Seelenfresser.

Du siehst ihn da stehen, von weiten schon, und dir ist bewusst, dass er es sein muss, der Mann von dem Profilfoto. „Hallo“, sagst du nur, und stellst dich ihm vor. Soeben sei er schon erschrocken, meint er, als eine Andere auf ihn zu kam, er dachte dass seist du, warst du aber nicht. Offenbar ist diese Person ein sehr direkter Mensch. Wie genau er das gemeint hat, erläutert er nicht, aber du liest auch nicht zwischen den Zeilen, weil es dir egal ist. Er wollte dich treffen, um dich kennenzulernen, weil er dich zumindestens optisch interessant genug findet, um dich vor seine Kamera zu bekommen. 

Ihr beschließt in ein Café zu gehen um etwas zu trinken. Du stellst dir vor dass ihr einfach nur locker ins Gespräch kommt, um zu bequatschen, wie euer Fotoshooting ablaufen wird, was er sich vorstellt und ob dies mit deinen Vorstellungen übereintrifft. Doch schon als ihr euch setzt und die Getränke bestellt, beide einen Kamillentee, merkst du dass ein Gespräch beginnt, was nachklingen wird. 

Die Unterhaltung geht nur schleppend voran, er erzählt ein wenig von sich und fragt dich aus, wie alt du bist und was du machst, und ob du allein lebst. Die Fragen findest du seltsam, trotzdem antwortest du. Er schaut dir in die Augen, und will wissen ob du so gar nichts über ihn wissen möchtest, und stellt fest dass er schon lange kein so komisches Gespräch mehr hatte, ein so ruhiges, verhaltenes. 

„Bin schüchtern.“, sagst du nur und zündest dir bereits die zweite Zigarette an. Er schüttelt mit dem Kopf, sagt: „Nein, aber verschlossen. Erzähl doch mal von dir, ich muss dich doch erstmal kennenlernen, bevor ich dich fotografieren kann. Ich fotografiere nicht einfach einen wildfremden Menschen, ohne auch nur ein bisschen was zu wissen. Erzähl doch mal was.“ 

Deine Finger schnippen hektisch an der Zigarette herum. „Was denn.. soll ich dir meinen Lebenslauf erzählen oder wie? Das kannst du knicken! Das mach ich nicht.“ „Ja.“, sagt er, doch du weißt dass er nur sagt, es aber nicht genauso meint. Seine Witze, die eigentlich keine sind, sind leicht durchschaubar.

Er erzählt noch ein bisschen was über sich, Sachen die dich eigentlich gar nicht so interessieren, denn du dachtest es geht hier nur um das Fotografieren und Model stehen und nicht darum was man macht, oder was nicht. Er kommt von Russland, erzählt er, und du sagst: „Schön.“, weil du es schön findest, aber mehr auch nicht. Du gibst nur die nötigsten Sachen über dich preis, denn alles Andere geht ihn auch gar nichts an. Warum solltest du einen Fremden bei einem ersten Gespräch so nah an dich ranlassen.. Überhaupt an dich ranlassen, wie geht das überhaupt. Du hast vergessen wie man ein funktionales Gespräch miteinander führt, ein Gespräch miteinander, anstatt gegeneinander, du hast vergessen dass ein Dialog eine Unterhaltung zwischen zwei Menschen ist, die sich austauschen, stattdessen lauschst du nur seinem Monolog, was dir gerade mehr als nur Recht ist. 

Er lächelt immer mal ganz seltsam, das entgeht dir nicht. Aber trotzdem ist es schnurzegal was er denkt, das interessiert dich nullkommanullirgendwas, und wieder, schon wieder schaut er dir direkt in die Augen und es gruselt dich, du bekommst sogar ein bisschen Gänsehaut, während du den Blick standhältst und deine Zigarette im Aschenbecher ausdrückst.

