..Als hat es uns beide nie gegeben..!?

Lang ist’s her, könntest du sagen, aber du würdest lügen, denn allzu lang ist es nicht her. Du heißt sie Willkommen ohne sie Willkommen zu heißen, die Tränen sind zurück. Als die Nachricht eintrifft hältst du dich zurück denn du glaubst dich zu verhören, zu verlesen, das kann nicht sein Ernst sein, echt nicht. Trotzdem ist dir nach heulen. Ihr könnt ja gleich nochmal drüber sprechen, ganz in Ruhe, bis gleich.

Du besäufst dich schon mal ein bisschen. Und weinst dabei ein bisschen. Während du Mukke hörst die singt „Und ich bin wieder alleine…“ Nebeinbei machst du dich zurecht für den Mann der gerade dabei ist dir dein Herz zu brechen. Oder zumindest den Verstand zu rauben. Nichtwissen. Nichtverstehen. Fragen. So viele davon. Und nun!?

Du läufst zu ihm und klingelst obwohl du genauso gut wieder gehen könntest, aber den Mumm dazu hast du nicht. Weil du nicht willst. Du möchtest bei ihm sein. Jetzt. Hier. Immer.

Ihr schaut sinnlos in die Röhre, die ja läuft und keiner sagt einen Ton, auch du nicht, es ist schließlich nicht dein verdammter Part. Irgendwann bricht er das Schweigen, er wisse einfach nicht was sagen. 

„Du hast doch alles gesagt, oder geschrieben.“, möchtest du am liebsten sagen, doch du sagst nur: „Du hast deine Entscheidung doch bereits getroffen. Das ist eine einmalige Chance. Also nimm‘ sie an!“ Er streichelt dich, sucht deine Nähe, doch dir ist gerade gar nicht nach Nähe. Du möchtest am Liebsten schreien. Um das zu umgehen kippst du dir noch ein bisschen Sekt hinter die Birne, das kann er ruhig sehen, dass dich das hier gerade nicht kalt lässt.

Ihr redet darüber, über sein beschissenes Jobangebot in Amerika mit dem beschissenen Zeitpunkt, aber nichts hat jemals einen guten Zeitpunkt. Papa ist auch gestorben. Einfach so. Da hat es niemanden interessiert dass gerade Weihnachten vor der Tür stand. Er schaut sehr, sehr bedrückt und du schaust auch sehr, sehr bedrückt und ihr beide schaut euch an, aus sehr bedrückten Augen, während sich Tränen darin sammeln. Du sitzt auf seinem Schoß möchtest ihn am Liebsten schlagen mit irgendwas, hier muss doch irgendwo.. du suchst ein Kissen findest aber nur ein paar Tempos welche du nach ihm wirfst: „Du bist ein beschissenes Arschloch!“, wirfst du ihm mit den Tempos halb lachend, halb weinend an den Kopf. Ihr redet ohne zu wissen wie es weiter gehen wird. Als er sagt: „Darf ich dich zum Mexikaner einladen, wenn ich wieder zurück bin!?“ kannst du deine Tränen nicht mehr verbergen und du schluchzt in deine Hand hinein. Enttäuschung, Traurigkeit, Vermissen, schon jetzt. Der Mexikaner war euer zweiter Date und der erste Kuss. Du wendest dich von ihm ab, so dass er deine Tränen nicht sehen kann. Wahrscheinlich hört er sie nur, wie sie plätschernd auf dem Parkett aufprallen.

Er umarmt dich von hinten, sucht deine Nähe die du gerade einfach nicht verkraften kannst. Als du dich zu ihm umdrehst laufen auch ihm Tränen über die Wange, was das alles nicht leichter macht. Er will dich nicht so sehen und er fragt sich wie er so in den Flieger steigen kann, wie er dich so hier zurück lassen kann. 

Drei Monate bleiben euch noch. Dann ist er weg. Könnte eine Beziehung, noch frisch, so eine große Zeitspanne überstehen? Über ein Jahr? Nicht sehen? 

Du weißt es nicht. Du weißt nur dass sie heiß sind, diese Tränen die du weinst.

