Seelenfresser.

Du siehst ihn da stehen, von weiten schon, und dir ist bewusst, dass er es sein muss, der Mann von dem Profilfoto. „Hallo“, sagst du nur, und stellst dich ihm vor. Soeben sei er schon erschrocken, meint er, als eine Andere auf ihn zu kam, er dachte dass seist du, warst du aber nicht. Offenbar ist diese Person ein sehr direkter Mensch. Wie genau er das gemeint hat, erläutert er nicht, aber du liest auch nicht zwischen den Zeilen, weil es dir egal ist. Er wollte dich treffen, um dich kennenzulernen, weil er dich zumindestens optisch interessant genug findet, um dich vor seine Kamera zu bekommen. 

Ihr beschließt in ein Café zu gehen um etwas zu trinken. Du stellst dir vor dass ihr einfach nur locker ins Gespräch kommt, um zu bequatschen, wie euer Fotoshooting ablaufen wird, was er sich vorstellt und ob dies mit deinen Vorstellungen übereintrifft. Doch schon als ihr euch setzt und die Getränke bestellt, beide einen Kamillentee, merkst du dass ein Gespräch beginnt, was nachklingen wird. 

Die Unterhaltung geht nur schleppend voran, er erzählt ein wenig von sich und fragt dich aus, wie alt du bist und was du machst, und ob du allein lebst. Die Fragen findest du seltsam, trotzdem antwortest du. Er schaut dir in die Augen, und will wissen ob du so gar nichts über ihn wissen möchtest, und stellt fest dass er schon lange kein so komisches Gespräch mehr hatte, ein so ruhiges, verhaltenes. 

„Bin schüchtern.“, sagst du nur und zündest dir bereits die zweite Zigarette an. Er schüttelt mit dem Kopf, sagt: „Nein, aber verschlossen. Erzähl doch mal von dir, ich muss dich doch erstmal kennenlernen, bevor ich dich fotografieren kann. Ich fotografiere nicht einfach einen wildfremden Menschen, ohne auch nur ein bisschen was zu wissen. Erzähl doch mal was.“ 

Deine Finger schnippen hektisch an der Zigarette herum. „Was denn.. soll ich dir meinen Lebenslauf erzählen oder wie? Das kannst du knicken! Das mach ich nicht.“ „Ja.“, sagt er, doch du weißt dass er nur sagt, es aber nicht genauso meint. Seine Witze, die eigentlich keine sind, sind leicht durchschaubar.

Er erzählt noch ein bisschen was über sich, Sachen die dich eigentlich gar nicht so interessieren, denn du dachtest es geht hier nur um das Fotografieren und Model stehen und nicht darum was man macht, oder was nicht. Er kommt von Russland, erzählt er, und du sagst: „Schön.“, weil du es schön findest, aber mehr auch nicht. Du gibst nur die nötigsten Sachen über dich preis, denn alles Andere geht ihn auch gar nichts an. Warum solltest du einen Fremden bei einem ersten Gespräch so nah an dich ranlassen.. Überhaupt an dich ranlassen, wie geht das überhaupt. Du hast vergessen wie man ein funktionales Gespräch miteinander führt, ein Gespräch miteinander, anstatt gegeneinander, du hast vergessen dass ein Dialog eine Unterhaltung zwischen zwei Menschen ist, die sich austauschen, stattdessen lauschst du nur seinem Monolog, was dir gerade mehr als nur Recht ist. 

Er lächelt immer mal ganz seltsam, das entgeht dir nicht. Aber trotzdem ist es schnurzegal was er denkt, das interessiert dich nullkommanullirgendwas, und wieder, schon wieder schaut er dir direkt in die Augen und es gruselt dich, du bekommst sogar ein bisschen Gänsehaut, während du den Blick standhältst und deine Zigarette im Aschenbecher ausdrückst.

„Genießt du dein Leben?“, fragt er dich mitten in dein Gesicht, was dir soeben zu entgleisen scheint. Du kannst sie hören, deine sorgfältig auferlegte Maske, wie sie laut klirrend von deinem Gesicht bröckelt, und nun in einzelnen Fetzen von deinem bereits zerschundenen Gesicht hängt. Du wendest es ab, denn was fällt ihm ein, diesem Arschloch, dir verdammt nochmal so eine Frage zu stellen, eine Frage, die du dir selber nicht einmal zu stellen wagst, aus Angst dich damit befassen zu müssen. 

„Arschloch.“, sagst du ihm, und du meinst es auch so, während stumme Tränen der Erkenntnis über deine Wangen rinnen. 

„Scheiße, entschuldigung, habe ich dich jetzt zum Weinen gebracht? Das wollte ich nicht, ich habe offenbar einen Nerv getroffen. Das passiert mir manchmal. Wir müssen da gar nicht drüber reden, also.. wir reden einfach ein anderes Mal darüber.“ 

„Das kannst du vergessen. Ich rede überhaupt nicht darüber. Das geht dich überhaupt nichts an.“, spuckst du ihm ins Gesicht, und ärgerst dich über die Schroffheit in deiner eigenen Stimme. 

Wieder blickt er dich an, mit diesem Blick, den du jetzt schon kennen und fürchten gelernt hast. 

„Wenn du so bist, also die Tränen, wenn du so vor der Kamera….., das wäre grandios.“, das scheint er tatsächlich ernst zu meinen, keinerlei Regung zeigt sich in seinem Gesicht. Also das findest du jetzt echt scheiße, nutzt der hier gerade deinen Gefühlsausbruch aus? Versucht er dich gerade irgendwie hinzustellen?, fragst du dich, doch dir fällt nicht ein wie, wie er dich hinstellt, denn offenbar will er einfach dich. Und das sagt er auch. Er möchte dich mit der Kamera einfangen, deine Person, dein Wesen. 