„Genießt du dein Leben?“, fragt er dich mitten in dein Gesicht, was dir soeben zu entgleisen scheint. Du kannst sie hören, deine sorgfältig auferlegte Maske, wie sie laut klirrend von deinem Gesicht bröckelt, und nun in einzelnen Fetzen von deinem bereits zerschundenen Gesicht hängt. Du wendest es ab, denn was fällt ihm ein, diesem Arschloch, dir verdammt nochmal so eine Frage zu stellen, eine Frage, die du dir selber nicht einmal zu stellen wagst, aus Angst dich damit befassen zu müssen. 

„Arschloch.“, sagst du ihm, und du meinst es auch so, während stumme Tränen der Erkenntnis über deine Wangen rinnen. 

„Scheiße, entschuldigung, habe ich dich jetzt zum Weinen gebracht? Das wollte ich nicht, ich habe offenbar einen Nerv getroffen. Das passiert mir manchmal. Wir müssen da gar nicht drüber reden, also.. wir reden einfach ein anderes Mal darüber.“ 

„Das kannst du vergessen. Ich rede überhaupt nicht darüber. Das geht dich überhaupt nichts an.“, spuckst du ihm ins Gesicht, und ärgerst dich über die Schroffheit in deiner eigenen Stimme. 

Wieder blickt er dich an, mit diesem Blick, den du jetzt schon kennen und fürchten gelernt hast. 

„Wenn du so bist, also die Tränen, wenn du so vor der Kamera….., das wäre grandios.“, das scheint er tatsächlich ernst zu meinen, keinerlei Regung zeigt sich in seinem Gesicht. Also das findest du jetzt echt scheiße, nutzt der hier gerade deinen Gefühlsausbruch aus? Versucht er dich gerade irgendwie hinzustellen?, fragst du dich, doch dir fällt nicht ein wie, wie er dich hinstellt, denn offenbar will er einfach dich. Und das sagt er auch. Er möchte dich mit der Kamera einfangen, deine Person, dein Wesen. 

In dir tobt ein Kampf, ein Streit zwischen Gut und Böse. Du möchtest aufstehen, und ihm sagen was für ein rücksichtsloser, unsensibler Trottel er ist, doch stattdessen bleibst du schweigend sitzen, das Kinn hochgereckt, während die letzten deiner Tränen über deine nassen Wangen verenden. Euer Blick hält stand. 

„Ich hoffe, ich darf dich trotzdem noch fotografieren. Sonst.. ich könnte mir das nicht verzeihen. Ich wäre enttäuscht. Von mir. Nein. Wütend über mich.“ 

Ihr haltet den Augenkontakt, aber du antwortest nicht. Lässt nur ein bedrücktes, kaum sichtbares Nicken zu. 

„Ich muss pinkeln.“, sagt er nun, gerade als du dachtest, dass du pinkeln musst. 

„Ich auch.“, meinst du und stehst Tasche greifend auf, um loszustürmen, zur Toilette, erstmal weg, von ihm, atmen, Luft holen. 

„Und warum gehst du jetzt zuerst?“, ruft er dir nach, was dich ein wenig zum Lächeln bringt, zeitgleich erstirbt es wieder, als dir seine Worte im Kopf nachhallen. >Genießt du dein Leben?< Vier lächerliche Worte, die dich so sehr zum Wanken bringen. Du schließt die Toilettentür hinter dir, greifst mit beiden Händen aufs Waschbecken und schaust deinem gehetzt wirkenden Gesicht entgegen. Sie wollen nicht rein in dein Kopf, diese Worte, diese Frage, die du einfachso unbeantwortet im Raum hast stehen lassen. Noch immer geschockt von dem Nachhall.

Während du die Treppen runter steigst, überlegst du wegzurennen, blickst dich nach einem Notausgangsschild um, eines wo ein weißes Männlein auf grünem Hintergrund zur Tür heraushetzt, eine Tür welche durch einen Pfeil in die richtige Richtung weist. Doch hier ist kein verdammtes Schild, stattdessen wackelst du auf deinen noch immer zittrigen Beinen zurück zur Tür, von wo aus du ihn schon an dem Tisch sitzen siehst. Als du ankommst steht er auf. 

