Die gewählte Nummer ist nicht vergeben.

Du bekommst eine SMS. Sms’n bekommst du in der Regel nur von Mutti. Du öffnest sie und siehst nur eine Blase, die keine Worte enthält, sondern Stille ohne Inhalt. Die SMS ist von Vati. Du wunderst dich, bist dennoch erfreut über den Versuch den er unternimmt um dir eine Nachricht zu schreiben. Du legst es bei Seite, musst ein wenig schmunzeln und wartest, denn du bist dir sicher er wird es nochmal probieren. So schnell gibt er nicht auf. Kurze Zeit später ein erneutes Plingen. Wieder öffnest du. Wieder eine Nachricht von Papa. Ohne Inhalt. Ohne etwas mitzuteilen. Manchmal bedarf es mehrere Anläufe. Manchmal bedarf es Mut, Wille, Kraft und Durchhaltevermögen. Damit man schafft was man erreichen will. Mit dem dritten SMS Ton erscheint eine Nachricht, welche gefüllt ist. Nicht nur mit Worten, sondern mit Liebe, Ausdauer und Schaffenskraft. „Gute Besserung. Ich hab dich auch lieb!“ Tränen bilden sich in deinen Augen und ein Schluchzer, ein leiser Schrei der innerlichen Hoffnung darauf dass alles wieder gut wird mit ihm, entweicht deinen Lippen. Heiße Tränen tropfen hintereinander zu Boden. In der SMS von dir an ihm berichtetest du ihm dass es dir gerade nicht so gut geht, Grippe, Fieber, Kopfgedöns und du ihn nicht besuchen kannst, gerade, und du ihn lieb hast. Du kannst dich an nur ein einzigstes Mal erinnern, als er sagte dass er dich lieb hat. Das war als feststand dass deine Eltern sich würden scheiden lassen, und du weggelaufen bist vor Verzweiflung, und einer über die Jahre vollgelogenen heilen Welt, in der ein Teil von deinem Leben zu bröckeln begann. Papa machte sich Sorgen um dich, deine Familie suchte im Dorf nach dir, denn weit konntest du nicht sein. Er weinte Tränen der Erleichterung als du vor ihm standest, heile und unversehrt, nur ein bisschen verweint, denn was soll denn diese verdammte Scheiße, könnt ihr euch nicht einfach wieder lieb haben, wie einst!?

Diese Nachricht lässt dich wissen dass es noch immer so ist, dass er dich nach all den Jahren noch immer, und noch genauso lieb hat.  Du liest sie wieder und wieder, und hoffst daraus zu erfahren wie es ausschaut in seinem Kopf, ob es besser werden wird, oder schlimmer. Doch es wurde nicht besser sondern schlimmer, so schlimm, dass du irgendwann weder Nachrichten, noch Anrufe bekamst, bis irgendwann die Stille zu laut wurde, sie wurde zu laut denn es klingelte kein verdammtes Telefon. Kein Papa rief an um sich nach dir zu erkundigen. Papa brauchte nun kein Telefon mehr. Er brauchte dich nicht mehr.