In dir tobt ein Kampf, ein Streit zwischen Gut und Böse. Du möchtest aufstehen, und ihm sagen was für ein rücksichtsloser, unsensibler Trottel er ist, doch stattdessen bleibst du schweigend sitzen, das Kinn hochgereckt, während die letzten deiner Tränen über deine nassen Wangen verenden. Euer Blick hält stand. 

„Ich hoffe, ich darf dich trotzdem noch fotografieren. Sonst.. ich könnte mir das nicht verzeihen. Ich wäre enttäuscht. Von mir. Nein. Wütend über mich.“ 

Ihr haltet den Augenkontakt, aber du antwortest nicht. Lässt nur ein bedrücktes, kaum sichtbares Nicken zu. 

„Ich muss pinkeln.“, sagt er nun, gerade als du dachtest, dass du pinkeln musst. 

„Ich auch.“, meinst du und stehst Tasche greifend auf, um loszustürmen, zur Toilette, erstmal weg, von ihm, atmen, Luft holen. 

„Und warum gehst du jetzt zuerst?“, ruft er dir nach, was dich ein wenig zum Lächeln bringt, zeitgleich erstirbt es wieder, als dir seine Worte im Kopf nachhallen. >Genießt du dein Leben?< Vier lächerliche Worte, die dich so sehr zum Wanken bringen. Du schließt die Toilettentür hinter dir, greifst mit beiden Händen aufs Waschbecken und schaust deinem gehetzt wirkenden Gesicht entgegen. Sie wollen nicht rein in dein Kopf, diese Worte, diese Frage, die du einfachso unbeantwortet im Raum hast stehen lassen. Noch immer geschockt von dem Nachhall.

Während du die Treppen runter steigst, überlegst du wegzurennen, blickst dich nach einem Notausgangsschild um, eines wo ein weißes Männlein auf grünem Hintergrund zur Tür heraushetzt, eine Tür welche durch einen Pfeil in die richtige Richtung weist. Doch hier ist kein verdammtes Schild, stattdessen wackelst du auf deinen noch immer zittrigen Beinen zurück zur Tür, von wo aus du ihn schon an dem Tisch sitzen siehst. Als du ankommst steht er auf. 

„Bis gleich.“

 Noch immer stehend schreit alles in dir: >Renn weg! Lauf!<, doch dein Arsch setzt sich wieder auf dieses blöde Sitzkissen drauf, wahrscheinlich schon voller Angstfürze benetzt, von alterschwachen Damen und rotzigen Kindern oder Frauen, welche Fragen gestellt bekommen, die sie einfach nicht hören wollen.

Als er zurück kommt lauft ihr in die Richtung, in die du gehen musst, dann sagt er:

„So, hier trennen sich unsere Wege. Wir sehen uns! Wir schreiben uns!“, auch das Fragezeichen dahinter schwingt in seiner Aufforderung mit, die leise Angst dass das Shooting zerplatzen könnte, so wie die Seifenblase, bestehend aus farbigen Regenbögen, wenn zuviel Luftdruck ihr Sein ins Nichts auflöst. Er schließt dich in die Arme. Diese Nähe. Wie seltsam. So komisch. Irgendwen zu umarmen. Dass es sich auch ein bisschen schön anfühlt möchtest du nicht wahrnehmen, denn du möchtest diese Nähe nicht, sie ist dir einfach zu viel. Jetzt gerade. Und überhaupt. 

„mhhh.“, nuschelst du, nichtwissend was es ausdrücken soll, und drehst dich auf dem Absatz um. Seinen Satz den er zum Abschluss anfügt: „Du bist seltsam, aber interessant. Sieh es einfach als Kompliment.“, möchtest du am Liebsten überhört haben, weil zu laute Kinder, Hundegebell, Straßen-Auto-Bus-Motorrad-Lärm, oder weil die Tauben zu laut gurren (rugeldigurugeldigu-Blut ist im Schuh?) und seine Worte einfach so ungehört verschlingen. Ja, hier sind eine Menge Tauben und Kinder, und Fahrzeuge, aber alle haben in diesem Einen Moment beschlossen zu verstummen. Spitze, denkst du dir, während erneute Tränen über dein Gesicht rinnen und du schnellen Schrittes in Richtung Straßenbahn eilst.

Da ist eine Betteltante mit ihrem Pappbecher in der Hand, welche auf ein paar Groschen hofft, an ihr läufst du vorbei, ohne sie bewusst wahrzunehmen, auch wenn dein Blick gerade aus geheftet ist, ist er doch verschleiert und schaut ins Nichts. Bis zwei junge Männer, in ein Gespräch versunken, nebeneinander laufend, deine Aufmerksamkeit zurück auf den Moment des Hier und Jetztes lenken. Das Gespräch endet abrupt, und der rechte Mann mit den dunklen Haaren und dem dunklen Blick, offenbar sind seine Augen dunkelbraun, beinahe tiefschwarz, auch wenn du dich fragst, wie du dass auf die Entfernung hin feststellen kannst, schaut dich an. Nicht dich. Sondern dich. Er sieht dein Innerstes und obwohl du längst eine neue Maske übergestülpt hast, schaut er in deine Augen. Und er sieht da was. Panisch fragst du dich, ob das auf deiner Stirn geschrieben steht, alles das, was dich hat aufwühlen lassen, alles das, was dich bewegt. Es muss blinken, wie eine Reklametafel vor sich hinleuchten, während ihr aneinander vorüber lauft. Zeitgleich dreht ihr euch nacheinander um, eure Augen noch immer ineinander versunken. Du siehst nur ihn, nimmst sonst nichts wahr. Der Mann in deinem Blickfeld, euer Blickkontakt, der dem Laufen standhält, denn noch immer setzt ihr euren Weg fort, ohne zu sehen wo ihr hinlauft, du schaust über deine Schulter nach hinten, doch deine Schritte bewegen sich vorwärts. Plötzlich spürst du einen Aufprall, und erstarrst, dein Kopf schnellt nach vorn, vor dir ein Masten. Verwirrt bleibst du stehen um zu realisieren dass du nur beinahe kollidiert wärst, mit einem Masten, der da verdammt nochmal nicht hingehört. Peinlich berührt schaust du dich suchend um, doch die beiden Männer sind verschwunden, haben sich plötzlich aufgelöst, zwischen all den Menschen die durch die Straßen wuseln.