„Bis gleich.“

 Noch immer stehend schreit alles in dir: >Renn weg! Lauf!<, doch dein Arsch setzt sich wieder auf dieses blöde Sitzkissen drauf, wahrscheinlich schon voller Angstfürze benetzt, von alterschwachen Damen und rotzigen Kindern oder Frauen, welche Fragen gestellt bekommen, die sie einfach nicht hören wollen.

Als er zurück kommt lauft ihr in die Richtung, in die du gehen musst, dann sagt er:

„So, hier trennen sich unsere Wege. Wir sehen uns! Wir schreiben uns!“, auch das Fragezeichen dahinter schwingt in seiner Aufforderung mit, die leise Angst dass das Shooting zerplatzen könnte, so wie die Seifenblase, bestehend aus farbigen Regenbögen, wenn zuviel Luftdruck ihr Sein ins Nichts auflöst. Er schließt dich in die Arme. Diese Nähe. Wie seltsam. So komisch. Irgendwen zu umarmen. Dass es sich auch ein bisschen schön anfühlt möchtest du nicht wahrnehmen, denn du möchtest diese Nähe nicht, sie ist dir einfach zu viel. Jetzt gerade. Und überhaupt. 

„mhhh.“, nuschelst du, nichtwissend was es ausdrücken soll, und drehst dich auf dem Absatz um. Seinen Satz den er zum Abschluss anfügt: „Du bist seltsam, aber interessant. Sieh es einfach als Kompliment.“, möchtest du am Liebsten überhört haben, weil zu laute Kinder, Hundegebell, Straßen-Auto-Bus-Motorrad-Lärm, oder weil die Tauben zu laut gurren (rugeldigurugeldigu-Blut ist im Schuh?) und seine Worte einfach so ungehört verschlingen. Ja, hier sind eine Menge Tauben und Kinder, und Fahrzeuge, aber alle haben in diesem Einen Moment beschlossen zu verstummen. Spitze, denkst du dir, während erneute Tränen über dein Gesicht rinnen und du schnellen Schrittes in Richtung Straßenbahn eilst.

Da ist eine Betteltante mit ihrem Pappbecher in der Hand, welche auf ein paar Groschen hofft, an ihr läufst du vorbei, ohne sie bewusst wahrzunehmen, auch wenn dein Blick gerade aus geheftet ist, ist er doch verschleiert und schaut ins Nichts. Bis zwei junge Männer, in ein Gespräch versunken, nebeneinander laufend, deine Aufmerksamkeit zurück auf den Moment des Hier und Jetztes lenken. Das Gespräch endet abrupt, und der rechte Mann mit den dunklen Haaren und dem dunklen Blick, offenbar sind seine Augen dunkelbraun, beinahe tiefschwarz, auch wenn du dich fragst, wie du dass auf die Entfernung hin feststellen kannst, schaut dich an. Nicht dich. Sondern dich. Er sieht dein Innerstes und obwohl du längst eine neue Maske übergestülpt hast, schaut er in deine Augen. Und er sieht da was. Panisch fragst du dich, ob das auf deiner Stirn geschrieben steht, alles das, was dich hat aufwühlen lassen, alles das, was dich bewegt. Es muss blinken, wie eine Reklametafel vor sich hinleuchten, während ihr aneinander vorüber lauft. Zeitgleich dreht ihr euch nacheinander um, eure Augen noch immer ineinander versunken. Du siehst nur ihn, nimmst sonst nichts wahr. Der Mann in deinem Blickfeld, euer Blickkontakt, der dem Laufen standhält, denn noch immer setzt ihr euren Weg fort, ohne zu sehen wo ihr hinlauft, du schaust über deine Schulter nach hinten, doch deine Schritte bewegen sich vorwärts. Plötzlich spürst du einen Aufprall, und erstarrst, dein Kopf schnellt nach vorn, vor dir ein Masten. Verwirrt bleibst du stehen um zu realisieren dass du nur beinahe kollidiert wärst, mit einem Masten, der da verdammt nochmal nicht hingehört. Peinlich berührt schaust du dich suchend um, doch die beiden Männer sind verschwunden, haben sich plötzlich aufgelöst, zwischen all den Menschen die durch die Straßen wuseln.

