Die gewählte Nummer ist nicht vergeben.

Du bekommst eine SMS. Sms’n bekommst du in der Regel nur von Mutti. Du öffnest sie und siehst nur eine Blase, die keine Worte enthält, sondern Stille ohne Inhalt. Die SMS ist von Vati. Du wunderst dich, bist dennoch erfreut über den Versuch den er unternimmt um dir eine Nachricht zu schreiben. Du legst es bei Seite, musst ein wenig schmunzeln und wartest, denn du bist dir sicher er wird es nochmal probieren. So schnell gibt er nicht auf. Kurze Zeit später ein erneutes Plingen. Wieder öffnest du. Wieder eine Nachricht von Papa. Ohne Inhalt. Ohne etwas mitzuteilen. Manchmal bedarf es mehrere Anläufe. Manchmal bedarf es Mut, Wille, Kraft und Durchhaltevermögen. Damit man schafft was man erreichen will. Mit dem dritten SMS Ton erscheint eine Nachricht, welche gefüllt ist. Nicht nur mit Worten, sondern mit Liebe, Ausdauer und Schaffenskraft. „Gute Besserung. Ich hab dich auch lieb!“ Tränen bilden sich in deinen Augen und ein Schluchzer, ein leiser Schrei der innerlichen Hoffnung darauf dass alles wieder gut wird mit ihm, entweicht deinen Lippen. Heiße Tränen tropfen hintereinander zu Boden. In der SMS von dir an ihm berichtetest du ihm dass es dir gerade nicht so gut geht, Grippe, Fieber, Kopfgedöns und du ihn nicht besuchen kannst, gerade, und du ihn lieb hast. Du kannst dich an nur ein einzigstes Mal erinnern, als er sagte dass er dich lieb hat. Das war als feststand dass deine Eltern sich würden scheiden lassen, und du weggelaufen bist vor Verzweiflung, und einer über die Jahre vollgelogenen heilen Welt, in der ein Teil von deinem Leben zu bröckeln begann. Papa machte sich Sorgen um dich, deine Familie suchte im Dorf nach dir, denn weit konntest du nicht sein. Er weinte Tränen der Erleichterung als du vor ihm standest, heile und unversehrt, nur ein bisschen verweint, denn was soll denn diese verdammte Scheiße, könnt ihr euch nicht einfach wieder lieb haben, wie einst!?

Diese Nachricht lässt dich wissen dass es noch immer so ist, dass er dich nach all den Jahren noch immer, und noch genauso lieb hat.  Du liest sie wieder und wieder, und hoffst daraus zu erfahren wie es ausschaut in seinem Kopf, ob es besser werden wird, oder schlimmer. Doch es wurde nicht besser sondern schlimmer, so schlimm, dass du irgendwann weder Nachrichten, noch Anrufe bekamst, bis irgendwann die Stille zu laut wurde, sie wurde zu laut denn es klingelte kein verdammtes Telefon. Kein Papa rief an um sich nach dir zu erkundigen. Papa brauchte nun kein Telefon mehr. Er brauchte dich nicht mehr.

Er braucht nie wieder ein Telefon. Es liegt in irgendeiner Kiste, abgemeldet, inaktiv, das alles weißt du und doch ist es nicht so ganz glaubwürdig für dich. Du siehst sogar das Foto, was er gemacht hatte und im Whatsapp einstellte. Das hast du gleich als Kontaktbild genommen. Sein Name in der SMS, die SMS von ihm. Du weißt du solltest sie löschen. Deine Fingerspitzen tippen suchend nach Papa. Du drückst auf seinen Namen und die Verbindung wird aufgebaut. Kann die Verbindung zu ihm wieder aufgebaut werden? Ist es so einfach? Und wo kommst du dann raus? An welchem anderen Ende ist dein Papa nun? Wo befindet sich dies Ende? Du lauschst hoffend in den Hörer, darauf bedacht ihn gleich gut zu verstehen am anderen Ende, er spricht sehr leise, doch eigentlich weißt du es besser, du weißt dass er gar nicht mehr spricht. Trotzdem glitzern deine Augen, im Schleier der Tränen tanzen hoffnungsvolle Punkte der Zuversicht. Es ertönt kein Papa der Hallo in den Hörer haucht, ganz leise, denn das sprechen fällt ihm schwer, der Hörer ganz fest an dein Ohr gepresst, damit du auch alles verstehen kannst. Kein Husten am anderen Ende, auch kein fröhliches und heiteres Lachen. Du hörst Stille. Und dann eine Stimme, die nicht deinem Papa angehört. Diese Stimme ist weiblich, monoton, eindringlich und leicht genervt, >>Diese Nummer ist nicht vergeben!<<  wie kannst du es auch wagen die Nummer zu wählen. >>The number you’ve dialed is not assigned.<< Du unterbrichst das Gespräch und den Monolog den diese Frau führt, du beendest den Anruf, der dich nicht mit Papa verbindet. Dir ist bewusst dass es an der Zeit ist zu löschen. Die Nummer, die nicht vergeben ist, daneben das Papa in Buchstaben, seine SMS und das LiebHaben an dich. Aber du kannst das nicht. Du kannst ihn einfach nicht löschen. Auch wenn du nicht ihn löschst, sondern nur die Nummer, hast du Angst dass auch er damit aus deinem Kopf verschwindet und die Erinnerungen an ihn einfach ausgelöscht werden, noch bevor du irgendwann vielleicht selber mal nicht mehr in der Lage sein wirst zu denken.

©Netti

Vom Aushalten und Warten.

Schon von Geburt an bist du auf Warten getrimmt. Du wartest darauf endlich aus dem Mutterkörper zu schlüpfen und zum ersten Mal tief und laut Luft zu holen und zu Brüllen und Schreien, aus Leibeskräften. Du lebst, wenn auch in einer kritischen Phase, doch du lebst und gleichzeitig wartest du darauf, endlich wieder selbstständig Atmen zu können. Du bist ein Baby, viel zu klein, deine winzigen Patschehändchen greifen durch den Ring des Inkubators, und wieder wartest du. Von nun an wartest du auf deine Mama die ihre Hand durch die winzige Öffnung hält, um dich zu berühren und dir zu sagen dass alles wieder gut wird. Wahrscheinlich aber wartest du nicht bewusst, denn dein kleines Hirn ist möglicher Weise noch nicht dazu in der Lage vom Warten und Nichtwarten und vom Denken und Nichtdenken zu unterscheiden. Also liegst du da einfach, dass ist gut, denn so wartest du auch nicht auf den Tod. Du liegst nur und schläfst, deine Augen vor Müdigkeit und Erschöpfung geschlossen und bald, sehr bald darfst du nach Hause.