Er braucht nie wieder ein Telefon. Es liegt in irgendeiner Kiste, abgemeldet, inaktiv, das alles weißt du und doch ist es nicht so ganz glaubwürdig für dich. Du siehst sogar das Foto, was er gemacht hatte und im Whatsapp einstellte. Das hast du gleich als Kontaktbild genommen. Sein Name in der SMS, die SMS von ihm. Du weißt du solltest sie löschen. Deine Fingerspitzen tippen suchend nach Papa. Du drückst auf seinen Namen und die Verbindung wird aufgebaut. Kann die Verbindung zu ihm wieder aufgebaut werden? Ist es so einfach? Und wo kommst du dann raus? An welchem anderen Ende ist dein Papa nun? Wo befindet sich dies Ende? Du lauschst hoffend in den Hörer, darauf bedacht ihn gleich gut zu verstehen am anderen Ende, er spricht sehr leise, doch eigentlich weißt du es besser, du weißt dass er gar nicht mehr spricht. Trotzdem glitzern deine Augen, im Schleier der Tränen tanzen hoffnungsvolle Punkte der Zuversicht. Es ertönt kein Papa der Hallo in den Hörer haucht, ganz leise, denn das sprechen fällt ihm schwer, der Hörer ganz fest an dein Ohr gepresst, damit du auch alles verstehen kannst. Kein Husten am anderen Ende, auch kein fröhliches und heiteres Lachen. Du hörst Stille. Und dann eine Stimme, die nicht deinem Papa angehört. Diese Stimme ist weiblich, monoton, eindringlich und leicht genervt, >>Diese Nummer ist nicht vergeben!<<  wie kannst du es auch wagen die Nummer zu wählen. >>The number you’ve dialed is not assigned.<< Du unterbrichst das Gespräch und den Monolog den diese Frau führt, du beendest den Anruf, der dich nicht mit Papa verbindet. Dir ist bewusst dass es an der Zeit ist zu löschen. Die Nummer, die nicht vergeben ist, daneben das Papa in Buchstaben, seine SMS und das LiebHaben an dich. Aber du kannst das nicht. Du kannst ihn einfach nicht löschen. Auch wenn du nicht ihn löschst, sondern nur die Nummer, hast du Angst dass auch er damit aus deinem Kopf verschwindet und die Erinnerungen an ihn einfach ausgelöscht werden, noch bevor du irgendwann vielleicht selber mal nicht mehr in der Lage sein wirst zu denken.

©Netti

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Vom Aushalten und Warten.

Schon von Geburt an bist du auf Warten getrimmt. Du wartest darauf endlich aus dem Mutterkörper zu schlüpfen und zum ersten Mal tief und laut Luft zu holen und zu Brüllen und Schreien, aus Leibeskräften. Du lebst, wenn auch in einer kritischen Phase, doch du lebst und gleichzeitig wartest du darauf, endlich wieder selbstständig Atmen zu können. Du bist ein Baby, viel zu klein, deine winzigen Patschehändchen greifen durch den Ring des Inkubators, und wieder wartest du. Von nun an wartest du auf deine Mama die ihre Hand durch die winzige Öffnung hält, um dich zu berühren und dir zu sagen dass alles wieder gut wird. Wahrscheinlich aber wartest du nicht bewusst, denn dein kleines Hirn ist möglicher Weise noch nicht dazu in der Lage vom Warten und Nichtwarten und vom Denken und Nichtdenken zu unterscheiden. Also liegst du da einfach, dass ist gut, denn so wartest du auch nicht auf den Tod. Du liegst nur und schläfst, deine Augen vor Müdigkeit und Erschöpfung geschlossen und bald, sehr bald darfst du nach Hause.

Zu Hause jagt dich eine Krankheit nach der nächsten, bist anfällig und geschwächt, du wartest bis du ins Krankenhaus darfst und wieder zurück, denn dir fehlt deine Mama und die schützende Brust, die dich umgibt. Dein Kuscheltier in deinen Händen soll dir Trost spenden und Durchhaltevermögen, irgendwann ist die Zeit überbrückt und du bist wieder zu Hause bei deiner Familie. Auch sie wartet. Immer. Nur auf dich.

Du reifst heran und wirst älter, möchtest auch endlich laufen können und reden, das was all die Anderen so machen, du wartest darauf bis man es dir endlich beibringt.

Alle dürfen in den Kinderhort, doch du wartest darauf. Viel zu lang.

Die Einschulung naht, auch darauf hast du so lange gewartet, du musstest sogar noch ein Jahr länger warten, dieser blöde Schulranzen war dir einfach zu schwer, also wartest du ein Jahr länger, bis auch du endlich zur Schule darfst, und lernen. Lernen, was das Leben für dich bereit hält.