Im Kopf taucht dieses Bild auf, von dem Mann, der dir nachläuft, nachrennt – er rennt dir hinterher,- atemlos zieht er an deiner Hand und dreht dich zu sich um, während eure Blicke nicht mehr von einander ablassen können.

Dieses Bild, der Mann wie er dir hinterher rennt, bis zur Bahn, sein suchender Blick gleitet durch die 1000 bunten Menschen, doch er sieht dich einfach nicht. Er kann dich nicht sehen.

Dann kommt die Bahn, dieses Bild, wenn die Türen der Bahn schließen, und ein lautes, grilles Pfeifen ertönt, das Warnsignal, dass die Bahn nun anfährt, und du stehst dahinter, hinter dieser Tür. Die Hände des Mannes, und die deinen berühren sich an der Tür hinter Glas.

Schnell ist es wieder weg, das Bild, ohne dass du erinnerst woher es dir bekannt vor kommt. Ein Déjà vu? Oder nur ein Trugbild deiner Gedanken?

In der Bahn checkst du die Menschen, ohne sie wirklich wahrzunehmen, sie verschwimmen immer mehr zu einer kunterbunten, schwammigen Masse, welche zähe Bewegungen vollziehen, und doch fühlst du diese Enge die dich fast zum Ersticken bringt. Diese Nähe der zusammengequetschten Massen in der Bahn ist dir einfach zu viel. Jetzt gerade. Und überhaupt. „Genießt du dein Leben?“ Das Bild im Fenster aus Glas spiegelt deine Tränen wieder.


©Netti

 

Trotz allem was kommen wird.

Er ist mein persönlicher Teddybär. Er ist der, in den ich mich verliebt habe. Er ist der, der mir Mut gibt und Kraft. 

Ich bin aufgeregt und angetrunken und ich klingel und warte bis er durch die Freisprechanlage spricht, und der Summer ertönt. Wie immer fahre ich Fahrstuhl, denn auf Treppe habe ich keine Lust, dann bin ich wieder so rot wenn ich oben ankomme. Er wartet diesmal an der Tür, aber das sehe ich erst später, mein Kopf ist auf den Boden geneigt. „Kuhl, ist das Geld!?“, denke ich und sage es auch. Mein Blick fixiert ein gefaltetes Stück Papier auf dem Flurteppich. Dieser Flur besitzt tatsächlich einen roten Teppich. Ein Lacher aus meinem Mund und auch aus seinem. Der Teppichboden gibt dann doch keinen Lottogewinn her, sondern nur benutzte Fahrkarten. Zu dumm. Nun stehe ich ihm gegenüber und ich könnte schmelzen, zerschmelzen und sterben. Er fehlt mir so! Diese Augen. Dieser Blick. Er ist geknickt, wirkt sehr, sehr traurig. Ich gebe ihm das Shirt, sein Shirt und sage: „Hier, Dein Shirt.“ Er nimmt es und gibt mir mein Massageöl. Wir halten nun die Sachen in den Händen, die als Vorwand dienen, damit man sich bitte nochmal sieht. Er braucht das blöde Shirt nicht mehr. Auch ich brauche das Öl nicht mehr. „Magst du noch bleiben? Also… wenn du magst?“, er schaut hoffend und wartet auf meine Reaktion. Ich weiß es wie immer nicht. „Ich weiß es nicht. Ich wollt nur kurz..“ Doch eigentlich weiß ich es. Alles in mir schreit: JA, JA, JA! Ich möchte seine Nähe, sein Lachen, seinen Duft, ihn. Wir stehen uns hilflos gegenüber. >Sag was! Mach was!“<, denke ich und möchte ihn am Liebsten schlagen. Wo ist die Musik die so schnulzig Halleluja schreit, wo ist der Konfettiregen aus glitternen Herzchen, wo ist der Mann der einfach macht, ohne zu denken. Er nimmt mich in die Arme, hält mich ganz fest, beinahe bleibt mir die Luft weg zum Atmen, ich muss blinzeln, denn in meinen Augen sammeln sich Tränen. Mein Herz ist zugeschnürt so wie der Hals, ich spüre den Kloß und einen Schluchzer, den ich mühsam unterdrücke.

„Also ähm. Wenn du bisschen Sekt hast, bleib ich noch.“, jetzt lache ich doof.

„Natürlich.“, er freut sich sichtlich. Erleichtert läuft er los den Sekt holen.

Wir trinken nur ein Piccolöchen, den teilen wir uns und wir stoßen an auf was auch immer, und ich trinke, sitze ihm gegenüber und schwitze und friere, alles zusammen, es könnten noch zwei weitere Menschen zwischen uns sitzen, oder drei, so groß ist der Abstand zwischen ihm und mir, obwohl ich mir nichts sehnlicher wünsche als ihn ein letztes Mal zu berühren. 