Zu Hause jagt dich eine Krankheit nach der nächsten, bist anfällig und geschwächt, du wartest bis du ins Krankenhaus darfst und wieder zurück, denn dir fehlt deine Mama und die schützende Brust, die dich umgibt. Dein Kuscheltier in deinen Händen soll dir Trost spenden und Durchhaltevermögen, irgendwann ist die Zeit überbrückt und du bist wieder zu Hause bei deiner Familie. Auch sie wartet. Immer. Nur auf dich.

Du reifst heran und wirst älter, möchtest auch endlich laufen können und reden, das was all die Anderen so machen, du wartest darauf bis man es dir endlich beibringt.

Alle dürfen in den Kinderhort, doch du wartest darauf. Viel zu lang.

Die Einschulung naht, auch darauf hast du so lange gewartet, du musstest sogar noch ein Jahr länger warten, dieser blöde Schulranzen war dir einfach zu schwer, also wartest du ein Jahr länger, bis auch du endlich zur Schule darfst, und lernen. Lernen, was das Leben für dich bereit hält.

Du fühlst das erste Mal Schmetterlinge in deinem Bauch, die so irrwitzig durch dich hindurchsausen, es ist verrückt, so etwas hast du noch nie gespürt. Heimlich schreibst du deinen ersten Liebesbrief (Willst du mit mir gehen? Kreuze an, [ja] [nein] [vielleicht]) und steckst ihn in der Hofpause in die Federmappe des Angebeteten. Während der Schulstunde werden Stifte daraus entnommen und wieder reingelegt, doch der Zettel bleibt unentdeckt. Du wartest darauf, dass der Brief entdeckt wird und dir zurück gebracht wird. Du wartest auf ein Ja, oder nein, oder vielleicht. Das Warten wird zur Gewohnheit.

In der Schule schleicht die Zeit nur so dahin, plötzlich findest du Schule nicht mehr so cool, also wartest du jetzt einfach auf die Ferien, die sind ja bald, und dann kannst du endlich faulenzen. Und Gammeln.

Irgendwann springst du von Klasse zu Klasse, sitzt nicht mehr in der ersten, der zweiten oder der dritten, sondern in der neunten und das heißt warten. Du wartest darauf, dass du endlich weißt, was du werden willst. Werden möchtest. Welcher Beruf taugt dir? Du wartest auf die zündende Idee für das Schulpraktikum, was von dir verlangt wird, obwohl du einfach noch zu jung bist dafür, schon jetzt zu wissen, was du ein Leben lang mal machen willst.

Du wartest auf den ersten Freund, alle Anderen haben schon das erste Mal geknutscht und du schaust belämmert aus der Wäsche. Wie geht denn das, das mit dem Knutschen? Du wartest drauf, dass dir das auch mal endlich jemand zeigt.

Der erste Freund taugt dir nicht, vielleicht solltest du dich einfach trennen? Aber du hast nicht genug Mumm dazu, also wartest du vielleicht einfach drauf dass er das für dich übernimmt. Der macht das schon.

Endlich Prüfungen, du wartest zu lange darauf, möchtest sie endlich hinter dir haben. Du lernst, wahrscheinlich viel zu wenig und wartest nun auf die Ergebnisse. Du möchtest einfach nur bestehen!

Deine Ausbildungsbestätigung in deinen Händen vermittelt dir Freude und Stolz. Du kannst endlich was werden, etwas was du auch werden willst. Auch wenn du lange darauf wartest, dass du kannst was du machst, du musst es ja erst noch lernen.

Du wartest auf das erste Mal, alle Anderen haben das schon. Du wartest auf den Schmerz der durch deinen Körper strömt.

Als du das erste Mal im Auto sitzt um Fahrstunden zu nehmen bist du genervt, denn auf der Autobahn ist Stau und du musst warten bis der Verkehr wieder rollt.

Wieder stehst du vor den Prüfungen und du wartest darauf, dass du das Richtige von dir gibst, doch über deine Lippen kommt nur Müll. Viel Zeit verstreicht, und du musst lange darauf warten, dass du endlich deine Urkunde abholen kannst, deinen GesellenBrief mit dem Glückwunsch zum Bestehen.

Bei der Jobagentur möchtest du am Liebsten Töten, Massenansammlungen stehen in einer ewig langen Schlange, um an der Anmeldung zu warten. Du reihst dich ein, die Zeiger ticken lahmarschig voran. Als du bei der Dame vorne angelangt bist braucht sie ewig, um zu Erfassen was du möchtest. Du musst warten auf den Termin. Dich durch Zettelberge kämpfen und auf das Arbeitslosengeld warten. Hättest du das Geld von denen würdest du wahrscheinlich mit deren Geld losstiefeln und eine Knarre kaufen, oder etwas, was am Ende keine Sauerei veranstaltet. Du wirst behandelt als bist du assozial, so als bist du zu faul zum Arbeiten und zu dumm. Also wartest du auf den Zeitpunkt an dem du mal so richtig ausrastest.

Du wartest auf die Liebe, die wahre, denn das was bisher war, war alles andere als wahr, das war nur so halb und halb, überhaupt als Liebe definierbar? Du bist dir sicher nicht zu wissen was das überhaupt ist. Dein Herz wartet auf das Empfinden, was dir zeigt, was Liebe heißt. Liebe, die erwidert wird.