Du fühlst das erste Mal Schmetterlinge in deinem Bauch, die so irrwitzig durch dich hindurchsausen, es ist verrückt, so etwas hast du noch nie gespürt. Heimlich schreibst du deinen ersten Liebesbrief (Willst du mit mir gehen? Kreuze an, [ja] [nein] [vielleicht]) und steckst ihn in der Hofpause in die Federmappe des Angebeteten. Während der Schulstunde werden Stifte daraus entnommen und wieder reingelegt, doch der Zettel bleibt unentdeckt. Du wartest darauf, dass der Brief entdeckt wird und dir zurück gebracht wird. Du wartest auf ein Ja, oder nein, oder vielleicht. Das Warten wird zur Gewohnheit.

In der Schule schleicht die Zeit nur so dahin, plötzlich findest du Schule nicht mehr so cool, also wartest du jetzt einfach auf die Ferien, die sind ja bald, und dann kannst du endlich faulenzen. Und Gammeln.

Irgendwann springst du von Klasse zu Klasse, sitzt nicht mehr in der ersten, der zweiten oder der dritten, sondern in der neunten und das heißt warten. Du wartest darauf, dass du endlich weißt, was du werden willst. Werden möchtest. Welcher Beruf taugt dir? Du wartest auf die zündende Idee für das Schulpraktikum, was von dir verlangt wird, obwohl du einfach noch zu jung bist dafür, schon jetzt zu wissen, was du ein Leben lang mal machen willst.

Du wartest auf den ersten Freund, alle Anderen haben schon das erste Mal geknutscht und du schaust belämmert aus der Wäsche. Wie geht denn das, das mit dem Knutschen? Du wartest drauf, dass dir das auch mal endlich jemand zeigt.

Der erste Freund taugt dir nicht, vielleicht solltest du dich einfach trennen? Aber du hast nicht genug Mumm dazu, also wartest du vielleicht einfach drauf dass er das für dich übernimmt. Der macht das schon.

Endlich Prüfungen, du wartest zu lange darauf, möchtest sie endlich hinter dir haben. Du lernst, wahrscheinlich viel zu wenig und wartest nun auf die Ergebnisse. Du möchtest einfach nur bestehen!

Deine Ausbildungsbestätigung in deinen Händen vermittelt dir Freude und Stolz. Du kannst endlich was werden, etwas was du auch werden willst. Auch wenn du lange darauf wartest, dass du kannst was du machst, du musst es ja erst noch lernen.

Du wartest auf das erste Mal, alle Anderen haben das schon. Du wartest auf den Schmerz der durch deinen Körper strömt.

Als du das erste Mal im Auto sitzt um Fahrstunden zu nehmen bist du genervt, denn auf der Autobahn ist Stau und du musst warten bis der Verkehr wieder rollt.

Wieder stehst du vor den Prüfungen und du wartest darauf, dass du das Richtige von dir gibst, doch über deine Lippen kommt nur Müll. Viel Zeit verstreicht, und du musst lange darauf warten, dass du endlich deine Urkunde abholen kannst, deinen GesellenBrief mit dem Glückwunsch zum Bestehen.

Bei der Jobagentur möchtest du am Liebsten Töten, Massenansammlungen stehen in einer ewig langen Schlange, um an der Anmeldung zu warten. Du reihst dich ein, die Zeiger ticken lahmarschig voran. Als du bei der Dame vorne angelangt bist braucht sie ewig, um zu Erfassen was du möchtest. Du musst warten auf den Termin. Dich durch Zettelberge kämpfen und auf das Arbeitslosengeld warten. Hättest du das Geld von denen würdest du wahrscheinlich mit deren Geld losstiefeln und eine Knarre kaufen, oder etwas, was am Ende keine Sauerei veranstaltet. Du wirst behandelt als bist du assozial, so als bist du zu faul zum Arbeiten und zu dumm. Also wartest du auf den Zeitpunkt an dem du mal so richtig ausrastest.