Und ganz egal wie es ausgeht: Du möchtest dass er glücklich ist. Denn das Lachen steht ihm unglaublich gut. Viel besser als ein trauriger Mund. Es ist seine Entscheidung. Wenn er gehen möchte, dann ist das so. Du möchtest ihm gern vertrauen. Du möchtest gern glauben dass eine Beziehung das Jahr überstehen könnte.

Kackmist! Rießengroßer beschissener Kackmist!, denkst du dir als du dich angesoffen über die Gangsterstraße wagst. Ein Auto blendet dir in dein Gesicht. Es hupt und fährt vorüber. Scheiße! Du hast dein Pfefferspray vergessen.

Du möchtest an einen guten Ausgang glauben, an das Jahr, was ihr getrennt voneinander übersteht… Trotzdem aber hören deine Tränen nicht auf zu fließen, jetzt gerade, du bist allein in deiner Wohnung, wieder zu Hause, und du hast einfach keine Ahnung. Du hast keine Ahnung ob eure Gefühle füreinander ausreichen und das Jahr überstehen würden. Du weißt nicht, ob das was er empfindet ausreicht, um dir nicht das Herz aus deiner Brust zu reißen. Könntest du ihm Vertrauen, in jeglicher Hinsicht? Würde er nach dem Jahr noch der sein in den du dich vergucktest? Würde auch er dich noch mit glücklichen Augen ansehen!? Glücklich zurück zu sein, bei dir!?

 >>Und ich bin wieder alleeeine…!? Als hat es uns beiiiideee,..<<

„Halt die Fresse!“, nölst du und wünschst deine eigene Mucke zum weißichnichwohin, die dir gerade gehörig gegen den Strich geht.

©Netti

Lost

Es fängt bereits an zu dämmern, langsam fährt das Auto über holperige Schotterwege. Der Fahrer des Autos wirkt verwaschen, du hast keine Ahnung, wer das Steuer lenkt. Doch es interessiert dich auch nicht, deine Aufmerksamkeit gilt dem, was gleich kommen wird. Das Auto erreicht die Stadt, in der du damals während deiner Ausbildung lebtest. Was du nun siehst erschreckt dich zutiefst. Als ihr das Ortsschild erreicht, flimmern Bilder des Grauens auf, die einst so überfüllte Kleinstadt ist nur noch eine Ruine ihrer Selbst, alles halb abgebrannt, zerfallen, tot. Überall nur Schutt. Vereinzelt laufen ein paar Menschen durch leere Straßen, jegliche Lebensfreude scheint sich aus den Körpern gesogen zu haben. Da ist der Marktplatz, welcher nur noch schemenhaft als solcher anzuerkennen ist, das Freibad, welches nur noch eine gähnende Leere hinterlässt, ein tiefes Loch, verlassen und leer. Die Rutsche hängt zerbröckelt in ihren Angeln, das Gras überwuchert die Treppen, die einst den Weg ins kühle Nass ebneten. Efeu rankt an den Säulen der Umkleidekabinen empor. Die Türen morsch und halb zerfallen. Deine Augen werden immer größer, Unbegreifen spiegelt sich darin wieder. Als ihr an dem rießigen Gebäude ankommt, welches damals noch dein Zuhause war, laufen dir die Tränen. Kaum noch etwas ist davon übrig geblieben. Eine Treppe führt ins Nichts hinauf, darumherum nur Schuttberge, das Objekt zerstört bis zur Unkenntlichkeit. Der Weg führt euch bis zu deiner Zweitwohnung, das Gebäude, wo du dich die größte Zeit aufhieltest. Das Haus, welches deine Familie enthielt. Du schaust auf das Hoteleingangsschild, der Name verblasst, die Buchstaben kaum noch leserlich. Zerplittertes Glas. Fetzen der Verwesung umgeben den Parkplatz. Wo du auch hinblickst herrscht verschluckende Schwärze. Da drüben! Du siehst zwei Menschen vor euch laufen. Du sprichst sie an, doch sie schauen nur verständnislos zurück. Du möchtest jetzt wissen, was hier geschehen ist. Du redest auf sie ein, ohne eine Antwort zu erhalten. Was ist mit dieser Stadt passiert? Niemand versteht dich, keiner spricht deine Sprache. Verzweiflung macht sich in dir breit.