Du wartest auf den Tag und die Nacht. Und du wartest darauf, dass der Wecker klingelt, damit du zur Arbeit kannst um dir Brötchen zu verdienen, doch auch auf das Geld musst du erst noch warten, denn du musst ja erst noch dafür arbeiten. Du wartest auf das Klingeln an der Tür, mit dem Märchenprinz davor, der mit dem Gaul, doch wenn es klingelt steht da keiner, sondern nur der Postbote mit einem Paket für den Nachbarn. Der Postbote ist kein Prinz, sondern dick, schwitzend und stinkend und er beklagt sich über den 3.Stock in dem du wohnst. „Jeder Gang macht schlank!“, rufst du ihm provokativ in den Rücken. Du wartest auf die Sonne, die den Sommer ankündigt um die miesen und fiesen Gedanken zu vertreiben, stattdessen gibt es Gewitterwolken die sich immermalwieder bis in dein Hirn vorkämpfen. Du wartest auf ein Wunder, indem es Mittel gibt und Wege die Verhindern dass Menschen leiden müssen, an Schmerz, den körperlichen, aber auch den seelischen, denn manchmal da schmerzen Worte mehr als 1000 Schläge. Du wartest darauf dass du endlich wieder lachen kannst ohne zu weinen, aber manchmal, da vermischt sich das Lachen mit dem Weinen, weil es Momente gibt die erinnern lassen, an Zeiten die längst vergangen. Du wartest darauf dass der Schmerz und das Vermissen endlich ein Ende hat, denn die Empfindung über Verluste sind so tief in dir verankert. Du wartest darauf dass die Angst vor dem Tod, vor dem Nichtmehrsein sich in Luft auflöst und stattdessen ein Gefühl der Vorfreude entsteht, denn eigentlich weißt du wie das geht, das mit dem Sterben, du weißt wie das sich anfühlen muss, einfach nicht mehr zu sein, für einen Moment. Du wartest auf das Altern, nicht absichtlich, das Warten ist die Innere Uhr in dir, die tickt, ganz automatisch, einzelne Fältchen der Alterung umgeben dein Gesicht, besonders an den Augen, welche müde und erschöpft dreinblicken. Und irgendwann wirst du an einem Punkt sein, indem du auf das Sterben wartest. Auf den Tod. Schlussendlich ist dies das schlimmste Warten, denn es geht von einer tiefen Sehnsucht einher, einem „Ich kann nicht mehr.“ und einem „Ich will nicht mehr!“ Diese Momente hast du mehr als einmal miterleben müssen, als Beobachter, als Zuschauer. Und du selbst!? Kannst in jener Situation nur darauf warten, dass der Schmerz und das Leid endlich ein Ende hat, auch wenn dieser somit für dich nur umso größer wird.

Warten heißt aushalten und geduldig sein. Warten heißt mutig sein. Warten heißt aber auch Respekt zu haben, vor der Zeit und den Momenten, denn das Warten lässt sich nicht beschleunigen. Doch irgenwann hat auch das längste Warten mal ein Ende. Und das muss nicht immer schlecht sein..

…Denn du wartest auch auf den Brief, den du so lange erhoffst, es löst in dir innere Freude aus. Du wartest auf den Moment deine Familie wieder zu sehen, du verbringst so gern deine Zeit mit ihr. Du wartest auf den Feierabend, dann kannst du den sonnigen Tag noch genießen. Du wartest auf den tollen Film, der läuft gleich im Fernsehen, sicher ist der gut. Du wartest auf das unheimlich spannende Buch, du bist dir sicher dass es dir gefallen wird, der Erscheinungstermin ist schon sehr bald. Du wartest auf eine Freundin, die hast du schon so lange nicht gesehen. Du wartest auf den Urlaub und du freust dich, nur noch wenige Tage. Du wartest auf das Frei, dann kannst du machen wonach dir beliebt. Du wartest auf die heiße Wanne, die dich deine Beine genesen lassen. Und du wartest auf den Moment indem das Unbekannte zu etwas Bekanntem wird, die Vorfreude in dir macht das Warten zu etwas Erträglichem. Es ist aushaltbar.

©Netti

 

 

BlogAbschied? Nein. Aber Pause, auf unbestimmte Zeit.

Der Kopf schmerzt und ich bin müde all der Gedanken die mich umgeben. So vieles, ungreifbar, schwer und matschig, was mich nicht loslässt, denn es krallt sich fest, wie ein ekelhafter Tumor. Vergleichbar mit einem Tornado welcher in rasanter Geschwindigkeit auf mich zubraust. Haltsuchend klammer ich mich fest an etwas, was mir Sicherheit vorgaukelt, Erlösung, Hoffnung. Doch der Tornado kommt immer näher, und ich weiß er wird alles mit sich ziehen. Auch mich. Ich möchte gern Urlaub machen. Vor mir Selbst und meinen Gedanken. Vielleicht gelingt es mir indem ich aufhöre mich irgendwem mitzuteilen. Durch Fotos oder Geschriebenes. Wieviel von dem bin denn auch ich? Ist nicht alles nur Farce? Virtuelles Leben schränkt die Lebendigkeit ein. Mich. Gerade. Im Moment. Ich habe mich dem angenommen, um den erschreckenden Wahrheiten des Lebens zu entfliehen, es gibt hier kein Schmerz und kein Leid, teils hier, doch aber zumindest auf Instagram. Ich verliere mich in den Leben der Anderen, die so viel glänzender sind als das Meine. Fotos werden gezeigt aus Allerwelt. Staunend beobachtend was all die Menschen zu sein scheinen. Fotos werden geladen nicht wissend was das Ganze eigentlich soll. Bin das ich? Ist das mein Leben? Was ist denn mein Leben? Es lebt sich schnell, viel zu rasant, diese Schnelllebigkeit zieht in jeglicher Hinsicht an mir vorüber, nicht wissend wie sie aussieht die Möglichkeit, welche die Schnelligkeit zu etwas mehr Langsamkeit machen kann. 

Ich habe einst geschworen, hier im Blog, das Thema des Egoismusses wieder aufzugreifen.. Man ist umgeben von soviel Ich. Es erschreckt mich und stößt mich ab, gleichzeitig aber ist es wenn auch nur ein klitzekleiner, Moment des Abstandes. Vor mir Selbst und den stechenden Gedanken. Ich muss nichts sagen, einfach nur zuhören, das kann ich gut, mich mit dem Leben der Anderen beschäftigen, nur nicht mit dem Meinen. Ich muss keine Fragen beantworten auf die es keine Antworten zu geben scheint, denn mein Kopf der gibt davon keine her. 

Probleme interessieren keinen. Weinende Menschen? Die haben die Pest. Also verpisst euch.

>>Wie geht es deinem Papa!?<< 

>>Papa ist nicht mehr!<< 

Langanhaltende Stille.

>>Okay!? Gut, Themawechsel!<<

Was wohl passiert wäre hätte ich plötzlich angefangen mit heulen?

Im beinahe gleichen Atemzug erfahre ich von ihrer Schwangerschaft.

Also ist es Zeit. Zeit ein kleines bisschen Urlaub zu nehmen. Urlaub vor mir Selbst. Und meinen Gedanken. Besonders das. Ob das tatsächlich möglich ist, ist fraglich, doch ein Versuch wird mich nicht gleich umbringen. Wie lange das andauern wird steht in den Sternen, doch auch die Sterne leben schnell, und im Nu bin ich zurück, aus meinem Urlaub, vor mir Selbst.

©Netti

Nutella taugt mehr als Nussetti!

Es gibt so Tage da steht der Körper unter Dauerstrom, auch die Seele wirkt angespannt und hochsensibel. Man kommt einfach nicht zum Runterfahren. Stattdessen trägt man diese Daueranspannung tagelang mit sich herum, selbst zum Luft holen bleibt wenig Zeit. Doch irgendwann, meist dann wenn es ruhiger wird, der Stress nachlässt, fällt die Anspannung von einem ab.

