Wie war nochmal der Masterplan?

Du steigst nun schon leicht beschwippst aus der Bahn aus. Die Blase drückt, damn it, also hechtest du noch flink zum Bahnhof um eine Hütte aufzusuchen. Du willst zwei Euros in den Schrankenautomaten werfen, aber die Eule dahinter, welche die Hütten bewacht, mault dich doof von der Seite an. „Da geht nur ein Euro rein, junge Dame!“ Das schnallst du nicht, also beschließt du so zu tun, als sprichst du ihre Sprache nicht. Deine Hand nimmt die zwei Euros zum Schlitz und die Alte springt beinahe im Dreieck. „Hallo!? Sie müssen wechseln!“ Das kapierst du erst recht nicht. Ja wie sollst du denn jetzt bitte wechseln und vorallem wo? Du funkelst zurück. „Ja aber, wo denn bitte?“ „Na am Automaten.“, keift sie dich voll. Fragend schaust du sie an. Mit ihrem wurstigen Finger zeigt sie auf den blauen Wechselautomaten der 2 Euro in 1 Euros wechseln soll. Wie sinnlos ist das denn bitte. Als du endlich erleichtert bist, gehst du durch die Schranke zurück nach draußen, bloß weg hier, und schaust dich zu der Krähe um.

„Die Klapse hat heut Wandertag!“ „TSCHÜSSIIIIE!“, sagst du ihr zuckersüß ins Gesicht.

Die Uhr verrät dass du fünf Minuten drüber bist, über der Zeit, nun musst du ranklotzen. Du sputest dich und rast über die Straßen. Hoffentlich ist er schon da. Du hasst es, wenn du diejenige bist, die warten muss. Aber auch er ist noch nicht da. Er, der Fotograf. Also läufst du noch etwas die Straßen hoch und runter. Von weiten siehst du ihn dann schon auf dem Radl angefahren kommen. Seine Jacke schwarz. Er lächelt dich freundlich an. Und du bist plötzlich wieder aufgeregt wie doof. Der Sekt dreht Kreisel in deiner Birne, aber angenehme, nichts schlimmes. Er entschuldigt sich, dass er zu spät ist und nimmt dich in die Arme. Das ist gut, dann musst du nicht all deinen Mut zusammenkratzen. Du bemerkst dass er erkältet ist, als er spricht. „Ohr nee, bist du krank oder was? Na suuper. Jetzt kann ich dich nicht mal küssen. “ Du lachst und er stimmt in dein Lachen ein. Er hat vergessen dich darauf hinzuweisen. Ihr geht die Treppen hoch und steuert die Ecke an, an der ihr zu eurem ersten Treffen Platz genommen hattet. „Wieder der Platz vom letzten Mal?“, fragt er dich. „Gern!“ Dieser ist sogar noch frei. Obwohl es ansonsten recht voll ist. Er deutet auf deinen freien Platz und ihr setzt euch einander gegenüber. Schon bringt die Kellnerin die Karten und fragt nach dem Getränkewunsch. Er bestellt kein Hefe Weizen, aber ein großes Radler und du bestellst keinen Sekt aber einen Prossecco. Nun hast du endlich die Gelegenheit, ihn dir genauer zu betrachten, denn du hast ihn nun schon viel zu lange nicht sehen dürfen, so lange dass du dein Zeitgefühl komplett aus den Augen verloren hast. Er trägt eine dunkelbeige Stoffhose und ein grob kariertes Hemd, was ihm unglaublich gut kleidet. Auf der Nase seine Brille, die du sehr an ihm magst. Er schaut schon scheiße aus. Also kaputt. Knülle. Erledigt. Müde. Tot. Seine Krankheit hat sich an ihn drangeheftet und frisst ihn auf. Weiche von mir. KKKkkkkkkkkkkkssssssssch. Du erfährst dass er müde ist, obwohl er bis drei geschlafen hat. Das erklärt alles, und er hätte sich am liebsten geohrfeigt dafür. Hätte er mal. Na wenigstens freut er sich, dass ihr euch trefft, sonst wäre er wohl im Bett liegen geblieben. Ihr schaut ewig, ewig und ewig in der Karte rum und könnt euch einfach nicht entscheiden. Ihr beide nicht. Die Kellnerin schickt ihr immer wieder weg. Ihr fragt euch gegenseitig über die Speisen aus, seid hinterher aber doch nicht schlauer. Dann irgendwann bestellt ihr. Du sagst ihm was er das letzte Mal hatte, denn das weißt du noch wie heute, und er bestellt genau das. Eine Salamipizza. Und du, du hast keinen Hunger, das hast du auch vorausgesagt aber er möchte dass du isst, denn alleine essen ist halt einfach scheiße. Du willst nicht so sein und bestellst dir eine Kartoffelsuppe. Da stehst du drauf und mehr würdest du auch einfach nicht runter bekommen. Ihr stoßt an mit euren Getränken und dieses Mal, heute, blicken seine Augen genau in die Deinen. In deinem Bauch schlagen die Schmetterlinge mit ihren Flügeln gegen deine Rippen. Es kitzelt und fühlt sich ein bisschen so an wie ein Flugzeug. Ein Flugzeug am Himmel, wenn es auf guter Höhe in ein kleines Luftloch gerät. Ein harmloses, leichtes, aufregendes Luftloch, was deinen Adrenalinspiegel in die Höhe schlagen lässt. Du möchtest unbedingt wissen wie es ihm so geht, und ob er tatsächlich bald fort geht. Er berichtet dass er noch keinen Praktikumsplatz hat, und so schnell geht er auch nicht, also auf jeden Fall nicht gleich zum 1.12, auch wenn er bis dahin gekündigt hat. Du bittest ihn darum dir zu verraten wie die Kündigung verlaufen ist und wie sie reagiert haben, die Kollegen und die Chefin. Du erfährst so viel und es freut dich. Es freut dich wie super ihr euch versteht, es freut dich, dass ihr euch tatsächlich was zu sagen habt, es freut dich, dass du dich wieder so unglaublich wohl fühlst in seiner Nähe. Hast du etwas anderes erwartet? Die Andere erwähnst du mit keiner Silbe und du hoffst dass auch er ihren Namen nicht in den Mund nehmen wird. Denn die Stimmung ist gerade sehr locker und flockig. Ihr lacht viel. Blödelt rum, habt Spaß. Zusammen. Wenn er lacht erkennst du dass er wirklich lacht, sein Lachen ist echt, das erkennst du an seinen Augen, denn dieses Mal lachen sie mit. Seine Augen lachen mit. Du kannst dich nicht erinnern, jemals mit einem Menschen so viel Spaß gehabt zu haben. Das Essen kommt schon bald und ihr legt los. Während des Essens führt ihr nur seichte Konversation, damit ihr euch nicht gegenseitig Krümel und Tropfen ins Gesicht pustet. Ihr lasst euch Zeit mit dem Essen, ihr sitzt ewig daran. Er hat keinen großen Hunger und auch du hast zu kämpfen, doch daran sind nur die Schmetterlinge Schuld in deinem Magen, welche er nicht mal ansatzweise erahnen kann. Als ihr das Besteck gelegentlich beiseite packt kommt die Kellnerin und macht von naher Entfernung Anstalten die Teller gern mitnehmen zu wollen. Aber hey,- du bist ja noch gar nicht fertig,-und löffelst fröhlich weiter. Ihr schaut euch an und prustet wieder los vor lachen. Hoffentlich hast du ihm nicht ins Gesicht gespuckt, etwas von der Suppe aus der Schale vor dir. Hängt dir jetzt etwa eine Kartoffel am Kinn? Irgendwann sitzt ihr vor leeren Tellern und so sitzt ihr ziemlich lange, doch an Unterhaltung fehlt es trotzdem nicht. Ihr bestellt noch eine Runde. Ihr redet und redet. Du bist glücklich, dass er so schnell nicht verschwinden wird, du hast was anderes erwartet. Er fragt dich, ob du mit ihm zu Kurt Krömer magst, doch du hast ja selber schon eine Karte, nur in einer anderen Stadt, was er bereits weiß. Doch wenn du nochmal für die Karte zahlen musst möchtest du das nicht. Denn billig ist der Krömi gewiss nicht. Es hat dich damals nicht überrascht, dass ihr den gleichen Comedian mögt, denn ihr lacht über die Selben Dinge. Dennoch freut es dich ungemein und du würdest dir nichts mehr wünschen, als mit ihm dorthin zu gehen. Er hat noch keine Begleitung und das soll auch so bleiben. Denn du bist es, den du an seiner Seite siehst. Du möchtest in sein Lachen einstimmen, du möchtest ihn glücklich sehen. Du möchtest einfach einen weiteren Tag mit ihn verbringen. Noch einen weiteren Tag, der dich glücklich macht, weil du bei ihm sein kannst. Du genießt jede Sekunde in seiner Nähe. Denkt er da genauso? Dein Getränk ist schon wieder alle. Also kommt Nachschub. Er fragt dich, ob er dich portraitieren darf und du glaubst dich verhört zu haben, beinahe verschluckst du dich an deinem Sprudelwasser. Was bitte? Er möchte gern eine Mappe anfertigen und Aufnahmen von dir haben, das heißt wenn du nicht noch immer beleidigt bist. Den letzten Satz überhörst du und du fragst nochmals nach, denn du bist dir einfach nicht sicher ob du ihn jetzt echt verstanden hast. Er setzt noch einen drauf und möchte die Fotos bei sich machen. Hä?  Er lädt dich zu sich nach Hause ein, da wo doch sonst nur die Andere war. Er möchte gern mit dir kochen, da du es nicht kannst kocht er halt, und dann, dann möchte er einen Film mit dir schauen. Scary Movie. Nicht nur einen Teil, am liebsten Alle. Auch wenn du Scary Movie nicht sehr magst, du magst nur den ersten Teil, bist du einfach platt. Du bist platt und kannst nicht anders als ernst zu nicken und ihm zuzustimmen. Es ist dir kackegal was für ein verdammter Film das ist, es ist egal was er so unbedingt mit dir schauen möchte. Du würdest alles mit ihm schauen. Auch wenn dir die Augen zufallen vor Müdigkeit, aber du würdest bleiben. Du würdest neben ihm sitzen bleiben, vielleicht auch liegen. Und es würde sich gut anfühlen. Und vielleicht sogar für ihn. Oh Gott, er mag dich echt bei sich haben. Die Kellnerin möchte euch schon mal abkassieren, das verstehst du ja gar nicht. Was ist denn das für eine Bedienung, und so unhöflich. Die versteht ja nicht mal seine Späße. Du würdest dich totlachen, vor Lachen, wenn du so einen Clown zu Gast hättest. Du würdest dich totlachen über seinen so herrlichen Humor, wenn du es wärst, die ihn bedienen würde. Aber du würdest ihm wahrscheinlich auch einfach nur um den Hals fallen, weil er klasse ist. Er lädt dich ein ohne irgendetwas vorauszusetzen und fragt dich nach deiner PIN, als er seine Karte in den Schlitz steckt. Ihr wiehert los. Als die Kellnerin mit dem Stock im Hintern wieder abdackelt zeigt er dir seine zwei Nichten aus seinem Portemonney. Und du bist gerührt. Du bist gerührt, dass er sich dir gegenüber so sehr öffnet. Du bist dir sicher, dass er ganz wunderbar zu seinen Mädels ist, mit Kindern ganz hervorragend umgehen kann. Plötzlich beschleicht dich ein ganz eigenartiges Gefühl, direkt aus deinem Herzen. Nein! Nein! Das kann darf nicht sein! Gänsehaut kriecht deinen Körper hoch. Er zückt sein Handy, denn nun möchte er dir noch mehr seiner Fotos zeigen. Noch mehr Fotos zeigen. Er zeigt dir so viel und du bist geplättet. Geplättet von so viel IHM. Von so viel Wissen über sein Leben, so vieles was du nun ableiten kannst, durch die Fotos, aber nicht nur das. Denn er erzählt. Er erzählt kleine Geschichten zu all den Fotos und du bist unglaublich gerührt. Du hörst ihm aufmerksam zu, möchtest alles speichern, und ja nichts vergessen, damit du weißt und auch behalten kannst was du all die Zeit so unbedingt über ihn erfahren wolltest, auch wenn das längst noch nicht alles ist. Du fragst nach, wenn du etwas näher erklärt haben möchtest, du hakst nach, wenn er etwas sagt, was du nicht auf Anhieb verstehst. Er ist ein guter Erzähler und sehr sehr geduldig. Ein wohliges Gefühl durchfährt deinen Körper. Er schaut dir intensiv in die Augen bis dir schwindelig davon wird.

