Flügelschlagen im Bauch.

Dieser Mann, der Schmetterlinge verteilen lässt, im Bauch und nicht nur da. Da ist Glück, welches sich ausbreitet im Kopf und Verstand, im Denken und Handeln. Die Schmetterlinge toben und flattern, wissen gar nicht wohin, sie knallen gegeneinander vor Aufregung und Nervosität. Nähe, so viel Nähe, dazwischen Hitze und Leidenschaft. Glück über die Chemie, die so wunderbar übereinstimmt. Dem Mund umspielt ein Lachen. Echte Münder. Echte Freude. Augen, die lachen, zusammen mit dem Mund. Keine getragenen Masken, um sich zu schützen. Dafür Küsse, welche ineinander verschmelzen, eins werdend. Die Schmetterlinge im Bauch sind kirre im Kopf, und gehen beinahe kaputt vor so viel. Vor so viel Glücksempfinden. 

Hin und wieder jedoch fürchten sie sich, die Schmetterlinge im Bauch. Dann halten sie inne, erstarren in ihren Bewegungen, blicken furchtsam um sich und erwarten Motten, welche ihren Platz einnehmen. Doch da sind keine. Eigentlich sind da keine.

©Netti

Advertisements

Zur Hälfte.

Früher da fandest du Hälften gut, es spielte sich alles nur zur Hälfte ab. Grundsätzlich hast du morgens immer nur ein halbes Brötchen gegessen. Dein Mittag, was meist schon kurz darauf folgte hast du nur zur Hälfte aufgegessen, denn dann war dein Magen, (offenbar so groß wie eine Erbse), schon randvoll, mehr ging einfach nicht rein. Es gab dann immer Ärger, weil du mal wieder nicht aufgegessen hast. Nach dem Mittag stand schon wieder Kaffee und Kuchen auf dem Tisch, oder nur Kuchen, aber Kekse die mochtest du lieber. Und zum Abendbrot gab es eine halbe Karlsbader Schnitte. Du fandest es auch gut, wenn deine Mama nur zur Hälfte arbeiten musste, da war sie dann wieder zu Hause, nach nur vier Stunden Arbeit und du konntest mit ihr einen halben Tatort schauen, weil dann musstest du auch schon ins Bett, denn du warst ja noch ein Kind und das Kind musste früh zur Schule. Beim Hausaufgaben machen hast du immer nur die Hälfte geschnallt, bis auf Mathe, das hast du gar nicht geschnallt. Und beim ersten Mal verliebt sein warst du zur Hälfte in Tim verliebt und zur Hälfte in Tom. Die waren irgendwie beide toll. Aber der Tim war etwas toller als Tom, sodass er einen Brief von dir bekam, denn du wolltest ja mit ihm gehen, ja, nein, vielleicht. Aber Tim hat den Brief nur zur Hälfte gelesen, leider, und wusste am Ende nicht, wohin du mit ihm gehen wolltest. Du hast ihn dann eine Weile beobachtet, und als er sein Butterbrotpapier auspackte, sahst du ein halbes Brötchen, mit einer halben Gurke. Seine Jeanshosen die trug er nur auf halb acht. Zur Hälfte konnte man seinen jungenhaften Hintern sehen, das war niedlich. Tim hat dich immer Mal angesehen, wenn auch nur aus einem Auge, aber vielleicht war er auch nur schüchtern. Manchmal hat er sogar einen halben Satz mit dir gewechselt, du warst dann so nervös, dass du vergessen hast, wie das mit dem Antworten funktioniert, also hast du nur zur Hälfte gelächelt, das war schwierig, denn du wolltest ja nicht dass er deine feste Zahnspange sieht, in denen noch halbe Brotkrumen verankert waren. Das wäre peinlich gewesen. Zur Hälfte für Tim, zur Hälfte für dich, aber vielleicht auch so halb für Tom, denn der hätte das Spektakel von weiten beobachtet und laut gelacht, um sein Fremdschämen zu überbrücken. Der Tom! Lodentoni! Haben sie ihn damals genannt. Das fandest du immer lustig und du musstest stets darüber lachen, er hatte kurze Haare, aber nur zur Hälfte, denn unten hing so ein lockiger Schwanz, eine Strähne, das war damals so Mode. Toni (also Tom) fand das aber leider gar nicht lustig und stellte dir ein Bein, als du mal wieder zur Hälfte geträumt hast und durchs Klassenzimmer geflitzt bist, um schnell zu deinem Platz zu kommen. RUMMS, lagst du auf der Fresse und alles hat gelacht. Du auch ein bisschen. Halb und halb, denn eigentlich war dir nach heulen.

Den Musikunterricht fandest du eher peinlich, denn singen konntest du auch nur so zur Hälfte. Nicht so schlecht, dass man hätte weghören müssen, aber auch nicht so gut, dass man da unbedingt hätte zuhören müssen, weil die Töne so wunderschön im Ohr nachklingen. Bei dir hat man dann eher aus dem Fenster gestarrt, ein Ohr bei deinem Gesang, das Andere bei den Straßengeräuschen von draußen. Einige haben auch geschlafen, der Verstand, der noch zur Hälfte aktiv war verwebte den Gesang mit in den Traum hinein. Wohl als eine Art Wachtraum, die Art, wo man weiß dass man träumt aber jeder Zeit aufwachen kann, wenn man möchte, also wenn der Gesang noch schlimmer wird, sozusagen. Die Jungs rutschten unruhig auf ihren Stühlen hin und her und bewarfen die Mädchen aus Spuckröhrchen mit befeuchteten Papierkügelchen, während die Mädchen Briefe durch die Klasse reichten, in der stetigen Hoffnung, dass ihn kein Junge in die Hand bekam.