Dir war nicht bewusst in welchem Ausmaß dies von statten geht. So also sitzt du auf der Couch, die Knochen knirschen, sie sind dabei sich von all den Strapazen zu erholen, die letzten Tage wurde ihnen zu viel zugemutet. Doch auch das Hirn stand unter ständigem Druck. Du greifst also zu deiner WordPress App. Zum Runterfahren. Abschalten. Du schaust dir neue Beiträge an, wunderschön. Du likest hier und da und kommentierst einige der so tollen Beiträge. Plötzlich ein ‚Gefällt mir‘ auf einem deiner Beiträge über ihn, den Fotografen und dich. Du wunderst dich über den Like und fragst dich, was es war, welches Geschehen in dem Beitrag von dir berichtet wurde. Also liest du.. und liest und liest. Einen Beitrag. Und noch einen. Und plötzlich durchlebst du all den Schmerz, all die Erinnerung noch einmal. Plötzlich steckst du wieder in dem Silvesterabend fest, mit all der Übelkeit und dem Schmerz, der Trauer und dem Verlust, und du weinst erneute Tränen, denn die Beschreibung der Tränen die du an diesem Tag weintest,  sind so authentisch, dass sie dich die Trauer und Angst erneut durchleben lassen. Plötzlich empfindest du genau dieses Gefühl, dass du zu dem Zeitpunkt empfunden hast, dir schnürt sich die Brust zu und du musst aufpassen nicht schon wieder zu hyperventilieren. Erneute Trauer durchfährt dich, weil dir bewusst wird, dass es die Angst vor der Beisetzung war, die Angst vor dem, wie es weiter gehen wird, ohne deinen Papa, die Angst davor, den Fotografen endgültig zu verlieren, auch ihn. Deine Tränen die dir erneut über die Wangen rinnen, werden ergänzt durch ein neues Gefühl. Die Bestätigung der Angst und das Gefühl noch jemanden sehr wichtiges, neben Papa, in deinem Leben nun verloren zu haben. Ihn, den Fotografen. Es ist, als ist auch er gestorben. Ein zweites Mal durchlebst du den SilvesterAbend, all die Erinnerungen so present, sie werden niemals in dein Unterbewusstsein durchdringen, denn du rufst sie immer wieder hervor, manchmal sogar unwissentlich. Dir ist bewusst, dass dieser Mann ein jener sein wird, welcher dich niemals gedanklich ganz verlassen wird, du wirst ihn niemals wirklich loslassen können, selbst wenn du wolltest, denn er hat dich in dieser so schweren Zeit begleitet- zu ebendiesem Tag, der SilvesterNacht, die erste seit Jahren, die du nicht allein verbrachtest, sondern mit ihm. Erschreckend realisierst du, wieviele Tränen der Trauer du über ihn noch nicht ausgeweint hast, da ist noch so viel, du hast sie alle abgewiesen, als sie sich ankündigten und hast sie weggeschickt, wolltest einfach nichts von ihnen wissen, denn irgendwann ist auch einfach genug. Aber wann es genug ist, das bestimmst nicht du, sondern dein Empfinden, und das sagt dir, dass du es zulassen musst. Du magst dieses Gefühl jedoch nicht, möchtest es am liebsten anschreien und fertig machen, in tausenden Kleinteilen zerfetzen, wie es das wagen kann, einfach so aufzutauchen und alles hervorzurühren. Kann dich doch kalt lassen, was da geschrieben steht. Hast schließlich nur du geschrieben, sind doch nur irgendwelche Momente, die du mal aufgeschrieben hast. Dir war nicht mehr ganz so klar, was du alles verfasst hast, welche Arten von Gefühl du in die Texte gestopft hast. Dass es gar so viele sind, so viele auf einmal, erschreckt dich ungemein und du hast Angst, noch mehr davon herauszulassen. Zum Ersten Mal bist du richtig schockiert von den Gefühlen, die in dir schlummern. Sie machen dir Angst, denn sie drengen dich in eine dunkle Ecke, umgeben von weißlich schimmernden Spinnen mit einem ekelhaft, fetten Kullerbauch.

Dir fehlt dieser Mensch. Dir fehlt seine so positive Art, wo er doch so viel negativ in sich herum trägt, es ist eigentlich echt bemerkenswert. Dir fehlt seine ruhige Art, seine Ausstrahlung. Seine lässige, UNGLAUBLICH humorvolle Art. Dir fehlt seine Stimme, du hast sie so sehr geliebt, und auch das Stottern. Es gehörte nun einmal zu ihm. Dir fehlt sein unglaublich liebevolles, sensibles, feinfühliges und einfühlsames Wesen. Das Wesen, die Person, welche sich dir zeigte. Am 31. Dezember 2015 in der Nacht zum 01.01.2016. Neujahr!

Warum nur darf ich dich niemals mehr wieder sehen? Warum?????


©Netti

 

 

Abgewiesen.

  