Scheiße. Dir wird grad irgendwie anders. Dein Kopf dreht grad, irgendwie ganz leicht. Obwohl dir schon die ganze Zeit sehr heiß ist, wird dir nun heiß und kalt, und das abwechselnd. Dir bricht leichter Schweiß aus, und dir wird schwummerig, im Kopf und nicht nur da. Deine Füße fühlen sich plötzlich so leicht an. Kackmist. Kipp jetzt hier bloß nicht um. Der Fotograf redet weiter und du nickst und nickst. Atme! Atme! Das du gern mal hyperventilierst weißt du seit deiner letzten Operation und das darf dir jetzt hier keinesfalls passieren. „Chill mal! Entspann dich! Sei locker! Alles gut. Alles easy. Alles cool!“, redest du dir innerlich Mut zu. Du atmest tief ein, die Luft hier ist aber auch zum Schneiden abartig.

Als du diese kurze Panikwelle überstanden hast bewirft er dich plötzlich mit Papierkügelchen, bestehend aus eurer Rechnung. Kugel Nummer eins  trifft in deinen Schoß. Nummer zwei landet in deinem Ausschnitt. ÄHM!? Ihr lacht lauthals. „Wie alt bist du man?“ Du klaubst die Kügelchen von deinen Körperstellen runter und schlägst ihn mit seinen eigenen Waffen. Welche ihn direkt an der Birne trifft. Es ist dir Schnitte, dass euch alle doof von der Seite anschauen, denn mit ihm kannst du sein wer du bist.

Du setzt seine Brille auf deine Nase, welche dir immer wieder hinunter rutscht.  Er schmunzelt und sagt, „Komm, gib mal dein Telefon, ich mach ein Foto, damit du siehst, wie´s ausschaut.“ Du bist verwundert über seine so freundliche Art. Was geht denn bei ihm? Du gibst und er schießt ein Foto. Und noch eins. Dann sagt er leise nur, du musst dich anstrengen damit du verstehst, aber du verstehst tatsächlich richtig, „Das ist süß.“ Süß? Die Schmetterlinge in deinem Bauch melden sich flügelschlagend zurück. Aufgeregt drehen sie ihre Runden. Versehentlich macht er ein Selfie mit deinem Handy. Ein Selfie von sich. Hä?

Irgendwann beschließt du, dass du los musst, denn du willst die Bahn nicht verpassen. Dieses Mal nicht. Du nimmst deinen orangenen Blazer. „Der ist schön! Ist er neu?“, fragend blickt er dich an. Also heute schießt er echt den Vogel ab. „Nö.“, sagst du ganz nebenbei.

Draußen weht euch ein kalter Wind um die Nase und Flocken wirbeln zu Boden. „OOOOHR Schnee!“ Der Fotograf guckt wie ein Kind. „Ähm!? Es hat heute schon mal geschneit.“ „Ah echt? Ja scheiße, da hab ich gepennt.“ Du stöhnst. So ein Idiot. „Ich kann dich noch zur Bahn bringen? Aber fahren lieber nicht. Nicht dass das Radl wieder kaputt geht.“ „Hah! Ähm nein, danke, geht schon. Diesmal bekomm ich das schon geschissen, das mit der Bahn. Zumindestens das.“ Er umarmt dich und fährt los. Ihr entfernt euch von einander. Er fährt in die eine Richtung, während dich deine Beine von ihm weg tragen, in die Richtung die zur Straßenbahn führt. Nun schneit es dicke Flocken. Schneeflocken bleiben an deinen Sachen hängen. Sie bleiben kleben an deiner Kleidung, verschmelzen mit der Hitze deines Haares. Du wirfst den Kopf nach oben und siehst, wie die Flocken auf dich niederfallen. Lautlos und hell. Fast blendend lassen sie sich auf deinem Gesicht nieder. Dich umgibt ein Glücksgefühl. Schnee! Schöner hättest du dir ein Ende gar nicht vorstellen können. Für ihn, den Fotografen.
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© Netti 

Alles kann. Nichts muss. 11/11

Manchmal glaubt man, es geht nicht mehr schlimmer.

Manchmal hat man das Gefühl, man ist schon zu sehr verletzt, das ist überhaupt nicht mehr steigerbar.

Manchmal glaubt man dass eine einzige blöde Nachricht, nicht noch blöder werden kann.

Manchmal gibt man sich selber die Schuld an allem, an dem Verlauf der Dinge.

Manchmal glaubt man einen großen Fehler gemacht zu haben, mit einer Entscheidung, die man im Leben trifft.

Und manchmal ist nichts im Leben selbstverständlich.

Wenn man die Hoffnung schon fast aufgegeben hat, die Hoffnung auf ein Ende was gut ist, irgendwie besser als das, was einem vor´s Herz geknallt wurde, erscheint zumeist ein kleines Licht am Himmel, so klein jedoch, dass es kaum wahrnehmbar scheint. Man zögert noch und ist verwirrt, man glaubt zu halluzinieren, doch das Licht ist tatsächlich da. Grell und blendend scheint es einem entgegen und man ist bemüht zu glauben, dass es einem Selber gilt, das Licht, die Hoffnung, die damit einhergeht, und nicht irgendwen anders.

Und manchmal existiert die Chance, zu einer Wurst zu werden, die Wurst welche zwei Enden hat, zwei Enden und nicht nur eins. Zumindest kann man sich dann das bessere Ende heraussuchen, ein Ende, was irgendwie ein bisschen offen ist.

Noch immer blutet dein Herz, dein Steinherz, welches seine farblosen, verkrusteten Steinsplitter von sich abstößt, anstatt Tropfen glänzenden Herzblutes. Noch immer kannst du nicht vergessen, was er dir per sinnloser Nachricht an den Kopf wirft. Nämlich nichts. Das Schlimmste, findest du, das Schlimmste daran ist dieses Schweigen, dieses Nichts in das man schmerzhaft gestoßen wird, dieses Nichts, was dich in Dunkelheit umhüllt. Schläge, meinst du, sind besser als all dieses Schweigen, dieses Nichts um dich herum. Schläge, sind besser zu ertragen, weil sie da sind, weil sie erklären. Sie trösten dich über diese Stille hinweg und geben dir Schmerz. Spürbaren Schmerz durch spürbare Schläge. Das Schweigen jedoch, ist aufgelöst, es schwebt unsichtbar um dich herum, drohend, gefährlich, und macht dich mürbe, es zerfleischt dich beinahe. Doch dazu muss es erst existieren. Also empfindest du einen Schmerz, der dich umgibt, den du nicht einmal benennen kannst. Du hast einfach keinen Namen dafür. Du hast keinen Schimmer, womit man dir diesen Schmerz zugefügt hat und warum. Vorallem das.