Du wartest auf die Liebe, die wahre, denn das was bisher war, war alles andere als wahr, das war nur so halb und halb, überhaupt als Liebe definierbar? Du bist dir sicher nicht zu wissen was das überhaupt ist. Dein Herz wartet auf das Empfinden, was dir zeigt, was Liebe heißt. Liebe, die erwidert wird.

Du wartest auf den Tag und die Nacht. Und du wartest darauf, dass der Wecker klingelt, damit du zur Arbeit kannst um dir Brötchen zu verdienen, doch auch auf das Geld musst du erst noch warten, denn du musst ja erst noch dafür arbeiten. Du wartest auf das Klingeln an der Tür, mit dem Märchenprinz davor, der mit dem Gaul, doch wenn es klingelt steht da keiner, sondern nur der Postbote mit einem Paket für den Nachbarn. Der Postbote ist kein Prinz, sondern dick, schwitzend und stinkend und er beklagt sich über den 3.Stock in dem du wohnst. „Jeder Gang macht schlank!“, rufst du ihm provokativ in den Rücken. Du wartest auf die Sonne, die den Sommer ankündigt um die miesen und fiesen Gedanken zu vertreiben, stattdessen gibt es Gewitterwolken die sich immermalwieder bis in dein Hirn vorkämpfen. Du wartest auf ein Wunder, indem es Mittel gibt und Wege die Verhindern dass Menschen leiden müssen, an Schmerz, den körperlichen, aber auch den seelischen, denn manchmal da schmerzen Worte mehr als 1000 Schläge. Du wartest darauf dass du endlich wieder lachen kannst ohne zu weinen, aber manchmal, da vermischt sich das Lachen mit dem Weinen, weil es Momente gibt die erinnern lassen, an Zeiten die längst vergangen. Du wartest darauf dass der Schmerz und das Vermissen endlich ein Ende hat, denn die Empfindung über Verluste sind so tief in dir verankert. Du wartest darauf dass die Angst vor dem Tod, vor dem Nichtmehrsein sich in Luft auflöst und stattdessen ein Gefühl der Vorfreude entsteht, denn eigentlich weißt du wie das geht, das mit dem Sterben, du weißt wie das sich anfühlen muss, einfach nicht mehr zu sein, für einen Moment. Du wartest auf das Altern, nicht absichtlich, das Warten ist die Innere Uhr in dir, die tickt, ganz automatisch, einzelne Fältchen der Alterung umgeben dein Gesicht, besonders an den Augen, welche müde und erschöpft dreinblicken. Und irgendwann wirst du an einem Punkt sein, indem du auf das Sterben wartest. Auf den Tod. Schlussendlich ist dies das schlimmste Warten, denn es geht von einer tiefen Sehnsucht einher, einem „Ich kann nicht mehr.“ und einem „Ich will nicht mehr!“ Diese Momente hast du mehr als einmal miterleben müssen, als Beobachter, als Zuschauer. Und du selbst!? Kannst in jener Situation nur darauf warten, dass der Schmerz und das Leid endlich ein Ende hat, auch wenn dieser somit für dich nur umso größer wird.

Warten heißt aushalten und geduldig sein. Warten heißt mutig sein. Warten heißt aber auch Respekt zu haben, vor der Zeit und den Momenten, denn das Warten lässt sich nicht beschleunigen. Doch irgenwann hat auch das längste Warten mal ein Ende. Und das muss nicht immer schlecht sein..