Wir führen Smalltalk und er berichtet kurz von seinen Vorbereitungen. Er fragt wie es mir geht, aber ich wiegele ab, er soll gechillt nach Amerika fliegen, es ist mein Problem, soll nicht zu seinem werden. 

Er streichelt mich, sucht meine Nähe, streichelt mein Gesicht, schaut mir tief in meine Seele: „Wie geht es dir? Bitte sag es mir.“ Er umarmt mich, als er sieht dass ich meine Tränen nicht mehr halten kann, ich schluchze und weine Tränen. So viele davon. Auch in seinen Augen glitzert es. Er nimmt mich in den Arm und wir halten uns fest. So fest, so fest. Am Liebsten möchte ich ihn nie wieder los lassen, aber ich muss. Ich lasse ihn los und bitte ihn mir zu folgen, ich möchte ihm gern was sagen. Ich bin krank geschrieben, schon eine Weile. Und er sollte erfahren was mit mir los ist. Dass ich kein gebrochenes Bein habe, das kann er ja sehen.

Wir sitzen auf dem Balkon und schauen in den Sternenhimmel, während ich Tränen und Schmerz in den Himmel puste. Dann beginne ich zu erzählen. Er nimmt mich in den Arm, hört mir zu und macht mir Mut. Er hat vollstes Verständnis und er ist das was ich mir schon immer gewünscht habe, ein Mann der mir zuhört, ein Mann der mich begehrt, ein Mann der meine Schwächen sieht und damit umgehen kann. Ein Mann der fühlt und es auch zeigen kann. Ich berichte ihm den Großteil der mich bewegt, und ich erzähle ihm mein Vorhaben. Meine Entscheidung die ich treffen musste. Für mich. Ich treffe auf sein vollstes Verständnis. „Das schaffst du. Du bist doch so stark!!“

Wir schauen den stummen TV-Bildschirm an und hören nebenbei Musik. Er sucht meine Nähe, doch ich kann mich ihm nicht öffnen, bin krampfig und verletzbar. Er streichelt meinen Rücken, meine Hände, küsst meinen Nacken und streichelt mein Gesicht, wischt die Tropfen weg, die heiß zu Boden perlen. Er schaut mir in die Augen, fragt: „Darf ich dich küssen, bitte?“ Wir küssen uns zwischen den Tränen, die meinen Mund benetzen und wir schmecken eine salzige Mischung aus Hoffnung und Glaube. Ich glaube, jetzt gerade glaube ich, dass das nur echt sein kann, und bleiben wird, egal wie alles ausgeht. Er fragt ob er mich massieren darf, er möchte mir so gern etwas Gutes tun. Nach meiner Zustimmung holt er das Massageöl und ich ziehe mir das Oberteil über den Kopf. Seine langen Finger streichen über meinen kleinen Rücken. Er streichelt mich, und verteilt das warm duftende Öl auf meinem Rücken. Seine Hände kneten kräftige Massagebewegungen und lassen mich für einen Bruchteil vergessen. Sorgen, Anspannungen Ängste, ich kann mich locker machen. Kurz abschalten. Er küsst mich und verteilt am ganzen Körper einen kleinen Wärmehauch. Er küsst meine Wange, meinen Hals, mich. Ich richte mich auf, küsse ihn gierig und heiß, während mich inniges Verlangen durchströmt. Ich setze mich auf ihn und er hebt mich an und hoch, trägt mich küssend ins Schlafzimmer und setzt mich sorgsam ab: „Bitte versuch zu entspannen.“ Er macht mich soso glücklich.

Noch als ich ihn leicht stöhnend auf mir spüre, und er mich überall mit Küssen bedeckt, weil auch ich ihn soso glücklich mache, fange ich an mit Beben, denn ein Schluchzer den ich nun nicht länger unterdrücken kann, verlässt meinen Mund. Ich zittere und schluchze und weine und entschuldige mich dafür. Ich weine während er auf mir liegt und er streichelt mein Gesicht, küsst mich auf den Mund, auf die Wange und auf den Kopf immer und immer wieder, so lange bis die Tränen verebben. Er umarmt mich lange während wir uns schweigend in den Armen liegen, damit mein Herz und mein Puls sich wieder beruhigen kann.

Er zwingt mich zum Essen und ich sehe seine lauten Gedanken die aber nicht sprechen zu mir, sondern schweigen. Sein Blick geht ins Leere. „Was denkst du jetzt von mir?“, möchte ich am Liebsten fragen, „Hältst du mich für bekloppt?“

Ich ziehe mich an und mache mich bereit für den Abschied, einen Abschied für immer? Wir stehen uns gegenüber, nur halb lächelnd und ich frage: „Meldest du dich wenn du wieder zurück in Deutschland bist?“ Er schaut mich an, verwirrt, geschockt, traurig. „Natürlich melde ich mich!“, er schweigt kurz, fügt an: „Ich melde mich auch schon früher, wenn du magst, wenn das okay für dich ist!?“

„Ich weiß nicht.“, sage ich, weil ich es einfach nicht weiß. „Ich meld mich morgen!“, sagt er und ich nicke und möchte gern daran glauben.

„Du schaffst das. WIR schaffen das.“, korrigiert er und betont das wir. Dann küsst er mich auf den Mund.