Seit Stunden schon schaust du mit tränendurchfluteten Augen euren Chatverlauf an. Suchst nach Hinweisen, die erklären, was dein großer Fehler war. Du versuchst zu lesen, zwischen den Zeilen, die er dir schrieb, schwarz, auf weiß. Du versuchst Erklärungen zu bekommen, für sein Verhalten, indem du wieder und wieder seine Worte verschlingst. Seine Worte, welche nur in Schrift vorhanden sind. Plötzlich, setzt dein Herz kurz aus, denn du siehst, wie etwas sich bewegt. Ein -online- auf obiger Seite erscheint, dann wechselt es zu -schreibt……

Dein klumpiger Stein in dir, welches früher einmal dein Herz war beginnt zu holpern, langsam ruckelt und stößt es in dir hin und her. Her und hin. Du windest dich, vor diesen Qualen die du nun durchleidest, denn du hast Angst. Du hast Angst vor dem, was er dir nun schreiben könnte. Du hast Angst, vor der Wahrheit. Es ertönt ein Signal und die Nachricht trifft ein, von ihm den Fotografen. Du liest die Worte. Du liest die Sätze. Einmal. Zweimal. Du liest drei mal. Und ein Viertes Mal. Doch noch immer verstehst du nicht, was da geschrieben steht. Noch immer verstehst du nicht, was er von dir möchte. Noch immer, verstehst du nicht, was er eigentlich von dir gewollt hat. Du verstehst nicht, wieso das alles. Und du verstehst nicht, dass du überhaupt noch verstehen willst, wo doch dein Herz nur noch besteht aus einem Stein, mit einer harten Schale, umgeben von zu viel Schmerz. „Entschuldige wenn ich blöd zu dir war und dich verletzt habe. Alles Gute dann für dich. Mach´s gut.“, steht da geschrieben. Und du. Du verstehst es einfach nicht. Du kapierst nicht, wie es sein kann, dass er dir schreibt, so wie man einer weitläufigen Bekannten schreibt, während du ihm dein Herz geschenkt hast. Du kapierst nicht, wie es sein kann, dass er dir so eisekalte Worte um die Nase schreibt, während du ihm die schönsten Lieder singst. Du schnallst nicht, wie es denn bitte sein kann, dass zwei Menschen, die sich so nah gewesen sind, sich nun plötzlich so weit entfernen, voneinander. Wie funktioniert dass, das ein Mensch der Nähe zulässt nicht auch Nähe empfinden kann? Es kotzt dich an, wieder einmal mehr, dass du nicht einfach sein kannst, wie all die Anderen. Es pisst dich an, dass du nicht einfach auch mit Männern die Kiste teilen kannst. Auch einfach nur die Kiste teilen mit denen, ein Bier drauf stellen, auf die Kiste, und dann Klappe zu. Wenn du auch gleich mit dem ins Bett gegangen wärst, hättest du ihn vielleicht auch in dich verliebt machen können. So wie die dumme Andere. Das heißt, wenn du gut gewesen wärst. Warum lebst du nur in einer so schnelllebigen Welt, fragst du dich, nicht zum ersten Mal und du vermisst die Beständigkeit.

Eigentlich möchtest du es gut sein lassen. Eigentlich auf sich beruhen lassen. Aber das kannst du nicht. Weil du nicht willst? Wieder bist du zornig darüber, dass er dir einfach nichts zu sagen hat. Dass er nicht einmal versucht, dich als Freund zu halten. Nicht mal das. Du fragst ihn, ob das alles ist, was ihm dazu einfällt. Und später, später versucht er zumindest sich zu erklären. Und es geht wieder nur um sie, die Andere. Du willst es einfach nicht mehr hören. Und lesen, das erst Recht nicht. Denn jetzt hast du es auch noch schwarz auf weiß, in dein Gehirn eingebrannt. Sie widert ihn inzwischen schon mal an. Immerhin, doch du willst noch mehr. Du willst, dass sie ihm gleichgültig ist, und er sich öffnen kann, irgendwann, für dich. Du möchtest respektiert werden. Du bist wütend, schreibst ihm, weshalb er dir nicht einfach in die Fresse sagt, dass er nur ficken will. Wieso, wieso, wieso. Du findest das traurig, dass er dich geküsst hat, nachdem du ihm sagtest, du bist so nicht. Du musst was empfinden. Um dies und jenes. Plötzlich bereust du deine Ehrlichkeit, du bereust ihn. Und dich. Dich auch. Du bist dieses sinnlose Geschreibe Leid, dabei wolltest du einfach nur verstehen. Ihn. Trotzdem schreibt ihr weiter über WhatsApp, ohne dass du begreifst worum es eigentlich noch geht. Feilscht ihr gerade um das Lieben, oder um die Freundschaft? Du findest das alles unsagbar bescheuert und kindisch, hirnlos und albern, dennoch bist du mitten drin in diesem Albtraum von Leben, welches auch noch Deines ist. Am Ende dieser Unterhaltung bist du trotzdem einfach nicht schlauer, seine Kommentare scheinen Ausflüchte vor sich selbst, seine Antworten leer und emotionslos. Egoistisch und verletzend. Für dich. Du erfährst, dass ihm alles zu viel ist. Er will nur seine scheiß Ruhe. Obwohl er auch damit nicht klarkommt. Natürlich kommt er auch mit dir nicht klar, das liest du raus. Er versteht nicht, dass er sich selber runterzieht und gefangen ist im Strudelmoor. Er versteht nicht, dass man nicht immer alleine da heraus kommt, manchmal braucht man eine Hand, die einen raus zieht, aus dem Schlamm, der einen nach unten zieht. Momentan kann er nichts sehen, er trägt Scheuklappen über seiner Maske, die ihm die Sicht versperrt, um all das Umliegende. Er wirft mit Speeren um sich, die treffen bis mitten ins Herz, damit niemand ihm diese Maske entreißen kann. Du bist sein Angriffspunkt, sein Störfaktor, den er loswerden muss, auch wenn er eigentlich nicht möchte.

Also schreibt ihr weiter. Seid inzwischen wieder bei Alltäglichkeiten, und du beim Verständnis angelangt. Für ihn, den Fotografen. Zwischendurch ist er an der Ostsee, denn abhauen, das hat er schon immer gekonnt. Aber er überlegt tatsächlich abzuhauen denn es hält ihn nichts hier. Du schimpfst mit ihm, dass es nichts bringt vor Problemen davonzulaufen, denn die Probleme sind überall, da wo auch er ist. Du möchtest es jetzt aber trotzdem wissen, ob das so ist, dass er einfach nur ficken gewollt hätte. Ob das echt so ist, willst du wissen. Er verneint, er hätte nichts dergleichen getan, weil er merkte dass es nicht okay wäre. Ficken sei nicht alles und das Küssen, ja das Küssen hat einfach sehr viel Spaß gemacht. Mit dir. Wenigstens Küssen kannst du und bist für´s Erste beruhigt.

Natürlich weißt du dass es sinnlos ist, dieses Geschreibe per WhatsApp, was nichts bringt und wahrscheinlich nur alles Schlimmer macht und komplizierter, trotzdem könnt ihr es einfach nicht lassen. Vor allem du nicht. Er halt ganz besonders. Das verstehst du gar nicht. Wieso. Ihr versucht irgendwas zu klären, was sich per Nachricht nicht klären lässt, ihr versucht irgendwas zu finden, was euch eine Lösung scheint, ihr versucht irgendwas zu benennen was keinen Namen trägt. Es ist aussichtslos, du weißt das. Innerlich weißt du das. Das mit der Freundschaft, das würde an dir liegen, ob du das möchtest oder nicht. Doch er, er kann das inzwischen nicht mehr differenzieren, Freundschaft und das darüber hinaus. Distanz und Nähe. Er wisse nicht wo das Eine anfängt, das Andere aufhört. Er würde gerne mit dir befreundet sein, dich weiterhin treffen, aber er muss wissen, dass du ihn leiden kannst, aber nicht gut findest. Wenn er das nicht wisse, dass Freundschaft bei körperlicher Anziehung einfach aufhört, dass da erst keine entstehen kann, hat eine Freundschaft wie er sie nennt für dich keinen Sinn. Und das schreibst du ihm. Du schickst. Ein letztes Mal. Was du denkst. Und fühlst, denn Gefühl hat sich irgendwie entwickelt obwohl du das nie wolltest. Du wolltest alles und nichts, schon gar nicht sofort, du wolltest Zeit, und keinen Kinderhort. Dich nervt es dass er etwas sucht was er nichtmal definieren kann. Dich nervt dass er im Selbstmitleid versinkt und alles vollstinkt damit, dass er sich doch auffressen lassen soll, dann ist er weg, das macht es besser. Oder er packt die Dinge beim Schopf am Kopf mit Haut und Haaren.

Das schlechte Gewissen was dich nagt und zerfrisst über deine Worte. Wieder diskutiert ihr. Sinnlose Worte, aneinandergereiht, die keinen Sinn ergeben, weil es einfach zu viele sind. Zu viele Bedeutungen, denn Betonungen gibt es nicht in Nachrichten. Du kannst nicht betonen, wie du etwas meinst. Denn das Meinen war eigentlich ganz anders gemeint.

Irgendwann hörst du einfach auf zu Schreiben, weils dich anödet. Die immer Selben Themen, die Immerselbe Leier, das Immerselbe NICHTS. Tage verstreichen und wieder ist er es, der sich meldet. Wieder ist es er, der schreibt. „Jetzt hören wir wohl gar nichts mehr von einander!?“ Dieses Mal mit einem traurigen, gelben Smiley. Du bist ehrlich, teilst ihm deine Verwirrung mit, schickst ihm Worte über WhatsApp, die ausdrücken sollen, wie sehr durcheinander du bist. Einmal noch schreibt ihr Hin und Her. Noch einmal. Zwei Minuten wenn es hoch kommt. In der dritten Minute erwähnt er, wie beiläufig, dass er gerade am hirnen ist einen Teil seiner Sachen zu verkaufen und Richtung Süden zu ziehen. Nach dieser Schockwave, gleich noch eine. Wie geht es dir?

Und in dem Moment, in diesem einen KackMoment flippst du völlig aus. Denn..