Manche Mitteilungen kommen unerwartet und plötzlich, einfach so aus dem Nichts heraus, mitten ins Herz treffend. Es gibt Mitteilungen der persönlichen Art, oder via Telefon, die unmöglichste jedoch über SMS, oder schlimmer noch WhatsApp. Da wird dir ein langer Text geschickt, schwarz auf weiß und es dauert, bis du realisierst. Du liest den Text einmal, du liest ihn zwei mal und selbst beim dritten Mal kannst du es einfach nicht begreifen. Die Worte und deren Bedeutung erreichen einfach nicht dein Verständnis, es leuchtet nicht ein, was da steht, wie kannst du es dann begreifen? Die Buchstaben verschwimmen vor deinen Augen, sie ziehen tanzende Kreise, durch das Tränenwasser welches sich in deinen Augen ansammelt. Du schaust wieder und wieder auf den Absender, immer aufs Neue hoffend dich zu irren. Doch du irrst nicht, die WhatsApp Mitteilung ist von ihm, den Fotografen. Als das Wissen, das Verständnis dieses Textes, langsam zu dir durchsickert bist du fassungslos. Du bist entsetzt über diese Dreistigkeit, die er dir gegenüber an den Tag legt. Dieser Mensch hat einmal in deinem Bett gelegen, er hat deine Hand gestreichelt, deinen Arm und deinen Rücken, deine Tränen hat er sanft aus deinem Gesicht gewischt. Doch plötzlich wischt er nicht deine Tränen weg, sondern die Person, welche es wagt zu weinen. Dich. Er fragt nach seiner beschissenen Kurt Krömer DVD, welche er dir freiwillig geborgt hat, von sich aus, fragt wann er sie denn wieder haben kann und erwähnt im selben Atemzug, dass du nie wieder was von ihm hören und auch sehen wirst. Er wird die Stadt verlassen, sämtliche Kontakte von hier abbrechen, wahrscheinlich bist du nur ein Kontakt unter 1000. Ein lästiges Bündel des Elends, welches er nun unbedingt loswerden muss. Du wirst nie wieder was von ihm hören. All das schreibt er dir, anstatt es zu sagen, während er seine beschissene DVD abholt. Es tue ihm Leid und es liege absolut nicht an dir, weswegen er sich nie mehr melden wird. Du bist so geschockt dass du nur schreiben kannst er solle sie sich halt abholen. Was folgt sind Zeitangaben, und ein sinnloser Austausch von Abläufen, damit er bekommt was er möchte. Seine DVD. Die ganze Nacht kannst du nicht schlafen, weil du weißt, morgen ist es soweit. Morgen war es das. Morgen wirst du ihn zum letzten Mal sehen. Morgen wirst du ihn töten. Am liebsten nicht nur gedanklich. Wut durchfährt deinen Körper, du bekommst kein Auge zu, quälst dich durch die endlos wirkende Nacht, kannst all die Gedanken, die durch dich hindurchströmen einfach nicht zum Stoppen bringen. Du hast Fragen über Fragen, doch auf keine Einzigste von ihnen eine Antwort. Du legst dir zurecht was du fragen möchtest, wenn du vor ihm stehst, du formulierst gedanklich all die Fragen, die dich verdammt nochmal seit der ersten Nachricht von ihm, den Fotografen, via Facebook, einfach nicht mehr losgelassen haben. Du schmeisst Worte und Gefühle, Gedanken und Ängste in deinem Kopf hin und her, um etwas zu formulieren, was ihm übermitteln kann wie sehr du ihn dafür umbringen könntest, was er mit dir abgezogen hat. Du sammelst deine Tränen, um ihn damit zu konfrontieren, mit dem Meer deines Schmerzes, du möchtest ihn ertrinken sehen, dich anbettelnd, am Boden liegend. Du aktivierst deine Kräfte, um zum Messer greifen zu können, damit das Band was zwischen ihm und dir existiert endgültig zerrissen werden kann. Du sammelst deine Kräfte zusammen, ohne zu wissen, wo diese plötzlich herkommen, um ihm mit Worten eins auf die Fresse zu hauen, und nicht nur mit Worten, sondern auch mit deiner Geraden, oder besser noch die Faust, denn du möchtest ihn bluten sehen und weinen, elendig am Boden liegend, alles was du noch empfinden möchtest ist Mitleid, doch selbst dies ist ein Gefühl und Gefühle hat er einfach nicht verdient. Du möchtest Gleichgültigkeit in dir haben gegenüber diesen Mannes, auf ihn hochschauend und (aus)lachend über seine so erbärmliche Erscheinung. Eine Nacht kann verdammt lang sein, während der Kopf nicht zur Ruhe kommt und man Möglichkeiten abwägt über die Momente wie sie ablaufen könnten. Eine Nacht kann verdammt lang sein, so müde man auch ist, kann man doch einfach nicht schlafen, wenn das Herz so laut schreit.

Am nächsten Morgen fühlst du dich wie ausgekotzt und dir ist schlecht, als bist du es, die dich selbst ausgekotzt hat, und deine Gedanken die sich schwammig um dich herum bewegen, noch immer. Du bekommst keinen Bissen herunter, dabei weißt du dass erst der Morgen eingebrochen ist, du weißt dass er erst Nachmittags an deiner schrägen Klingel läuten wird und dieser Nachmittag ist noch verdammt lang hin. Du schiebst dich in die Küche, nichtwissend wohin mit dir und deinen Armen, welche leblos an deinem Körper herab hängen. Du irrst durch deine Räume, und fühlst dich leblos, denn es ist, als ist er plötzlich gestorben, dieser Schmerz liegt bleischwer in dir vergraben, die Tränen versiegen nicht und du möchtest schreien und das machst du auch. Du greifst nach deiner Eskimojacke und geisterst durch den Flur nach unten in den Garten, denn dir ist nach Zigarette rauchen, um all die Anspannung aus dir hinaus zu pusten. Du weißt nicht wie spät es ist, wie lange du hier gesessen bist, du zählst nur die Zigaretten welche vor dir zu Füßen liegen und dir wird schlecht vor lauter Ekel vor dir selbst. Wieder schwebst du durchs Treppenhaus, deine Hülle und das was noch übrig ist von dir. In deiner Wohnung zurück fängst du an zu putzen wie doof. Das Bad ist schmutzig, deine Haare müssen weg, das ist peinlich wenn er das sieht, auch wenn du weißt dass er deine Wohnung von innen nicht sehen wird. Du tust so als sieht er gleich deine ganze Wohnung, also möchtest du auch dass er sich wohl fühlt. Das gestapelte Geschirr nimmt deine ganze Küchenzeile ein, verkrustete Teller mit Resten von Kuchen, Gläser indenen sich Schimmelsporen sammeln, die hast du gar nicht bemerkt, wahrscheinlich sind sie aus deinem Körper hinausgewichen um den Rest der Wohnung damit zu infizieren. Es riecht nicht so schön, also machst du hier weiter. Ekel vor dir selbst übermannt dich und du musst dir Handschuhe überwerfen. Das Abwaschbecken lässt du mit dampfend heißen Wasser volllaufen, eine grüne Fitspur lässt hohe Seifenberge aufsteigen, du könntest jetzt eine Schaumschlacht veranstalten oder ein Schaumbad, aber vielleicht wartest du damit auf den Fotografen. Stück für Stück wäschst du all die Fresskrusten auf, doch halt, du wäschst sie nicht auf sondern ab, das hat dich der Fotograf gelehrt, dass man nicht Auf,- sondern Abwäscht, aber das ist dir doch egal, denn dir nimmt auch keiner die Last ab, die du mit dir rumträgst, durch ihn, sondern du bekommst sie nur noch dreifach aufgeladen. Das findest du idiotisch denn deine Schultern sind so schon schwer wie Blei. Bald schon weißt du nicht mehr was du noch putzen sollst, denn du hast auch gesaugt und gewischt. Im Hintergrund dudelt die Musik, welche auch er so gern mochte, du hast ihm sogar die CD´s gebrannt und du überlegst, ob du sie ihm nachher einfach ins Gesicht schleudern solltest. Du befindest es als kindisch und schiebst den Gedanken vorerst bei Seite. Du schaust auf die Uhr, die Zeiger schreiten nur mühsam voran, noch immer hast du eine gute Stunde und du musst dich einfach irgendwie ablenken. Dein Blick schweift an deinem Körper herab, entsetzt stellst du fest, dass du ihm SO nicht gegenüber treten kannst, mit deinem verquollenen Gesicht und der Jogginghose, dein weißes Trägershirt und deine Hausschlappen. Du brauchst lange um etwas zu finden, was du tragen kannst, du möchtest ihm doch gefallen, ihn dazu bringen seine Meinung zu ändern, du möchtest dass er dich in einer guten Erinnerung behält, dass er sich ärgern wird eines Tages, wenn er an diesen Moment zurückdenkt. Und vor allem aber möchtest du nicht, dass dein weißes Shirt befleckt wird, von deinem weinenden Herzen und dem Blut was aus seiner Brust herausschießt, in deiner Hand der schwarze Griff deines gezackten Küchenmessers. Du schminkst deine Augen ein wenig, lila, das bringt das blau zur Geltung, es lässt sie strahlen und soll vertuschen dass du eine Nacht hinter dir hast, in der an Schlaf einfach nicht zu denken war.

