich irgendwie mit ihr verbunden, mit dieser einen Taube, ihr Kopf schimmert lila, vielleicht ist das eine besondere Taube, die sich suchend auf dem Boden nach etwas zu Fressen umblickt. Ihr Schnabel pickt immer wieder in den Asphalt, in der Hoffnung auf etwas Essbares zu stoßen, was die Passanten achtlos haben fallen lassen. Die Taube läuft eiligen Schrittes und völlig planlos durch die Gegend, der Kopf ruckt in schnellen, kurz abgehakten Bewegungen vor und zurück. Wahrscheinlich gibt sie gurrende Laute von sich, wäre es etwas leiser könntest du es sicher hören, doch die Laufgeräusche, das Menschengemurmel und die Straßenmusikanten verschlucken den Moment. Die Menschen achten nicht auf das kleine Wesen am Boden, es muss Acht geben, dass es nicht überrannt wird, läuft hin, her, hin, her, hin, her. Und hin und her und hin und her. Hin. Her. Kurz empfindest du Mitleid gegenüber diesen Geschöpfes, doch auch Bewunderung. Es fasziniert dich, wie planlos und doch vorsichtig es sich fortbewegt. In dieser Hinsicht kommt es dir vor wie ein Abbild deiner Selbst. Wahrscheinlich hättest du eine Taube werden sollen, wärst du nicht als Mensch auf diese Welt gekommen. Stattdessen lagst du im winzigen Brutkasten, -um dein eigenes Leben kämpfend. Das Einzigste was dieses Tauben-Wesen wahrscheinlich denken kann ist: „Hunger“. Auch dein Hunger meldet sich langsam bei dir zurück, du freust dich auf das Eis. Eine Nachricht blinkt auf deinem Handy auf, wahrscheinlich ist ihm noch nicht aufgefallen, dass du auch WhatsApp besitzt, was nicht weiter störend für dich ist. Er schreibt er ist schon da, steht vor dem Eiscafé, und trägt eine Jacke, blau. Wie auffällig, aber so kannst du wenigstens flink davon laufen, wenn du schon von weitem bemerkst, dass dieser Mensch so gar nicht geht. Du musst dümmlich grinsen, willst aber nicht oberflächlich sein. Die Jacke leuchtet grell, so dass es schon fast in den Augen schmerzt. Du läufst auf ihn zu und ihr begrüßt euch mit einem schüchternen: „Hey!“, während du  nervös vor ihm stehst. Er trägt eine Sonnenbrille um seine Augen zu verdecken, auch du verdeckst dein Innerstes. Möchtest ihm ungern deine Seele zeigen. Dennoch nimmst du die Brille ab und auch er tut es dir gleich. Flüchtig reicht ihr euch die Hände, wie man das so macht, als Begrüßung unter unbekannten Menschen. Ihr pflockt euch an einem freien Platz und schaut euch erstmal an, neugierig, vorsichtig. Dir selber ist es unangenehm, denn du hast keinen Schimmer ob du ihn gern anschauen möchtest, ob der Blick auch automatisch zu ihm hingleiten und an ihm hängenbleiben könnte, doch bisher hältst du seinem Blick nicht stand, immer wieder wendest du deinen Kopf ab und schaust interessiert in die Menschenmassen, die an euch vorbeieilen. Wo sie wohl hingehen? Der Mann neben dir hat ein nettes Lächeln, und freut sich, dich zu sehen. Deine Freude behältst du für dich, denn es ist dir irgendwie gleichgültig. Du freust dich dass die Sonne scheint, und die Strahlen dein Gesicht wärmen, während du es in die Sonne hältst und den Duft in dir aufnimmst. Ihr bestellt euch ein Eis. Du wie immer eine Eisschokolade, Veränderungen hasst du, weswegen du dich gern an Altbekanntes klammerst, es gibt auch einen Strohhalm, an dem kannst du dich festhalten. Auch darauf freust du dich. Der Mann zu deiner rechten grinst dich viel an, so groß ist seine Freude dich zu sehen. Er möchte vieles von dir wissen und auch wenn du nicht erzählen möchtest, du möchtest gerade viel lieber zuhören, gibst du nur das Nötigste von dir Preis. Wieder nervt dich diese Phase des Kennenlernens und der peinlichen Fragen. Du überlegst, wie es bei ihm war. Bei ihm den Fotografen. Und du stellst