WIE soll es dir schon gehen, beschissen geht es dir, weil du kaum schlafen kannst. Denn du, du wohnst in nem Irrenhaus und wirst bedroht von deiner Nachbarin, die Alte Krähe, die, die unter dir wohnt, dabei wohnt sie da nicht. Eigentlich wohnt da ein Türke, ein ganz Netter eigentlich, doch der, der sitzt jetzt im Bau, und seine Freundin, die Krähe, die hat sich jetzt eingenistet, da bei ihm, in seiner Wohnung, unter der Deinen. Terror im Haus. Immer und immer wieder. Sturmklingeln des Nachts, bei deinem Neuen Nachbarn, direkt neben dir. Mitten in der Nacht. Du hörst die Alte irgendwas schreien, durch die geschlossene Tür, breiige Worte die ihren gruseligen Mund verlassen mit einem widerlichen Nachhall. Genervt reißt du deine Haustür auf und brüllst sie voll: „Samma! Gehts noch!? Wenn da keiner aufmacht ist auch keiner da, also lass es einfach!!!!“ Ihr Kopf reißt herum, nur das Flurlicht aus deinem Zimmer beleuchtet ihre rechte Gesichtshälfte. Das Treppenhaus ist in unheimliche Dunkelheit gehüllt. Urgs. Dich schüttelt es. Ihr strähniges Haar, welches in blonden Zotteln vom Kopf hängt, die blutrotunterlaufenen Augen, mit Pupillen so groß wie Stecknadelköpfe. Du weißt dass sie wieder drauf ist. Auf Chrystel. Und Heroin. Und Hasch. Wahrscheinlich alles zusammen. Du, du solltest sie einfach nicht provozieren. Schnell machst du das Licht an und sie stellt sich vor deine Tür. „Sag mir wer du bist und wo du wohnst!! Gib mir deine Daten.“, schreit sie dich an. Wenn du nicht wüsstest, dass die Alte nicht ganz sauber ist würdest du nach der versteckten Kamera schauen. Das Lachen bleibt dir im Halse stecken. „Hää!? Was bitte!? Komm mal klar. Was willst du man?“ „Gib mir deine Daten jetze.! Hausverwaltung!“ brüllt sie und zeigt dir ihren Ausweis. Deine Haustür nun nur noch einen Spalt breit geöffnet. Die Zähne in ihrem Mund sind keine mehr als solches zu benennen, ein dunkles Loch grient dich höhnisch an, Ihre Stimme hoch und grell, den Ausweis in ihrer spindeldürren, zitternden Hand. Dein Blick fällt auf den Ausweis und du siehst eine damals wunderhübsche Frau, vor bestimmt erst wenigen Jahren. Diese Frau ist gerade mal Mitte dreißig und schon jetzt nur noch ein Schatten ihrer Selbst. Du würdest Mitleid empfinden, wenn es keine Angst wäre, die jetzt deine Kehle hochkriecht. Sie schreit wieder. Höher, lauter, diesmal. „WAS, WAS!? WAS HAUSVERWALTUNG!? LASS MICH IN RUHE UND VERPISS DICH!“, brüllst du nun zurück. Denn anbrüllen lässt du dich nicht. Schnell willst du ihr die Haustür vor der Nase zuschlagen, doch das Biest ist einen Mü schneller. Ihre Hand schnellt nach vorne und sie bewegt sich zu dir. Dein Herz KLOPF KLOPF schlägt bis zum Hals und du siehst schon, innerlich nur, aber du siehst, ihre Pranke auf dein Gesicht zurasen. Sie wirft sich gegen die Tür und versucht sie gewaltsam zu öffnen. Doch dein Gegengewicht ist etwas stärker, dein Reflex ist gut, und du drückst die Tür mit deiner Schulter in den Rahmen. Sie rastet ein und du verschließt sie schnell. Easy!! Du jubelst innerlich, während dein Herz rast und rast. Draußen vor der Tür tobt es. Es faucht und kratzt. Dann klingelt es. Dauerklingeln, an deiner Tür. Spitzenmäßig, denkst du, aber nicht mit dir. Du nimmst den Hörer vom Freisprechgerät und lässt ihn fallen. Herrlich! Diese Ruhe. Nicht ganz. Vor der Tür tobt ein Orkan. „AAAAH JEDER IM HAUS MACHT DAS HIER! IHR KOTZT MICH SO AN!“ Du lachst dir eins und gehst schlafen, aber die andere Nachbarin, die Nette, von ganz unten, die schickt dir eine Nachricht und du wirst wach, weil du unruhig bist, und Angst hast, in dir drin. Sie schreibt dass sie angegriffen wurde. Von der Hexe. In Schlafbuxe und Shirt rast du die Treppen runter, die Tür der Hexe offen, Stimmengewirr dringt daraus hervor. Von ihr. Und irgendwen anders. Unten angekommen stehen vier uniformierte Polizisten. Vor der Tür deiner Lieblingsnachbarin. Und scheiße, die sehen auch noch gut aus. Panne wie du jetzt nun mal ausschaust wünschst du „N´abend!“ und gehst rasch zur offenen Tür rein, um deiner Nachbarin in den Arm zufallen. Du fragst ob sie okay ist. Nach einer halben Stunde um vier Uhr morgens wird es wieder laut im Treppenhaus. Die Polizei geht nun die Treppe herunter, vor sich her schieben sie die Hexe in Handschellen. Sie kreischt und windet sich. Am Fenster stehend, das Spektakel beobachtend, erkennst du wie sie in den Polizeiwagen gedrängt wird. Nun sitzt sie da mit ihren blonden, strähnigen Haaren, welche ihr ins Gesicht fallen. Das Licht der Straßenlaterne reflektiert sich in ihnen wieder. Mit Blaulicht und Tatütata verlassen sie die Straße. Ruhe! Vorübergehend.

All das wirfst du ihm vor. Dass es ihn einen scheiß interessiert, wie es dir geht. Dass er erst bereut, keinen Kontakt mehr zu haben, während er im nächsten Atemzug meint, das Land zu verlassen. So nicht, mein Freund, so nicht. Und der Kuss, der hätte sowieso nicht sein sollen und dürfen. Besonders das.

Du machst ihm ein schlechtes Gewissen und er dir. Wieder kommst du dir bescheuert vor, als bist du es, die irgendwas verbockt hat, irgendwas falsch gemacht hat, denn Fehler, Fehler machst du genug. Du resignierst und versuchst einen Umgang zu finden, mit ihm, ohne Streit. Schlag was vor. Abstand, vorerst für ihn, denn Streit bringt nix und bewirkt mittlerweile das ganze Gegenteil von dem was hätte sein können. Er verlässt die Stadt, das Land, wird aber zurückkommen. Du wünschst ihm alles Liebe, und den nötigen Abstand den er braucht. Doch eine Bitte, die hast du noch, ein Letztes (?) Treffen, bevor er das Land verlässt. Du möchtest dich entschuldigen, für dich, dein Gefühl, und dein Verhalten, doch du bist einfach nur überfordert, von zu viel. Zu viel Gefühl. Zu viel von dem was nicht sein darf. Von zu viel Gedanken, die dich in die Ecke drengen, und einengen. Von zu viel, von dem, was er dir niemals geben kann. Abstand wird vorerst das Beste sein. Körperlich, sowie seelisch. Inzwischen schreibt ihr gelegentlich mal. Es ist jetzt etwas über einen Monat her, dass ihr euch begegnet seid. Zum allerersten Mal. Ihr teilt euch nur gelegentlich mit, um nur das Kurze, das Wichtige, zu erwähnen.

Aber du weißt, trotzdem weißt du, dass das nicht das Ende ist, auch wenn es ein Ende ist. Aber ein Offenes.

© Netti

  • Der dazugehörige Poetry-Slam in kürze zu finden auf Netti´s Blog: KopfGeburten.
  • Beginn dieser Reihe bei folgendem Beitrag: Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Pirouette im Hirn. 9/11

Manchmal baut man sich selber einen Abrund, aus Gedanken, die einen immer tiefer fallen lassen. Man befindet sich in einem Strudel, bestehend aus Selbstzweifeln und Ängsten. Hilfe nimmt man nicht an. Man kann nicht. Nicht weil man nicht kann, sondern weil man glaubt es nicht zu können. Also ändert sich nichts. Alles bleibt beim Alten. Das Schlimme daran ist nicht, dass man sich selber zerstört, nein, das Schlimme daran, das wirklich Schlimme ist, dass man die Menschen der Umgebung mit zerstört, und ruiniert. Die, die es eigentlich ehrlich mit einem meinen. Die, die einem nur das Beste wünschen.

Doch eines darf man nicht vergessen: Gefühle stecken an! Niemand verbringt seine Zeit gern mit traurigen Menschen.

Natürlich keine Nachricht von ihm, an dem Abend, also bist du es, die schreibt. Fragst ihn, ob er trotzdem gut angekommen ist. Er antwortet und ist genervt wegen des Rades. „Kleine Sünden bestraft der Liebe Herr sofort!“, schreibst du ihm und meinst es auch so. Er kapiert das nicht, und du verschweigst ihm die wahre Bedeutung, verschweigst ihm, was du ihm eigentlich damit sagen möchtest. Denn auf Vorwürfe hast du keine Lust. Also schiebst du die Schokobons vor die Lücke, die, die er an dem Abend alle verdrückt hat. Deine Schokobons, die er liebt. So wie du. Also bietet er dir neue Schokobons an, wenn die Tüte denn hält, nach dem Kauf. Ihr tut, als sei nichts gewesen, als sei nichts passiert. Ihr tut, als sei alles in Butter. Er schickt dir Fotos, von der Außenansicht deiner Arbeit. Er möchte deiner Chefin Hallo sagen, nicht dir. Denn auch sie hatte ein Shooting bei ihm. Business. Sie hat Schuld, dass du ihm begegnet bist. Beim Shooting hatten sie eine Menge Spaß. Logisch. Auch deine Chefin trägt eine Maske in ihrem Gesicht. Gleich und gleich gesellt sich nun einmal gern. Ihr schreibt sinnlose Sachen hin und her. Wieder einmal. Ohne den eigentlichen Kern zu entfernen. Der Kern, der die Bitterstoffe verteilt. Der Kern, der dich zum würgen bringt, weil er zu tief rutscht, in die falsche Röhre. Denn plötzlich hängt er dir in der Luftröhre, und du musst röcheln, weil er dir die Luft nimmt, zum Atmen.

