Auf ein (Nimmer)Wiedersehen!? 2/2

Du sitzt in der Bahn auf dem Weg in die Stadt, denn der Mensch der dich bei der letzten Bahnfahrt ansprach, möchte sich mit dir treffen. Das Wetter ist schön, die Sonne strahlt mit ihrer Wärme und Freude durch die wenigen Quellwolken am Himmel. Du streckst dein Gesicht in Richtung des Lichtes und genießt in schweigsamer Vorfreude den herannahenden Sommer. Die Bahnfahrt verläuft ruhig. Auch wenn du eigentlich keine Lust hast, auf das Treffen mit diesem fremden Menschen, bist du doch ein wenig aufgeregt, weil du dich gleich unterhalten musst, du musst Worte finden, die du sonst nur schriftlich parat hast, du musst Antworten finden, auf seine Fragen, die dich in die Enge drengen werden. Du bist etwas zu früh, denn du möchtest nicht gleich hinhetzen, zu dem Treffpunkt, ihr möchtet bei dem schönen Wetter ein Eis essen gehen, und gemütlich in der Sonne ausharren. Also hast du noch etwas Zeit und du lässt dich nieder auf einer Bank, mitten in der Stadt, so kannst du ganz gemütlich die Blicke schweifen lassen und Leute beobachten, das machst du ja so gern. Beobachten. Nicht starren. Du zündest dir eine Zigarette an und reckst den Hals, dein Gesicht schaut genau in die Sonne, für einen kurzen Moment schließt du einfach nur die Augen, du denkst an nichts, sondern du fühlst die wärmenden Strahlen auf deiner Haut, du riechst die sommerliche Brise, die Sonnenmilch, und all die Dinge, die der Sommer mit sich bringt. Als du deine Augen wieder öffnest hast du das kurze Gefühl beinahe zu erblinden, Farben verschmelzen zu einem einzigen, blendenden Feuerball, die Menschen um dich herum sind plötzlich grün und rot, blau und gelb. Kleine Lichtpunkte tanzen vor deinen Augen, bunte Kreise bewegen sich durch die Lüfte und schweben leise und leicht hinauf in Richtung Himmel, bis sie mit der Sonne verschmelzen und Eins werden. Dein Blick bleibt an einer Taube haften, welche ihren Weg durch die Menschenmassen bahnt, sie ist dreckig und doch erstrahlt ihr Gefieder in den schillerndsten Farben. Eigentlich hasst du Tauben, doch gerade in diesem Moment fühlst du dich irgendwie mit ihr verbunden, mit dieser einen Taube, ihr Kopf schimmert lila, vielleicht ist das eine besondere Taube, die sich suchend auf dem Boden nach etwas zu Fressen umblickt. Ihr Schnabel pickt immer wieder in den Asphalt, in der Hoffnung auf etwas Essbares zu stoßen, was die Passanten achtlos haben fallen lassen. Die Taube läuft eiligen Schrittes und völlig planlos durch die Gegend, der Kopf ruckt in schnellen, kurz abgehakten Bewegungen vor und zurück. Wahrscheinlich gibt sie gurrende Laute von sich, wäre es etwas leiser könntest du es sicher hören, doch die Laufgeräusche, das Menschengemurmel und die Straßenmusikanten verschlucken den Moment. Die Menschen achten nicht auf das kleine Wesen am Boden, es muss Acht geben, dass es nicht überrannt wird, läuft hin, her, hin, her, hin, her. Und hin und her und hin und her. Hin. Her. Kurz empfindest du Mitleid gegenüber diesen Geschöpfes, doch auch Bewunderung. Es fasziniert dich, wie planlos und doch vorsichtig es sich fortbewegt. In dieser Hinsicht kommt es dir vor wie ein Abbild deiner Selbst. Wahrscheinlich hättest du eine Taube werden sollen, wärst du nicht als Mensch auf diese Welt gekommen. Stattdessen lagst du im winzigen Brutkasten, -um dein eigenes Leben kämpfend. Das Einzigste was dieses Tauben-Wesen wahrscheinlich denken kann ist: „Hunger“. Auch dein Hunger meldet sich langsam bei dir zurück, du freust dich auf das Eis. Eine Nachricht blinkt auf deinem Handy auf, wahrscheinlich ist ihm noch nicht aufgefallen, dass du auch WhatsApp besitzt, was nicht weiter störend für dich ist. Er schreibt er ist schon da, steht vor dem Eiscafé, und trägt eine Jacke, blau. Wie auffällig, aber so kannst du wenigstens flink davon laufen, wenn du schon von weitem bemerkst, dass dieser Mensch so gar nicht geht. Du musst dümmlich grinsen, willst aber nicht oberflächlich sein. Die Jacke leuchtet grell, so dass es schon fast in den Augen schmerzt. Du läufst auf ihn zu und ihr begrüßt euch mit einem schüchternen: „Hey!