Heute ist das etwas anders mit den halben Sachen, denn wenn du etwas machst, dann machst du das richtig, und nicht nur so halb. Wenn du deinen Hobbys nachgehst, dann mit Leidenschaft und von Herzen, du machst das ja nicht nur halb gern, sondern gern, sonst wäre es nicht dein Hobby. Wenn du jemanden zuhörst, dann hörst du richtig zu und nicht nur halb, weil dich interessiert was der Gegenüber dir sagt, anvertraut und ans Herz legt. Geheimnisse bewahrst du für dich. Nicht zur Hälfte. Sondern ganz. Wenn du in einer Beziehung bist, bist du treu, und nicht nur halb treu, denn sonst brauchst du auch keine Beziehung. Wenn es einen Mann gibt der dich interessiert, dann interessierst du dich in dem Moment nur für ihn, und nicht noch für Peter und Paul. Da ist es dir egal wie heiß der Peter in seinem Tanktop daherläuft, oder wie lecker der Paul duftet. Weil der Mann den du kennenlernen magst dein Interesse weckt. Der Mann ist spannend, weil er Seiten an sich hat, die du gern näher kennen lernen wollen würdest. Dein Interesse ist dann nicht nur so halb aktiv, sondern ganz. Da gibt es keine Halbherzigkeiten, keine halben Worte und Blicke, sondern echtes Interesse. Doch offenbar trägt der Mann der dich begeistert den Namen Tim. Tim der nur zur Hälfte zuhört, wenn du etwas sagst. Tim der dich zwar ansieht, aber nicht sieht, wenn er in deine Augen schaut. Tim, der zwar gut riecht, aber seinen eigentlichen Duft nicht erkennen lässt. Tim, der zwar humorvoll ist, aber das Lachen trotzdem verborgen hält, auch wenn der Mund lacht, genau wie die Augen. Tim, der nicht in sich reinschauen lässt, das ICH bleibt ebenso verborgen, so dass man sich fragt: ist der Humor nur Farce und das Gesicht nur eine Maske die er trägt (um sich zu schützen)!? Tim der spontan agiert ohne wirklich zu re(!)agieren. Es wird mit Halbherzigkeiten um sich geworfen, das Interesse nur zur Hälfte vorhanden, denn der Tim ist noch immer das Kind im Manne, halb und halb.

©Netti

Vom Aushalten und Warten.

Schon von Geburt an bist du auf Warten getrimmt. Du wartest darauf endlich aus dem Mutterkörper zu schlüpfen und zum ersten Mal tief und laut Luft zu holen und zu Brüllen und Schreien, aus Leibeskräften. Du lebst, wenn auch in einer kritischen Phase, doch du lebst und gleichzeitig wartest du darauf, endlich wieder selbstständig Atmen zu können. Du bist ein Baby, viel zu klein, deine winzigen Patschehändchen greifen durch den Ring des Inkubators, und wieder wartest du. Von nun an wartest du auf deine Mama die ihre Hand durch die winzige Öffnung hält, um dich zu berühren und dir zu sagen dass alles wieder gut wird. Wahrscheinlich aber wartest du nicht bewusst, denn dein kleines Hirn ist möglicher Weise noch nicht dazu in der Lage vom Warten und Nichtwarten und vom Denken und Nichtdenken zu unterscheiden. Also liegst du da einfach, dass ist gut, denn so wartest du auch nicht auf den Tod. Du liegst nur und schläfst, deine Augen vor Müdigkeit und Erschöpfung geschlossen und bald, sehr bald darfst du nach Hause.

Zu Hause jagt dich eine Krankheit nach der nächsten, bist anfällig und geschwächt, du wartest bis du ins Krankenhaus darfst und wieder zurück, denn dir fehlt deine Mama und die schützende Brust, die dich umgibt. Dein Kuscheltier in deinen Händen soll dir Trost spenden und Durchhaltevermögen, irgendwann ist die Zeit überbrückt und du bist wieder zu Hause bei deiner Familie. Auch sie wartet. Immer. Nur auf dich.

Du reifst heran und wirst älter, möchtest auch endlich laufen können und reden, das was all die Anderen so machen, du wartest darauf bis man es dir endlich beibringt.

Alle dürfen in den Kinderhort, doch du wartest darauf. Viel zu lang.

Die Einschulung naht, auch darauf hast du so lange gewartet, du musstest sogar noch ein Jahr länger warten, dieser blöde Schulranzen war dir einfach zu schwer, also wartest du ein Jahr länger, bis auch du endlich zur Schule darfst, und lernen. Lernen, was das Leben für dich bereit hält.

Du fühlst das erste Mal Schmetterlinge in deinem Bauch, die so irrwitzig durch dich hindurchsausen, es ist verrückt, so etwas hast du noch nie gespürt. Heimlich schreibst du deinen ersten Liebesbrief (Willst du mit mir gehen? Kreuze an, [ja] [nein] [vielleicht]) und steckst ihn in der Hofpause in die Federmappe des Angebeteten. Während der Schulstunde werden Stifte daraus entnommen und wieder reingelegt, doch der Zettel bleibt unentdeckt. Du wartest darauf, dass der Brief entdeckt wird und dir zurück gebracht wird. Du wartest auf ein Ja, oder nein, oder vielleicht. Das Warten wird zur Gewohnheit.