Du weinst, aber dieses Mal nicht wegen deinem Papa. Dieses Mal nicht. Heiße Tränen laufen dir über die Wange, weil du verletzt bist. Denn eigentlich bist du das. Dein Herz aus Stein, welches irgendwie doch noch ein wenig Regung zeigt, welches irgendwie doch noch immer am Leben ist, aber nicht der Stein an sich, sondern sein Inneres, denn der Stein ist ja nur die Hülle.

Du verstehst nicht, was da eigentlich passiert ist. Und wieso. Deine Zunge leckt über die Lippen. Und du schmeckst Salz. Wahrscheinlich magst du das salzige Gewürz deswegen so gern. Du hast einmal zu viel an deinen Tränen probiert. Einmal zu viel deinen eigenen Schmerz gekostet. Mit der Zeit hast du dich an vieles gewöhnt, auch an diesen Geschmack.

Du kannst damit umgehen. Mit dem erneuten Verlust.

Du hast kein Problem damit, auch wenn es schmerzhaft ist, für den ersten Moment, immer wieder. Neu. Doch er kann es nicht, er hat es nie gelernt. Den Umgang mit seinen Verlusten. Wieder zerbrichst du dir den Kopf, über ihn, den Fotografen. Zerbrichst dir seinen Kopf. Über seine Zweifel und Ängste, und über sein Leben. Nicht dein Leben. Sondern das Seine.

Du verstehst nicht, weshalb er dich erst küsst, wenn er doch nur an einer angeblichen Freundschaft interessiert ist.

Du verstehst nicht, wie das alles sein kann. Und der Spruch danach, der macht es nicht besser, erst Recht nicht. Denn dieser Spruch, dieses: „Verlieb´ dich nicht in mich!“ ist nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Du kapierst einfach nicht wieso das Ganze, wieso er erst den scheiß Kontakt zu dir gesucht hat. Verstehst nicht, wieso, wieso, wieso. Obwohl du es versuchst, versuchst, ihn zu verstehen, dich in ihn reinzuversetzen, denn das kannst du doch so gut. Nur diesesmal will es dir einfach nicht gelingen. Es will dir nicht gelingen.

Doch am allerwenigsten verstehst du, weshalb er dich nicht einfach hat liegen lassen, auf dieser scheiß Straße, mit deinem scheiß Kopf und seinem scheiß Fahrrad. Denn dann, dann hättest du dich gar nicht erst in ihn verliebt. Dann wärst du ihm wahrscheinlich nicht so schrecklich nahe gekommen. Körperlich, und emotional.

Du bist dir einfach sicher, dass der Schmerz am Ende einfach nicht der Selbe gewesen wäre. Weil dir diese Seite in ihm verborgen geblieben wäre. Der Retter. Der Held. Der Beschützer. Jemand, dem Dein Wohl wichtiger ist als Seines.

Du hasst ihn dafür, dass du ihm je begegnet bist.

Du hasst ihn dafür, dass er dich jemals angeschrieben hat.

Und du hasst dich dafür, dass du ihn aber einfach nicht hassen kannst. Ihn, den Fotografen!

© Netti

Du bist das Herz, es schreit! 8/11

Es kann sein, dass man in eine Situation kommt, die überfordert.
Man blickt ihr in die Augen. Angesicht, zu Angesicht.
Es kann sein, dass man dann einfach keinen Ausweg weiß.
Nicht jetzt. Jetzt nicht.
Man verharrt, versucht Zeit zu schinden.
Doch die Zeiger ticken trotzdem weiter. Im Zeitlupentempo.
Das TICK-TACK-TICK-TACK-TICK-TACK, welches sich in das Hirn reinfrisst.
Man wird konfrontiert mit etwas, dass einem den Atem nimmt.
Atemlos wirkt man deplatziert und fehl, dann liegt es an einem Selber.
Wieder liegt es an einem Selber. Wie das Blatt sich wendet.
Das Leben.
Wie reagiert man?
Was tut man?
Bleibt man weiterhin das Opfer?
Bleibt man weiterhin schwach?
Bleibt man weiterhin untröstlich?
Bleibt man weiterhin klein, arm, naiv und verletzlich?
Bleibt man weiterhin das Mädchen?
Bleibt man weiterhin im elendigen Selbstzerstörungsmodus stecken?
Bleibt man weiterhin so, wie man es eigentlich nie sein wollte?
Oder löst man sich letztendlich doch von der Opferrolle?

Die nächsten Tage schreibt er dir wieder über WhatsApp. So oft wie er schreibt, hättest du gern ein Funken Hoffnung in dir. Doch eigentlich weißt du es besser. Eigentlich weißt du dass er nur schreibt, weil er einsam ist. Dennoch hättest du gern, dass er dir schreibt, weil er es will. Dass er dir schreibt, weil er dir schreiben will, und nicht der Anderen. Die Andere ist ständig present. Ständig bei dir. Ständig in deinem Kopf. Sie ist einfach ständig. Und das ödet dich an. So richtig! Diesmal teilt er dir mit, dass sie telefoniert haben. Sie erzählt ihm, dass sie nach Amerika gehen wird. Für 4 Wochen. Konfetti! Du jubelst. Er ist traurig. Und weint sich darüber aus, bei dir. Noch immer macht er sich Hoffnungen, noch immer lässt er sich an der Nase herumführen. Aber wahrscheinlich ist das eben so, wenn man verliebt ist. Da macht man manchmal saublöde Sachen. Er weint eben dieser saudoofen Kuh hinterher. „Wir haben sogar gelacht!“, schreibt er dir und du siehst fast schon sein Lächeln vor dir. Wie er lacht wegen ihr, weil sie was tolles sagt. Etwas, was überhaupt nicht toll ist, weil es in ihm falsche Hoffnungen weckt. Hoffungen, die falsch sind. Nicht richtig! Gelogen! Dreckig! Schmutzig! Daneben und feige! Du könntest kotzen! Dir wird so schlecht bei seinen Worten und seiner naiven Hoffnung. Dir wird so schlecht, weil du mitbekommen musst wie grundsätzlich falsch und verlogen die Menschheit sein kann. Wie sie sich gegenseitig Schmerz zufügt, obwohl doch keiner gern Schmerz erleidet. Warum zur Hölle macht man es dann? Du verstehst diese Welt nicht, in die du reingeboren wurdest. Denn dich hat keiner gefragt, ob du das überhaupt möchtest! Du kapierst nicht weshalb du hier bist, wo du doch eigentlich nicht existieren solltest, denn das hat dir deine Mama selbst gesagt, weil ihr Sohn in der Toilette verschwand. Bruder kann man es nicht nennen. Denn du warst ja noch nicht einmal da. Du hoffst, dass die Andere, die Alte bleibt wo der Pfeffer wächst. Du wünschst ihr die schlimmsten Sachen an den Hals. Sie soll ihn einfach nur lassen. Bestätigung kann sie sich woanders holen. Ihren Trieb kann sie sich bei ihrem Neuen stillen. Dich beschäftigt das alles ungemein. Du grübelst über sie, über ihn, obwohl dich das alles nicht mal ansatzweise jucken sollte. Nachts kannst du nicht schlafen. Du liegst im Bett und schließt die Augen. Doch die Bilder siehst du trotzdem. Ihn, wie er lacht. Ihn, wie er traurig schaut. Ihn, wie er Witze macht und dir die langen Haare aus dem Gesicht streicht. Ihn, wie er Spaß hat mit der Anderen. Ihn, wie er leidet, wegen der Anderen. Ihn, wie er schlimme Gedanken gegen sich hat, denn die hat er, wegen ihr. Ihn wie er Sachen macht, alleine, weil er keine Hobbys hat, die ihn selbst begeistern. Ihn, den Fotografen. All die Bilder blitzen auf und lassen dich nicht los. Strömen auf dich ein. Das Gedankenkarussel rast in deinem Kopf, Wörter fügen sich zusammen. Satzgebilde. Sie schreien dich an. Erzählen dir was. Über ihn, den Fotografen. Seine Selbstzweifel, Seine Ängste, die nun auch plötzlich Deine sind. Dein Kopf, der zu zerbröseln droht, vor so viel unerwünschtem Input. Du zerbrichst dir seinen Kopf. Nur warum kannst du dir einfach nicht erklären. Wahrscheinlich weil. Weil, wahrscheinlich weil du ihn irgendwie ein klitzekleines bisschen magst. Du kannst dich in ihn reinfühlen. Etwas zu sehr. Etwas zu intensiv. Denn du leidest mit. Du hoffst, dass es dich nicht noch mehr runterziehen wird, und du schiebst die Gedanken gelungen beiseite.

Ihr trefft euch bald schon. Wieder bei dir zu Hause. Aber es ist dir Recht. Denn da fühlst du dich wohl. Deine Umgebung. Dein Vertrauen und Dein Schutz. Die Aufregung verfestigt sich in deinen Knochen, Gliedern, Gedanken. Und das Gefühl, ist rießengroß. Noch immer ist es steigerbar. Immer noch merkst du, wie sehr dein Herz fast schon aus der Haut fährt, weil es ihm am liebsten noch sehr viel näher sein möchte. Weil es am liebsten seine Hände spüren würde, seine zarten langen Finger, welche das Herz umgreifen, berühren und liebkosen. Das Herz wäre so gern eins mit ihm, dem Fotografen. Doch es darf nicht, also hält es sich zurück in einem kleinen Spalt, wo es lauert und wartet, auf den Moment. Sein pulsierendes, rotes, von Adern und Venen umgebenes Gebilde. Du findest es faszinierend, dass nur dieses Wesen, dieses Geschöpf dich am Leben hält. Denn eigentlich ist es das Herz, was lebt, nicht du. Du bist ja nur die Hülle. Die ihn nicht interessiert. Ihn, den Fotografen. Ihr unterhaltet euch. Und wieder fällt ihr Name. Du fragst wann Sie denn endlich weg ist, also nach Amerika fliegt. Das Herz, was sich im Halbschatten versteckt, spürt einen Stich, es hält inne und rührt sich nicht mehr. Nur noch wenige Tage, bekommst du zu hören. Nachdem das Herz diese Information erfährt, setzt es wieder ein und es pocht ruhig weiter. Ihr redet und redet über sie und über ihn, seine Gedanken, seinen Schmerz, seine Zweifel und sein Leben, die Nichten die ihm als einzigstes noch Halt geben. Und du siehst diesen zerbrochenen Mann vor dir, den du am Liebsten umarmen möchtest. Du möchtest ihm sagen, dass du für ihn da bist. Du möchtest ihm sagen, dass ihr das schafft, zusammen. Du möchtest ihm deine Zeit schenken, denn Zeit ist ein Geschenk, so viel gibt es davon nicht. Das hast du gelernt in den Jahren, die an dir vorbeizogen als wären es Sekunden. Du möchtest ihn küssen und nie, nie, wieder loslassen, dieses Gefühl ist so groß, das hast du lange nicht gespürt. Du möchtest deine Leidenschaft zum Ausdruck bringen und dein Begehren.