…Denn du wartest auch auf den Brief, den du so lange erhoffst, es löst in dir innere Freude aus. Du wartest auf den Moment deine Familie wieder zu sehen, du verbringst so gern deine Zeit mit ihr. Du wartest auf den Feierabend, dann kannst du den sonnigen Tag noch genießen. Du wartest auf den tollen Film, der läuft gleich im Fernsehen, sicher ist der gut. Du wartest auf das unheimlich spannende Buch, du bist dir sicher dass es dir gefallen wird, der Erscheinungstermin ist schon sehr bald. Du wartest auf eine Freundin, die hast du schon so lange nicht gesehen. Du wartest auf den Urlaub und du freust dich, nur noch wenige Tage. Du wartest auf das Frei, dann kannst du machen wonach dir beliebt. Du wartest auf die heiße Wanne, die dich deine Beine genesen lassen. Und du wartest auf den Moment indem das Unbekannte zu etwas Bekanntem wird, die Vorfreude in dir macht das Warten zu etwas Erträglichem. Es ist aushaltbar.

©Netti

 

 

BlogAbschied? Nein. Aber Pause, auf unbestimmte Zeit.

Der Kopf schmerzt und ich bin müde all der Gedanken die mich umgeben. So vieles, ungreifbar, schwer und matschig, was mich nicht loslässt, denn es krallt sich fest, wie ein ekelhafter Tumor. Vergleichbar mit einem Tornado welcher in rasanter Geschwindigkeit auf mich zubraust. Haltsuchend klammer ich mich fest an etwas, was mir Sicherheit vorgaukelt, Erlösung, Hoffnung. Doch der Tornado kommt immer näher, und ich weiß er wird alles mit sich ziehen. Auch mich. Ich möchte gern Urlaub machen. Vor mir Selbst und meinen Gedanken. Vielleicht gelingt es mir indem ich aufhöre mich irgendwem mitzuteilen. Durch Fotos oder Geschriebenes. Wieviel von dem bin denn auch ich? Ist nicht alles nur Farce? Virtuelles Leben schränkt die Lebendigkeit ein. Mich. Gerade. Im Moment. Ich habe mich dem angenommen, um den erschreckenden Wahrheiten des Lebens zu entfliehen, es gibt hier kein Schmerz und kein Leid, teils hier, doch aber zumindest auf Instagram. Ich verliere mich in den Leben der Anderen, die so viel glänzender sind als das Meine. Fotos werden gezeigt aus Allerwelt. Staunend beobachtend was all die Menschen zu sein scheinen. Fotos werden geladen nicht wissend was das Ganze eigentlich soll. Bin das ich? Ist das mein Leben? Was ist denn mein Leben? Es lebt sich schnell, viel zu rasant, diese Schnelllebigkeit zieht in jeglicher Hinsicht an mir vorüber, nicht wissend wie sie aussieht die Möglichkeit, welche die Schnelligkeit zu etwas mehr Langsamkeit machen kann. 

Ich habe einst geschworen, hier im Blog, das Thema des Egoismusses wieder aufzugreifen.. Man ist umgeben von soviel Ich. Es erschreckt mich und stößt mich ab, gleichzeitig aber ist es wenn auch nur ein klitzekleiner, Moment des Abstandes. Vor mir Selbst und den stechenden Gedanken. Ich muss nichts sagen, einfach nur zuhören, das kann ich gut, mich mit dem Leben der Anderen beschäftigen, nur nicht mit dem Meinen. Ich muss keine Fragen beantworten auf die es keine Antworten zu geben scheint, denn mein Kopf der gibt davon keine her. 

Probleme interessieren keinen. Weinende Menschen? Die haben die Pest. Also verpisst euch.

>>Wie geht es deinem Papa!?<< 

>>Papa ist nicht mehr!<< 

Langanhaltende Stille.

>>Okay!? Gut, Themawechsel!<<

Was wohl passiert wäre hätte ich plötzlich angefangen mit heulen?

Im beinahe gleichen Atemzug erfahre ich von ihrer Schwangerschaft.