Das verstehe ich nicht. Aber ich habe auch keine Kraft mehr um zu  fragen und zu verstehen. Ich habe überhaupt gar keine Kraft mehr. Ich bin ausgebrannt und kann zum ersten Mal Menschen nachempfinden, die es auch sind, ich kann fühlen dass das Fühlen zur Qual wird und das Denken einen Punkt erreicht an dem es kein Vor gibt, und kein Zurück.

Es liegt jetzt an mir Stärke zu beweisen. Und zu kämpfen. Auch wenn es harte Arbeit wird. Verdammt hart.

©Thomas Woischnig/Bild

Mein herzlicher Dank geht an Thomas Woischnig, für die Nutzungserlaubnis seiner Fotografie.

©Netti/Text  

„Mama, mach mal!“


~Manche Zeiten ändern sich eben nie.~

Man flennt weil man nicht weiter weiß. Man flennt weil etwas weh tut. Man flennt weil man sich ungerecht behandelt fühlt. Man flennt vor Trauer, Angst, Wut, Rührung, manchmal auch vor Freude.

Tränen bedeuten nicht, dass man schwach ist, sondern dass das Herz mehr fühlt, als es ertragen kann.

©www.nicobartes.com

Auch wenn sie heute kein Faschingstütchen auf dem Kopf trägt fühlt sie sich in die damalige Zeit zurück versetzt. Zu der Zeit, in der das Denken noch Mutti übernahm, zu der Zeit, in der Mutti noch alle Entscheidungen traf. Zu der Zeit, in der ihr Tränen liefen, weil Tütchen auf dem Kopf einfach scheiße waren, weiße Kostümchen und pechschwarze Perrücken dagegen sehr viel cooler. Schon damals wurde ihr klar: ~Scheiße hey, man kann halt echt nicht alles haben.~ Nur das warum blieb unbegründet.

Tränen kehren das Innen nach Außen, mehr Nähe geht nicht.

©Netti

Wie cool wäre es manchmal, wenn man einfach wieder Kind sein könnte, hat man die Zeit doch viel zu unbewusst wahrgenommen, stets strebte man nach dem Alter und bewunderte die Großen. Man wünschte sich endlich erwachsen zu werden, man sehnte den Augenblick herbei in dem man selber durfte. Alleine essen. Alleine laufen. Das erste Mal ja sagen, oder nein, wahlweise vielleicht. Man wollte so gern selber Entscheidungen treffen, keiner mehr der sagte: „Du darfst nicht zappeln.“, „Das wird aufgegessen!“, „20:00Uhr bist du zu Hause.“, „Erst Hausaufgaben, dann Spielen.“, „Fernsehverbot!“ Keiner der sagte: „Jetzt wird geschlafen!“
Diese Regeln haben uns Kindern System gegeben. Durch sie lernten wir das groß werden, das zurecht finden in einer Welt die aus Regeln und Zucht und Ordnung besteht. Heute aber ist man gezwungen sich dem System gegenüber zu stehen, ohne dass uns Hilfestellung geleistet wird. Man ist erwachsen und selber in der Lage Entscheidungen zu treffen, zu handeln.

Und doch gibt es immer mal wieder Momente in denen man ein bisschen verzweifelt, dann wird man zurückversetzt in eine Zeit, die längst vergangen. 
„Mutti, mach mal!“

©Netti

Unaufhaltsam.

Sie spürt diese Schwere in ihrer Brust, und auf den Schultern, auch da. Es zieht sie nach unten, irgendwie. Sie errichtet all diese Dinge, die sie am Leben teilhaben lässt und dennoch ist sie so unsagbar müde, sie sehnt sich nach einem kuschelweichen Bett in dem sie schlafen kann. Es drückt in ihrem Kopf, all die Gedanken drängen sich beisammen. Sie hat es satt dieses Gedenke, sie hat es satt, dieses Geheule. 

In der Bahn bemerkt sie diese Blicke auf sich, starrend, mitleidig fast schon. Die Leute werden sich fragen, warum dieses schöne Geschöpf all diese Tränen vergießt. Sie werden sich wundern, wie so viele Tränen kein Ende nehmen können. Unaufhaltsam tropfen sie auf diesen Boden, auf denen unzählige Füße stehen und Halt suchen. Die Füße des Mädchens schlackern und rutschen, fester Halt ist ihr nicht gegeben. Ihr Kopf ist ihr so schwer sie möchte ihn am Liebsten fallen lassen, er würde dann durch all die Füße purzeln, slalomähnlich. Vielleicht aber würden ein paar zugehörige Menschen zu Boden gehen. „Strike!“, würde sie dann rufen, und ihrem Mund würde ein Lächeln entweichen, zum allerersten Mal, während alle Zehne einfach so umfallen. Zehn Menschen am Boden liegend, so wie sie. Diese Vorstellung findet sie irgendwie lustig, sie lacht ein fieses Grinsen und erschrickt als ihr das eigen Ebenbild im Fensterglas entgegenblickt. Verheulte, rote Augen mit gequollenen Lidern. Spuren salziger Verzweiflung auf ihren Wangen. Sie spürt die Blicke des Mannes, er ist nicht so schlank wie sie, er wirkt sehr stark und gefasst, wie ein (Teddy)Bär der sie zu beschützen vermag. Nette Augen blicken ihr zu. Unter Tränen erwidert sie den Blick, sie fühlt sich plötzlich aufgefangen und beschützt und doch schreit ihr scheuer Blick nach Hilfe. Nach Rettung. Nach einem Ort an dem sie sich fallen lassen kann. Nach einem Ort an dem sie verstanden wird. Ihre Gedanken brüllen ihm zu. 

>>Bleib hier.<< 

Sagen sie. 

>>Geh nicht.<<

Flehen sie. 