fest, dass das mit nichts zu vergleichen ist. Plötzlich bist du wieder traurig und irgendwie bist du dir fast sicher dass das mit dem grinsenden Mann hier nichts werden wird. Ein bisschen bist du enttäuscht von dir Selbst, aber auch erleichtert. Ihr redet eigentlich ganz angenehm, du bist froh wenn er erzählt, dann musst du nichts sagen und kannst zuhören, nebenbei löffelt ihr schweigend in eurem Eis und du hängst an dem Strohalm, klammerst dich dran fest um dich nicht zu verlieren, in ihm, den Fotografen. Als er wieder versucht die Sprache auf dich zu lenken, um Dinge von dir rauszukitzeln, fragt er eine Frage die an deinem Nerv zerrt und du überlegst aufzustehen und zu gehen. Er fragt, wo deine Eltern leben und ob sie geschieden sind, ob sie noch immer einen guten Kontakt zu einander haben, und ob sie im Guten auseinander gegangen sind. (Nicht weit von hier, ja einen Recht guten Kontakt, ja,ja im Guten Auseinander gegangen, das kann man schon so sagen..) Als du nicht mehr länger ausweichen kannst und dann noch mehr auf das Thema Papa eingegangen wird, er dich damit an die Wand drängt, dich umzingelt und dir beinahe ein Messer in die Brust rammt sagst du: „Hey ich mag da jetzt einfach nicht drüber reden! JA!?“ Das Ja brüllst du beinahe, es ist dir fast schon unverständlich, wie man einfach nicht checken kann, dass das Thema gerade gar nicht passt. Abweisender hättest du gar nicht antworten können. Er entschuldigt sich, ohne zu wissen wofür und du möchtest am Liebsten weinen, aber du lässt es bleiben, stattdessen wiederholst du das Spielchen mit der Sonne, sie wärmt dich ein bisschen, denn innerlich ist dir plötzlich eisekalt. Nachdem euer Eis aufgelöffelt ist spaziert ihr noch ein wenig durch den Park, der Wind pfeift in kalten Böen um die Ecke, während die Sonne an Wärme verliert, Quellwolken versperren immer wieder ihre Sicht. Er setzt sich auf seine Jacke und du dich auf deine Tasche, während du vorher die Zigaretten vor deinem Hintern gesichert hast. Du rauchst eine Zigarette, klammerst dich an ihr fest und pustest die blöden Gedanken aus deinem Hirn raus. Du bietest ihm auch eine an und ihr raucht zusammen, während er wahrscheinlich nicht nur seine Gedanken, sondern sein komplettes Inneres heraus pustet, so laut pustet der, irgendwie stört dich das. Auch würdest du gern allein hier sitzen, dich nerven seine Fragen die fragen was denkst du gerade? Du stellst fest dass es tatsächlich blöde Fragen gibt, nicht nur blöde Antworten, denn auf die Frage „Warum hast du eigentlich keinen Freund.“, gibt es nicht nur keine Antwort, sondern du möchtest ihm am Liebsten deine Faust in seine Fresse rammen. Wenigstens gibt er zu, dass das eine beschissene Frage ist. Trotzdem ist sie ganz nett die Unterhaltung die ihr führt, wenn du mal nicht sprichst, denn irgendwie ist dir nicht danach. Du (ver)traust ihm nicht, warum kannst du nicht benennen, wahrscheinlich hat der Fotograf dein Vertrauen gestohlen, und weggesperrt, sodass du da nie wieder drankommst. Nach der Zigarette rauchst du gleich noch eine, aber deine Nervosität und das schleichende Unbehagen lässt sich einfach nicht wegpusten. Du stellst dir vor wie du ihn öfter triffst. Und du fragst dich ob du ihn küssen könntest, wenn du wolltest, doch etwas in dir ist auf Ablehnung getrimmt. Dieses Grinsen… Während er sich leicht streckt blitzt sein kleiner, blasser Bauch hervor, leichte Härchen sind darauf zu sehen. Dieser Anblick nervt dich eher, als dass er irgendwas in dir bewirkt. Du kannst dir nicht vorstellen wie du ihm näher kommen solltest. Sein leichter Duft weht während einer leichten Brise zu dir rüber, und du weißt nicht ob du ihn als angenehm empfinden