 

…Die Erinnerung an all die Träume die diese Stadt beinhalten, an das Haus indem du deine Lehre abgeschlossen hast, ist noch immer greifbar. Ständig umgibt dich diese Frage: „Warum lässt dich dieser Ort nicht los!?“ Innerlich weißt du, dass du zurückkehren musst, du weißt die ganze Zeit über, dass du diese Lücken füllen musst, doch es gab Dinge, die ließen all das in Vergessenheit geraten, es wurde verdrängt und nicht für wichtig erachtet. Da gab es Dinge, die dich auf den Boden pressten, weil dir etwas genommen wurde, was du liebst, und weil das nicht reichte, brach der Himmel über dir zusammen, er weinte, als zum Zweiten Mal dein Herz zerissen wurde, man stahl dir eine Person, derer du dein Herz schenktest. Welche Bedeutung hat dann schon ein nichtiges Hotel, indas du all deine damalige Kraft und Energie stecktest!? Welche Bedeutung hat dann schon diese Stadt, mit dem wunderschönen klang, diese Kleinstadt, die du liebtest, sie war so gemütlich für dich, du fühltest dich wohl. Welche Bedeutung kannst du dem schon beimessen, wenn sich mit einem Schlag alles nur noch nichtig anfühlt, so völlig ohne Sinn…Du lebst vor dich hin. Doch dann kommt der Tag, an dem etwas in dein Bewusstsein dringt, und du erinnerst dich. Dir fällt wieder ein, dass da noch was war, was du doch so dringend wolltest.. die Lücke in deinem Kopf, die Träume, die immer Wiederkehren.. Du schnappst dir deinen Laptop und tippst in das Suchfeld den Namen des Hotels ein. Sofort öffnen sich einige Informationsseiten, auch die Seiten der Hotelportale springen dir ins Auge. Du klickst auf eines wie Trivago und öffnest das gesuchte Hotel. Deine Familie. Du siehst einen traurigen Smiley, er leuchtet rot. Keine Preisangaben stehen im Vergleich zur Verfügung, die Stelle ist frei und weiß erhellt. Wo ist die schwarze Schrift? Wo sind die Preisvorschläge!? Du bist verärgert über dieses doofe Portal und tippst direkt die Homepage des Hotels ein, dann kannst du sofort mit deinem ehemaligen Kollegen sprechen, du hast ihn so lange nicht gehört, das wird ein Spaß. Dann kannst du dich gleich nach den Preisen und Auslastungen erkundigen, vielleicht bekommst du ja Rabatt und kannst schon ein Zimmer buchen, du möchtest deinen Kumpel mitnehmen, ein Kumpel, zudem nur noch sporadisch Kontakt besteht. Dein 1. Freund, kennengelernt im Hotel, ein Kochkollege, zeitgleich dein bester Freund, deine Familie. Du möchtest zusammen mit ihm ein Zimmer reservieren und mit dem Ort abschließen, dich verabschieden. In deinem Kopf läuft dein eigener Film, ein Film, der sich so echt anfühlt…

Du läufst mit ihm durch das so große Objekt, hier habt ihr so viel erlebt, so viel durchgemacht.. Eure Füße gleiten über den mittlerweile leicht ranzigen Teppichboden, es schaut aus wie immer, nur dass man die bereits verstrichene Zeit an dem Mobiliar, ablesen kann, man kann erkennen wie die Zeit das Leben aus den Wänden saugt. Risse lassen sich auf der Tapete erkennen, verblichene Gardinen hängen vor sich hin, Türen quietschen und knarren beim Öffnen. Das rießige Foyer mit dem Selben Kronleuchter, nur dass er nicht mehr im schillerndsten Glanz erstrahlt, matt brennen nur noch vereinzelte Birnen. Die Rezeption weist lange Jahre des Gebrauches auf. Gäste welche mit Koffern an der Rückwand entlangschabten. Du siehst den Kollegen hinter der Rezeption vor dir stehen, neben dir dein damaliger 1.Freund, du erkennst ihn sofort wieder, auch wenn er nicht mehr ganz so schlank ist. Als ihr euch kurz in den Armen liegt umgibt dich sein Duft, der Duft deiner Familie. Der Selbe Duft wie einst. Er war so viel für dich. Tränen der Erinnerung brennen sich kurzzeitig in dein Gedächtnis. Schon steht ihr in dem Restaurant, die einzelnen Tagungsräume hebt ihr euch für später auf…, ein großer Raum, Erinnerungen umschweben euch wie kleine viel zu schnelle Sternschnuppen. Gleich an das Restaurant grenzt eine Terasse, die im Sommer immer gut besucht war. Als ihr staunend am Pass der Küche ankommt bekommt dein Kumpel große Augen. Er flitzt schnell hinein in die Küche, während du am Pass stehen bleibst, es wirkt als stündet ihr erst gestern hier, du vor dem Pass und er in der Küche direkt dahinter…..