Im Kopf taucht dieses Bild auf, von dem Mann, der dir nachläuft, nachrennt – er rennt dir hinterher,- atemlos zieht er an deiner Hand und dreht dich zu sich um, während eure Blicke nicht mehr von einander ablassen können.

Dieses Bild, der Mann wie er dir hinterher rennt, bis zur Bahn, sein suchender Blick gleitet durch die 1000 bunten Menschen, doch er sieht dich einfach nicht. Er kann dich nicht sehen.

Dann kommt die Bahn, dieses Bild, wenn die Türen der Bahn schließen, und ein lautes, grilles Pfeifen ertönt, das Warnsignal, dass die Bahn nun anfährt, und du stehst dahinter, hinter dieser Tür. Die Hände des Mannes, und die deinen berühren sich an der Tür hinter Glas.

Schnell ist es wieder weg, das Bild, ohne dass du erinnerst woher es dir bekannt vor kommt. Ein Déjà vu? Oder nur ein Trugbild deiner Gedanken?

In der Bahn checkst du die Menschen, ohne sie wirklich wahrzunehmen, sie verschwimmen immer mehr zu einer kunterbunten, schwammigen Masse, welche zähe Bewegungen vollziehen, und doch fühlst du diese Enge die dich fast zum Ersticken bringt. Diese Nähe der zusammengequetschten Massen in der Bahn ist dir einfach zu viel. Jetzt gerade. Und überhaupt. „Genießt du dein Leben?“ Das Bild im Fenster aus Glas spiegelt deine Tränen wieder.


©Netti

 

Augenblicklich.

>>Können wir…, ich meine.. 

Kannst du.. das irgendwie vergessen? Bitte?<<

Dunkelbraune Augen schauen dich an. Bittend. Flehend fast schon. Du weist wovon er spricht. Du weist was er meint. Er spricht von seiner Äußerung des Nichtwissens ob das du und er zu einem wir werden kann. Nichtpassend, unpassend. Verschieden. Zu verschieden. Schon jetzt? Begreifen konntest du das nicht.

>>Echt jetzt!?<<, hättest du am Liebsten gebrüllt.

>>Dein scheiß Ernst!?<<, in sein Gesicht geschrien.

Stattdessen sprachst du von Chillin. Druck nehmend. Laufen lassend. Aufgeben? Bevor es beginnen konnte!? Vergiss es!

„Ja. Ja, ich will.“

(Sie dürfen die Braut jetzt küssen. Blöd? Blöd.)

-Dann eben:-

>>Ja. Ja, ich werde versuchen das zu vergessen!<<

Er küsst dich. Mit seinem Mund auf deinem. Du schmeckst Emotion, so viel davon in seinem Kuss.

©Netti

Im Taumel der Erkenntlichkeit.

Mit diesem Beitrag möchte ich Danke sagen. Danke in Wort, Bild und Gedicht. All das was meine drei Blogs zu einem Ganzen werden lassen. Zu dem der ich bin.