Du schreckst hoch und schaust gehetzt auf die Uhr. Damn it. Er ist überpünktlich. Dein Herz klopft dir bis zum Hals, drohend und krachend. Panisch läufst du von einem Raum in den Anderen, du wolltest doch noch… schnell schnappst du dir einen Hauch Parfüm uns lässt es hinter dein Ohr rieseln. Es klingelt wieder. Du atmest tief ein, tief aus, du atmest ein und aus, und greifst noch im Ausatmen auf die Klinke um die Tür mit einem, so meinst du, gefassten Auftreten zu öffnen. Du blickst ihm in die Augen und er dir und er sagt >>Guten Tach!<< und wahrscheinlich meint er es auch so, was dich super wütend macht, denn dieser „Tach“ ist alles andere als gut. Dein Kopf ist wie leergefegt, plötzlich bist du dir nicht einmal mehr sicher, ob du überhaupt sprechen kannst, jemals konntest, deine Stimmbänder inaktiv, du möchtest den Mund öffnen und etwas sagen, doch der Schock ihn plötzlich so schnell wieder zu sehen, hat dir die Fresse verklebt. Er schaut gut aus, obwohl er lächerlich wirkt, wie er da steht, auf seine DVD hoffend und so tuend als sei einfach nie auch nur irgendwas zwischen euch gewesen. Auf dem Kopf hat er ein Basecap, was du noch nie an ihm gesehen hast, es schaut scheiße aus, offenbar möchte er etwas vor dir verbergen. Plötzlich geht er einen rießen Schritt auf dich zu, was nicht schwer ist bei seiner enormen Größe und doch bist du überrascht von seiner Schnellligkeit, dein Hirn ist plötzlich aktiv und es fragt sich was er möchte. Dich umarmen? In die Wohnung? Beides eine absolute Frechheit und du greifst ebenso schnell nach der Tür um sie zu schließen, sein Fuß steckt halb in der Tür und du drückst ihn weg, diesen EkelFuß und bringst nichts weiter raus als ein heiseres Krächzen, was verlautet: >>Warte!!!<< Die Tür halb angelehnt, halb geschlossen. Wie in Zeitlupe kramst du die beschissene DVD mit Krömer hervor und du hoffst nicht dem Kurt die Schuld zu geben. Wieder gehst du zur Haustür zurück. Der Fotograf steht chillig, lässig, beinahe machomäßig an der Hauswand gelehnt, als er dich sieht lässt er seine Hand jedoch sinken. Langsam schließt du die Tür, so langsam dass du schnell noch was sagen könntest, falls dir wieder einfiele wie man spricht. Vor ihm steht die Hülle deiner Selbst. Tränen sammeln sich in deinen Augen, doch die Blöße gibst du dir nicht vor ihm, dass du jetzt auch nur eine einzelne Träne vergießt. >>Es tut mmmir llleid ddass das Alles so..,-<< rasch schneidest du ihm die Worte ab, die Tür schlägt vor seiner Nase zu. Nichts kann mehr aus seinem Mund heraus bis zu dir vordringen, die Tür ist zu. Deine Handfläche legt sich auf die Glasfenster der Tür, dein Innerstes wünscht sich, dass er noch einmal klingeln möge,- doch Nichts. Du hörst leise Schritte welche sich von der Tür entfernen und die Treppen nach unten steigen. Enttäuscht (von ihm? von dir?) läufst du zu deinem Wohnzimmer Fenster um einen Blick nach draußen zu werfen, denn du willst nur wissen, ob er vielleicht fliegen kann, dein Innerstes wünscht sich, dass er zu dir geflogen kommt. Offenbar sitzt er schon in seiner Karre, denn du siehst eine leichte Handbewegung. Er sitzt da eine Weile, dein Innerstes hofft er würde mit Tränen in den Augen ein letztes Mal zu dir aufblicken, aber es blickt keiner zu dir auf, auch nicht die Menschen die auf den Gehwegen entlanglaufen, keiner merkt dass du herabblickst. Stattdessen hörst du nun den Motor anspringen und mit einem Zisch fährt er die Straße entlang, immer gerade aus, so lange, bis du ihn nicht mehr sehen kannst. Dann schließt du das Fenster, denn du musst schnell vor die Tür schauen, da hat er doch sicherlich einen Sorry Brief abgelegt, ein Zeichen, irgendwas. Mit einem Ruck reißt du die Tür auf und du siehst- Nichts. Barfuß tappst du nach unten ins Treppenhaus, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Der Briefkasten. Erwartungsvoll reißt du ihn auf und du siehst- Nichts. Völligst apathisch schleppst du dich die Treppen wieder hinauf und lässt die Tür ins Schloss knallen. Dein Körper sackt an der Wand nach unten und heiße Tränen des Schmerzes, des Hasses, des Verlustes, der Angst und der zerstörten Hoffnung strömen in salzigen Spuren über deine Wangen. Aus deinem Mund tönen Schreie der Verzweiflung. Schreie des AlleinSeins. Schreie des im Stich gelassen wurdens. Schreie welche abgelehnt werden.