In der Schule schleicht die Zeit nur so dahin, plötzlich findest du Schule nicht mehr so cool, also wartest du jetzt einfach auf die Ferien, die sind ja bald, und dann kannst du endlich faulenzen. Und Gammeln.

Irgendwann springst du von Klasse zu Klasse, sitzt nicht mehr in der ersten, der zweiten oder der dritten, sondern in der neunten und das heißt warten. Du wartest darauf, dass du endlich weißt, was du werden willst. Werden möchtest. Welcher Beruf taugt dir? Du wartest auf die zündende Idee für das Schulpraktikum, was von dir verlangt wird, obwohl du einfach noch zu jung bist dafür, schon jetzt zu wissen, was du ein Leben lang mal machen willst.

Du wartest auf den ersten Freund, alle Anderen haben schon das erste Mal geknutscht und du schaust belämmert aus der Wäsche. Wie geht denn das, das mit dem Knutschen? Du wartest drauf, dass dir das auch mal endlich jemand zeigt.

Der erste Freund taugt dir nicht, vielleicht solltest du dich einfach trennen? Aber du hast nicht genug Mumm dazu, also wartest du vielleicht einfach drauf dass er das für dich übernimmt. Der macht das schon.

Endlich Prüfungen, du wartest zu lange darauf, möchtest sie endlich hinter dir haben. Du lernst, wahrscheinlich viel zu wenig und wartest nun auf die Ergebnisse. Du möchtest einfach nur bestehen!

Deine Ausbildungsbestätigung in deinen Händen vermittelt dir Freude und Stolz. Du kannst endlich was werden, etwas was du auch werden willst. Auch wenn du lange darauf wartest, dass du kannst was du machst, du musst es ja erst noch lernen.

Du wartest auf das erste Mal, alle Anderen haben das schon. Du wartest auf den Schmerz der durch deinen Körper strömt.

Als du das erste Mal im Auto sitzt um Fahrstunden zu nehmen bist du genervt, denn auf der Autobahn ist Stau und du musst warten bis der Verkehr wieder rollt.

Wieder stehst du vor den Prüfungen und du wartest darauf, dass du das Richtige von dir gibst, doch über deine Lippen kommt nur Müll. Viel Zeit verstreicht, und du musst lange darauf warten, dass du endlich deine Urkunde abholen kannst, deinen GesellenBrief mit dem Glückwunsch zum Bestehen.

Bei der Jobagentur möchtest du am Liebsten Töten, Massenansammlungen stehen in einer ewig langen Schlange, um an der Anmeldung zu warten. Du reihst dich ein, die Zeiger ticken lahmarschig voran. Als du bei der Dame vorne angelangt bist braucht sie ewig, um zu Erfassen was du möchtest. Du musst warten auf den Termin. Dich durch Zettelberge kämpfen und auf das Arbeitslosengeld warten. Hättest du das Geld von denen würdest du wahrscheinlich mit deren Geld losstiefeln und eine Knarre kaufen, oder etwas, was am Ende keine Sauerei veranstaltet. Du wirst behandelt als bist du assozial, so als bist du zu faul zum Arbeiten und zu dumm. Also wartest du auf den Zeitpunkt an dem du mal so richtig ausrastest.

Du wartest auf die Liebe, die wahre, denn das was bisher war, war alles andere als wahr, das war nur so halb und halb, überhaupt als Liebe definierbar? Du bist dir sicher nicht zu wissen was das überhaupt ist. Dein Herz wartet auf das Empfinden, was dir zeigt, was Liebe heißt. Liebe, die erwidert wird.

Du wartest auf den Tag und die Nacht. Und du wartest darauf, dass der Wecker klingelt, damit du zur Arbeit kannst um dir Brötchen zu verdienen, doch auch auf das Geld musst du erst noch warten, denn du musst ja erst noch dafür arbeiten. Du wartest auf das Klingeln an der Tür, mit dem Märchenprinz davor, der mit dem Gaul, doch wenn es klingelt steht da keiner, sondern nur der Postbote mit einem Paket für den Nachbarn. Der Postbote ist kein Prinz, sondern dick, schwitzend und stinkend und er beklagt sich über den 3.Stock in dem du wohnst. „Jeder Gang macht schlank!“, rufst du ihm provokativ in den Rücken. Du wartest auf die Sonne, die den Sommer ankündigt um die miesen und fiesen Gedanken zu vertreiben, stattdessen gibt es Gewitterwolken die sich immermalwieder bis in dein Hirn vorkämpfen. Du wartest auf ein Wunder, indem es Mittel gibt und Wege die Verhindern dass Menschen leiden müssen, an Schmerz, den körperlichen, aber auch den seelischen, denn manchmal da schmerzen Worte mehr als 1000 Schläge. Du wartest darauf dass du endlich wieder lachen kannst ohne zu weinen, aber manchmal, da vermischt sich das Lachen mit dem Weinen, weil es Momente gibt die erinnern lassen, an Zeiten die längst vergangen. Du wartest darauf dass der Schmerz und das Vermissen endlich ein Ende hat, denn die Empfindung über Verluste sind so tief in dir verankert. Du wartest darauf dass die Angst vor dem Tod, vor dem Nichtmehrsein sich in Luft auflöst und stattdessen ein Gefühl der Vorfreude entsteht, denn eigentlich weißt du wie das geht, das mit dem Sterben, du weißt wie das sich anfühlen muss, einfach nicht mehr zu sein, für einen Moment. Du wartest auf das Altern, nicht absichtlich, das Warten ist die Innere Uhr in dir, die tickt, ganz automatisch, einzelne Fältchen der Alterung umgeben dein Gesicht, besonders an den Augen, welche müde und erschöpft dreinblicken. Und irgendwann wirst du an einem Punkt sein, indem du auf das Sterben wartest. Auf den Tod. Schlussendlich ist dies das schlimmste Warten, denn es geht von einer tiefen Sehnsucht einher, einem „Ich kann nicht mehr.“ und einem „Ich will nicht mehr!“ Diese Momente hast du mehr als einmal miterleben müssen, als Beobachter, als Zuschauer. Und du selbst!? Kannst in jener Situation nur darauf warten, dass der Schmerz und das Leid endlich ein Ende hat, auch wenn dieser somit für dich nur umso größer wird.