401 Leser haben sich auf meinem Blog „WolkenKuckucksHeim“ zusammengefunden. 401 Menschen die sich untereinander nicht kennen, aber doch alle miteinander eines gemein haben. Sie folgen Empfindungen. Gedanken. Gefühlen. Verfolgen Texte und Worte. Erfunden oder selber erlebt. Real oder der Fantasie entsprungen. Niedergeschrieben hier. In diesem Blog. Für euch, in erster Linie aber für mich. Ich möchte teilen, mit euch, meine Liebe zur Sprache, zu den Texten und Worten. Man kann so viel ausdrücken, wenn man es schafft. Ich möchte euch hiermit einmal danke sagen. Danke dafür dass es euch gibt und ihr zusammen mit mir lacht und weint, ärgert und hofft, bangt, gruselt und fürchtet. Danke dafür, dass jeder von euch existiert. Manch einer laut und aktiv, der andere still und leise, unbemerkt. Egal ob sichtbar oder nicht, jeder von euch ist ganz besonders. Ohne euch wäre mein Blog nicht der, der er ist. Danke für alle lieben Kommentare, es freut mich immer wieder sehr zu erfahren was gefällt, was gern gelesen wird, was nicht, auch Kritik bringt einen weiter. Ein herzliches Danke an die Menschen, welche ich durch meinen Blog live begegnen durfte. Ihr seid eine Bereicherung, und ich hoffe der Kontakt bleibt konstant. Danke an alle liebevollen Mail-Kontakte, ihr bedeutet mir sehr viel, Mails und schreiben unter guten Freunden. Ein reger Austausch von Worten und Gedanken. Was will man mehr? Vielleicht kommt es zu mehr solcher persönlichen Treffen, indem man zusammen lacht, oder weint, sich ein Stück weit kennenlernt und in das Gesicht blickt, was hinter den Blogs verborgen ist. Ich freue mich auf weitere gefühlvolle, freudige und glückliche Jahre mit euch, und ich freue mich auf all jene Kommentare die folgen werden. Ich freue mich auf die stille Zustimmung von Lesern die sich bedeckt halten, ich schätze euch sehr, und fühle euer Interesse.

„Ein Blog kann nur leben
wenn er gefüllt wird mit Emotion,
mit Worten,
Fotografien und Inhalten,
entstanden aus Liebe.
Der Blog wächst durch Zustimmung,
durch Halt und Vertrauen.
So kann er reifen und gedeihen,
wie auch die Person hinter dem Blog.
Man fühlt sich verbunden mit Menschen,
so fremd,
und doch sind sie spürbar,
so nah.
Im Herzen tief verankert.
Es wird geweint zusammen,
Es wird gelacht zusammen.
Glück. Freude. Heiterkeit.
Gefühle welche (mit)empfunden und gelebt werden,
Immer wieder.
Neu.“

©Netti

Kochend. Heiß.

Du stehst auf dem Herd. Wartest. Bis du erwärmt wirst. Du wartest auf die Hitze die dich durchströmt. Es dauert lange, doch das Warten lohnt sich. Du kochst. Innerlich. Brodelnd. Blubbernd. Ein angenehmes Gefühl durchfährt dich. Nach einer Weile blubbert es nicht mehr. Es hört auf zu köcheln. Trotzdem liegst du noch immer hier herum. Wartest auf die  letzte Stunde die geschlagen.  Neben dir noch weitere Geschöpfe. Die rechts neben dir gibt Quietschgeräusche von sich, die zu deiner linken nervt mit dem negativ Gequatsche und Geschimpfe. Du bist vollkommen bedeckt von dem heißen Salzwasser. Noch immer befindest du dich im Topf, auf der Herdplatte, zwischen all den anderen Deppen. Die Hitze ist nicht mehr ganz so Ohnmacht herbeiführend, trotzdem fühlst du dich matschig. Im Kopf und überall. Der Mensch verlässt die Küche. Und dir wird bewusst, dass man dich warm hält. Auf dieser Platte, die Hitze aussendet. Hier liegst du lange. Der blöde Mensch vergisst dich. Die Quietschgeräusche lassen nach und auch das Stöhnen, Ächzen und Lamentieren, bis es irgendwann ganz verstummt. Still ist es im Raum. Nur dein Hirn ist laut, es erfüllt die Winkel und Ecken mit Gedanken. So lange bis in deinem Hirn nur noch Matschepampe ist, so lange bis auch du nur noch aus einer breiigen Substanz bestehst. Eine Kartoffelmasse die klumpig in sich zusammen fällt. 

©Netti

Lauthals.

