In der Wut liegt die Kraft. 10/11

Nachrichten sollte man abschaffen, wenn sie nicht das anstreben, was sie eigentlich anstreben sollen. Mit einer KURZnachricht, kurz mitteilen, was eben schnell zu klären ist. Etwas wie:

  • Vergiss nicht dass du mich morgen früh zu wecken hast, schließlich bist du Schuld, dass ich keinen Schlaf hatte! (Erinnerungen)
  • Wann treffen wir uns, und wo? (Zeitabfragen, Ortsabssprache)
  • War witzig gestern. (Kurze, nette Worte, die den Tag versüßen)
  • Wann sehen wir uns wieder? (Neue Absprachen für ein Treffen)

Alles was darüber hinausgeht, gehört einfach nicht in eine Kurznachricht. All sowas gehört verdammt nochmal nicht in so eine scheiß SMS. Doch man vergisst da etwas. Wir leben im 21. Jahrhundert, da nutzen alle über Handy fast ausschließlich WhatsApp. Da teilt man sich nicht mal eben nur kurz mit. Da werden Unterhaltungen geführt. Ganze scheiß Gespräche. Via Chat. Das geht dann so Hin und Her und Her und Hin. Da wird sich in der Regel nur noch selten gegenübergestanden. Und wenn, dann weiß man einfach nicht mehr, was man zu sagen hat, dem Gegenüber. Denn der Chat, der hat ja schon alle deine Worte geschluckt, und du selber hast jetzt kein Repertoire an Worten und Satzgefügen mehr. Weil alles schon aufgebraucht ist. Es wurde alles schon gesagt. Man fügt sich der Gesamtheit und verblödet dabei. Denn am Ende. Am Ende hat man keinen Schimmer mehr, worum es eigentlich ging, in der Unterhaltung, die keine war. Man hat keinen Schimmer, was eigentlich das verdammte Problem dahinter war. Das Problem, aus dem ein Streit geworden ist. Ein Streit, via WhatsApp, obwohl man das als solches noch nicht einmal definieren kann. Eine sinnlose scheiß Erfindung, die die Welt nicht braucht, aber dennoch nutzt.

Wieder schreibt er dir oft. Fragt dich belanglose Sachen. Obwohl es ihn einen scheiß interessiert. Denn Interesse hat er keines. Am Allerwenigsten für sich Selbst. Er fragt, ob die Chefin was gesagt hat. Was soll sie denn sagen. Was soll sie denn verdammt nochmal sagen. Natürlich, sie hat nur ganz beiläufig erwähnt, dass er dagewesen ist. Er, der Fotograf. Mehr nicht. Nicht mehr. Das teilst du ihm mit. Nur das. Warum solltest du deine Chefin darüber informieren, dass er dazu in der Lage ist, dein Herz zu brechen und hinterher zu Stein werden zu lassen!? Warum solltest du ihr erzählen, dass ihr euch getroffen habt!? Was geht sie das an? Und vorallem, was interessiert es ihn!? Du kapierst diese bescheuerten Fragen nicht. Seine bescheuerten Fragen, die er stellt, ohne nachzudenken. Denn nachdenken tut er offenbar wirklich nicht. Er richtet Grüße an dich aus, über deine Chefin, obwohl er dir beinahe täglich schreibt. Er, dir. Was soll der Scheiß!? Es nervt dich an, sein Verhalten, welches du nicht zu deuten weißt, weil es einfach nicht dem entspricht was er eigentlich anstrebt. Für dich aber ist klar, was du möchtest, auch wenn er seine Augen vor dir verschließt und er nicht sehen will, was du empfindest, denn gesagt hast du es ihm nie direkt. Warum sollst du dich auch nochmehr zum Horst machen, wo es doch offensichtlich ist, dass er die Andere will, und nicht dich!? Du meinst einfach, dass er das checken sollte, nach all euren Gesprächen, nach deinem Verhalten, deiner Ehrlichkeit. Du glaubst einfach, dass er das Herz, was vor ihm in tausend Teile zerbarst, nicht nur hätte sehen müssen, sondern gar gesehen hat. Denn so blind kann ein Mensch nicht sein. So doof kann ein einziger Mensch sich doch nicht verhalten. Der Kuss hängt noch immer in der Luft, ohne dass man das angesprochen hätte. Noch immer dieses Unverständnis darüber in dir, welches dich einfach nicht loslässt. Und dann herrscht für drei Tage Funkstille. Du schreibst ihm nicht, weil du all das einfach nicht kapierst, und du zu tun hast mit deinem Hirn, was zu explodieren droht, vor soviel Beschränktheit, Nichtwissenheit, Wirrwarr, vor soviel Chaos, was da herrscht. Du musst das jetzt einfach alles erstmal sortieren. Auch er schreibt dir nicht, ist mit seinen Gedanken wahrscheinlich längst nur bei der Anderen. Langsam packt dich die Wut über ihn, sein Verhalten und sein sinnloses Selbstmitleid. Er will sich ja nicht einmal helfen lassen! Dich packt die Wut, dass er dich in diese ganze Scheiße mit reingezogen hat. Nach dem dritten Tag also schreibst du ihm, aber erst nachdem er dir vorwurfsvoll via WhatsApp an den Kopf knallt, dass man von dir freiwillig auch nichts mehr hören würde. Eigentlich reicht es dir schon da. Eigentlich bist du schon da bedient. Eigentlich möchtest du am Liebsten jetzt schon alles kaputtschlagen, was dir einfach nur in die Quere kommt. Mit deiner Faust auf Tische einprügeln, die Stühle an die Wand schleudern, und das Handy, das gleich mit. Denn wer hat nur dieses scheiß WhatsApp erfunden!? Aber du beherrschst dich doch, also schreibst du ihm, nachdem wenige Zeit verstreicht, dass man nicht immer im Leben die Zeit hat sich stets und ständig zu melden. Er fragt nicht, wie es dir geht, es interessiert ihn nicht, was in dir vorgeht, im Moment, denn auch du hast deine Päckchen zu tragen, die dir viel zu groß erscheinen. Doch es sind deine Päckchen, nicht Seine, und das weißt du, also behelligst du niemanden. Trotzdem hast du ihm von deinem Papa erzählt, und was geschah am 14.Februar diesen Jahres. Weil er fragte, nach deinen Eltern. Deswegen hast du es erzählt. Nicht so detailreich, dennoch ausführlich. Für sein Verständnis. Nur in dem Moment. Dann aber hast du das Thema dein Thema sein lassen. Du musst da durch. Nicht er. Und trotzdem fragt er nicht ein einziges Mal wie es dir geht. Fragt nicht ein einziges Mal wie es ihm geht. Ihm, deinen Papa. Und das Einzigste was er dazu zu sagen hat, das Einzigste was er zu deiner Nachricht zu sagen hat ist:  „Na dann!“