Bettelnd haftet ihr Blick unter Tränen an seinem bärtigen Gesicht. Die Tür schwingt auf und der Mann wendet sich ab von ihr, einfach so. Sie blinzelt und verliert eine Träne an der sie sich zu klammern versuchte. Sie schiebt sich durch die Massen, keine Entschuldigung, kein Verzeihung. Ihre schmale Gestalt prallt gegen all die Körper, sie will doch nur noch, sie will nur noch.. nur einen Blick..

Der Mann, hinter denen die Türen schließen, schaut zu ihr zurück. Er dreht sich um, sein Blick wirkt verwirrt, durcheinander, dann suchend.. ein berührtes Augenpaar blickt suchend an dem Punkt an dem das Mädchen gerade stand. Doch sie ist weg. Enttäuscht  wandert sein Empfinden durch die anfahrende Bahn. Da sieht er sie!

Das Mädchen reißt die Augen auf, ihm ist als möchte sie etwas sagen, ihr Mund bewegt sich langsam, doch er kann nicht vernehmen was es ist, durch die Türen dringt kein Ton. Sie drückt sich an die Tür und ihre Hand berührt das keimige, verschmierte Glas der schneller werdenden Bahn. Er versteht nicht. Irgendetwas hat das Mädchen an sich, so sehr hat ihn noch nie etwas bewegt, jemand. 

Ein letztes Mal treffen sich ihre Blicke, bevor die Bahn aus seinem Blickfeld verschwindet. 

Das Mädchen ist nun nur noch eine Erscheinung, die sich einfach nicht benennen lässt. Umherkreisend in seiner Erinnerung. War diese Person jemals existend, oder entstand dieses Wesen seiner reinen Gedankenkraft!?

©Netti 

Yunāchen.

„Riku, wie ist nochmal die Legende um Yunāchen und das Licht?“, frage ich.

Er seufzt, holt Luft und beginnt zu erzählen: 

>>Yunā, ein kleines sechsjähriges Mädchen, kam durch einen Brand ums Leben. Der Winter war hart und frostig. Die Eltern stellten ein paar Kerzen in der Holzhütte auf, damit sie sich an den Flammen wärmen konnten. Zusätzlich trugen sie alte, gammlige Decken um die Leiber. Die Eltern waren erschöpft vor Kälte und schliefen irgendwann ein. Yunā spielte mit dem Feuer, sie wärmte ihre Hände über der Flamme einer großen Kerze. Tränen liefen ihr über die Wange und sie schluchzte, denn es war ihr so entsetzlich kalt. Sie stieß gegen die Kerzen und die Decke fing Feuer. Schnell verteilte es sich im Raum. Das Mädchen schluchzte noch mehr und schrie nach Mama und Papa. Doch die Eltern wurden nicht wach. Erst durch den Brandgeruch wurden sie munter, doch da erlag das Mädchen schon einer Rauchvergiftung. Sie konnten nichts mehr für Yunā tun. Seitdem hört man sie noch immer qualvoll schluchzen, wenn man im KerzenLichtschein umgeben von völliger Finsternis ihren Namen ausspricht. Manchmal soll man sie auch sehen können. Ihr verweintes Gesicht. Narben und Brandmale auf ihrer verkohlten Haut. Sie kann keinen Frieden finden, denn ihre Eltern hatten ihre Rufe und das Schluchzen einfach nicht erhört.<<

„Yunāchen, bist du hier!?“

Wir sitzen im Schneidersitz vor diesem Brett. Aber eigentlich ist es kein Brett. Vielmehr sind es einzelne weiße Kärtchen, beschrieben mit Buchstaben und Zahlen. Das Alphabet und die Zahlen von 0-9 liegen im Kreis um den Tisch herum. Rechts und links das Wort Ja und Nein. 

„Yunāchen gib mir ein Zeichen!“ 

Es ist ein bisschen klamm, so als stünde im Raum der Nebel und verteile sich an der Decke. In der Mitte des Tisches befindet sich ein zierliches Glas, was sich auf dem Holztisch gut bewegen lässt. Neben uns sind zwei brennende Kerzen verteilt. Sie geben nur spärliches Licht. Unheimliche Schatten werden an die Decke geworfen. Wir schauen in die Flammen während unsere Finger das Glas berühren. Doch bisher rührt sich nichts.

„Hey du musst schon ein bisschen mehr Tiefe in die Stimme legen und Glaube in dem was du sagst.“ Riku macht es vor.

„Yunā , möchtest du dich mit uns unterhalten?“ 

Wir halten den Atem an. In der Stille unsere klopfenden Herzen. Die Kerzenflamme beginnt zu flackern, es entstehen tanzende Schatten an der Wand. 

Riku lacht sein tiefes Lachen. „Du hättest dein Gesicht sehen sollen. Das sah einfach zu bescheuert aus.“

„Halt die Klappe du Idiot und hör auf mich zu verarschen.“

Die Tür kracht mit einem lauten Knall ins Schloss, sodass der Raum erzittert. 

„Was…!?“ Wir springen gleichzeitig auf, das Herz was bis zum Hals schlägt. Riku schaut mich aus großen Augen an. Darin erkenne ich soetwas wie Panik. Ich muss schlucken. Wir sind allein in diesem Raum. Eigentlich. Denn während sich unsere Köpfe zum Tisch bewegen ist die Botschaft, die wir erkennen, unmissverständlich.

Die Buchstaben haben einen Satz gebildet und liegen mittig auf dem Tisch. 

                  ~Mir ist kalt~




©Netti

..Als hat es uns beide nie gegeben..!?