Er funkelte dich bitterböse an mit seinen dunkelbraunen, fast schwarzen Augen, die Wut fraß sich bis in dein Herz. Du wusstest du hast da was ganz schön dummes gemacht, soetwas macht man nicht, Mädchen, aber er konnte dir keinen Vorwurf machen, ihr ward schließlich kein Paar mehr, es war seine Entscheidung, nicht deine. Er schrie dich an, brüllte beinahe, weil das Fressen was du rausbringen solltest sonst kalt würde, die Gäste würden sich beschweren. Das ließt du nicht auf dir sitzen und zum ersten Mal brülltest du zurück, du erschrakst fast vor dir Selbst, gut gebrüllt Löwe. Er wurde ruhig und er schaute erschrocken und auch dir saß der Schreck tief in den Gliedern, so nicht, mein Freund, SO nicht! Um euch herum war es plötzlich still, so still, totenstill, in der Küche hielt plötzlich jeder in seiner Bewegung inne, alle hörten auf zu schneiden, keiner schrie den Anderen an, das Wasser rauschte plötzlich leiser, selbst der Küchenchef verstummte. Die Kellnerkolleginnen, welche sonst nur von A nach B flitzten, schienen zu vergessen, dass es da draußen Gäste gab, deren hungrige Mägen im Dauerbrummeln ein Kanon stimmten. Du schnapptest dir deine drei Teller, mit vor Wut so roter Birne wie die Tomate, welche als Garnitur des Gerichtes diente, und gingst langsam und gemächlich durch diese blöde Schwingtür, nicht darauf Acht gebend ob irgendein Idiot dir folgte……..

Ein Schmunzeln umgibt dich, während du dem Film auf deiner inneren Leinwand folgst. Als du die Hompage des Hotels im Suchfeld eintippst und auf Enter drückst hältst du kurz die Luft an, du bist so aufgeregt. Doch dann ein weißer Bildschirm, oben links eine Schrift, welche du zwar liest, aber nicht begreifst, du verstehst jetzt echt nicht was da geschrieben steht. Du wiederholst den überflüssigen Vorgang und tippst erneut auf Enter, doch auch diesmal blendet dich das grelle weiß der Seite, nur die schwarze Schrift im linken Feld auf obiger Seite erscheint in kleinen Lettern, so klein, dass man meinen könnte diese Schrift möchte da nicht stehen. Deine Augen füllen sich mit Tränen, während ein vereinzelter Tropfen auf deine Hand perlt.

404 Not found!

Deine Recherche besagt, dass das Haus, mit all den Leuten welche einst deine Familie waren nun geschlossen wurde, es existiert nun nur noch als Flüchtlingslager, all die Leute sitzen nun ihre Ärsche auf den Betten breit, die du einst schütteln musstest, all die Leute nutzen nun eine heiße Dusche aus deren Abfluss du damals unter ständiger Beobachtung und lautem Gebrüll langes Schamhaar herauspulen musstest.

Fick dich Traum! Zeig dich mir das nächste Mal gefälligst deutlicher!

 

 

 

 

Nutella taugt mehr als Nussetti!

Es gibt so Tage da steht der Körper unter Dauerstrom, auch die Seele wirkt angespannt und hochsensibel. Man kommt einfach nicht zum Runterfahren. Stattdessen trägt man diese Daueranspannung tagelang mit sich herum, selbst zum Luft holen bleibt wenig Zeit. Doch irgendwann, meist dann wenn es ruhiger wird, der Stress nachlässt, fällt die Anspannung von einem ab.