Also ist es Zeit. Zeit ein kleines bisschen Urlaub zu nehmen. Urlaub vor mir Selbst. Und meinen Gedanken. Besonders das. Ob das tatsächlich möglich ist, ist fraglich, doch ein Versuch wird mich nicht gleich umbringen. Wie lange das andauern wird steht in den Sternen, doch auch die Sterne leben schnell, und im Nu bin ich zurück, aus meinem Urlaub, vor mir Selbst.

©Netti

Zurück in die Vergangenheit.

„Guten Morgen! Frohe Ostern!“, wünschst du den Gästen, welche vor dir den Frühstücksraum betreten. Sie lächeln dich freudig an und wünschen das Gleiche. Das Pärchen mittleren Alters begibt sich sogleich zum Buffet. Du fragst sowohl die Frau, als auch den Mann ob sie Kaffee wünschen und wartest die Antwort ab. Die Frau nickt und sagt: „Ja sehr gern!“ Nur langsam drehst du dich um, damit du gehen und deren Wünsche erfüllen kannst, doch dein Blick bleibt an dem Mann haften. Irgendetwas stimmt mit seinen Augen nicht. Er schaut dich an, und du schaust ihn an, vorsichtig, leicht fragenden Blickes, abwartend ob auch er noch eine Zustimmung verlauten lässt. Sein Gesicht irgendwie völlig ausdruckslos, seine Augen fast schon leer, emotionslos, gleichgültig. Plötzlich schnürt es dir die Kehle zu, dieser Blick! Du musst dich schnell abwenden, schnell gehen um den Kaffee zu holen, denn deine Augen werden wässrig, Tränen sammeln sich und schwimmen bedrohlich, beinahe überschwappend. Dieser Mann erinnert dich so sehr an deinen Papa, auch seine Augen trugen zum Schluss eben diesen Ausdruck. Du vermutest er könnte auch einen Schlaganfall gehabt haben, du vermutest irgendetwas hat diesen Mann innerlich zerstört. Gestern hat er dich nur einen Satz gefragt, über die Deko, die überall herum steht, ansonsten hast du keinen Ton von ihm gehört, kein Lächeln sehen können. Und nun- nun sagt er wieder nichts, gar nichts, die Frau an seiner Seite spricht für ihn. Du bringst den beiden den Kaffee und bemerkst dabei, wie sehr fürsorglich sie mit ihm umgeht. Dein Herz wird weich, in deinem Hals ein rießiger Kloß. Dieser Moment lässt dich an Papa denken, an die schwere Zeit, die du eigentlich verdrängen magst. Dein Papa konnte sich nie richtig erholen, er bekam keine Chance für Besserung, Genesung, nicht einmal Teilgenesung. Du findest es schlimm, dass diese Welt aus so viel Krankheit und Leid bestehen muss. Du fürchtest dich davor wie vor so vielem, doch diese eine Angst, die lässt dich fast lähmend nach Luft japsen, weil sie dir den Hals zuschnürt und sich panikartig in deinem Körper breitmacht. Die Angst das Erlebte nochmals durchmachen zu müssen. Der Moment ist wieder present, die Angst zurück. Papa in deinem Kopf. 