Die Schreie stellen stumme Fragen des Warum´s, und Wieso, denn du hast einfach nichts gesagt. Wo ist denn plötzlich all die Kraft gewesen, welche du dir in der Nacht zusammengesammelt hast? Wo sind denn deine Tränen gewesen, all jene, die du in der Nacht geweint, die Tränen, die ihn hätten ertrinken lassen!? Wo ist der Mut gewesen, der dich ihm hätte all die Fragen stellen lassen, die dich einfach nicht mehr loslassen. >>WARUM?<< Stattdessen dieses Schweigen, in dir und deinem Kopf. Es ist vorbei. Du wirst ihn nie wieder sehen. Du musst aufhören dir zu wünschen er möge noch irgendetwas schreiben, denn er wird es nicht, weil er ein Ich Mensch ist, auch wenn du die Seite in ihm erfahren hast, die genau das nicht ist, sondern liebevoll und herzlich. Doch genau das ist es, was du einfach nicht begreifen kannst, das ist es, was dich so sehr zum Grübeln bringt, was du einfach nicht verstehen kannst. Warum hast du mir dein wahres Ich gezeigt, dein Herz, deine Seele? Warum verdammt hast du mich nicht in dem Glauben gelassen du seist das widerwärdigste Geschöpf, was es gibt auf Erden!? WARUM zur Hölle!??

Der liebe Belkor meint es nur gut, denn es sind seine Worte:

>>Wir Gefühlsmenschen werden nie Antworten bekommen, die sich wie ein brennender Dolch in unser Herz bohrt, das ist leider der bittere Preis, den wir in der heutigen Gesellschaft zahlen müssen. Es gibt leider kaum noch Menschen, die „nach der alten Schule“ agieren, sich so verhalten, wie es angemessen wäre, im Gegenteil. Die meisten Männer denken nur schwanzgesteuert, schauen auf Arsch, Titten. Und die meisten Frauen schauen aufs Geld und die Muskeln. Doch wir Gefühlsmenschen, die wir auf innere Werte setzen, wir werden verarscht und verletzt, ohne dass wir es beeinflussen könnten. Immer und immer wieder.<<

Danke Belkor, für deinen moralischen Beistand. Wir Gefühlsmenschen müssen einfach zusammen halten.

©Netti  

 

Sag mir bitte, dass es dir gut geht.

Einmal mehr im Leben fragst du dich, was nach dem Tod geschieht. Ist dann wirklich, echt jetzt, mit einem Kawumms einfach alles vorbei? Befindest du dich dann im Nichts, Nichts Denken, Nichts Fühlen, Nicht mehr Sein, für die Ewigkeit? Oder gelangt dein Körper in die Hölle, in Form von.., ja was eigentlich? In Form einer Fledermaus? Des Teufels? Satan höchstpersönlich? Wirst du vielleicht wiedergeboren, als Fisch, vielleicht? Oder entweicht die Seele dem Körper um durch die Weltgeschichte zu schweben? Die Seele, welche achtsam und nebulös aus dem Körper kriecht, fast wie Nebelschwaden, nur eben unsichtbar.

Du erinnerst dich an den schlimmsten Tag deines Lebens, es scheint als war es gestern, wie du am Bett gesessen bist, von deinem Papa, deine Stiefmutter-so nennst du sie der Einfachheit halber, ließ dich für ein paar Minuten allein zurück. In deinem Hals ein dicker Kloß. Heiße Tränen, welche in Sturzbächen aus deinen Augen strömten, kein Ende nehmend. Dein Mund staubtrocken, als hättest du seit Tagen nichts mehr getrunken. Aus verquollenen Augen schautest du deinen Papa an, du siehst ihm so ähnlich. Du hast seine Nase. Seine Mundpartie. Er hat vieles an dich weitergegeben. Du fühltest dich wie gelähmt, gefangen in einem Alptraum, aus dem du einfach nicht erwachen konntest. So unwirklich, wie er vor dir lag, die Augen geschlossen, der Mund geöffnet, so als würde er schlafen, und laut schnarchen. Doch er schnarchte nicht, kein Ton kam über seine Lippen, und auch sonst regte sich nichts mehr in diesem Raum. Gespenstische Stille umgab dich und ließ dich erschaudern, dir war schweinekalt, du hast gezittert und die Zähne schlugen klappernd aufeinander, blaugefärbte Lippen zeigten deine innerliche Kälte. Du nahmst seine Hand in die deine und hieltest sie und streicheltest sie, behutsam, sanft, zärtlich und liebevoll. Dir gingen so viele Gedanken durch den Kopf und gleichzeitig war da nichts außer unendliche Leere in dir. Da war so viels, was dir über die Lippen wollte, doch kein Wort konntest du nach außen tragen. Du weintest und weintest so viele Tränen des Schmerzes und Vermissens, deine Brust zog sich qualvoll zusammen, diese Bleischwere in dir und deinem Hirn, du atmetest schwer, bekamst kaum noch Luft, schnappartig zogst du Luft ein, um diese im nächsten Atemzug wieder rauszuweinen, und zu schreien, denn innerlich war der Schrei so laut wie ein Atombombeneinschlag. Erschütternd, ohrenbetäubend. Sekunden verstrichen, Minuten, du weißt nicht mehr wie lange du dort saßt auf diesem Stuhl, neben Papas Bett, jegliches Zeitgefühl ging dir verloren. Das Fenster angekippt, leichte Windbrisen schwebten durch den Raum. An der Decke des Heimes hingen gebastelte Sterne, welche sich leicht im Lufthauch bewegten. Sie schwangen von einer Seite zur Anderen, doch ansonsten kehrte kein Leben zurück in diese 4 Wände. Du fragtest dich, wo dein Papa jetzt wohl ist, ob er dich sehen kann, wie du bei ihm sitzt, der Ohmacht nahe und aus deinen Augen blickend, verquollen und rot. Du fragtest dich, ob er deine Tränen trotzdem noch spüren kann, welche auf seinen Körper niedertropften. Heiß, dampfend. Innerlich schimpftest du mit dir selber, wolltest du ihm doch nicht weh tun, mit deinen heißen Tränen, nicht dass er sich verbrennt. Du fragtest dich, ob er trotzdem noch bei dir war, im Raum, vielleicht vor dir saß, auf dem Bett. Vielleicht hob er sogar seine Hand, um dir die Haare, die dir ins Gesicht fielen, aus dem Gesicht zu streichen, und dann ein Stofftaschentuch reichend, um dir zu signalisieren: „Zieh deine verdammte Nase nicht hoch, sondern schnaub, Mädel!“ Bis zuletzt hat Papa das Nasehochziehen gehasst. Auch in seiner Zeit der Krankheit. Wenn du kein Taschentuch hattest musstest du nun mal Nase hoch ziehen. Dafür erntetest du dann böse Blicke. Entschuldigend „Na was denn? Nase hochziehen ist gesund! Sogar gesünder als schnauben“. redetest du dich raus. Dir liefen die Tränen, wenn du daran dachtest, du wolltest ihn nicht verärgern, das hast du nie gewollt. Du wolltest immer, dass er stolz auf dich sein kann, stolz auf sein Mädchen. Du bist dir nicht sicher, ob er je stolz sein konnte auf dich, und das was du erreicht hast im Leben, wenn auch nicht viel. Dein Papa hat es nie gesagt. Dann wurde es Zeit Abschied zu nehmen, unter Tränen hattest du ihm deine Liebe gestanden, hattest dich bedankt dafür, durch ihn erfahren zu haben was es heißt zu lieben. Was es heißt du Empfinden und zu Fühlen. Du hast dich entschuldigt dafür, nicht viel öfter für ihn da gewesen zu sein und du gabst ihm ein Versprechen. Du versprachst ihm auf seine Partnerin aufzupassen, ein Auge auf sie zu haben, Acht zu geben, und sie nicht im Stich zu lassen. Du versprachst ihm, dass du für sie da sein wirst. „Mach dir keine Sorgen Papa“! Deine Augen schmerzten all der Tränen, sie hinterließen salzige Wege des Verlustes auf deinen blassen Wangen. Du gingst ganz nah an ihn heran, nahmst jedes noch so kleine Detail in deinem Verstand auf, um niemals nie zu vergessen, wer er gewesen ist. Dein Papa. Wieder entwichen dir Schluchzer der Hyperventilation, verzweifelte Japser, um Rückkehr bittend. Du führtest deinen Mund auf Papas Stirn und gabst ihm einen herzlichen Kuss, einen Abschiedskuss. Dann klopfte es an der Tür. Die Leichenbestatter wollten ihn mitnehmen.