Warten heißt aushalten und geduldig sein. Warten heißt mutig sein. Warten heißt aber auch Respekt zu haben, vor der Zeit und den Momenten, denn das Warten lässt sich nicht beschleunigen. Doch irgenwann hat auch das längste Warten mal ein Ende. Und das muss nicht immer schlecht sein..

…Denn du wartest auch auf den Brief, den du so lange erhoffst, es löst in dir innere Freude aus. Du wartest auf den Moment deine Familie wieder zu sehen, du verbringst so gern deine Zeit mit ihr. Du wartest auf den Feierabend, dann kannst du den sonnigen Tag noch genießen. Du wartest auf den tollen Film, der läuft gleich im Fernsehen, sicher ist der gut. Du wartest auf das unheimlich spannende Buch, du bist dir sicher dass es dir gefallen wird, der Erscheinungstermin ist schon sehr bald. Du wartest auf eine Freundin, die hast du schon so lange nicht gesehen. Du wartest auf den Urlaub und du freust dich, nur noch wenige Tage. Du wartest auf das Frei, dann kannst du machen wonach dir beliebt. Du wartest auf die heiße Wanne, die dich deine Beine genesen lassen. Und du wartest auf den Moment indem das Unbekannte zu etwas Bekanntem wird, die Vorfreude in dir macht das Warten zu etwas Erträglichem. Es ist aushaltbar.

©Netti

 

 

Brief der Erinnerung

Lieber Fotograf,

Plötzlich weiß ich wieder wie sie klingen, deine Worte in meinem Ohr. Mit einem Schlag ist sie mir wieder so present, deine Stimme die so melodiös und tief in mein Innerstes dringt. Der tiefe, erotische Klang der mich kitzelt in meinem Herzen und nicht nur da, mein Körper spannt sich an, wenn ich daran denke wie du mich berührst, mit deinen Worten, jede einzelne Haare meines Körpers stellt sich auf. Dein Lachen welches deinen Mund verlässt, so herzlich, so echt. So echt, wie du neben mir gelegen bist, deine zärtlichen Hände streichelten vorsichtig meine Haut, deine Finger fuhren sanft über meinen Arm. Mein Herz hüpfte vor Freude und Aufregung. Dennoch verließen stumme Tränen der Trauer meine Augen. Wenn ich daran zurückdenke möchte ich mich verfluchen dafür, ich war dir so nah und gleichzeitig war ich es nicht. Deine wunderschönen Augen blickten mich beruhigend an, sie sprachen eine Sprache für sich, und doch spendeten sie mir unglaublichen Trost, unbezahlbaren Trost, dem ich dir so dankbar war. Du nahmst mich in deine starken Arme, deine großen Hände legten sich schützend um meinen Körper. Ich konnte deinen schnellen Herzschlag spüren, oder war es nur der meine, der sich auf dich übertrug? Zu gerne möchte ich die Zeit zurückdrehen, und die Tränen ungeweint machen.

Wir beide im Bett, nebeneinander,stundenlang schauen wir uns einfach nur an. Meine Hand welche sich einen Weg zu deiner Wange sucht um jeden Zentimeter deines Gesichtes zu erfühlen, nur die leichte Beleuchtung der Straßenlampe lässt einen Teil deines Gesichtes erahnen, doch im Geiste sehe ich dich komplett vor mir, mit all deinen Zügen, all deinen Malen und all deinem Glanz. Meine Hände fahren sanft über deine Augenbrauen entlang, vorsichtig und sacht, mit einem leichten Schleier der Zurückhaltung und Unterlassung, berührt mich dein Blick auf meinem Körper. Ein innerlicher Kampf. Sanft streiche ich mit meinen Fingern deine Arme entlang, deine Härchen stellen sich auf, und ich kann deine Gänsehaut sehen. Nun ist meine Hand an deinem Bauch, deiner Brust, liebevoll berühre ich deine Brustwarze. Kreisend umspielen meine Finger deine männliche Brust. Ich schiebe meinen Körper näher an den deinen, mich umgibt eine Welle der Lust. Noch immer machst du keine Anstalten dich zu rühren, doch ich höre deinen Herzschlag, der sich so laut an meine Hände drückt, du schluckst, dass kann ich sehen während dein Adamsapfel auf und ab hüpft, nur kurz, doch das ist mir nicht entgangen. Dein Duft hüllt mich in eine Wolke aus Lust und Anziehung. Ich verzehre mich so sehr nach dir! Meine Hände setzen ihren Weg fort, sie wandern nun weiter bis zu dem Bund deiner Shorts. Sanft fahre ich den Bund nach und schiebe meinen Finger nur minimal darunter, so dass du leicht zusammenzuckst. Habe ich dich mit der Hitze meiner Fingerspitze verbrannt? Ein leiser Laut entweicht aus deiner Kehle, den ich nicht zu deuten vermag, doch urplötzlich umgreifst du meinen so zierlichen und kleinen Körper mit deinen starken, beschützenden Händen. Nun liegst du über mir, deine Hände packen meine Arme und drücken sie an das Bettgestell,  ich spüre deine Lust, dein angespannter Körper drückt sich haltlos an den meinen. Du küsst mich. Atemlos. Gierig. Fordernd dringt deine Zunge in mich ein und umspielt meine Zunge mit stupsenden Bewegungen. Ich intensiviere den Kuss, indem ich sanft deine Unterlippe beiße, uns entweicht ein leises Stöhnen.