Genau in dem Moment, in diesem Augenblick packt sie dich. Die Wut packt dich an den Kragen und du springst auf, in dir pulsieren die Adern, dein Herz klopft schmerzhaft in deiner Brust, vor Wut, vor Schmerz und vor so viel Unverständnis diesen Mannes gegenüber. Wie kann ein Mensch nur so egoistisch und kaltschnäuzig sein, nachdem du vor ihm dein verdammtes Herz offenbart hast, nachdem du für ihn immer nur das Beste gewollt hast, nachdem du für ihn einfach nur gern da gewesen wärst, weil du es möchtest. Und nicht weil dich irgendetwas dazu zwingt. Deine Wut über diese ganze scheiß Situation treibt dir Tränen in die Augen, so kochend heiß. Sie strömen aus deinen Augen hervor, lassen sich nicht aufhalten. Schneller, heißer, weiter. Die Wut zieht dich hin zum Schrank mit dem Geschirr, den Tassen, denn davon hast du so viele. Zu viel von dem was ein Mensch eigentlich nicht braucht. Wozu braucht man Tassen wenn man auch aus Flaschen trinken kann? Du verstehst den krankhaften Egoismus dieser Welt nicht mehr und ab jetzt achtest du da mal drauf, das versprichst du dir. Du achtest sorgsam darauf wieviel Egoismus in dieser verdammten Welt eigentlich steckt. Die erste Tasse krallst du dir direkt aus dem Regal. Es scherbelt. Und knallt. Die zweite Tasse. Es splittert. Und kracht. Die dritte Tasse, diese direkt gegen die scheiß dünne Wand, die nur 5cm misst, sodass man die Nachbarn hört, beim Ficken. Was das ist weißt du schon fast nicht mehr. Die vierte Tasse. Grün! Die mit dem lachenden Smiley. Jetzt lacht die nicht mehr. Denn nun liegen 1000 Scherben vor dir zu deinen Füßen und du stehst da und heulst weil du immer nur sein Gesicht vor deinen Augen hast. Er, wie er lacht. Du setzt dich hin, sammelst dich. Denkst nach. Grübelst. Der Zeiger tickt im Minutentakt, dennoch verstreichen die Stunden und du weißt einfach nicht was tun. Aber Eines ist sicher. So nicht! Nicht so! Und nicht mit dir!