Du erinnerst dich, wie du einmal mit Papa über das Leben und den Tod gesprochen hattest und du berichtetest ihm von deiner Oma, was seine Mama war. Die Oma hat sich damals bei dir verabschiedet, in ihrem alten Haus, an dem Tag, an dem sie hätte Geburtstag gehabt. Doch sie starb schon ein Jahr zuvor an einem schweren Krebsleiden. Das erzähltest du Papa, wie sie dich aufsuchte, du hast sie nicht gesehen, doch sie hat etwas aus dem Regal geworfen, was mit einem lauten Knall zu Boden ging. Du weißt, das war die Oma. Es war ihr letzter Gruß. Wenn du allein gewesen wärst, hättest du an deinem Verstand gezweifelt, an deinen Hirnsynapsen, die anscheinend nicht mehr rund liefen, doch du warst nicht allein, denn deine jüngere Cousine war bei dir, und ihr saht euch aus großen, erschrockenen Augen an, doch als ihr realisiertet liefen Tränen, Tränen der Freude und der Ungläubigkeit. Papa lachte dich aus, als du ihm Bericht erstattet hast, er fand das wahnsinnig komisch, dieses Märchen, welches du ihm da auftischtest, doch du wusstest es einfach besser. Papa wollte es nicht glauben, weil er nicht konnte, lässt es sich doch nicht rational erklären, alles Humbug.

Nun wünschst du dir, dass er dich aufsucht, dass auch er einen letzten Gruß an dich hat. Du bist dir sicher, dass du es diesmal wärst, die ihn auslachen würde, denn du hast es ja schon immer gewusst, doch dann würdest du weinen und einfach nicht mehr klar kommen in deiner beschissenen Welt, weil er dir einfach so sehr fehlt, und nie wieder zurückkommen wird. Er wird dir nie wieder mit Rat und Tat zur Seite stehen, nie wieder über diese Märchen lachen die du ihm erzählst, die ja gar keine sind, und er wird nie wieder fragen, was es neues gibt bei dir und in deiner Wohnung mit den blöden Nachbarn und bei deinem Job. Er wird dich gar nichts mehr fragen, außer vielleicht eines: „Woher wusstest du, dass es Oma war?“

14. Februar, Tag des Wegschauens.

Heute vor einem Jahr kam Papa ins Krankenhaus. Und hier endet der Satz. 

Was würde ich nicht alles dafür geben diesen Tag auszulöschen, wegzuradieren, zu verätzen, aufzulösen und rückgängig zu machen. 

Ich mag Valentinstage nicht. Nicht nur der Name ist bescheuert, sondern auch der fade sowohl bittere als auch tränensalzige Nachgeschmack den dieser Tag hinterlässt. Noch dazu sind Valentinstage scheiße weil alle Pärchen an diesem Tag ihre Zuneigung kund tun, plötzlich existieren mehr Pärchen auf den Straßen als Tropfen im Regen. An jeder Ecke wird geknutscht und gekichert, Händchen gehalten und rumgemacht. Ich kann da immer nur wegschauen, ist schließlich ein Ding der Unmöglichkeit sie alle zu töten. Motiv: Neid und Hass auf alles was sich mir an diesem Tag in mein ohnehin schon beschränktes Sichtfeld drängt. Ich frage mich aus welchen hintersten Ecken all die Liebeskranken Menschen kommen und wieso. Wieso an einem Tag, der doch ein Tag wie jeder andere ist. Alle folgen sie diesem Trend, der unnötiger und sinnloser nicht sein könnte. Alle sind gezwungen verliebt, nur weil es der Moment so vorgibt. Alle meinen sich zu beschenken und sich wahnsinnig lieb haben zu müssen, obwohl sie sich grundsätzlich nur anschreien und Hasstiraden schimpfen. Am Valentinstag kann man alle über einen Kamm scheren. An Valentinstagen sind einfach alle doof. Die Allgemeinheit verblödet an den vorgegebenen GedenkTagen. Es gibt schließlich auch den Tag der Jogginghose. Und trotzdem trägt da nicht alle Welt seine Jogginghose spazieren. Wobei Ausnahmen… Den Gedankengang zum >>National Hugging Day<< denke ich absichtlich nicht zu Ende. 

Ich gehe also mit geneigtem Haupt den Schotterweg entlang, darauf bedacht den Kopf unter keinen Umständen zu erheben. Es ist mir egal dass ich heute nur meine Schuhspitzen betrachten kann, ein Fuß vor den anderen setzend. Es ist mir egal dass es regnet. Die Kaputze auf meinem Kopf gibt mir Sicherheit und Schutz vor den Blicken, die sowieso nicht mir gelten. Dieser Tag ist mir so egal wie das Amen in der Kirche. Das Wetter ist auf meiner Seite. Peitschend fegt der Regen all die verliebten Menschen von den Straßen, so wie es sich gehört. 

  

©Netti