„Ich guck auch in den Zeitungen bei den Todesanzeigen nach den Jahrgängen, und ich muss sagen die Einschläge kommen langsam näher.“ *

Der Mief in dem Ärztehaus beim Urologen ist abartig. Irgendein Duft von Krankheit und Desinfektion liegt in der Luft. Du magst den Geruch nicht und du musst dich beherrschen nicht in Ohnmacht zu fallen. An der Anmeldung steht ein älterer Herr vor dir. Er braucht lange um seine Chipkarte zu orten. Derweile öffnet sich zu deiner Linken die Tür und ein junger Mann stellt sich neben dich. Wenn du nicht so sehr mit dir und deiner Angst beschäftigt wärst, würdest du jetzt wohl feststellen, dass der Herr ganz niedlich wirkt. Irgendwie ein bisschen dein Typ. Auch er versucht seine Chipkarte zu orten und kramt in seiner Hosentasche nach dem Portemonney. Als er es öffnet fallen ihm sämtliche Karten zu Boden und du musst schmunzeln und lachen, wahrscheinlich wirkt es gehässig, fast schon garstig, obwohl es liebevoll gemeint ist, aber deine Schmerzen lassen dich krampfig erscheinen. Doch der Mann lacht mit, ganz zaghaft, auch sein Mund wirkt krampfig, wahrscheinlich durchleiden ihn ähnliche Schmerzen wie dich. Nach der Anmeldung setzt du dich in den Wartebereich, und auch er folgt und nimmt auf einen der Stühle platz. Er fummelt an seinem Handy rum und du erinnerst die Geschichte von Jim, in der alle Welt nur mit dem blöden Smartphone beschäftigt ist. Vor lauter Blödheit und langer Weile möchtest du auch deines hervorkramen, aber du kommst dir doof vor, hast die Zeilen von Jim im Kopf. Du lässt die Blicke im Raum umherschweifen, die Zeit schreitet nur mühsam voran und das Sitzen bereitet dir große Anstrengung. Immermal wieder treffen sich eure Blicke, die Blicke von dem Mann und dir. Dir fällt auf dass du heute wieder unsinnig ausschaust, dir wird bewusst dass das so nichts werden kann, mit den Männern und der Liebe. Aber du willst dich auch gar nicht verlieben. Nicht heute. Nicht hier. Nicht so. Du kramst dein Buch aus der Tasche. Das mit dem glücklichen Single sein, das ist gut, es steckt an und auch du bist hin und wieder gern mal Single. Das ist toll. „Außer zu Familienfeiern. Oder an Geburtstagen. Oder wenn man sich einsam fühlt. Wenn man krank ist. Oder Montags, Dienstags, Mittwochs, Donnerstags, Freitags, Samstags und Sonnstags. Aber sonst.. Sonst ist das total toll.“ Du lachst ein bisschen während du liest, wahrscheinlich schaut man dich schräg von der Seite an. Nach zwei Stunden ruft man dich auf und dein Herzl macht einen Sprung der Angst. Der junge Mann ist nicht mehr zu sehen. Du gehst voran in das Sprechzimmer mit der Nummer zwei und klopfst an die Tür. Als ein „Herein“ ertönt gehst du herein. Du setzt dich auf den Stuhl und räusperst dich. Vor dir sitzt Stromberg und schaut dich streng an. Der schräge Mund formt ein fieses Lächeln: „Sie wollen sich also die Nieren checken lassen, einfach mal so, ja!? So nebenbei?“ „Ähem…“, wieder musst du dich räuspern, „Also..naja.. Meine Nieren die sind-also puh, die sind sehr aua, also die Schmerzen voll, also die Nieren. Das können ja wohl nur die Nieren sein, hier, direkt in der Seite, und..-“ „-Der Rücken kann es nicht zufällig auch sein!?“, treibt Stromberg dich in die Enge. „Ähem.“, wieder hüstelst du dümmlich. „Nun.. Das schließe ich fast aus. Dazu schmerzen mir die Nieren zu sehr. Das hatte ich schon mal! Aber in Verbindung mit ’ner Blasenentzündung.“ Am liebsten würdest du ihm die Zunge rausstrecken, um dein Gesagtes zu unterstreichen. Der spinnt wohl, dich hier so anzuzweifeln. Du hast Schmerzen, So! Es ist sein Job heraus zu finden, von woher die kommen, doch nicht deiner. „Kommen Sie mal mit!“ Also folgst du ihm ganz unauffällig zu der Liege, davor bleibst du stehen. Er drückt auf deinen Nieren rum, um die Stelle des Schmerzes zu ertasten. Dein Gesicht verzieht sich zu einer Grimasse. „Legen Sie sich mal hin.“ „Bitte, Stromberg, das heißt bitte!“, möchtest du sagen, denkst es aber nur, deine Augen rollen genervt. Du machst jetzt deinen Bauch frei und er schmiert Gel drauf. Er nimmt sein Ultraschallgerät um mit der Untersuchung fortzufahren. Er drückt auf deinen Nieren rum und schmiert das Gel breit. Währenddessen schaut er fies grinsend auf den Bildschirm. Du fragst dich was da so lustig sein soll, an deinen Nieren. Er fragt dich was du beruflich machst, und ob du das schon öfters mal hattest. Du beantwortest seine Fragen, Letzteres bejahst du, das hast du ihm doch vorhin schon erzählt. Du legst dich auf die rechte Seite, dann auf die Linke und er wischt weiterhin mit dem Gerät auf den Nieren hoch und runter. „So! Also die Nieren sind in Ordnung. Kein Stein, kein Grieß. Nichts. Gar nichts..“ Du schaust ihn fragend an, während er fortfährt, ein halbseitiges Grinsen auf seinen Lippen, am Liebsten möchtest du ihm das aus dem Gesicht fegen. Lacht er dich gerade aus? Oder freut er sich einfach nur mit dir, über deine so hübschen Nieren, dabei weißt du aber gerade gar nicht ob du dich freuen sollst. „Ihre Wirbelsäule ist offenbar im Arsch! Das strahlt. Bis überallhin.“ Wieder dieses leichte Grinsen. „Ouh. Ouhkey!? Krass. Das.. ich dachte echt das sind die Nieren. Huh. Na zum Glück sind sie’s nicht..“ „Sie sind ein Fall für den Orthopäden! Es ist der Rücken. Nicht die Nieren!“ „Klar! Logisch. Huh! Wie dumm von mir!“ Er schmeißt dir ein paar Zewa’s-Wisch und Weg- auf den Bauch. „Zum Wegwischen.“, und geht ins Nebenzimmer. Als du sauber bist läufst du ihm nach. „Jah gut…, also dann..“ Du stehst etwas unbeholfen vor ihm, weißt nicht was du sagen sollst. Stromberg sitzt lässig in seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch und schaut ernst zu dir. Du wendest dich schon ab um den Raum zu verlassen ..“Sie könnten schwimmen gehen.“, jetzt lächelt er. „Oder Fahrrad fahren.“ Seine Hand kratzt das schwarzbärtige Kinn. Du drehst dich um. Schaust ihn an, etwas verwirrt blickst du in seine dunklen Augen. „Ähem. Jah. Danke.“ „Sie sind jung…“  „Ähem. Jah!? Ich weiß!?“, jetzt macht dir Stromberg doch ein wenig Angst. Heimlich blickst du um dich, suchend, um die versteckten Kameras, das Kamera-Team zu entlarven, welches eine Szene zu seiner neuen Serie dreht. Doch du erblickst niemanden. Nur Stromberg teilt diesen Raum mit dir. Er schaut dich an, wendet den Blick nicht von dir ab. „Gut, alsoooooo… Ich geh dann jetzt. Ich bin jetzt weg…..!“ Du läufst langsam zur Tür, das fiese Grinsen begleitet dich, auch die Kratzgeräusche an seinem Kinn. Du kannst es spüren dieses Grinsen, und das Kratzen dringt bis vor in dein Hirn. Du vermutest noch etwas. Etwas was er noch vergessen haben könnte, doch als du dich ein letztes Mal umdrehst blickt er dich noch immer an. Sein halbes einseitiges Grinsen dir zugewandt, und ein fast siegessicherer Glanz in seinen Augen. Du öffnest die Tür und schließt sie wieder. Deinem Kopf umgibt ein blinkendes Fragezeichen.