Du schreibst ihm, denn wie es aussieht hat er nicht vor dich nochmal zu sehen, und du für dich weißt gerade einfach nicht ob das so klasse wäre. Also schickst du ihm eine etwas zu lange Nachricht, eine etwas zu lange Mittteilung in der du fragst, was zur Hölle er denn bitte von dir möchte. Was er sich denn vorstelle unter einer Freundschaft. Körperliche Nähe, wenn ihm mal danach ist!? Tägliches Schreiben? All das ist nicht das was du möchtest. Freunde hast du genug. Freunde, auf die du zählen kannst. Die dich schätzen. Ehrliche Freunde. Du bereust, dass alles so gelaufen ist, denn du hättest dir ein ernsthaftes Kennenlernen gewünscht. Du bist dir sicher, er wird seinen Weg gehen, und diesen gut meistern. Wie auch immer er aussehen wird. Dieser Weg. Die Hauptsache dahinter, er ist glücklich. Du jedoch würdest es nicht sein, an seiner Seite, weder als seine Freundin, die ein Ohr für ihn hat, wenn er traurig ist, noch als seine Bettgeschichte, weil du das einfach nicht bist, niemals nicht sein möchtest.

Du sendest. Während du gleichzeitig bereust.

Du kannst es nicht rückgängig machen, denn zugestellt ist es schon. Nur gelesen, gelesen hat er es noch nicht. Schnell schließt du den Chat, damit du nicht noch länger bereust. Und noch mehr schreibst. Ihm dein Herz schickst, alles. Denn schicken kannst du gut, und schreiben, über dein Herz. Nur sagen nicht, sagen kannst du es ihm nicht. Deine Gefühle, denn die gehen ihn einfach nichts an. Gefühle hat er nicht verdient, denn er weiß es einfach nicht zu würdigen. Trotzdem bist du traurig, das zeigen die Tränen, die Tropfen, die auf der Tischplatte aufkommen, und mit einem Platsch ihren Schmerz verteilen. Trotzdem glaubst du dass du gerade den größten Fehler deines Lebens machst. Einen, den du nun nicht mehr rückgängig machen kannst. Alles hat ein Ende, nur die Wurst, die hat zwei. Das fandest du schon immer scheiße. Du wärst auch gern eine Wurst, dann könntest du dir zumindest das bessere Ende aussuchen. Eines, was positiver ist, eines was trotzdem irgendwie offen ist.

Zwei blaue Haken siehst du, während du euren Chatverlauf öffnest. Die Nachricht wurde gelesen. Von ihm, den Fotografen!

© Netti

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44 Gedanken zu “In der Wut liegt die Kraft. 10/11

      1. Gut, lassen wir das. Diese KURZmitteilung artet gerade etwas ins unverständliche aus. 😌 Wäre besser wir machen Platz für die wirklich wahren Kommentanten, Kommentisten, Kommenteure (?) Maaan wie heißen denn Menschen die kommentieren, Kommentare hinterlassen!? Nicht das mein Nachrichtenfeld dann nur noch aus lauter Spam besteht, und keiner sich mehr traut zu kommentieren.😂😉

        Gefällt 1 Person

  1. Liebe Netti!
    Deine Schilderungen stellen Gedankenströme und Ereignisse sehr packend und authentisch dar. Dafür danke ich Dir! 🙂
    Zugleich möchte ich Dir sagen, dass ich Dich deshalb auch für meinen Liebster Award nominiert habe. Wenn Du magst, schau doch mal unter https://swestere.wordpress.com/2015/10/27/liebster-award/ rein, um zu den Fragen zu gelangen – und um die Antworten auf Deine Fragen zu lesen. 😉
    Von Herzen, Christina

    Gefällt 2 Personen

    1. Vielen Dank nochmals für die Teilnahme. Es hat mich sehr gefreut deinen Beitrag zu lesen. Sehr ehrlich. Sehr humorvoll. Gefällt mir gut. Vielen Dank auch für die Nominierung, welche demnächst annehmen werde, allerdings wie auch kurz zuvor, ohne Neunominierung. Daher bitte ich um Nachsicht. Danke dir für deinen Kommentar und deine sehr lieben Worte. Alles, alles Liebe.

      Gefällt 2 Personen

  2. Ich denke, dass ein Gespräch wie ein Selbstgespräch etwas intimes ist und kann nur Tête-à-Tête geführt werden.
    Wenn, mehr als zwei, sich versammeln, dann ist es schon eine Unterhaltung für Massenmedien im Sinne von Zeitvertreib in der Freizeit.

    Gefällt 1 Person

      1. ja ich kenne das so gut, ich hab genau dasselbe erlebt, allerdings nach einer 5jährigen beziehung. wir haben dieses spiel dann 2 jahre gespielt und ich würde es keinen tag wieder machen.

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