Die Fantasie ist ein Arschloch, wenn es um unterdrückte Gefühle geht! Hast du eine Ahnung, was du mit dem einen Kuss, damals, auf meiner Couch, in mir zum Rollen gebracht hast? Kannst du auch nur erahnen, was das in mir losgelöst hat? Ich fühlte mich schwerelos, wie eine Feder im Wind, dahinschwebend, egal wohin, hauptsache mit dir. Du hast mich so tief berührt wie schon lang keiner mehr. Dein Kuss schmeckte nach Leidenschaft, nach Geben wollen und nicht nur nehmen, er schmeckte nach Hoffnung und Herzrasen, doch mit einem Schlag kam die Bitterkeit und ich schmeckte Hass und Zerstörung, Wut und Berechnung. Und dann ein Splittern. Mein Herz zerbrach in 1000 Scherben, ein Teil davon bohrte sich in dein Gesicht, denn plötzlich verzog es sich zu einer verbitterten Grimasse.

Von diesem Anblick habe ich mich noch immer nicht erholt, noch immer bin ich nicht genesen von dieser herausgepressten Wut, wusstest du, dass die Wut, die du aussendest, auf dich selber zurückschiesst? Ich hätte auch am Liebsten geschossen, nicht mit Wut sondern mit kleinen Pfeilen der Vernichtung. So sehr hast du mich getroffen! Die Welt hat aufgehört, in dem Moment, sich für mich zu drehen. Das war rücksichtslos, von dir, denn auf einer Erde die sich nicht dreht kannst auch du nicht existieren, wusstest du das? Du hast dir somit dein eigenes Grab geschaufelt, auch wenn du der Erde dann gnädiger Weise einen Schubs des Wiederantriebs verpasst hast, ist sie doch aus dem Ruder geraten, besonders für dich. Also bedenke, mein Freund, was du tust, immer! Denn das Gute wie das Schlechte, es kommt alles zurück! Das Pech, und das Glück!

Dennoch vergeht kein Tag, andem ich nicht an dich denke. Ich frage mich wo du bist, und was du machst. Frage mich, ob du noch lachen kannst, so herzlich und echt, wie du mir dein Lachen schenktest. Oder hast du vielleicht verlernt wie man lacht? Ich könnte es dir nicht verdenken. Verschwendest du auch nur einen einzigsten Gedanken an mich? Immermal wieder erwische ich mich dabei wie ich dein Profil aufrufe, dann betrachte ich stundenlang dein Gesicht, ich zoome es ganz nah an mich heran, so nah dass ich deinen Mund beinahe berühren könnte, dich schmecken könnte und fühlen. Deine Augen, wie sie fast schon leer in die Kamera blicken, das ist die Stelle an der mir eine Gänsehaut über den Rücken fährt, weil die Augen mich genauso anblickten, als du sagtest ich solle mich nicht verlieben, in dich. Es ist zu spät. War es schon seit dem verdammten Fahrradunfall, und einmal mehr verfluche ich dich für deine Heldentat. Hättest du auch da nicht einfach selbstsüchtig handeln können? So wie in allem was daraufhin folgte? Du bist das allergrößte Arschloch in das ich mich je verlieben musste, und dafür hasse ich dich.

Ich hasse dich dafür, dass es mir trotzallem nicht egal ist, wie es dir jetzt geht. Und ich hasse dich dafür, dass du mich einfach so hast stehen lassen, vor meiner eigenen Tür, die ich vor deiner Nase zuschlug, um mich zu schützen.

Damals wollte ich dass du bleibst.

Heute möchte ich dass du gehst. Verschwinde!  Aus meinem Kopf! Aus meinem Herzen! Du hast dadrin nichts verloren.

©Netti

 

 

14. Februar, Tag des Wegschauens.

Heute vor einem Jahr kam Papa ins Krankenhaus. Und hier endet der Satz. 

Was würde ich nicht alles dafür geben diesen Tag auszulöschen, wegzuradieren, zu verätzen, aufzulösen und rückgängig zu machen. 