“, während du  nervös vor ihm stehst. Er trägt eine Sonnenbrille um seine Augen zu verdecken, auch du verdeckst dein Innerstes. Möchtest ihm ungern deine Seele zeigen. Dennoch nimmst du die Brille ab und auch er tut es dir gleich. Flüchtig reicht ihr euch die Hände, wie man das so macht, als Begrüßung unter unbekannten Menschen. Ihr pflockt euch an einem freien Platz und schaut euch erstmal an, neugierig, vorsichtig. Dir selber ist es unangenehm, denn du hast keinen Schimmer ob du ihn gern anschauen möchtest, ob der Blick auch automatisch zu ihm hingleiten und an ihm hängenbleiben könnte, doch bisher hältst du seinem Blick nicht stand, immer wieder wendest du deinen Kopf ab und schaust interessiert in die Menschenmassen, die an euch vorbeieilen. Wo sie wohl hingehen? Der Mann neben dir hat ein nettes Lächeln, und freut sich, dich zu sehen. Deine Freude behältst du für dich, denn es ist dir irgendwie gleichgültig. Du freust dich dass die Sonne scheint, und die Strahlen dein Gesicht wärmen, während du es in die Sonne hältst und den Duft in dir aufnimmst. Ihr bestellt euch ein Eis. Du wie immer eine Eisschokolade, Veränderungen hasst du, weswegen du dich gern an Altbekanntes klammerst, es gibt auch einen Strohhalm, an dem kannst du dich festhalten. Auch darauf freust du dich. Der Mann zu deiner rechten grinst dich viel an, so groß ist seine Freude dich zu sehen. Er möchte vieles von dir wissen und auch wenn du nicht erzählen möchtest, du möchtest gerade viel lieber zuhören, gibst du nur das Nötigste von dir Preis. Wieder nervt dich diese Phase des Kennenlernens und der peinlichen Fragen. Du überlegst, wie es bei ihm war. Bei ihm den Fotografen. Und du stellst fest, dass das mit nichts zu vergleichen ist. Plötzlich bist du wieder traurig und irgendwie bist du dir fast sicher dass das mit dem grinsenden Mann hier nichts werden wird. Ein bisschen bist du enttäuscht von dir Selbst, aber auch erleichtert. Ihr redet eigentlich ganz angenehm, du bist froh wenn er erzählt, dann musst du nichts sagen und kannst zuhören, nebenbei löffelt ihr schweigend in eurem Eis und du hängst an dem Strohalm, klammerst dich dran fest um dich nicht zu verlieren, in ihm, den Fotografen. Als er wieder versucht die Sprache auf dich zu lenken, um Dinge von dir rauszukitzeln, fragt er eine Frage die an deinem Nerv zerrt und du überlegst aufzustehen und zu gehen. Er fragt, wo deine Eltern leben und ob sie geschieden sind, ob sie noch immer einen guten Kontakt zu einander haben, und ob sie im Guten auseinander gegangen sind. (Nicht weit von hier, ja einen Recht guten Kontakt, ja,ja im Guten Auseinander gegangen, das kann man schon so sagen..) Als du nicht mehr länger ausweichen kannst und dann noch mehr auf das Thema Papa eingegangen wird, er dich damit an die Wand drängt, dich umzingelt und dir beinahe ein Messer in die Brust rammt sagst du: „Hey ich mag da jetzt einfach nicht drüber reden! JA!?