©Netti

ZeitDruck

Seitdem dein Papa nicht mehr ist, wurde abverlangt. Sofort musste man Entscheidungen fällen. Was für eine beschissene Bürokratie. Urne musste gewählt werden, die Lagestätte, Friedhof, Traueranzeige, Leute mussten informiert werden. Deine Trauer kam zu kurz. Du bist am Hetzen. Seitdem. Ständig. Immerzu will irgendwer was von dir. Du musstest Telefon kündigen, Danksagungen schreiben, Dankesanzeige setzen und Leute informieren. Noch immer trudeln Briefe ein. Was wollen die denn noch? Rechnungen und Rechnungen. Dein Kopf ist randvoll mit ToDo und Arbeit. Nebenher deine eigentliche Arbeit die dich momentan überfordert denn jetzt gerade wurdest du befördert, doch siehst du auch mehr Geld dafür? Kann es einen beschisseneren Zeitpunkt geben als jetzt, gerade jetzt, mehr Verantwortung im Betrieb zu bekommen? Du bist genervt von deinem überquellenden Hirn. Zu viele Infos und ToDos. Du selbst bleibst auf der Strecke, denn der Tag hat nur 24 h. Davon arbeitest du 9-10 oder 11. Bleiben 5h für das was du zu erledigen hast, 5h dafür deinen Haushalt zu sortieren, welcher wirrer nicht sein könnte, deine Dringend-wahrnehmen-Termine, dein Essen, was du in dich aufnehmen musst um nicht doch umzufallen, deine Telefonate mit Familie weil sie Sachen wissen wollen, um die du dich kümmerst, und die Listen welche deine Arbeit im Betrieb erleichtern sollen. Dann nach nur 5h ist deine Zeit die sich Freizeit nennt um, und du musst zu Bett, denn schlafen ist etwas was du musst, doch deine Uhr sagt dass du nach nur 7h Schlaf schon wieder bei der Arbeit sein sollst. Du würdest gern wieder Abends arbeiten, dann wärst du auch fitter, hättest einfach mehr vom Tag, redest du dir ein, aber vielleicht, vielleicht bist du auch einfach nur nicht mehr die Jüngste. Das zeigen dir deine Knochen, die zu knacken beginnen, während du deine Beine in einer ruhigen Minute, innerhalb der 5h, von dir streckst. Kann ein Tag nicht länger sein?

©Netti

KreiselKomplex

Du möchtest am Liebsten die Decke über den Kopf werfen, denn obwohl du den schlimmsten Tag deines Lebens hinter dir gelassen hast, ist er noch immer present, in dir und deinem Kopf, und in deinem Herzen, was umgeben ist von Trauer und Schmerz. Irgendwie hast du diesen Tag überstanden, obwohl du das Gefühl hattest du träumst einen nicht enden wollenden schlimmen Traum, denn so hat es sich angefühlt, als passiert das alles nicht wirklich. Als stehst du nur neben dir. So, als hast du mit dem Ganzen nichts zu tun. So, als bist du nur ein stiller Beobachter aus der Ferne, welcher sieht wie der Person mit den langen wehenden Haaren, der roten Nase, dem vor Kälte zitternden Körper und den tränendurchtränkten Augen die Hände geschüttelt werden. Umarmungen werden verteilt, Küsse und Hände geschüttelt. Hände voller Mit,- und Beileid. Doch irgendwann hatte dieser Tag ein Ende, doch der Schmerz, der hat sich schön an dich dran geheftet an deine Ferse voller Schlamm und Schnee. Du sehnst dich danach zu schlafen. Du sehnst dich danach liegen zu bleiben, nicht aufzustehen, einfach im Bett zu liegen und nichts zu tun, nichts außer essen und trinken. Du willst dich sortieren, dich und deine Gedanken, die sich im Kopf zu drehen beginnen wie Kreisel, weil einfach noch so viel zu tun ist. Weil du nun keine Ahnung mehr hast vom Leben und du nicht weißt wo der Sinn dahinter ist, hinter dem Leben, wenn du immer wieder siehst, wie Leute von dir gehen müssen die du liebst. Du weißt nicht wieso das Leben so grausam spielt und dich mit Steinen bewirft, bestehend aus Verlust. Du fragst dich, was du nun erwartest vom Leben. Wo du stehen willst, was du möchtest. Du fragst dich warum der Fotograf dich nun so sehr im Regen stehen lässt, denn du hast bisher nur erfahren, dass die OP gut überstanden ist. Nun ist er zu Hause, in seiner Heimat, weg von dir und du konntest ihn nicht einmal besuchen. Plötzlich scheint er genervt von dir und deiner gelegentlichen Fürsorge. Dabei sorgst du dich nur um ihn. Machst dir Gedanken. Er wimmelt dich ab, ist plötzlich nur noch müde. Dich lässt er im Regen stehen, damit man deine Tränen nicht sieht. Niemand kann sie sehen, denn sie vermischen sich mit dem Regenwasser. Du hast ein ganz doofes Gefühl, also meinst du nur

..Wenn du reden magst.. Erstmal gute Besserung. Gute Nacht.