Ich mag Valentinstage nicht. Nicht nur der Name ist bescheuert, sondern auch der fade sowohl bittere als auch tränensalzige Nachgeschmack den dieser Tag hinterlässt. Noch dazu sind Valentinstage scheiße weil alle Pärchen an diesem Tag ihre Zuneigung kund tun, plötzlich existieren mehr Pärchen auf den Straßen als Tropfen im Regen. An jeder Ecke wird geknutscht und gekichert, Händchen gehalten und rumgemacht. Ich kann da immer nur wegschauen, ist schließlich ein Ding der Unmöglichkeit sie alle zu töten. Motiv: Neid und Hass auf alles was sich mir an diesem Tag in mein ohnehin schon beschränktes Sichtfeld drängt. Ich frage mich aus welchen hintersten Ecken all die Liebeskranken Menschen kommen und wieso. Wieso an einem Tag, der doch ein Tag wie jeder andere ist. Alle folgen sie diesem Trend, der unnötiger und sinnloser nicht sein könnte. Alle sind gezwungen verliebt, nur weil es der Moment so vorgibt. Alle meinen sich zu beschenken und sich wahnsinnig lieb haben zu müssen, obwohl sie sich grundsätzlich nur anschreien und Hasstiraden schimpfen. Am Valentinstag kann man alle über einen Kamm scheren. An Valentinstagen sind einfach alle doof. Die Allgemeinheit verblödet an den vorgegebenen GedenkTagen. Es gibt schließlich auch den Tag der Jogginghose. Und trotzdem trägt da nicht alle Welt seine Jogginghose spazieren. Wobei Ausnahmen… Den Gedankengang zum >>National Hugging Day<< denke ich absichtlich nicht zu Ende. 

Ich gehe also mit geneigtem Haupt den Schotterweg entlang, darauf bedacht den Kopf unter keinen Umständen zu erheben. Es ist mir egal dass ich heute nur meine Schuhspitzen betrachten kann, ein Fuß vor den anderen setzend. Es ist mir egal dass es regnet. Die Kaputze auf meinem Kopf gibt mir Sicherheit und Schutz vor den Blicken, die sowieso nicht mir gelten. Dieser Tag ist mir so egal wie das Amen in der Kirche. Das Wetter ist auf meiner Seite. Peitschend fegt der Regen all die verliebten Menschen von den Straßen, so wie es sich gehört. 

  

©Netti

Blick nach vorn, und nicht zurück.

Du musst aufhören dich dem Sog deiner Vergangenheit zu nähern. Halt dich fern. Schließe die Truhe deiner Zeit, die du nicht mehr ändern kannst. Verschließe auch das Schloss, welches den Inhalt unberührt macht. Und dann rühr sie nie wieder an. Lass Vernunft darüber wachsen. Lass den Fotografen Fotografen sein und nimm Abstand. Er tut dir nicht gut und wird dich auf Dauer ruinieren. Schließe ab. Du hast Träume. Leb sie auch. Denn du weißt, dass du das kannst. Konzentrier dich auf die Dinge im Leben, die dir wirklich wichtig sind, und auf die Menschen, die dich zu würdigen wissen. Gib dich nicht auf, wegen der albernen Männer, sie sind es nicht wert.

Momentan arbeitest du an einem Projekt. Ein Schreibprojekt. Damit solltest du dich befassen, mit dem was du liebst und nicht mit dem was dich hindert. Am Leben. Das Projekt wird ein kleines Büchlein sein, mit nur wenigen Seiten. Es nennt sich textgold über den Oettinger Verlag. Du willst versuchen dein Manuskript, wenn es denn fertig ist, da einzureichen. Vielleicht lässt sich ja damit arbeiten.

Hier eine kleine Leseprobe, beginnend am Anfang.

 

Manchmal passieren Dinge im Leben, die man eigentlich nicht möchte.
-Und trotzdem sind sie verantwortlich für ihr Tun.
Mara, Lotta, Tessa und Ben.

Fehlende Verantwortung. Ein Augenblick, der alles zerstört.

 

MARA

Natürlich hattest du keine Ahnung, wie alles weiter gehen würde. Wie sehr anders es weiter gehen würde. Für dich. Du versuchst zu verdrengen, was offensichtlich ist, die Ahnung, die in dir wächst, alles zu verlieren, was dir lieb ist. Dabei hast du ganz und gar nichts Schlimmes getan. Nur auf dein Herz hast du gehört, was zu dir sprach, hoffnungsvoll, lieblich, und zart. Es klopfte sacht hin und her und her und hin, wohlwissend, dass das der Anfang ist von etwas, was du einfach nicht benennen kannst. Noch nicht, denn dieses Gefühl ist dir neu, du hast es noch nie zuvor gespürt. Ein tolles Gefühl! Wie als würde ein Brausebonbon explodieren und sich in deinem gesamten Körper verteilen. Du möchtest doch einfach nur dazu gehören. Zu ihm. Nur deswegen hast du dich darauf eingelassen, wer konnte denn ahnen, dass das euer aller Leben zerstören würde?