©Netti

*Aus Stromberg 

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5 Gedanken zu “„Ich guck auch in den Zeitungen bei den Todesanzeigen nach den Jahrgängen, und ich muss sagen die Einschläge kommen langsam näher.“ *

  1. Der Typ Arzt also, der sich dir nie wirklich richtig annimmt, dich belächelt, etwas diagnostiziert, du es ihm aber irgendwie nicht glauben kannst. Schlimm, oder? Er sagt dir, was es ist, und trotzdem fällt es anschließend unglaublich schwer, erleichtert zu sein, denn das ist schließlich das Ziel des Arztbesuches, stimmts? Zumindest bei mir. Ich will herausgehen und erleichtert sein, puh, Glück gehabt, aber dem Arzt, der dich wie in einer Massenabfertigung behandelt, zu glauben, ihm zu vertrauen, ist im Angesicht seiner fast nebensächlichen Untersuchung mehr als schwierig. Deswegen kann ich dich auch verstehen, du stehst da, möchtest eigentlich noch gar nicht gehen, und so geht es mir oft genauso, am liebsten würde ich den Arzt anschreien, hey du, das kann es doch noch nicht gewesen sein, du hast doch gar nicht richtig nachgeschaut!
    Verzeih mir, wenn es nicht deinen Gedanken dabei trifft, aber Du hast die Situation wahnsinnig gut beschrieben 🙂

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  2. Jim hat recht, Du erzählst so lebhaft… Vor allem der Stromberg-Vergleich ist genial. Schlimm eigentlich was unsere Ärzte teilweise abliefern. So kann ich auch ne Praxis aufmachen… Die Frage ist nur warum wir uns nicht ernsthaft drüber beschweren und dem Arzt ins Gesicht sagen, dass er sich bescheuert aufführt. Der wird doch auch dafür bezahlt, dann darf er auch Leistung bringen… Traurig eigentlich!

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  3. Was für ein Vollpfosten ^^ Ein Glück sind es nicht die Nieren, auch wenn der Stress für diese Diagnose mal absolut nicht zu gebrauchen war… Hoffe du findest schnell eine Möglichkeit dass es deiner Wirbelsäule bald besser geht!

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