sollst. Irgendwie ist dir gerade ein bisschen schlecht von dem Duft. Er erzählt derweile dass er gern mal verreist, er möchte gern mal an den Nordpol in einer Hütte sein, dazu braucht er aber einen Aufpasser mit einem Gewehr, einen der sich auskennt, wegen der Eisbären. Die sind wohl ganz, ganz böse, und gefährlich und dem Bär interessiert das nicht, dass du ihn niedlich findest. Jetzt musst du lachen. Das erste Mal. Das findest du traurig, denn du lachst gern und bist eigentlich ein sehr fröhlicher Mensch, wo dieser fröhliche Mensch wohl abgeblieben ist? Als es merklich kühler wird beschliesst du aufzubrechen, deine Zähne schlagen bibbernd aufeinander. Er bietet dir seine Jacke an, obwohl selbst er eine Gänsepelle auf der Haut spazieren trägt, also lehnst du dankend ab. Während ihr schweigsam den Weg zurück lauft, bleibt ihr an seiner Haltestelle unbeholfen voreinander stehen. Als er fragt ob ihr euch wieder seht wendest du kurz den Blick von ihm ab, innerlich befällt dich gerade eine Schweißattacke, du hast keinen Strohhalm, an dem du dich festklammern kannst. „Klar!“, sagst du ihm und ringst dir ein Lächeln ab, weil du gerade im Moment daran glauben magst, du magst gern selber an das Glauben, was du ihm ins Gesicht versprichst. Lächelnd schaut ihr euch an und er umarmt dich, irgendwie vorsichtig, so, als könntest du bei seiner Berührung zerbrechen, aber vielleicht würdest du das sogar auch. Du läufst los, ohne dich noch einmal umzudrehen, und trotz dass du dieses Mal keinen Rauch eingeatmet hast, pustest du endlich all die Anspannung aus dir heraus.

©Netti

Kontaktaufnahme: Zurück in die Zukunft. 1/2

Der Urlaub vor mir Selbst hat nun doch mal ein Ende. Kann ja nicht ewig so weitergehen. Außerdem fehlt ihr mir, und ich möcht euch knutschen, für eure lieben Worte. Ihr habt mich -wieder einmal- zu Tränen gerührt!

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Änderungen ziehen sich durch das Leben, ständig ändert sich was, manchmal so groß, dass es in das Hirn einschlägt wie eine Atombombe der fiesesten Art. Man sollte meinen irgendwann gewöhnt man sich daran, aber es trifft dann doch immer mal wieder ziemlich unerwartet. Ob manche Änderungen gut oder schlecht sind, lässt sich nicht immer zu Beginn beurteilen. Mit all den Gedanken sitzt du in der muffigen, stinkigen, wohl aber glücklicherweise, nicht ganz so vollen Bahn. Du hast dich extra auf einen freien Platz gepflanzt, neben dir all dein Taschengedöns, damit nicht noch wer auf die Idee kommt sich neben dich zu setzten um dich zwanghaft in ein Gespräch zu verwickeln. Um dich herum Menschen, nur ein paar. Du kannst deinen Abscheu und Gram gegenüber Menschen nicht unterdrücken, ja du hasst Menschen, auch wenn du selber einer bist, also schaust du ablehnend und desinteressiert aus dem Fenster, umgeben von deinen Gedanken, auch wenn es dein Plan war Urlaub zu nehmen, vor dir Selbst. Doch dass der Urlaub mit dieser Bahnfahrt enden wird weißt du schon, bevor du auch nur die Bahn betrittst. Irgendwas ist anders. Nur was kannst du einfach nicht benennen. Trotz der Gedanken hast du ein Lächeln auf den Lippen, für Andere wohl kaum wahrnehmbar, doch für dich, für dich schon, denn du spürst die Veränderung die soeben in dir wächst. Heute ist ein guter Tag. Die Bahn hält an diversen Haltestellen, Menschen steigen aus, und neue Passanten betreten die Bahn, all das weißt du, obwohl du nicht einmal deinen Kopf hebst. Wieso auch, ist ja viel interessanter raus zu schauen, wenn man drin ist. Häuser ziehen an dir vorüber, Ruinen und komische Menschen. Überall sind Menschen, eigentlich verrückt, wenn man sich das so vorstellt. Bildlich und so. Und jeder davon schaut anders