Doch du traust dich einfach nicht. Du bist verwirrt und deine Wahrnehmung ist eingeschränkt. In diesem Moment.
Ist der Fernsehr an?
Läuft das Radio?
Ist Sommer oder Winter?
Tag oder Nacht?
Haben wir Regen oder Sonnenschein?
Ihr liegt auf dem Sofa und du nimmst seinen Duft in dir auf, der dich benebelt.
Du möchtest nicht vergessen, wie er gerochen hat, du möchtest nicht, dass er jemals von diesem Sofa aufsteht. Du drehst ihm leicht den Rücken zu, um den Moment, den Duft zu speichern und du schließt deine Augen.
Die Stimmung ist ruhig, knisternd und irgendwie magisch. Etwas hängt in der Luft. Du spürst seine Nähe neben dir. Hitze umstrahlt seinen Körper. Oder ist es deine Hitze, die an ihm kleben bleibt? Dein Körper pulsiert, du hältst die Luft an vor Spannung, denn du ahnst, irgendetwas passiert da gleich. Er dreht sich halb, und du wagst es nicht, dich zu bewegen. Seine Hände, die ganz sanft den Weg zu deinem Rücken finden. Alles in dir knistert, als seine Fingerspitze deine Haut berührt. Das Herz ist überfordert, denn es klopft viel zu schnell. Laut. Seine Hände wandern an deinem Körper entlang. Du hast keine Ahnung was er mit dir macht. Aber du möchtest, dass es bitte niemals endet. Du drehst dich halb zu ihm, ohne ihn anzusehen, denn das kannst du gerade nicht, er könnte zu vieles lesen, in deinen wasserblauen Augen, so glänzend wie ein Meer voller Tränen. Er nimmt dein Gesicht in seine Hände und nähert sich deinen, nach ihm lechzenden Lippen. Sein Mund berührt den Deinen. Kaum spürbar, zaghaft, schüchtern. Probehalber um zu schauen.. Aber du möchtest nicht schauen. Du möchtest ihn. Am liebsten mit Haut und Haar. Als du aus deiner Schockstarre erwachst, gewinnt dein Herz die Oberhand. Es entflammt in dir. Lodernd. Grell. Lichterloh. Es klopft in dir. Hart. Fast schon schmerzhaft. Du greifst an seine Wange, und erwiderst den Kuss. Zuerst noch zaghaft, besonnen und erlegen. Doch dann stürmisch und voller Gefühl. In dir tobt ein Sturm der Ohnmacht, weil du ihm so nah sein darfst. Weil du empfindest, was du eigentlich nicht darfst, weil dir schmeckt was du eigentlich nicht kosten solltest. Lustvoll beugt er sich über dich. Sehnsuchtsvoll blickst du ihn an. Der Augenkontakt, welcher keine Worte trägt. Du könntest eine Nadel fallen hören in diesem Moment. Er hält deine Hände über deinem Kopf umklammert. Bewegungsfreiheit gleich null. Dann leckt seine Zunge einmal quer über deine Nase. Schockiert guckst du ihn an, doch dann brüllt ihr beide los, vor Lachen. „Du Opfer.“, sagt er zu dir, wie immer halb im Spaß, obwohl er wahrscheinlich sich selber meint, damit. Wieder küsst er dich und kann nicht aufhören. Das Lachen bleibt im Halse stecken. Du schmeckst ihn und möchtest nichts lieber tun als das. Er reibt sich an dir, lässt seine Hand in dein Höschen gleiten. Noch immer seid ihr vollständig bekleidet. Rhytmisch beginnt er dich zu streicheln, übt Druck aus, ein Stöhnen entweicht dir. Du atmest schneller und schneller, dein Herz. Klopf, Klopf, Klopf. Es hat sich aus seiner dunklen Ecke herausgetraut und ist ganz aufgeregt, durcheinander und beglückt. Währenddessen küsst ihr euch. Immer weiter und weiter.
Lust in dir und mehr wollen, fallen lassen, frei sein. Doch das kannst du nicht, nicht in dem Moment. Du löst dich von ihm und setzt dich auf ihn drauf, und dann ist er da. Dieser Moment der peinlichen Berührtheit. Dieser Moment in dem Keiner etwas macht. Ihr seid gefangen im Augenblick, in dem Kontakt, der zwischen euren Augen herrscht. Stille um euch herum. Keiner der etwas sagt. Niemand ist in der Lage den Augenblick der Sehnsucht und Lust wiederherzustellen. Weil da etwas im Raum steht. Eine Dunstwolke der Wahrheit umgibt euch und du kannst ihr nicht entfliehen, als er plötzlich den Mund aufmacht, und ganz leise, kaum hörbar, beinahe unverständlich, die Worte seinem Mund entweichen: „Verlieb dich nicht in mich!“ Du verstehst ihn nicht, akkustisch nicht. Also fragst du was er gesagt hat. Er wiederholt es mindestens genauso leise, doch diesmal, diesmal hörst du, auch wenn du nicht verstehst was du hörst, aber du hast es zumindestens gehört. Es dauert eine Sekunde, oder zwei, oder drei, vier, gar fünf, bis das Gesagte bis nach ganz oben in dein Hirn dringt. In die Hirnhälfte des Verstehens. Des Begreifens. „Verlieb dich nicht in mich.“ Jetzt bricht es entzwei. Das Herz was bis eben noch himmelhochjauchzend auf und ab hüpfte. Hoffnung keimte. Klirrend und splitternd zerfällt dein Herz in tausend Stücke. Jedes Teilstück, alles was an Herz vorhanden ist. Innerlich krümmst du dich, windest dich vor Schmerz. Als bräche nicht nur dein Herz, sondern auch du, in 1000 Einzelteile. Du auch. Dein Gesicht entgleist dir. Als du deine Sprache wiederfindest, du sie endlich, endlich wiederfindest, fragst du was er denn damit bitte sagen will. Leise, wieder nur ganz leise antwortet er dir. Und du verstehst nur Bahnhof. Vielleicht weil du es nicht verstehen willst, vielleicht weil er stottert, oder vielleicht weil es dir einfach nur zu doof ist. Was bildet der sich eigentlich ein!? Denn zu doof ist dir das Gehabe tatsächlich. Dein Herz schreit . Ein langer, lauter und qualvoller Schrei dringt aus ihm hervor und kurz darauf verwandelt es sich vor seinen Augen zu Stein. Der langwierige Prozess des Selbstschutzes setzt ein. Traurig schaut er dich an, doch du weichst seinen Blicken aus. Er versucht dich an sich heranzuziehen, doch da hat er schlechte Karten. Noch immer sitzt du auf ihm drauf. Und du könntest so vieles, jetzt gerade, wenn du wölltest. Aber am liebsten möchtest du einfach nur weinen. Der Schmerz der sich dir an die Ferse heftet ist kaum auszuhalten. Du wendest dich von ihm ab, stehst auf von seinen Beinen, seinem Schoß. Benommen lässt du dich auf die Couch plumsen. Mit dem Rücken voran und dann liegst du da. Er bewegt sich, bewegt sich auf dich zu. Nimmt dein Gesicht in seine Hände und will dich küssen. Dein Kopf schwingt nach links, dann nach rechts. Du willst nicht, verdammt! Seine Augen so traurig, der Blick verstört. Zwischen euch ein Gefühl der Verständnislosigkeit. Plötzlich ist dein Geist im Jahre 2007 gefangen.

Ein Mann, der betrunken ist versucht dich zu küssen, und immer wieder Anspielungen macht, auf dich, auf euch. Du magst ihn sehr. Bis dir der Faden reißt:
„Was willst du von mir, verdammt!?“ Seine Antwort wie ein Pistolenschuss einmal durch das Herz.
„Einerseits mag ich dich, andererseits steh ich auch auf dich. Aber ich kann mir nur eine Affäre mit dir vorstellen.“
Du hebst deine Hand, bereit ihm eine zu scheuern. In seinen Augen blitzt Verblüffung und ein Hauch von Angst. Du besinnst dich eines besseren. Verachtend, verletzt und enttäuscht blickst du in seine Augen. Und sagst:
„Weißt du was!? Du bist einfach nur erbärmlich!“ Und dann lässt du ihn stehen.