Dein Kopf nickt wippend im Takt. Auf und Ab. Der Beat dröhnt aus dem Bass, so dass der Boden wackelt. Zumindest bildest du dir das ein. Du genießt das. Endlich fühlst du dich mal wieder frei. Und lebendig. Obwohl du eigentlich nicht hier sein darfst, denn deine Eltern, die wissen davon nichts, dass du dich auf einer Tanzfläche der Disco im „RiZz“ befindest. Sie sprachen ein Verbot aus, aber das hätten sie nicht tun dürfen, denn nun, nun erst Recht. Also hast du dich dem widersetzt. Denn du, du wolltest etwas anderes. Hier sein. Mit den Anderen. Denn die dürfen ja auch. Nur du wieder nicht. Wieder du. Die Anderen sind verstreut um dich herum. Amy. Ben. Und Tessa. Du kannst sie sehen, die schattigen Gestalten, welche sich schemenhaft bewegen, im flackernden Licht, zu dem Sound, der aus den Lautsprechern tönt. Es ist spät, aber niemand kontrolliert, niemand schaut auf die Uhr, niemand weiß, dass ihr hier seid. Es interessiert keinen. Ihr seht alle sehr erwachsen aus für euer Alter. Erwachsen seid ihr ja sowieso beinahe, es spielt also keine Rolle, wo ihr seid und wie lange. Ben ist es schon, er ist schon groß und mit seinen 19 Jahren, zwei Jahre älter als du. Er kann also aufpassen. Auf dich. Du legst deinen Kopf in den Nacken und kicherst vor dich hin. Du trinkst aus der Bierflasche, welche du von Ben genommen hast. Der merkt sowieso nichts mehr. Die beiden Mädels tanzen lasziv, miteinander und du wunderst dich kurz. „Hey Puppe“, sagt Ben. Und schmiegt sich von hinten an dich. Dein Herz hüpft freudig in deiner Brust. Er greift mit seiner Hand unter deinen schwarzen Lederrock, und eine Welle der Erregung durchfährt dich. Du stöhnst leise auf und hauchst: „Nicht Ben, nicht hier!“
„Ach komm´Mara, mach dich locker!“ Er knabbert an deinem Ohr herum, seine Hände spielen in deinem blonden, lockigen Haar. Zögernd schiebst du ihn von dir, um dem Gesagten Ausdruck zu verleihen. In Ben seinen dunklen, fast schwarzen Augen flackert ein bösartiger Glanz. Du möchtest ihn jetzt nicht aufregen, nicht hier. Nicht wenn so viele Menschen um dich herum sind. Also versuchst du ihn zu beruhigen, indem du ihm schnell einen Kuss auf den Mund drückst. Das scheint ihn zu besänftigen und er erwidert ihn. Fordernd und dringlich, lechzend nach mehr. Apprupt löst er seine Lippen von den Deinen und plötzlich weißt du nicht wo oben ist, wo unten. Dein Herz knallt drohend gegen deine Rippen. Er greift in deinen Nacken, zieht dich an sich. Ganz, ganz nah. Sein Mund befindet sich nun an deinem Ohr, stöhnend atmet er und sagt: „Du, ich hab da was für dich. Komm´!“ Er zieht dich an der Hand von der Tanzfläche weg um keine Aufmerksamkeit zu erregen, denn das will er nicht. Du bist aufgeregt und wunderst dich was er von dir wollen sollte, was er hat für dich. Ob er mit dir…? Beinahe lachst du hysterisch auf. Ach was, sicher nicht. Sicher nicht hier. Obwohl du dir nichts sehnlicher wünschst, als eins zu sein mit ihm, doch er hat Augen nicht nur für dich, sondern auch für die Anderen. Amy. Und Tessa. Auch für die. Ihr kennt euch schon seit zwei Jahren, habt euch alle zusammen bei einer Privatparty kennengelernt und seitdem seid ihr ziemlich gute Freunde. Dass gute Freunde manchmal rumküssen kommt dir nicht falsch vor, das dachtest du zumindest immer. Du magst ihn. Ben ist alles für dich. Du hast ihn beim Küssen kennengelernt. Wahrheit oder Pflicht hieß es plötzlich und du wolltest einfach nicht so sein. „Pflicht!“ Deine Pflicht war es Ben zu küssen. Und du tatest nichts lieber als das. Leider hat er noch viele Andere küssen müssen. Und wollen, denn als der Alkoholpegel stieg, stieg auch seine Kusslaune. Er küsste neben dir auch noch Amy und Tessa. Natürlich konntest du dir nichts vorwerfen. Denn du warst keinen Dreck besser. Auch du küsstest. Amy und Tessa. Weil du musstest. Es war deine Pflicht.
Ben reißt dich aus deinen Gedanken, als ihr in einer dunklen Ecke ankommt und er dich an einen Balken drengt. Sanft, aber doch bestimmend. Er blickt dich an, greift in seine Hosentaschen und schaut über seine Schulter, rechts und links, ob ihn auch ja keiner beobachtet. Aber nein. Keiner schaut.
Auf seiner leicht geöffneten Hand liegt eine Pille, rosarot. Darauf zu sehen ist ein Triple Five Symbol.

 

©Netti

 

 

 

hampelmann

Online.

Der Fotograf ist daueronline. Im scheiß WhatsApp. Du willst nicht stalken aber er antwortet einfach nicht auf deine Nachricht, die beinahe schon verjährt.

5 Tage.

Keine Antwort.