“ Das Ja brüllst du beinahe, es ist dir fast schon unverständlich, wie man einfach nicht checken kann, dass das Thema gerade gar nicht passt. Abweisender hättest du gar nicht antworten können. Er entschuldigt sich, ohne zu wissen wofür und du möchtest am Liebsten weinen, aber du lässt es bleiben, stattdessen wiederholst du das Spielchen mit der Sonne, sie wärmt dich ein bisschen, denn innerlich ist dir plötzlich eisekalt. Nachdem euer Eis aufgelöffelt ist spaziert ihr noch ein wenig durch den Park, der Wind pfeift in kalten Böen um die Ecke, während die Sonne an Wärme verliert, Quellwolken versperren immer wieder ihre Sicht. Er setzt sich auf seine Jacke und du dich auf deine Tasche, während du vorher die Zigaretten vor deinem Hintern gesichert hast. Du rauchst eine Zigarette, klammerst dich an ihr fest und pustest die blöden Gedanken aus deinem Hirn raus. Du bietest ihm auch eine an und ihr raucht zusammen, während er wahrscheinlich nicht nur seine Gedanken, sondern sein komplettes Inneres heraus pustet, so laut pustet der, irgendwie stört dich das. Auch würdest du gern allein hier sitzen, dich nerven seine Fragen die fragen was denkst du gerade? Du stellst fest dass es tatsächlich blöde Fragen gibt, nicht nur blöde Antworten, denn auf die Frage „Warum hast du eigentlich keinen Freund.“, gibt es nicht nur keine Antwort, sondern du möchtest ihm am Liebsten deine Faust in seine Fresse rammen. Wenigstens gibt er zu, dass das eine beschissene Frage ist. Trotzdem ist sie ganz nett die Unterhaltung die ihr führt, wenn du mal nicht sprichst, denn irgendwie ist dir nicht danach. Du (ver)traust ihm nicht, warum kannst du nicht benennen, wahrscheinlich hat der Fotograf dein Vertrauen gestohlen, und weggesperrt, sodass du da nie wieder drankommst. Nach der Zigarette rauchst du gleich noch eine, aber deine Nervosität und das schleichende Unbehagen lässt sich einfach nicht wegpusten. Du stellst dir vor wie du ihn öfter triffst. Und du fragst dich ob du ihn küssen könntest, wenn du wolltest, doch etwas in dir ist auf Ablehnung getrimmt. Dieses Grinsen… Während er sich leicht streckt blitzt sein kleiner, blasser Bauch hervor, leichte Härchen sind darauf zu sehen. Dieser Anblick nervt dich eher, als dass er irgendwas in dir bewirkt. Du kannst dir nicht vorstellen wie du ihm näher kommen solltest. Sein leichter Duft weht während einer leichten Brise zu dir rüber, und du weißt nicht ob du ihn als angenehm empfinden sollst. Irgendwie ist dir gerade ein bisschen schlecht von dem Duft. Er erzählt derweile dass er gern mal verreist, er möchte gern mal an den Nordpol in einer Hütte sein, dazu braucht er aber einen Aufpasser mit einem Gewehr, einen der sich auskennt, wegen der Eisbären. Die sind wohl ganz, ganz böse, und gefährlich und dem Bär interessiert das nicht, dass du ihn niedlich findest. Jetzt musst du lachen. Das erste Mal. Das findest du traurig, denn du lachst gern und bist eigentlich ein sehr fröhlicher Mensch, wo dieser fröhliche Mensch wohl abgeblieben ist? Als es merklich kühler wird beschliesst du aufzubrechen, deine Zähne schlagen bibbernd aufeinander. Er bietet dir seine Jacke an, obwohl selbst er eine Gänsepelle auf der Haut spazieren trägt, also lehnst du dankend ab. Während ihr schweigsam den Weg zurück lauft, bleibt ihr an seiner Haltestelle unbeholfen voreinander stehen. Als er fragt ob ihr euch wieder seht wendest du kurz den Blick von ihm ab, innerlich befällt dich gerade eine Schweißattacke, du hast keinen Strohhalm, an dem du dich festklammern kannst. „Klar!“, sagst du ihm und ringst dir ein Lächeln ab, weil du gerade im Moment daran glauben magst, du magst gern selber an das Glauben, was du ihm ins Gesicht versprichst. Lächelnd schaut ihr euch an und er umarmt dich, irgendwie vorsichtig, so, als könntest du bei seiner Berührung zerbrechen, aber vielleicht würdest du das sogar auch. Du läufst los, ohne dich noch einmal umzudrehen, und trotz dass du dieses Mal keinen Rauch eingeatmet hast, pustest du endlich all die Anspannung aus dir heraus.

©Netti

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