Lachen! Es ist schön, endlich wieder lachen zu können. Und es auch zu dürfen. Man lacht. Laut und echt und von Herzen, aus dem tiefsten Inneren heraus. Weil das Gesagte so viel Spontanität erzeugt, dass da Freude ist und ein kleines bisschen Glück, weil da jemand ist, der dich zum Lachen bringt, und es gern hat, wenn du es zeigst, dieses Lachen was ein echtes ist. Dreckig. Nicht schmutzig aber dreckig, denn Dreck gefällt ja. Den Männern. Und auch dir. Und da auch du ein kleines bisschen Kerl bist gesellt sich gleich und gleich nun mal gern. Und so darfst du einfach du Selbst sein, es ist kein Frage Antwort Quatsch,-sondern eine Unterhaltung die spaßiger nicht sein könnte. Und dann gehst du, weil du früh raus musst, um zu arbeiten. Es wird nach deiner Hand gegriffen und sie wird gehalten und gedrückt, ganz sanft. Auch wenn der Schweiß zwischen den Händen Schmatz Geräusche macht, die Hitze so spürbar. „Wenn das eklig ist..“, meint er nur lachend ohne zu Zwinkern, denn einseitiges zwinkern beherrscht er nicht, „…sag es bitte.“ Aber du findest es okay. Und das sagst du auch. Seine Hand in deiner. Und so lauft ihr die Straße entlang…, es ist dunkel und still und ihr braucht nicht zu reden, denn der Moment spricht in diesem Augenblick für sich. Auch wenn er schnell vorüber ist, hängt er doch noch lange nach..

©Netti

Vom Aushalten und Warten.

Schon von Geburt an bist du auf Warten getrimmt. Du wartest darauf endlich aus dem Mutterkörper zu schlüpfen und zum ersten Mal tief und laut Luft zu holen und zu Brüllen und Schreien, aus Leibeskräften. Du lebst, wenn auch in einer kritischen Phase, doch du lebst und gleichzeitig wartest du darauf, endlich wieder selbstständig Atmen zu können. Du bist ein Baby, viel zu klein, deine winzigen Patschehändchen greifen durch den Ring des Inkubators, und wieder wartest du. Von nun an wartest du auf deine Mama die ihre Hand durch die winzige Öffnung hält, um dich zu berühren und dir zu sagen dass alles wieder gut wird. Wahrscheinlich aber wartest du nicht bewusst, denn dein kleines Hirn ist möglicher Weise noch nicht dazu in der Lage vom Warten und Nichtwarten und vom Denken und Nichtdenken zu unterscheiden. Also liegst du da einfach, dass ist gut, denn so wartest du auch nicht auf den Tod. Du liegst nur und schläfst, deine Augen vor Müdigkeit und Erschöpfung geschlossen und bald, sehr bald darfst du nach Hause.

Zu Hause jagt dich eine Krankheit nach der nächsten, bist anfällig und geschwächt, du wartest bis du ins Krankenhaus darfst und wieder zurück, denn dir fehlt deine Mama und die schützende Brust, die dich umgibt. Dein Kuscheltier in deinen Händen soll dir Trost spenden und Durchhaltevermögen, irgendwann ist die Zeit überbrückt und du bist wieder zu Hause bei deiner Familie. Auch sie wartet. Immer. Nur auf dich.

Du reifst heran und wirst älter, möchtest auch endlich laufen können und reden, das was all die Anderen so machen, du wartest darauf bis man es dir endlich beibringt.

Alle dürfen in den Kinderhort, doch du wartest darauf. Viel zu lang.

Die Einschulung naht, auch darauf hast du so lange gewartet, du musstest sogar noch ein Jahr länger warten, dieser blöde Schulranzen war dir einfach zu schwer, also wartest du ein Jahr länger, bis auch du endlich zur Schule darfst, und lernen. Lernen, was das Leben für dich bereit hält.

Du fühlst das erste Mal Schmetterlinge in deinem Bauch, die so irrwitzig durch dich hindurchsausen, es ist verrückt, so etwas hast du noch nie gespürt. Heimlich schreibst du deinen ersten Liebesbrief (Willst du mit mir gehen? Kreuze an, [ja] [nein] [vielleicht]) und steckst ihn in der Hofpause in die Federmappe des Angebeteten. Während der Schulstunde werden Stifte daraus entnommen und wieder reingelegt, doch der Zettel bleibt unentdeckt. Du wartest darauf, dass der Brief entdeckt wird und dir zurück gebracht wird. Du wartest auf ein Ja, oder nein, oder vielleicht. Das Warten wird zur Gewohnheit.