Nun aber, zurück im Hier und Jetzt sind es ein paar strahlend grüne Augen, benetzt von einem dunkelgrauen Schleier der Sorge, welche dich fragend anblicken. Und du sagst das Einzige was dir in der Sekunde einfällt.
„Du hältst dich auch für unwiderstehlich, oder!?“ ,es klingt verachtender, als es klingen soll, aber du bist zutiefst verletzt und möchtest jetzt einfach nur allein sein. „Geh jetzt!“ Zu dumm, denn du musst ihn auch noch zur scheiß Haustür begleiten, mit seinem scheiß Fahrrad, was das alles schmerzhaft in die Länge zieht. „Wir haben da doch erst drüber gesprochen, als ich dir sagte, dass ich zu ihr „zurückgehen“ würde,..“ du unterbrichst ihn und winkst ab. Du hast ihm gerade nichts mehr zu sagen. Dein Kopf ist leer. Auf einmal bemerkt er den Platten an seinem Vorderrad und er wird wütend. Schreit: „Immer wenn ich bei dir bin ist irgendwas!!“ Und dann passiert es zum zweiten Mal, etwas gibt dir einen Stoß. Es ist das Herz aus Stein, welches sich mit einer einzigsten Macht in dein Innerstes drückt und festdreht. Du Scheißkerl! Betonungslos fragt er dich wann ihr euch wieder seht. Du ziehst gleichgültig die Schultern hoch. Im Moment ist dir alles egal. „Wir schreiben.“ Eigentlich kann er sich das schenken. Wieder fährt er los, lässt dich achtlos stehen, ohne sich zu entschuldigen. Kein nettes Wort. Keine Umarmung. Nichts. Wie zwei ganz weitläufige Bekannte, die sich gerade zum zweiten Mal spontan auf der Straße begegnet sind.

Die Hülle des Herzens aus Stein,

nur das Innere noch am Leben.
Doch gibt dir die Härte der Schale,

nicht das, was du willst erstreben.

© Netti

Wollen, was man nicht haben kann. Haben, was man nicht will. 4/11

Ein verdammter Teufelskreis! Warum möchte man immer das, was man nicht haben kann? Wieso ist das unter Umständen so reizvoll? Und vorallem, wo ist denn die Logik dahinter, wenn das jeder so machen würde? Da würde es doch gar keine Beziehungen mehr geben, es wäre ein stetiges Hin und Her und Her und Hin. Wie sinnlos ist das denn? Und Besonders: Ab welchem Kindergartenalter hört denn so ein ScheißdrecksGespiele endlich mal auf? Wo leben wir denn bitte?

Nach seiner letzten Nachricht, die mit dem Bitte, bitte, bitte nicht zu viel reininterpretieren und nicht böse sein Bitte, bitte, bitte. Nach dieser Nachricht gehen dir unmengen an Dinge durch den Kopf. Viel zu viele. Du versuchst sie zu sortieren und fragst ihn per Nachricht wieso dann das Ganze, was er denn von dir möchte. Du erinnerst ihn, dass nicht du Kontakt zu ihm aufgenommen hast, sondern er. Eigentlich magst du nicht hören was er meinen wird, denn du kannst es dir denken. In etwa vermutest du zu wissen, was gleich kommen wird. Freundschaft, schreibt er dir. Er sucht eine ganz normale Freundschaft. Warum gibt es denn immer nur schwarz oder weiß? Leben oder Tod? Dunkel oder Hell? Jetzt will er dich verarschen. Und so fühlst du dich auch. Irgendwie ein bissal verarscht. Was geht denn bei dem? Wo sonst kann er Leute kennen lernen, mit denen er Sachen unternehmen kann!? Zum mal rauskommen. Was machen. Wie sonst, wenn er nicht auf Leute zugeht!? ZUGEHEN. Innerlich lachst du dich halb tot. Und bist dabei hysterisch. Aggressiv. Gekränkt. Sein Ernst? Er schreibt dich via Facebook an, ohne dir SCHON DA mitzuteilen, dass er nur Freundschaften sucht!? Und dann regt er sich drüber auf, weil es nur schwarz oder weiß gibt? Musst du ihm jetzt wirklich deine Weltanschauung erklären? Musst du ihm jetzt wirklich erklären, wie das eigentlich funktioniert, zwischen Mann und Frau? Musst du ihm das echt jetzt alles auf die Bemme schmieren? Du bist so satt. Und du resignierst. Auf Vorwürfe hast du keine Lust. Dein Schädel droht zu bersten. Deine Gefühle zu zerfallen. In Asche und Staub. DRECKIG! Oh schreien möchtest du, Dinge zerschlagen, du musst dich beherrschen all deine Wut nicht mit einer sinnlosen Nachricht an ihn zum Ausdruck zu bringen. Du hasst es, so etwas via Nachricht zu klären, du hasst es, dass er dir diesen scheiß nicht einfach in die Fresse sagt. Per Nachricht gehst du auf Distanz und sagst ihm, dass du das Ganze erstmal irgendwie fressen musst, und schlucken. Dass dir einfach gerade zu viel durch den Kopf geht, und bevor du etwas schreibst, was du hinterher bereust lässt du es jetzt einfach. Achso, und sorry! Sorry, sorry, sorry. Das bitte, bitte, bitte nicht böse sein verkneifst du dir jedoch in letzter Sekunde. Du fühlst dich so bescheuert, naiv und gutgläubig. Bist geschockt über deine schlechte, menschliche Auffassungsgabe. Irgendwie dachtest du, dass da irgendwas sei, zwischen euch. Irgendwie hattest du das Gefühl, dass da eine Anziehung herrscht. Und irgendwie dachtest du, dass er dich auch ein bisschen mag.

Du lässt das sacken für einen Tag und er schreibt dir dennoch. Ob du jetzt sauer bist. Und weil nichts kommt, vermutet er, dass du jetzt anscheinend wirklich böse bist. Und ein skeptisches Smiley. Kein trauriges. Keines was Tränen weint. Nein, ein doofes, dummes, hässliches, gelbes, skeptisches Smiley! Über WhatsApp. Kein Anruf. Nicht mal das. Nachdem du all den Mist geschluckt hast, machst du einen auf verständnisvoll. Denn Verständnis ist gut. Keine Vorwürfe. Zeig ihm, dass du ihn dennoch magst, du ihn verstehst, mit ihm mitfühlst. Sei ihm einfach ein guter Freund. Denn zu etwas anderes scheint er ja gerade nicht in der Lage zu sein. Du bietest ihm dein Ohr an. Wenn er möchte könne er ja rum kommen. Aber weggehen möchtest du heute nicht. Du willst heute einfach nicht mehr vor die Tür.

Als es klingelt wird dir anders. Du bist aufgeregt, weil du ihn gleich siehst. Es wird dir schwer fallen Verständnis aufzubringen. Für die Andere, die du nicht sein kannst. Wahrscheinlich niemals wirst. Als er eintritt steht ihr nervös voreinander, bis du dem Moment ausweichst und einfach schon mal in die Wohnstube gehst. Diesmal läuft gleich die Glotze. Leise. Im Hintergrund. Bald schon seid ihr bei dem Thema, bei dem du am liebsten einfach weghören möchtest. Aber Verständnis haben, vergiss das nicht. Du hörst dir an, was er sagt, über die Andere, die er auch bei einem Shooting kennengelernt hat. Dem Mädel hat er eine Visitenkarte gegeben, und zusätzlich eine „Einladung“ via Facebook. So eine tolle Frau. Und so lieb! Gleich beim 2. Date sind sie in der Kiste gelandet. Hatten einen Monat lang eine Bettbeziehung. Wie eine richtige Beziehung, sagt er. Nur dass sie keine wollte. Eine Liebe, ist das. Nach diesem einen Monat hat sie ganz schnell einen Anderen gefunden. Mit dem sie das Bett geteilt hat. So lieb ist sie. Dir wird schlecht, weil du selber das alles ganz anders definierst. Weil du selber weißt, dass jemand alles andere als lieb ist, wenn man Menschen SO behandelt. Du vergisst die rosarote Wolke auf der du selber schwebst. So hoch hinaus. Sie sagt, sie hätte gern noch Kontakt zu ihm, und als du das hörst fragst du dich, ob sie damit den Körperkontakt meint. Du stellst sie dir billig vor. Und hasst sie schon jetzt, obwohl du sie nie gesehen hast. Ihren Namen verabscheust du. Er weiß, dass er sie nie haben wird. Sein Blick ist eher gleichgültig als traurig. Seine Gefühle sind abgestumpft. Er empfindet gerade nicht mehr viel. Aber das Schlimme, so sagt er, das Schlimme ist, dass sie einfach so ein toller, und lieber Mensch ist. Denn das ist sie noch immer! Immer noch. Du kannst es schon jetzt nicht mehr hören. „Man will immer das was man nicht haben kann!“ , betont er feierlich. Und du findest das scheiße, was er sagt. Weil es nicht stimmt. Das redet sich die Menschheit nur selber ein. Innerlich bist du schrecklich wütend. Es brodelt in dir drinne und irgendwie braut sich da grad was zusammen. Du ignorierst es und nickst mit dem Kopf. Stellst ihm Fragen und rätst ihm, was du als Frau dir wünschen würdest. „Wenn du sie liebst, dann kämpf um sie. Zeig ihr, wie sehr du sie magst.“ Verwirrt blickt er dich an. „Ich liebe sie nicht. Ich habe nur extreme Gefühle für sie.“ Jetzt bist du es, die verwirrt ist. Du fragst dich, wo denn da bitte der Unterschied ist!? Liebe weißt du ja sowieso nicht zu definieren. Aber du denkst, wenn man starke Gefühle für jemanden hat, dann ist man automatisch verliebt. Geht das Verliebtsein so weit, dass man ALLES für den Menschen tun würde, und möchte man dass es demjenigen IMMER gut geht, dann ist das Liebe. Natürlich hast du vergessen, dass es noch die sexuellen Gefühle gibt, die hast du jetzt irgendwie nicht so sehr in Betracht gezogen. Du kapierst nicht so ganz was sein Problem ist. Wieso ist er so, wie er ist, wenn er doch „nur“ extreme Gefühle für sie hat!? Du verstehst das nicht. Ist man gleich verliebt wenn man extreme Gefühle für jemanden hat?