Du hast das Gefühl ihn verloren zu haben. Hast das Gefühl plötzlich ganz allein zu sein mit deiner Angst und den Tränen, dem Schmerz und den Gedanken. Es macht dich wahnsinnig nicht zu wissen, was nun ist mit ihm, wie es ihm geht. Du malst dir alles aus und nichts, machst dich verrückt. Weil du Angst hast, dass du ihn nie mehr wieder sehen wirst. Dein Hirn spinnt sich Möglichkeiten zusammen, weshalb er plötzlich auf Abstand geht und du verstehst nicht wieso niemand dir je Erklärungen liefert. Du verstehst nicht, wieso man immerzu nicht mal das für dich übrig hat. Langsam beginnst du dich zu fragen, was der Fehler ist, der sich doch immer aufs Neue zu wiederholen scheint. 

Deine Gedanken kannst du einfach nicht sortieren, denn der Alltag verlangt zu viel ab von dir. Da ist Wäsche die muss, Rechnungen, Papierkram von Papa, Geschirrberge, und Wollmäuse, da ist die Arbeit die muss. Deine Lippen die ein gekünsteltes Lächeln tragen, damit die Gäste nicht checken was abgeht in dir drinnen. Du musst schauspielern  und lachen obwohl du weinen magst. Du musst lieb nicken und Ja sagen obwohl du am Liebsten einfach Nein sagen willst. Nein sagen und es genauso meinen. Stattdessen wirst du warten bis dein scheiss Wecker klingelt, um dann wieder auf der Matte zu stehen, die den Weg zu deiner Arbeit führt. Du hättest Schauspielerin werden sollen. Mit deinem lachenden Gesicht und der Maske die du trägst, dahinter verborgen dein 2. Gesicht. Du hoffst dass du diese Maske irgendwann wirst ablegen können. Denn hinter Masken schwitzt du immer zu sehr. Und es stinkt.

©Netti

HerzSchmerz

Dein Herz schmerzt des Verlustes deines Vaters, welcher sich vermengt mit dem Schmerz des NichtHabenKönnens. Ihn den Fotografen. Es ist der Selbe Schmerz den du empfindest, es ist das Selbe Verlustgefühl, auch wenn du ihn nie „hattest“. Langsam wächst in deinem Herzen ein so großes Gefühl, das wagst du nicht zu beschreiben. Daraus entsteht nun ein Schmerz, durch die Angst die du nebenher empfindest, die Angst ihn irgendwie ganz zu verlieren, die Angst vor der Hoffnung die nun keimt, obwohl du weißt dass sie lieber eingehen sollte, die Hoffnung, die das Herz am Ende erst zum Brechen bringt. Denn die Hoffnung ist es, die falsche Wege legt. Die Hoffnung ist es die in die Irre führt. 

>>Liebe Hoffnung. Ich habe Angst vor dir. So entsetzliche Angst, dass ich schreien könnte. Ich könnte schreien, weil mein Herz sich so sehr sehnt, nach ihm den Fotografen! Bitte liebe Hoffnung, bitte bitte tu mir nicht weh! Du bist doch alles was mir noch geblieben ist! Gib uns eine Chance.. Irgendwann!<<

Der traurige und doch so schöne Bericht des Silversterabends in 2015 folgt in Kürze. Danke an alle meine treuen Freunde hier, die mich im schlimmen und tränenreichen 2015 begleitet haben. Danke, dass es euch gibt und ihr mich immer wieder aufbaut! Ein Frohes und vor allem Gesundes Neues 2016! Danke für alles. 

©Netti