In der Schule schleicht die Zeit nur so dahin, plötzlich findest du Schule nicht mehr so cool, also wartest du jetzt einfach auf die Ferien, die sind ja bald, und dann kannst du endlich faulenzen. Und Gammeln.

Irgendwann springst du von Klasse zu Klasse, sitzt nicht mehr in der ersten, der zweiten oder der dritten, sondern in der neunten und das heißt warten. Du wartest darauf, dass du endlich weißt, was du werden willst. Werden möchtest. Welcher Beruf taugt dir? Du wartest auf die zündende Idee für das Schulpraktikum, was von dir verlangt wird, obwohl du einfach noch zu jung bist dafür, schon jetzt zu wissen, was du ein Leben lang mal machen willst.

Du wartest auf den ersten Freund, alle Anderen haben schon das erste Mal geknutscht und du schaust belämmert aus der Wäsche. Wie geht denn das, das mit dem Knutschen? Du wartest drauf, dass dir das auch mal endlich jemand zeigt.

Der erste Freund taugt dir nicht, vielleicht solltest du dich einfach trennen? Aber du hast nicht genug Mumm dazu, also wartest du vielleicht einfach drauf dass er das für dich übernimmt. Der macht das schon.

Endlich Prüfungen, du wartest zu lange darauf, möchtest sie endlich hinter dir haben. Du lernst, wahrscheinlich viel zu wenig und wartest nun auf die Ergebnisse. Du möchtest einfach nur bestehen!

Deine Ausbildungsbestätigung in deinen Händen vermittelt dir Freude und Stolz. Du kannst endlich was werden, etwas was du auch werden willst. Auch wenn du lange darauf wartest, dass du kannst was du machst, du musst es ja erst noch lernen.

Du wartest auf das erste Mal, alle Anderen haben das schon. Du wartest auf den Schmerz der durch deinen Körper strömt.

Als du das erste Mal im Auto sitzt um Fahrstunden zu nehmen bist du genervt, denn auf der Autobahn ist Stau und du musst warten bis der Verkehr wieder rollt.

Wieder stehst du vor den Prüfungen und du wartest darauf, dass du das Richtige von dir gibst, doch über deine Lippen kommt nur Müll. Viel Zeit verstreicht, und du musst lange darauf warten, dass du endlich deine Urkunde abholen kannst, deinen GesellenBrief mit dem Glückwunsch zum Bestehen.

Bei der Jobagentur möchtest du am Liebsten Töten, Massenansammlungen stehen in einer ewig langen Schlange, um an der Anmeldung zu warten. Du reihst dich ein, die Zeiger ticken lahmarschig voran. Als du bei der Dame vorne angelangt bist braucht sie ewig, um zu Erfassen was du möchtest. Du musst warten auf den Termin. Dich durch Zettelberge kämpfen und auf das Arbeitslosengeld warten. Hättest du das Geld von denen würdest du wahrscheinlich mit deren Geld losstiefeln und eine Knarre kaufen, oder etwas, was am Ende keine Sauerei veranstaltet. Du wirst behandelt als bist du assozial, so als bist du zu faul zum Arbeiten und zu dumm. Also wartest du auf den Zeitpunkt an dem du mal so richtig ausrastest.

Du wartest auf die Liebe, die wahre, denn das was bisher war, war alles andere als wahr, das war nur so halb und halb, überhaupt als Liebe definierbar? Du bist dir sicher nicht zu wissen was das überhaupt ist. Dein Herz wartet auf das Empfinden, was dir zeigt, was Liebe heißt. Liebe, die erwidert wird.