Dir war nicht bewusst in welchem Ausmaß dies von statten geht. So also sitzt du auf der Couch, die Knochen knirschen, sie sind dabei sich von all den Strapazen zu erholen, die letzten Tage wurde ihnen zu viel zugemutet. Doch auch das Hirn stand unter ständigem Druck. Du greifst also zu deiner WordPress App. Zum Runterfahren. Abschalten. Du schaust dir neue Beiträge an, wunderschön. Du likest hier und da und kommentierst einige der so tollen Beiträge. Plötzlich ein ‚Gefällt mir‘ auf einem deiner Beiträge über ihn, den Fotografen und dich. Du wunderst dich über den Like und fragst dich, was es war, welches Geschehen in dem Beitrag von dir berichtet wurde. Also liest du.. und liest und liest. Einen Beitrag. Und noch einen. Und plötzlich durchlebst du all den Schmerz, all die Erinnerung noch einmal. Plötzlich steckst du wieder in dem Silvesterabend fest, mit all der Übelkeit und dem Schmerz, der Trauer und dem Verlust, und du weinst erneute Tränen, denn die Beschreibung der Tränen die du an diesem Tag weintest,  sind so authentisch, dass sie dich die Trauer und Angst erneut durchleben lassen. Plötzlich empfindest du genau dieses Gefühl, dass du zu dem Zeitpunkt empfunden hast, dir schnürt sich die Brust zu und du musst aufpassen nicht schon wieder zu hyperventilieren. Erneute Trauer durchfährt dich, weil dir bewusst wird, dass es die Angst vor der Beisetzung war, die Angst vor dem, wie es weiter gehen wird, ohne deinen Papa, die Angst davor, den Fotografen endgültig zu verlieren, auch ihn. Deine Tränen die dir erneut über die Wangen rinnen, werden ergänzt durch ein neues Gefühl. Die Bestätigung der Angst und das Gefühl noch jemanden sehr wichtiges, neben Papa, in deinem Leben nun verloren zu haben. Ihn, den Fotografen. Es ist, als ist auch er gestorben. Ein zweites Mal durchlebst du den SilvesterAbend, all die Erinnerungen so present, sie werden niemals in dein Unterbewusstsein durchdringen, denn du rufst sie immer wieder hervor, manchmal sogar unwissentlich. Dir ist bewusst, dass dieser Mann ein jener sein wird, welcher dich niemals gedanklich ganz verlassen wird, du wirst ihn niemals wirklich loslassen können, selbst wenn du wolltest, denn er hat dich in dieser so schweren Zeit begleitet- zu ebendiesem Tag, der SilvesterNacht, die erste seit Jahren, die du nicht allein verbrachtest, sondern mit ihm. Erschreckend realisierst du, wieviele Tränen der Trauer du über ihn noch nicht ausgeweint hast, da ist noch so viel, du hast sie alle abgewiesen, als sie sich ankündigten und hast sie weggeschickt, wolltest einfach nichts von ihnen wissen, denn irgendwann ist auch einfach genug. Aber wann es genug ist, das bestimmst nicht du, sondern dein Empfinden, und das sagt dir, dass du es zulassen musst. Du magst dieses Gefühl jedoch nicht, möchtest es am liebsten anschreien und fertig machen, in tausenden Kleinteilen zerfetzen, wie es das wagen kann, einfach so aufzutauchen und alles hervorzurühren. Kann dich doch kalt lassen, was da geschrieben steht. Hast schließlich nur du geschrieben, sind doch nur irgendwelche Momente, die du mal aufgeschrieben hast. Dir war nicht mehr ganz so klar, was du alles verfasst hast, welche Arten von Gefühl du in die Texte gestopft hast. Dass es gar so viele sind, so viele auf einmal, erschreckt dich ungemein und du hast Angst, noch mehr davon herauszulassen. Zum Ersten Mal bist du richtig schockiert von den Gefühlen, die in dir schlummern. Sie machen dir Angst, denn sie drengen dich in eine dunkle Ecke, umgeben von weißlich schimmernden Spinnen mit einem ekelhaft, fetten Kullerbauch.