scheiße aus. Jeder auf seine Art. Fasziniert hängst du deinen schnell wechselnden Gedanken nach. Dann plötzlich wird dein Hirngulasch unterbrochen, von einem irgendwie seltsamen Gefühl. Da schleicht sich was in dein Empfinden, und du kannst es noch nicht ganz herauskristallisieren, du bist dir nicht sicher, von was dieses Gefühl in dir hervorgerufen wird. Noch während du darüber grübelst, weißt du plötzlich woher es kommt. Du wirst beobachtet. Und zwar ganz, ganz gruselig, penetrant fast schon, so zumindest fühlt sich das an. Du spürst beinahe, wie sich irgendwelche Augen in dich reinfressen, aber nur ein Paar. Also zwei Augen, aber diese Augen schon alleine schauen für die Menschen der ganzen Bahn. Dir gruselt es innerlich, und du scheust dich, den Kopf zu heben. Mei, wer weiß wen oder was du dann erblickst, es gibt die gruseligsten Geschöpfe auf Erden. Irgendwann hältst du diesen Blick auf dir nicht mehr aus, und du möchtest schreien: „Ey! Samma! Hackts!??? Hab ich was in der Fresse oder was!? Schau wen anders an und hör auf mich anzustieren! Das ist sowasvon…. psycho!“ Du hebst also genervt den Kopf, wendest ihn ab vom spannenden Leben hinter Glas, und blickst geradeaus, genau dahin, wo du den starrenden Blick vermutest. Du bewegst den Mund um garstige Sprüche zu formulieren, doch stattdessen denkst du nun: „Krass! Was für Augen!“ Du erblickst die krassesten, blauen Augen die du je gesehen hast. Ertappt wendet er seinen Blick von dir ab. Vor dir sitzt ein junger (?) Mann, der nicht mehr ganz so jung scheint, wie er wirkt. Der Mann schaut fast aus, wie dein ehemaliger Arbeitskollege, nur in einer jungen Version. Eine gewisse Ähnlichkeit besteht. Du schaust wieder weg- unglaublich was ein Hirn alles denken kann, zwischen nur 5 Haltestationen, in gerade einmal 10 Minuten Fahrt. Du stellst fest, dass er ja ganz toll sitzt, so direkt vor dir, schöne Aussichten hat der da, nur weil er unbedingt rückwärts fahren muss, der Penner. Noch während du diese Flüche denkst, ist das Gefühl wieder zurück. Der spinnt doch. Jetzt glotzt der weiter. Du überlegst dich umzusetzten, aber das ist dir dann auch zu blöd, du hast da schließlich zuerst gesessen, soll der doch den Platz wechseln, ArschArsch. Also ignorierst du das Gefühl der Beobachtung Starrerei so gut es eben geht. Du bist froh als endlich die Stimme ihre Ansage durchgibt: „Nächster Halt: Hauptbahnhof. Zentraler Umsteigeplatz.“ Rasch stehst du vom angewärmten Sitz auf, damit du schneller bist als der unverschämte Mensch da vor dir, und kramst dein Taschen,-Beutelzeug zusammen. Du atmest leise auf, sichtlich erleichtert, als die Bahn quietschend zum Halt ankündigt. Doch noch ehe die Bahn zum Stehen kommt und du in deiner Vorstellung den Türöffner drückst, steht dieser unverschämte Mensch, der dich die ganze Zeit angestarrt hat, direkt neben dir, und wagt es, dich auch noch anzuprechen. Blau funkelnde Augen durchbohren die Deinen. >>Sorry, dass ich dich so überfalle, aber ich muss dich jetzt ansprechen, du bist mir schon mal aufgefallen in der Bahn, darf ich fragen wie du heißt!?<< Dein Blick spricht wahrscheinlich 1000 Bände, dein Mund der aufklappt nur um wieder zuzuklappen, sprachlos, im Sinne von nicht mehr sprechen können, weil vergessen wie es geht. Du hüstelst dümmlich und presst deinen Namen hervor, natürlich nur deinen Vornamen, das muss reichen. Als die Bahn endlich hält drückst du schnell den Drücker und ein Piepen ertönt, du überlegst schnell vor diesem Menschen davonzulaufen. Aber er ist wahrscheinlich sowieso schneller, auf ein (Wett-)Rennen hast du jetzt keine Lust. Du betrittst die Haltestelle und drehst dich flüchtig um, da steht er schon wieder, direkt