Lang ist’s her, könntest du sagen, aber du würdest lügen, denn allzu lang ist es nicht her. Du heißt sie Willkommen ohne sie Willkommen zu heißen, die Tränen sind zurück. Als die Nachricht eintrifft hältst du dich zurück denn du glaubst dich zu verhören, zu verlesen, das kann nicht sein Ernst sein, echt nicht. Trotzdem ist dir nach heulen. Ihr könnt ja gleich nochmal drüber sprechen, ganz in Ruhe, bis gleich.

Du besäufst dich schon mal ein bisschen. Und weinst dabei ein bisschen. Während du Mukke hörst die singt „Und ich bin wieder alleine…“ Nebeinbei machst du dich zurecht für den Mann der gerade dabei ist dir dein Herz zu brechen. Oder zumindest den Verstand zu rauben. Nichtwissen. Nichtverstehen. Fragen. So viele davon. Und nun!?

Du läufst zu ihm und klingelst obwohl du genauso gut wieder gehen könntest, aber den Mumm dazu hast du nicht. Weil du nicht willst. Du möchtest bei ihm sein. Jetzt. Hier. Immer.

Ihr schaut sinnlos in die Röhre, die ja läuft und keiner sagt einen Ton, auch du nicht, es ist schließlich nicht dein verdammter Part. Irgendwann bricht er das Schweigen, er wisse einfach nicht was sagen. 

„Du hast doch alles gesagt, oder geschrieben.“, möchtest du am liebsten sagen, doch du sagst nur: „Du hast deine Entscheidung doch bereits getroffen. Das ist eine einmalige Chance. Also nimm‘ sie an!“ Er streichelt dich, sucht deine Nähe, doch dir ist gerade gar nicht nach Nähe. Du möchtest am Liebsten schreien. Um das zu umgehen kippst du dir noch ein bisschen Sekt hinter die Birne, das kann er ruhig sehen, dass dich das hier gerade nicht kalt lässt.

Ihr redet darüber, über sein beschissenes Jobangebot in Amerika mit dem beschissenen Zeitpunkt, aber nichts hat jemals einen guten Zeitpunkt. Papa ist auch gestorben. Einfach so. Da hat es niemanden interessiert dass gerade Weihnachten vor der Tür stand. Er schaut sehr, sehr bedrückt und du schaust auch sehr, sehr bedrückt und ihr beide schaut euch an, aus sehr bedrückten Augen, während sich Tränen darin sammeln. Du sitzt auf seinem Schoß möchtest ihn am Liebsten schlagen mit irgendwas, hier muss doch irgendwo.. du suchst ein Kissen findest aber nur ein paar Tempos welche du nach ihm wirfst: „Du bist ein beschissenes Arschloch!“, wirfst du ihm mit den Tempos halb lachend, halb weinend an den Kopf. Ihr redet ohne zu wissen wie es weiter gehen wird. Als er sagt: „Darf ich dich zum Mexikaner einladen, wenn ich wieder zurück bin!?“ kannst du deine Tränen nicht mehr verbergen und du schluchzt in deine Hand hinein. Enttäuschung, Traurigkeit, Vermissen, schon jetzt. Der Mexikaner war euer zweiter Date und der erste Kuss. Du wendest dich von ihm ab, so dass er deine Tränen nicht sehen kann. Wahrscheinlich hört er sie nur, wie sie plätschernd auf dem Parkett aufprallen.

Er umarmt dich von hinten, sucht deine Nähe die du gerade einfach nicht verkraften kannst. Als du dich zu ihm umdrehst laufen auch ihm Tränen über die Wange, was das alles nicht leichter macht. Er will dich nicht so sehen und er fragt sich wie er so in den Flieger steigen kann, wie er dich so hier zurück lassen kann. 

Drei Monate bleiben euch noch. Dann ist er weg. Könnte eine Beziehung, noch frisch, so eine große Zeitspanne überstehen? Über ein Jahr? Nicht sehen? 

Du weißt es nicht. Du weißt nur dass sie heiß sind, diese Tränen die du weinst.

Und ganz egal wie es ausgeht: Du möchtest dass er glücklich ist. Denn das Lachen steht ihm unglaublich gut. Viel besser als ein trauriger Mund. Es ist seine Entscheidung. Wenn er gehen möchte, dann ist das so. Du möchtest ihm gern vertrauen. Du möchtest gern glauben dass eine Beziehung das Jahr überstehen könnte.

Kackmist! Rießengroßer beschissener Kackmist!, denkst du dir als du dich angesoffen über die Gangsterstraße wagst. Ein Auto blendet dir in dein Gesicht. Es hupt und fährt vorüber. Scheiße! Du hast dein Pfefferspray vergessen.

Du möchtest an einen guten Ausgang glauben, an das Jahr, was ihr getrennt voneinander übersteht… Trotzdem aber hören deine Tränen nicht auf zu fließen, jetzt gerade, du bist allein in deiner Wohnung, wieder zu Hause, und du hast einfach keine Ahnung. Du hast keine Ahnung ob eure Gefühle füreinander ausreichen und das Jahr überstehen würden. Du weißt nicht, ob das was er empfindet ausreicht, um dir nicht das Herz aus deiner Brust zu reißen. Könntest du ihm Vertrauen, in jeglicher Hinsicht? Würde er nach dem Jahr noch der sein in den du dich vergucktest? Würde auch er dich noch mit glücklichen Augen ansehen!? Glücklich zurück zu sein, bei dir!?

 >>Und ich bin wieder alleeeine…!? Als hat es uns beiiiideee,..<<

„Halt die Fresse!“, nölst du und wünschst deine eigene Mucke zum weißichnichwohin, die dir gerade gehörig gegen den Strich geht.