Dir fehlt dieser Mensch. Dir fehlt seine so positive Art, wo er doch so viel negativ in sich herum trägt, es ist eigentlich echt bemerkenswert. Dir fehlt seine ruhige Art, seine Ausstrahlung. Seine lässige, UNGLAUBLICH humorvolle Art. Dir fehlt seine Stimme, du hast sie so sehr geliebt, und auch das Stottern. Es gehörte nun einmal zu ihm. Dir fehlt sein unglaublich liebevolles, sensibles, feinfühliges und einfühlsames Wesen. Das Wesen, die Person, welche sich dir zeigte. Am 31. Dezember 2015 in der Nacht zum 01.01.2016. Neujahr!

Warum nur darf ich dich niemals mehr wieder sehen? Warum?????


©Netti

 

 

Sie hat dich.

  
Ruckartig wachst du auf, aus einem Traum den du nicht erinnerst. Dein erster Gedanke gilt ihm. Ihm, den Fotografen. In deinem Hals ein rießiger Kloß, welcher dir die Luft zum Atmen nimmt. Du hast das Gefühl, dein Herz würde zerbersten und in einer Million Fetzen an die Wände klatschen und genau da kleben bleiben. Dir schießen Tränen aus den Augen und du musst schluchzen, leise nur, denn Abdul liegt auf der anderen Seite dieser hauchdünnen Wand. Ungern möchtest du, dass er die Polizei ruft, weil Töne zu ihm durchdringen, welche ein Schwein vermuten. Ein Schwein, was man soeben abschlachtet. Qiekende, nach Luft japsende Laute verlassen das Wesen. So fühlst du dich, gerade jetzt, mit deinem Herz was inzwischen an den Wänden zu kleben scheint. Dieses Gefühl, es ist so schmerzhaft und du windest dich der Qual, als all die Bilder über dir zusammenbrechen, wogegen dein Verstand sich nicht wehren kann. Eure gemeinsame Zeit läuft in rasanter Schnelligkeit in deinem inneren Auge ab. All die gemeinsamen Stunden, die Tränen, welche du mit ihm teiltest, die Glücksmomente, die dich zu ihm hinzogen. Plötzlich wechseln die Bilder, doch die Empfindung bleibt die Gleiche. Du blickst in eine Galerie aus Momenten und Gefühlen und der Durchlauf stoppt bei einer Szene, welche du bis heute verdrengt glaubtest. Ein Szenario deiner Vergangenheit:

Das Mädchen steht vor dieser bedrückend wirkenden Tür. Sie tritt von einem Bein auf das Andere. Beinahe dreißig Minuten steht sie einfach nur da. Langes, gelocktes Haar fällt ihr ins Gesicht. Ihre Arme baumeln nichtssagend und kraftlos neben ihrem Körper. Sie überlegt was sie tun soll und fixiert das Klingelschild mit seinem Namen, ihre Augen gerötet und traurig. Lange steht sie so und kann sich einfach nicht bewegen. Irgendwann jedoch drückt ihr Finger auf sein Namensschild und seine Stimme erklingt aus dem Freisprechgerät. Tief und hinreißend.

Sie räuspert sich. >>Kommst du kurz runter bitte?<< Stille am anderen Ende.

Auch er räuspert sich, >>Ähm, wer, wer ist denn da?<<

Als sie ihren Namen sagt, ist er noch immer nicht schlauer und sie bereut hier hergekommen zu sein.

Dann- endlich.. >>Ach, ach DUUU, ich ddachte schon die häässliche Aandere, die heißt auch so wie du. Oh Gggott, auf die hätte ich jetzt echt kkkeine Lust.<<, stottert er. Auch dafür liebt sie ihn. Für seine Schwächen, die keine sind.

Trotzdem will ihr Verstand sie wegtragen, von dieser Tür, welche nur Demut verspricht. Aber die Beine versagen ihr den Dienst. Also steht sie einfach nur da. Schnell öffnet sich die Tür, vor ihr der Mann, der ihr so viel bedeutet. Er schaut überrascht, als er sie sieht. Und grinst, mit diesem schiefen Grinsen, was sie so sehr liebt.