Du könntest die Wände hoch gehen, es wurmt dich so sehr. Magst gar nicht daran denken mit wem er so dauerhaft schreibt. Dennoch stürzen sintflutartig tausende an Bildern über dir ein. Zeile um Zeile tauscht er sich aus mit diesem Mädchen, was er erst vor kurzem kennengelernt hat. Jung, bildhübsch. Bilder, wie beide sich treffen und Dinge mit einander machen von denen du nur träumen kannst. Spaß haben, lachen. Miteinander. Sich näher kommen, Empfinden und Sein. Auch wenn es nur in deinem Kopf existiert gibt es für dich keine andere Erklärung für sein Verhalten. Distanz kann man nicht anders definieren. Distanz entsteht nur dann, wenn Interesse sich offenbar verflüchtigt. Du kannst das nicht aktzeptieren. Du kannst das nicht schon wieder einfach nur so hinnehmen. Er bedeutet dir doch so viel! Warum hat er nicht einfach Arsch in der Hose und sagt was Phase ist? Du verstehst das alles einfach nicht. Schon wieder diese Fragezeichen, welche dir irgendwann noch den Verstand rauben. Weshalb sucht er erst Freunde, wenn er sie dann in den Arsch tritt? Da nimmst du schon hin, dass er an mehr nicht interessiert ist und dann… UND DANN? Er würdigt nicht mal deine Freundschaft, verhält sich wie ein rießen Arsch. Heult dir erst die Ohren voll von Freundschaft und fehlender Freundschaft, dabei ist er es der an jeder Hand wohl gleich ein Dutzend hat. Du sitzt auf deiner Couch und könntest Dinge zerschlagen über diese Ungerechtigkeit. Es macht dich so wütend, seine Launen, welche sich abwechseln wie Tag und Nacht, Winter und Schnee, Sturm und Hagel. Am liebsten würdest du den Silvesterabend aus deinem überquellenden Hirn löschen, seine Nähe und Zuneigung, die er dir gegenüber zeigte. Am Liebsten möchtest du verdrengen, dass er der Mann ist in den du dich verliebt hast. Du möchtest ihn vergessen und den Tag des Shootings irgendwie rückgängig machen, doch du weißt dass dies ein Ding der Unmöglichkeit ist.

Stattdessen stehst du wieder vor der Wahl: Ihn loszulassen, endgültig, oder weiterhin deinen Gram hinunterzuschlucken, um darauf zu hoffen, dass er irgendwann erkennt wer du wirklich bist. Dass du nicht bist wie die Anderen und nur oberflächliche Beziehungen, hauptsächlich Sex bevorzugst, sondern dass du eine Frau bist mit Charakter und Würde und an ihm und seiner Person interessiert bist. Du bist kein Objekt, kein Wesen was man erst benutzt und dann zu Boden wirft, wenn man es satt hat. Du möchtest ihn, als Menschen, so wie er ist, mit Haut und Haar, mit Narben und all seinen Macken. Sogar als Arschloch möchtest du ihn, wahrscheinlich gerade deswegen, obwohl du dich hasst dafür. Du würdest ihn sogar noch wollen, wenn er sein Augenlicht verlieren würde. Du hast Angst zu kämpfen, denn das ist nicht deine Aufgabe. Du hast Angst davor dass dein Herz sich dieses Mal komplett auflösen wird, und niemehr wieder hergestellt werden kann. Du bist dir sicher, dass er für dich nichts mehr übrig hat, wenn es denn jemals ein Empfinden wie Freundschaft gegeben haben sollte. Du hast Angst vor einem erneuten Faustschlag, mitten in dein schon zerschundenes Gesicht. Wie lange kann man ein Gesicht wahren, ohne dass es zerbröselt wie eine vertrocknete Rose!? Vielleicht solltest du ihm einen Brief schreiben, geht dir durch den Kopf, denn das Schreiben ist wohl das Einzigste was du beherrschst. Doch du hast keine Adresse von ihm. Du hast eine E-Mail Adresse, doch du weißt nicht, ob er deine E-Mail je erhalten, auch nur ansatzweise lesen würde, wenn er nicht einmal auf eine stinknormale WhatsApp Nachricht reagieren kann. Inzwischen hasst du WhatsApp wie die stinkende Pest und du verfluchst diesen hirnrissigen Menschen diese Erfindung publik gemacht zu haben. Auch SMS findest du dämlich, obwohl du das Schreiben liebst. Die Liebe jedoch liegt im Schreiben, nicht aber im Mitteilen und schon gar nicht im Stalken oder spionieren, denn so wolltest du nie sein. Automatisch mutiert man letztendlich zu einem hysterischen Hobbit mit Funken sprühenden Augen. Yeah! Und das alles ohne abzuschweifen.

Du könntest ihm also eine E-Mail schreiben mit all deinem Hirngesafte über Freundschaft, die fehlt, niemals nicht sein wird, weil es ganz und gar nicht das ist was du möchtest. Dann aber stehst du wieder da wo der Bus dich hat stehen lassen. Fortfahrend, ohne dich eines Blickes zu würdigen. Deine winkende Hand verschwindet in den Abgasen des Auspuffes. Zurück bleibt die Hülle deiner Selbst. Du stehst da ohne ihn. Dann ist es definiert, dann weißt du dass du das, was geschrieben steht nicht wirst rückgängig machen können. Denn er hat dein Zugeständnis schwarz auf weiß, nicht nur im Kopf, welcher vergessen kann und verdrengen, sondern auf Papier eines verdammten Rechners. Du möchtest jetzt gerne mal wissen was zur Hölle du schon wieder falsch machst. Du wirfst mit Kissen um dich, an denen er seinen Kopf platt gedrückt hat, wie oft das kannst du gar nicht mehr sagen. Dein Zeitgefühl ist völlig abhanden gekommen, es kommt dir vor als kennst du diesen Menschen nicht erst seit 5 Monaten. Tränen platschen unbeholfen zu Boden, aber du lässt sie da liegen. Morgen ist sein zweiter OP Tag, eigentlich hast du gehofft dass er sich bis dahin mal gemeldet hat, denn nun liegt es schon wieder an dir ihm etwas wie „Chakkaaa!“ zukommen zu lassen.

Möchtest du das? Du bist es allmählich Leid, den Hampelmann zu tanzen, also lässt du es einfach gut sein. Fürs Erste.
©Netti