©Netti

Die gewählte Nummer ist nicht vergeben.

Du bekommst eine SMS. Sms’n bekommst du in der Regel nur von Mutti. Du öffnest sie und siehst nur eine Blase, die keine Worte enthält, sondern Stille ohne Inhalt. Die SMS ist von Vati. Du wunderst dich, bist dennoch erfreut über den Versuch den er unternimmt um dir eine Nachricht zu schreiben. Du legst es bei Seite, musst ein wenig schmunzeln und wartest, denn du bist dir sicher er wird es nochmal probieren. So schnell gibt er nicht auf. Kurze Zeit später ein erneutes Plingen. Wieder öffnest du. Wieder eine Nachricht von Papa. Ohne Inhalt. Ohne etwas mitzuteilen. Manchmal bedarf es mehrere Anläufe. Manchmal bedarf es Mut, Wille, Kraft und Durchhaltevermögen. Damit man schafft was man erreichen will. Mit dem dritten SMS Ton erscheint eine Nachricht, welche gefüllt ist. Nicht nur mit Worten, sondern mit Liebe, Ausdauer und Schaffenskraft. „Gute Besserung. Ich hab dich auch lieb!“ Tränen bilden sich in deinen Augen und ein Schluchzer, ein leiser Schrei der innerlichen Hoffnung darauf dass alles wieder gut wird mit ihm, entweicht deinen Lippen. Heiße Tränen tropfen hintereinander zu Boden. In der SMS von dir an ihm berichtetest du ihm dass es dir gerade nicht so gut geht, Grippe, Fieber, Kopfgedöns und du ihn nicht besuchen kannst, gerade, und du ihn lieb hast. Du kannst dich an nur ein einzigstes Mal erinnern, als er sagte dass er dich lieb hat. Das war als feststand dass deine Eltern sich würden scheiden lassen, und du weggelaufen bist vor Verzweiflung, und einer über die Jahre vollgelogenen heilen Welt, in der ein Teil von deinem Leben zu bröckeln begann. Papa machte sich Sorgen um dich, deine Familie suchte im Dorf nach dir, denn weit konntest du nicht sein. Er weinte Tränen der Erleichterung als du vor ihm standest, heile und unversehrt, nur ein bisschen verweint, denn was soll denn diese verdammte Scheiße, könnt ihr euch nicht einfach wieder lieb haben, wie einst!?

Diese Nachricht lässt dich wissen dass es noch immer so ist, dass er dich nach all den Jahren noch immer, und noch genauso lieb hat.  Du liest sie wieder und wieder, und hoffst daraus zu erfahren wie es ausschaut in seinem Kopf, ob es besser werden wird, oder schlimmer. Doch es wurde nicht besser sondern schlimmer, so schlimm, dass du irgendwann weder Nachrichten, noch Anrufe bekamst, bis irgendwann die Stille zu laut wurde, sie wurde zu laut denn es klingelte kein verdammtes Telefon. Kein Papa rief an um sich nach dir zu erkundigen. Papa brauchte nun kein Telefon mehr. Er brauchte dich nicht mehr.

Er braucht nie wieder ein Telefon. Es liegt in irgendeiner Kiste, abgemeldet, inaktiv, das alles weißt du und doch ist es nicht so ganz glaubwürdig für dich. Du siehst sogar das Foto, was er gemacht hatte und im Whatsapp einstellte. Das hast du gleich als Kontaktbild genommen. Sein Name in der SMS, die SMS von ihm. Du weißt du solltest sie löschen. Deine Fingerspitzen tippen suchend nach Papa. Du drückst auf seinen Namen und die Verbindung wird aufgebaut. Kann die Verbindung zu ihm wieder aufgebaut werden? Ist es so einfach? Und wo kommst du dann raus? An welchem anderen Ende ist dein Papa nun? Wo befindet sich dies Ende? Du lauschst hoffend in den Hörer, darauf bedacht ihn gleich gut zu verstehen am anderen Ende, er spricht sehr leise, doch eigentlich weißt du es besser, du weißt dass er gar nicht mehr spricht. Trotzdem glitzern deine Augen, im Schleier der Tränen tanzen hoffnungsvolle Punkte der Zuversicht. Es ertönt kein Papa der Hallo in den Hörer haucht, ganz leise, denn das sprechen fällt ihm schwer, der Hörer ganz fest an dein Ohr gepresst, damit du auch alles verstehen kannst. Kein Husten am anderen Ende, auch kein fröhliches und heiteres Lachen. Du hörst Stille. Und dann eine Stimme, die nicht deinem Papa angehört. Diese Stimme ist weiblich, monoton, eindringlich und leicht genervt, >>Diese Nummer ist nicht vergeben!<<  wie kannst du es auch wagen die Nummer zu wählen. >>The number you’ve dialed is not assigned.<< Du unterbrichst das Gespräch und den Monolog den diese Frau führt, du beendest den Anruf, der dich nicht mit Papa verbindet. Dir ist bewusst dass es an der Zeit ist zu löschen. Die Nummer, die nicht vergeben ist, daneben das Papa in Buchstaben, seine SMS und das LiebHaben an dich. Aber du kannst das nicht. Du kannst ihn einfach nicht löschen. Auch wenn du nicht ihn löschst, sondern nur die Nummer, hast du Angst dass auch er damit aus deinem Kopf verschwindet und die Erinnerungen an ihn einfach ausgelöscht werden, noch bevor du irgendwann vielleicht selber mal nicht mehr in der Lage sein wirst zu denken.

©Netti