>>Was, was machst du hier!?<<

>>Wir müssen reden! Ich muss jetzt endlich wissen wieso du so arschig zu mir bist.<<

>>Iiiich, iich bin ddoch nicht aarschig zu dir. Was? Nein, das bin ich nicht.<<

Sie zählt auf, was auf der Hand liegt, wirft ihm sein Desinteresse ins Gesicht.

>>Du ignorierst mich. Sag mir Hier und Jetzt was das alles sollte, und dann wirst du mich nie wieder sehen.<<

Seine langen Beine suchen sich einen Weg zur Treppe.

>>Setz dich!<<, er seufzt. Wow. Wie nett.

>>Iiich, iich fiind dich uuuunglaublich anziehend. Aaaber, das mit uns ddas, das kann nicht funktionieren. Du hast andere Anforderungen an das Leben, wir sind zu verschieden. Du bist meinem Alter nicht gerecht. Ich hhabe jemanden kennengelernt. Vor vier Wochen. Sie ist älter als ich, und hat auch ein Kind.<<

Ihr Herz rutscht auf die eiskalte Treppe und bleibt blutend vor ihr liegen. Klasse. Happy Patchworkfamily. Fick dich, Pisser!

Er spricht weiter: >>Wwwarum tust du dir das an? Das muss doch unglaublich schmerzhaft sein!?<<

Das Mädchen kann nicht fassen, was ihre Ohren ertragen müssen. Blut tropft aus ihrem rechten Ohr und es platscht spritzend zu Boden. Tränen vermengen sich mit dem Blut. Knallig. Rot.

>>Hey, wwwwarum gehst du nicht einfach zu hier, DDdings, der steht auf dich und würde sich freuen wenn ihr was zusammen unternehmt. Fahr zu ihm! Ich weiß, der hat Haare auf der Brust, aber ist trotzdem ein Netter.<<, er lacht über seinen eigenen Witz.

Ihre Tränen haben kein Halten mehr. Mit erstickter Stimme fährt sie dazwischen.

>>Das kann ich nicht, du ARSCHLO…-,<< >>Na! Jetzt werd mal nicht gleich abwertend.<<, unterbricht er sie und grinst sein halbes Grinsen.

Das Mädchen ist so wütend und traurig. Sie weint vor ihm, aber es ist ihr egal. Sie schaut ihn verzweifelt an, in ihren Augen völlige Leere.

>>Ich kann nicht zu ihm, denn immer wenn ich ihn treffe sehe ich dich!!! Ich will nicht ihn. Ich will dich!<< Sie läuft davon, kann seinen Anblick einfach nicht mehr ertragen, natürlich muss er wieder das letzte Wort haben und ruft ihr hinterher.

>>Aaaaber, iiich seh doch gar nicht aus wie der!?<<

Das Mädchen muss lachen über seinen so bescheuerten Humor, während ihr gleichzeitig Tränen des Schmerzes und Verlustes über die Wangen rinnen. Salzige Tropfen streifen ihre Lippen. Schluchzend sinkt sie an dem Wagen, welchen sie in der Straße parkt, hinab und bricht zusammen. Der Mann ist längst durch die Tür verschwunden, ohne eine Bemühung des Aufhaltens, doch das Mädchen sitzt noch immer auf der Straße an diesem Auto. Als sie plötzlich ein Fauchen wahrnimmt schreckt sie hoch. Ein Marder mit gebleckten Zähnen schreit sie an. Ängstlich steigt sie in ihr Auto und startet den Motor. Mit quietschenden Reifen verlässt sie die Straße, in der er wohnt. Mit noch immer verschleierten Augen fährt sie ziellos durch die Gegend.

 

…..Die Bilder der Vergangenheit ziehen an dir vorüber, nie in deinem Leben wurdest du so sehr gedemütigt. Wieder ein Mann, der in einer damaligen, für dich sehr schweren Zeit, für dich da war. Wieder betraf es deinen Dad. Denn damals trennten sich deine Eltern von einander, und er war für dich da. Er war der Einzigste, der fragte wie es dir geht. Noch heute kannst du diesen Schmerz nicht vergessen. Denkst noch immer an ihn. Noch immer fragst du dich… Wieso?? Was du falsch gemacht hast. Denn du musst etwas falsch gemacht haben, ein Interesse verflüchtig sich nicht einfach so, wenn es einmal da war, ohne dass du etwas verbockt hast. All die Grausamkeiten findest du nun in ihm wieder. In ihm den Fotografen. Seine Ignoranz und seine Distanz und Abwesenheit, die schwammigen Entschuldigungen. Deine Vergangenheit holt dich ein, und du kannst nichts dagegen tun. Du kannst nichts tun gegen die Angst, die deine Kehle hochkriecht, kannst sie nicht von dir fern halten. Abartig, das Gefühl, was dich in die Ecke zwängt. Bist du gerade dabei durchzudrehen????