Du wartest auf den Tag und die Nacht. Und du wartest darauf, dass der Wecker klingelt, damit du zur Arbeit kannst um dir Brötchen zu verdienen, doch auch auf das Geld musst du erst noch warten, denn du musst ja erst noch dafür arbeiten. Du wartest auf das Klingeln an der Tür, mit dem Märchenprinz davor, der mit dem Gaul, doch wenn es klingelt steht da keiner, sondern nur der Postbote mit einem Paket für den Nachbarn. Der Postbote ist kein Prinz, sondern dick, schwitzend und stinkend und er beklagt sich über den 3.Stock in dem du wohnst. „Jeder Gang macht schlank!“, rufst du ihm provokativ in den Rücken. Du wartest auf die Sonne, die den Sommer ankündigt um die miesen und fiesen Gedanken zu vertreiben, stattdessen gibt es Gewitterwolken die sich immermalwieder bis in dein Hirn vorkämpfen. Du wartest auf ein Wunder, indem es Mittel gibt und Wege die Verhindern dass Menschen leiden müssen, an Schmerz, den körperlichen, aber auch den seelischen, denn manchmal da schmerzen Worte mehr als 1000 Schläge. Du wartest darauf dass du endlich wieder lachen kannst ohne zu weinen, aber manchmal, da vermischt sich das Lachen mit dem Weinen, weil es Momente gibt die erinnern lassen, an Zeiten die längst vergangen. Du wartest darauf dass der Schmerz und das Vermissen endlich ein Ende hat, denn die Empfindung über Verluste sind so tief in dir verankert. Du wartest darauf dass die Angst vor dem Tod, vor dem Nichtmehrsein sich in Luft auflöst und stattdessen ein Gefühl der Vorfreude entsteht, denn eigentlich weißt du wie das geht, das mit dem Sterben, du weißt wie das sich anfühlen muss, einfach nicht mehr zu sein, für einen Moment. Du wartest auf das Altern, nicht absichtlich, das Warten ist die Innere Uhr in dir, die tickt, ganz automatisch, einzelne Fältchen der Alterung umgeben dein Gesicht, besonders an den Augen, welche müde und erschöpft dreinblicken. Und irgendwann wirst du an einem Punkt sein, indem du auf das Sterben wartest. Auf den Tod. Schlussendlich ist dies das schlimmste Warten, denn es geht von einer tiefen Sehnsucht einher, einem „Ich kann nicht mehr.“ und einem „Ich will nicht mehr!“ Diese Momente hast du mehr als einmal miterleben müssen, als Beobachter, als Zuschauer. Und du selbst!? Kannst in jener Situation nur darauf warten, dass der Schmerz und das Leid endlich ein Ende hat, auch wenn dieser somit für dich nur umso größer wird.

Warten heißt aushalten und geduldig sein. Warten heißt mutig sein. Warten heißt aber auch Respekt zu haben, vor der Zeit und den Momenten, denn das Warten lässt sich nicht beschleunigen. Doch irgenwann hat auch das längste Warten mal ein Ende. Und das muss nicht immer schlecht sein..

…Denn du wartest auch auf den Brief, den du so lange erhoffst, es löst in dir innere Freude aus. Du wartest auf den Moment deine Familie wieder zu sehen, du verbringst so gern deine Zeit mit ihr. Du wartest auf den Feierabend, dann kannst du den sonnigen Tag noch genießen. Du wartest auf den tollen Film, der läuft gleich im Fernsehen, sicher ist der gut. Du wartest auf das unheimlich spannende Buch, du bist dir sicher dass es dir gefallen wird, der Erscheinungstermin ist schon sehr bald. Du wartest auf eine Freundin, die hast du schon so lange nicht gesehen. Du wartest auf den Urlaub und du freust dich, nur noch wenige Tage. Du wartest auf das Frei, dann kannst du machen wonach dir beliebt. Du wartest auf die heiße Wanne, die dich deine Beine genesen lassen. Und du wartest auf den Moment indem das Unbekannte zu etwas Bekanntem wird, die Vorfreude in dir macht das Warten zu etwas Erträglichem. Es ist aushaltbar.

©Netti