Er legt sich dann neben dich. Sehr nah. Viel zu nah, aber dennoch sorgsam darauf bedacht, dass ihr euch nicht berührt. Seine Hand jedoch gefährlich nah an deiner. Deine Gefühle schwappen über. Eben noch fassungslos. Verwirrt. Aufgebracht. So fühlst du jetzt nur noch ein tosendes Herz in deiner Brust, welches so hart schlägt, dass dir das Atmen schwer fällt. Deine Hände kribbeln. Es juckt in dir. Am liebsten würdest du ihn berühren, ganz vorsichtig mit deinen Fingern seine braunen Strähnen aus den Augen streichen. Deine Hand zu seiner Wange führen und sie streicheln, wie bei einem Kind. Ihn trösten. Obwohl es nicht das ist was du willst. Denn trösten willst du nicht. Du möchtest deinem Gefühl Ausdruck verleihen, weil es schmerzt zu verbergen was in dir tobt. Es schmerzt, zu wissen dass er ablehnen würde was dich beinahe umbringt. Du blickst ihn an und findest ihn wunderschön. Die Seite in ihm, wenn er stark wirkt, groß, männlich, humorvoll und unglaublich attraktiv. Und die Seite, der Mann, der er ist, wenn er verletzbar scheint, traurig, sensibel, freundlich und sehr ehrlich. Doch gibt es dann noch ein drittes Gesicht. Nämlich das, was verletzt, beleidigt und demütigt. Kannst du dich in so viele Gesichter verlieben? Wer ist dieser Mann wirklich, wenn  er all diese Masken ablegt? Oder ist eins davon sein wahres Gesicht? Das Echte?

Ist es etwa schon zu spät? Bist du verliebt in einen Mann, den du nicht einmal richtig einzuschätzen weißt?

Wieder weißt du eines mit Gewissheit. Egal wer dieses Trugbild in die Welt gesetzt hat, egal wer diesem Irrglauben weiter hinterherjagd. Du weißt es besser für dich. Denn du weißt, dass du ihn schon wolltest, als du einen Teil der Leichen in seinem Keller noch nicht kanntest. Du weißt, dass du schon da nichts lieber wolltest, als dass er Kontakt zu dir aufnimmt. Du weißt, dass das was du gefühlt hast und noch immer fühlst, nicht erst entstand als du erfuhrst, dass da die Andere ist. Nach wie vor möchtest du diesen Menschen kennenlernen. Um dich haben. Nach wie vor magst du diesen Menschen ungemein. Und du würdest nichts lieber tun, als ihn zu küssen. Seine langen Finger, die in deinen Nacken greifen. Die Hand, die dein Gesicht in seine Hände nimmt. Der Kuss, der die Leidenschaft in dir zum beben bringt. Irgendwie wolltest du ihn schon vorher, obwohl du noch nicht wusstest, dass du ihn nicht wirst haben können.

© Netti

Zwischen Wissen und Nichtwissen. 3/11

Irgendwie ist es manchmal vielleicht einfach besser nichts zu wissen. Nicht zu viel zu wissen. Über eine Person. Und deren Päckchen. Denn wenn das Wissen erst da ist, kannst du es nicht mehr leugnen. Plötzlich kannst du nicht mehr so tun als ist die Wolke auf der du schwebst rosarot, und die Welt um dich herum so kunterbunt und wunderschön. Weil da nun Gewitterwolken sind, die sich immer mehr und mehr zusammenbrauen, zu einer einzigen großen Macht, bis sie über dir in Tränen ausbrechen. Und alles um dich herum zu beben beginnt.

Es dauert etwas bis ihr euch wieder seht. Denn du kannst ja nicht immer Zeit haben. Doch er, er hat Zeit. Nur für dich? Inzwischen schreibt ihr viel. Zum nächsten Treffen ist er wieder bei dir. Noch immer ist da ja das Rennrad, welches bei dir rumsteht und die Küche ziert.

  
Immer wenn du in die Küche musst, fällt dein Blick auf das Rad und ein Hochgefühl durchfährt deinen Körper. Inzwischen hoffst du fast, dass er dass Rad nur als Vorwand benutzt, um dich so oft wie möglich sehen zu können. Du hoffst, dass er es absichtlich so lang bei dir hat stehen lassen. Du wünschst dir, dass es noch ewig, und ewig, ewig so weiter gehen wird. Denn du hast ihn gern um dich herum. Unglaublich gern möchtest du ihn kennen lernen. Noch näher, noch besser. Du magst alles von ihm wissen. Doch du weißt, dass das Rad alles andere als ein Vorwand ist. Irgendwie spürst du das. Wahrscheinlich ist es dein Instinkt, der dir sagt. Irgendwas ist komisch. Irgendetwas soll so nicht. Noch immer kannst du dieses minimalistische Bauchgefühl nicht zuordnen, denn es ist noch zu klein. Du verdrengst es, schiebst es noch mehr in die Versenkung, um von dem guten Gefühl noch ein bisschen mehr zu haben. Es fühlt sich doch gut an. Die Kerzen brennen, weil es so viel gemütlicher ist. Die Musik läuft, um sich besser mit ihm unterhalten zu können. Denn den Fernseher, den findest du eigentlich ganz schrecklich doof. Triefend steht er vor deiner Tür, Schweißtropfen rinnen ihm über das Gesicht. Seine braunen Haare, leichte Strähnen, die ihm lose ins Gesicht fallen. Durch seine schwarze Brille blickt er dich an. Geschafft schaut er aus. Im Badezimmer spritzt er sich Wasser ins Gesicht. Wortlos reichst du ihm ein Handtuch und schmunzelst dabei. Du schaust zu ihm auf. Mit 1,93 m überragt er dich um einiges. Denn du misst nur 1,54 m. Im Wohnzimmer unterhaltet ihr euch über Gott und die Welt. Irgendwann bemerkst du wie seine Stimmung kippt und er in sich kehrt. Du möchtest wissen was ihn bedrückt. Fragst ihn, ob er drüber reden möchte. Beinahe unbemerkt schüttelt er den Kopf und lenkt ab. Er beklagt sich über die Musik, die du hörst, es sei nur Musik die im Hintergrund dudelt, sagt er. Dabei hast du sie nur an um besser mit ihm sprechen zu können, überhaupt mit ihm sprechen zu können. Also machst du den Fernsehr an. Das seltsame Gefühl, dass dich beschleicht ignorierst du. Wieder albert ihr herum, denn das könnt ihr gut. Verdrengen, maskieren, täuschen. Ihr haut euch mit Kissen die Köpfe ein. Er hat angefangen! Nicht du. Du nicht. Eindeutig. Er sucht die Nähe zu dir. Kneift dich in die Hüfte. Ihr blödelt. Wälzt euch auf dem Sofa rum. Bis er plötzlich auf dir sitzt. Auf deinem Hintern. Er beginnt dich zu massieren. Ungefragt. Drückt dich fast schon gewaltsam auf das Sofa. Seine Hände umgreifen deinen ganzen Körper. Du spürst die Kraft, die von ihm ausgeht. Dein Körper glüht vor Leidenschaft. Seine langen Finger nehmen die Hitze auf, die von dir ausgeht. Du bist dir sicher, dass er sich verbrennen wird. Noch immer ahnst du nicht, dass nicht er es ist, der verbrennt, sondern du. Wieder schlaft ihr ein, auf der Couch. Wie immer musst du früh raus, denn die Arbeit, die ruft, wenn auch sonst keiner. Aber die Arbeit. Irgendwann weckt er dich, auch er ist eingeschlafen. Er holt schnell sein Rad aus der Küche und läuft eilig die Treppen hinab. Wieder trottest du ihm hinterher. Eine Umarmung, flüchtig. „Wir schreiben.“

Keine Nachricht von ihm. Am nächsten Nachmittag wird dein ungutes Gefühl, diese Ahnung immer größer. Sie wächst in dir heran und du musst es jetzt einfach wissen.

„Also hat man jetzt quasi keinen Grund mehr sich wieder zu treffen, nun wo dein Radl nicht mehr hier steht, was!?“

Du möchtest irgendwie gar nicht wissen, was er antwortet, denn dein Gefühl, das sagt dir dass da irgendwas nicht stimmt. Dass da irgendwas so ganz und gar nicht stimmt.

„Ich mag dich, natürlich kann man sich da weiter treffen und kennenlernen. Genau darüber sollten wir uns mal unterhalten.“

Die naive Seite in dir vermutet nicht das, was gleich folgen soll. Du hoffst noch immer. Denn der minimale Hoffnungsschimmer ist noch nicht erlöscht. Also ziehst du ihn etwas durch den Kakao. Kakao magst du nun mal gern.

„Du magst mich. Interessant.“ Mit einem Smiley steckst du ihm die Zunge raus.

Irgendwie läuft das gerade aus dem Ruder, bemerkst du als er endlich rausrückt. Irgendwie verstehst du plötzlich gar nichts mehr. Irgendwie bleibt die Welt um dich herum gerade für einen Moment stehen. Obwohl der Zeiger sich noch dreht. Die Autos fahren weiter, die Menschen um dich herum unterhalten sich. Doch in deinem Kopf, da ist es plötzlich totenstill. Du realisierst nichts mehr. Nicht die Worte, die dir schriftlich mitteilen, dass du da nicht zu viel reininterpretieren sollst. Bitte, bitte, bitte. Nicht den Schlag ins Gesicht, der dich an die Wand wirft, mit dem Text der sagt, da gibt es noch Eine. Eine für die er extreme Gefühle hat. Da gibt es noch Eine die er niemals haben kann. Und bitte, bitte, bitte, nicht sauer sein. Du verstehst das alles nicht. Du verstehst nicht, was du denken sollst und fühlen. Denn fühlen kannst du gerade nur den Schmerz, den du aber nicht verstehst. Wieso ist da dieser Schmerz!? Weil du hast ja nicht gleich Herzchen in den Augen, wo du eine Person ja noch nicht einmal kennst. Oder!? Ihn. Den Fotografen! Und überhaupt. Herzchen! Pah! Herzchen!! Absoluter Blödsinn!

Das Einzigste was du verstehst ist, dass man immer das haben will was man nicht haben kann. Nur das warum. Das kannst du einfach nicht begreifen.

© Netti