 ©Netti 

 

 

Dinge, die du nicht denken solltest. 

Dein Hirn kann es dennoch nicht lassen. Nachzudenken. Über ihn, den Fotografen.

  • Wie geht es ihm jetzt gerade?
  • Hat er große Schmerzen?
  • Was geht in ihm vor?
  • Ist er noch immer im Krankenhaus?
  • Warum meldet er sich noch immer nicht?
  • War jemand bei ihm?
  • Ist jemand bei ihm?
  • Wer verdammt?
  • Wollte er dich nicht bei sich haben, weil er nicht wollte?
  • Wo war er gestern?
  • Mit wem hat er sich  getroffen?
  • War er gerade auf dem Weg nach Hause, als es passierte?
  • Weiß die Person mit der er sich traf was geschah?
  • War die Person vielleicht bei ihm?
  • Wird der Unfall etwas ändern an eurem Kontakt zueinander?

Du hattest das Gefühl seit dem Silvester Abend es entwickelt sich in die richtige Richtung, ihr nähert euch irgendwie an. Doch nun, nun hast du das Gefühl zurück geschleudert worden zu sein. Und du stehst wieder am Anfang. Der Anfang der mit dem Radl und euren Unfall einherging. Dieses Mal warst du nicht bei ihm. Du konntest dich nicht revanchieren und seinen Kopf auffangen. Kann er sich auch nur minimal vorstellen was gerade vor geht in dir? Du würdest so gern bei ihm sein, jetzt gerade. Doch aufdrengen wirst du dich ihm bestimmt nicht. So bist du nicht. Du hast so ein Gefühl, dass dieser Unfall irgendwas ganz doofes in ihm bewegt hat. Das etwas an ihm gerüttelt hat. Etwas was nicht deinen Namen trägt. Etwas was ihn von dir weg bewegt. Die fehlende Gewissheit über seinen Zustand und den Unfallhergang macht dich beinahe wahnsinnig. Du findest das alles scheiße. Wieder heißt es Abwarten, nur hast du keine Ahnung wie du dich Verhalten sollst. Bei ihm aufkreuzen? Im Krankenhaus? Dahoam? Oder ihn erstmal in Ruhe lassen? Will er dich überhaupt sehen?
Du glaubst er sollte dich mal vermissen. Mal ein Gefühl dafür entwickeln, wie es ist, wenn du mal nicht da bist, dich mal nicht meldest. Nicht ständig erreichbar bist, sozusagen, für ihn. Und vielleicht, vielleicht machst du das heute auch mal.

Für vier Tage. Abwesend sein. Handy aus. Kopf aus. So gut wie möglich. Denn der Tag, vor dem dir graut rückt immer näher. Du musst dich zusammen reißen. Nicht das du zerbrichst an zu viel in deinem Kopf, an zu viel Gedanken, zu viel Schmerz, zu viel an dem was nicht mehr ist, nie wieder mehr sein wird. Nicht dass du kaputt gehst, dein Körper in 1000 Kleinteile zerbirst, wenn Papa in die Erde gelassen wird, wenn Papa plötzlich frieren muss unter der Erde, weil es kalt ist und er seine schwarze Levis Jeans nicht mehr trägt, obwohl das eigentlich sein letzter Wille war. In seiner schwarzen Levis beerdigt. Die Levis die durfte wohl nicht brennen. Was ist denn das für eine beschissene Bürokratie? Wenn nicht einmal der letzte Wille zählt? Wenn du nicht einmal entscheiden darfst wie du aus dieser hirnrissigen Welt gehst? Ach Papa! Sei bloß froh, dass du das nicht mehr erleben musst! Du würdest durchdrehen!

©Netti