vor dir, würdest du die Hand aussstrecken, könntest du ihn berühren, aber du hast gerade keinen Schimmer, ob du das überhaupt wollen würdest. Diese Augen! Immerhin hast du nun die Gelegenheit ihn auch mal so scheiße zu mustern. Aber scheiße sieht anders aus. Seine Augen sind ziemlich auffällig, verdammt verblüffend und schöne Zähne hat er auch. Das ist gut. Recht klein ist er, aber naja, wer weiß was der von dir möchte. Apropos. Was redet der nur die ganze Zeit, du siehst immer nur seinen Mund, der sich bewegt, aber Töne dringen nicht hervor. Du überlegst ob du vielleicht taub geworden bist, durch diesen Überfall, eine Art Schockreaktion, aber dann nimmst du durchaus die Töne um dich herum wahr. Laute Bahnen rattern an euch vorüber, Menschen drengeln und schubsen sich an euch vorbei, Kindergebrüll und Straßenlärm der vorbeipreschenden Autos. Entschuldigend lächelst du ihn an, du hast da gerade irgendwas nicht mitbekommen. >>Darf ich dich anrufen?<< Zum zweiten Mal verschlägt es dir die Sprache, weil du eigentlich nur gemütlich Bahn fahren wolltest und nun so unverhofft und aus dem Blauen heraus zu einer Entscheidung genötigt wirst, die du in weniger als zwei Sekunden zu fällen hast. Du stammelst und stotterst um Zeit zu schinden, denn schnelle Entscheidungen waren noch nie deine Stärke. Wieder fegen Gedanken durch dein Hirn und du fragst dich, wieso er dich denn anrufen möchte, am Liebsten würdest du sagen: „Kannst du auch schreiben?“ Als das Stottern und Stammeln nicht mehr weiter herauszuzögern ist sagst du: >>Ja. Klar.<< So viel zum Thema Schlagfertigkeit. Ohne Worte schaust du ihn an, er schmunzelt, lacht und ist nervös. Komisch. Was hat er denn!? Achso. >> Huch, du willst meine Nummer, hey!?<< >>Ja, bitte, sag mal an!<< Spinnt der!? Du sollst jetzt hier deine Nummer laut ansagen, damit all die umstehenden Personen das mitbekommen? Wahrscheinlich zücken sie dann heimlich ihre Telefone und speichern flink die Nummer ein, ein gruseliger Gedanke. Trotzdem sagst du die Nummer an, vielleicht ist ja ein Zahlendreher drin. Die Menschen strömen weiterhin an euch vorüber, niemand schert sich darum, dass ein junger Mann und eine junge Frau gerade dabei sind Kontakt zueinander aufzunehmen, niemand realiesiert diese depperten Straßenbahn(mit)fahrer. Als er deine Nummer in sein Handy eingetippt hat wiederholt er sie nochmal, mehr für sich, als für dich, und du stellst fest, dass kein Zahlendreher drin ist, auch hast du keine Ahnung ob du das gut finden sollst. Wieder strahlt er dich fast schon verlegen an, seine Hände zittern leicht, seine blauen Augen machen dich nun doch etwas sentimental, oder zumindestens ist sein Verhalten irgendwie putzig. Hast du dir sowas nicht schon immer gewünscht!? Nochmals entschuldigt er sich bei dir für sein Verhalten und hofft nicht aufdringlich gewesen zu sein. >>Eigentlich ist das sonst echt nicht meine Art…<< Du lächelst nur und winkst ab. Entschuldigend verabschiedest du dich bei ihm, und er freut sich dir begegnet zu sein. >>Tschüssie.<<, verabschiedet ihr euch. Dann geht jeder in getrennte Richtungen.

Du läufst an die Ampel, bleibst wartend stehen, bis diese auf Grün springt und du über die Straße laufen kannst, während über deinem Kopf ein rießengroßes, grell blinkendes, signal,- Ampelmännchenrotes Fragezeichen schwebt. Du bist dir sicher, dass all die Leute drumherum davon geblendet werden. Dennoch umspielt deine Lippen ein leichtes Lächeln, für Andere kaum wahrnehmbar, aber für dich, denn du weißt, heute ist ein guter Tag, und das gerade eben hat sich gar nicht mal so ganz doof angefühlt. Und nochetwas. Man hat dich gesehen. Er hat dich gesehen. Gesehen und wahrgenommen.

©Netti